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Pädagogische Impulse

„... aber Du, Gott, wo bist Du?“ - Lebens- und Glaubensgeschichten eines Überlebenden

Prof. Dr. Reinhold Boschki

 

Einführende Gedanken

„Stellen Sie sich vor“, erzählt Elie Wiesel, „wie ich nach Auschwitz kam. Jeder von uns durfte nur einen Koffer von zu Hause mitnehmen.“ Mit Schülerinnen und Schülern hatte ich oft überlegt, was wir in einem Koffer mitnehmen würden, müßten wir unser Haus, unsere Heimat in eine ungewisse Zukunft hinein verlassen. Taschenrechner, Armbanduhr, liebgewonnene Gegenstände aus dem Zimmer und der Wohnung, einige Briefe, Kleidung und und und. Wie solche Gedanken dramatische, aktuelle Wirklichkeit werden, wurde durch die erschreckenden Berichte der Flüchtlinge aus dem Kosovo im Frühjahr 1999 wieder bewußt. „Was ich mitnahm?“ berichtet der inzwischen siebzigjährige Jude Wiesel weiter: „Meinen Tallit, meine Tephillin, also Gebetsschal und Gebetsriemen, einige religiösen Bücher, diverse rituelle Gegenstände - sonst nichts. So kam ich nach Auschwitz.“
Mit nicht ganz sechzehn Jahren wurde der junge, aus der chassidischen Tradition des osteuropäischen Judentums stammende Elie Wiesel in die Konzentrations- und Todeslager deportiert. Unmittelbar nach Verlassen des Zuges, an der berüchtigten Rampe von Auschwitz-Birkenau, sah er seine Mutter und seine kleine Schwester Tsiporah zum letzten Mal. Natürlich wurde ihm auch der Koffer entrissen. Er klammerte sich an seinen Vater, der später im KZ Buchenwald an Krankheit, Schwäche und Schlägen starb. Mit knapper Not erlebte Elie die Befreiung im April 1945.
Seine schlimmen Erfahrungen riefen Verzweiflung hervor - Verzweiflung am Menschen und an Gott. Und dennoch ist sein weiteres Leben durchzogen von einer unbändgen Hoffnung, daß Ähnliches nie wieder geschehe. Die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit soll uns ermöglichen, die Zukunft dieses Planeten menschlich zu gestalten. „Erinnerung ist Hoffnung - und Hoffnung ist Erinnerung“, schreibt Elie Wiesel später.
Die ungeheuere Spannung zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen vertrauender Hingabe und schmerzvoller Klage gegen Gott machen Elie Wiesel zu einem der wichtigsten Zeugen für die Humanität, aber auch zu einem der profiliertesten Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts.
Hat Elie Wiesel für das kommende Jahrhundert noch eine Bedeutung? Und vor allem: Liegen nicht Welten zwischen seiner Erfahrung und der Erfahrung von jungen Menschen heute? Welche Brücken gibt es?


Religionsdidaktische Vorbemerkungen

  • Für Schülerinnen und Schüler ist das Thema „Auschwitz“ keineswegs ein „Reißerthema“. Entweder gibt es indirekte oder direkte Widerstände, weil man es „nicht mehr hören kann“. Viele Lehrer vieler Fächer, so heißt es oft von Schülerseite, würden mit diesem Thema kommen. Man sollte endlich einen „Schlußstrich“ ziehen unter die Vergangenheit, und außerdem: „Warum sind immer wir Deutschen auf der Anklagebank“.
  • Dagegen stehen Äußerungen von Schülerinnen und Schülern, die eine Unterrichtseinheit zu Elie Wiesel mitgemacht hatten, wie: „Zum ersten Mal haben wir uns ganz anders diesem Thema genähert, nicht nur durch Statistiken und Zahlen.“ „Elie Wiesels Buch ist das wichtigste Buch, das ich je gelesen habe.“ „Es sollte Pflicht werden im Lehrplan, alle Schüler in Deutschland sollten es lesen.“ - Wie kommt es zu diesen so unterschiedlichen Einschätzungen?
  • Tatsache ist, daß aktuelle Studien, etwa die von Bodo von Borries über das Geschichtsbewußtsein junger Deutscher, nachgewiesen haben, daß das Thema NS-Vergangenheit heutige Jugendliche umtreibt. Öffentlichkeit, Medien, Elternhäuser und Schule messen dieser Sache äußerste Bedeutung zu - positive oder negative, was junge Menschen spüren. Sie wissen z.B.: Tauchen Hakenkreuze auf dem Schulhof auf, wird die Lehrerschaft und Direktion in hellste Aufregung versetzt und die Polizei alamiert. Außerdem berichten sehr viele Jugendliche von Erfahrungen, daß sie sich im Ausland - wenn auch noch so subtil - als Deutsche herabgesetzt fühlten.
  • Zu den Grundfragen von Pubertierenden und Adoleszenten „Wo stehe ich?“, „Wo gehöre ich dazu?“ gesellt sich die Frage: „Woher komme ich?“, „Was war meine, unsere (familiäre und gesellschaftliche) Geschichte?“
  • Auch die religiöse Frage treibt, wie Studien zeigen, junge Menschen um, selbst wenn sie es zunächst nicht explizit machen bzw. machen können: „Wie kann Gott ethnische Säuberungen, Ermordungen und Vertreibungen im Kosovo und anderswo zulassen?“ „Warum läßt Gott kleine Kinder verhungern?“, „Warum hat Gott im Holocaust nicht eingegriffen?“, lauten Fragen von Schülerinnen und Schülern, die Raum bekamen, derlei Fragen zu äußern.
  • Die Frage von Jugendlichen wahr- und ernstzunehmen, ist erste Aufgabe eines Religionsunterrichts, der korrelativ und elementarisierend arbeitet. Derlei Fragen im Unterricht zu teilen, Frageräume zu eröffnen, die eigenen Fragen, die man als Lehrkraft stellt, zu äußern, ermöglicht es, die verständlichen widerstrebenden Reaktionen aufzubrechen und einen interessanten Unterricht zu gestalten.
  • Wichtig ist, daß die Schülerinnen und Schüler auf das, was zu Elie Wiesel, zur Auschwitz-Thematik und zur Gottesfrage gesagt wird, nochmals reagieren können und die Möglichkeit haben, sich aktiv damit auseinander zu setzen (kognitiv und affektiv). Damit werden moralisiernde oder emotionale Überforderung verhindert, die nur das Gegenteil von dem bewirken würden, was man eigentlich erreichen möchte. Nicht reine Vermittlungsdidaktik führt weiter, sondern eine korrelativ angelegte, dialogisch-kreative Aneignungsdidaktik.
  • Insbesondere für die Gottesfrage angesichts von Auschwitz git es, die Schülerinnen und Schüler zu einer aktiven Auseinandersetzung zu führen, die nicht nur auf einer distanzierten Ebene stehen bleibt. Die Texte von Elie Wiesel eignen sich in besonderer Weise als Impulse für die Formulierung eigener Fragen und Klagen bei gleichzeitiger Einübung in die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit.
  • Die folgenden erprobten Unterrichtsbausteine U1, U2. U3 etc. und Materialien M1, M2, M3 sind einsetzbar in Haupt-, Realschule und Gymnasium, insbesondere in den Klassen 9 und 10. Sie können insgesamt oder einzeln bei Lehrplanthemen wie Kirche im Nationalsozialismus, Gottesglauben heute, Judentum oder Menschenrechte ihren Platz finden. Eine genauere Zuordnung erfolgt bewußt nicht, damit Unterrichtende individuell und kreativ damit umgehen können.


Im Religionsunterricht einsetzbare Literatur

 


Unterrichtsbausteine


Baustein 1: Der Bericht eines Überlebenden
  • Es ist besser, narrativ als mit Fakten in diese Unterrichtseinheit „einzusteigen“. Dies kann mit einer kurzen Geschichte geschehen (M 1) oder mit der Lektüre des ganzen Buches „Die Nacht“ von Elie Wiesel. Bewährt hat sich: Die Lehrerin/der Lehrer liest weite Teile des Buches selbst vor. Im Hintergrund teilweise: Ruhige jiddische Musik, z.B. ruhige Klarinetten-Stücke von Giora Feidman.
  • Bei der Lektüre der Ganzschrift kann das Buch in 4 Teile aufgeteilt werden:
    Teil 1: S. 17-56; Teil 2: S. 57-88; Teil 3: S. 89-127; Teil 4: S.128-Schluß (Die Seitenzahlen sind in fast allen deutschen Ausgaben gleich). Teil 1 kann komplett von der Lehrerin/dem Lehrer vorgelesen werden, Teil 2 von den Schülerinnen/Schülern zu Hause, Teil 3 wieder im Untericht usw.
  • „Schreibgespräch“ in 4er bis 5er Gruppen nach dem Vorlesen des zentralen Textes auf S. 56 ( M 2): Der Text M 2 wird kopiert und in die Mitte eines Plakats geklebt. Außen herum schreiben die Schülerinnen und Schüler schweigend ihre Gedanken zu dem Gehörten. Wichtige Regel: Gespräche sind nur schriftlich auf dem Plakat erlaubt.
  • Die Gruppen berichten anschließend der Klasse von ihren Gedanken und „Gesprächen“ und schreiben einzelne wichtige Gedanken in Kurzform um die in der Mitte der Tafel hervorgehobene Aussage „Nie werde ich diese Nacht vergessen“ herum.
  • Die Lehrerin/der Lehrer nimmt die Plakate mit, wertet sie sorgfältig aus und knüpft in den kommenen Stunden immer wieder an einzelnen Aussagen an. Insbesondere wird die Religionslehrerin/der Religionslehrer auf die Gottesfrage zurückkommen, wobei in M 2 eine erste, unmittelbare Reaktion Elie Wiesels in Blick auf seinen Glauben an Gott angesprochen wird. Es bleibt jedoch keineswegs seine letzte.

 

Baustein 2: Die Lebensgeschichte Elie Wiesels
  • Elie Wiesel verwandelte seine Erinnerungen an die Schrecknisse der Lager in eine Botschaft der Menschlichkeit und des Festhaltens an Gott. Pausenlos ist er aktiv im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen in aller Welt (M 3).
  • Partnerarbeit zu den Fragen unter M 3.

 

Baustein 3: Wo ist Gott?
  • Wie ein roter Faden zieht sich die Frage nach Gott durch das literarische Werk Elie Wiesels. Als Kind wuchs er in der Tradition des „Chassidismus“ auf (Chassidim wörtl.: „die Frommen“), eines besonders lebendigen Zweigs des osteuropäischen Judentums seit dem späten 18. Jahrhundert. Der Chassidismus war eine Popularisierung der jüdischen Mystik, der Kabbala, deren theologischer Kern ähnlich der christlichen Mystik lautet: Gott finden in allen Dingen. Und: Jeder Mensch ist unmittelbar in Beziehung zu Gott.
  • Erster Schritt: Meditatives Schreiben. Auf vorbereitete Zettel aufschreiben lassen: Wo, meinst Du, ist Gott heutzutage zu finden - in Deinem Leben, in unserer Welt? (Für das Unterrichtsgespräch ist es wichtig, Äußerungen ernst zu nehmen wie: Gott ist nirgendwo. Ich kann Gott nicht sehen. etc.) Die Zettel (z.B. grüne) werden von den Schüler/-innen unter die Überschrift „Wo ist Gott?“ an die Tafel geklebt (Klebestreifen oder Magnete). Alle bleiben vorne und lesen - möglichst in Stille - die Zettel der anderen.
  • Zweiter Schritt: Lesen von M 4. Fragen an die Schüler/-innen für Kleingruppengespräche: Wie denkt Elie Wiesel über die Frage an der Tafel? Vergleicht die beiden Geschichten aus der Kindheit und angesichts des Lagers miteinander. Was hälst Du von der Aussage des Chassidismus? Wie denkst Du über die Szene aus dem Lager? (Letztere ist offen für mehrere Deutungen.) Die Gruppen beschriften mehrere Zettel (z.B. rote) mit Gedanken zu M 4, bringen sie anschließend nach vorne zur Tafel und erläutern sie der Klasse. Auch der Hefteintrag erfolgt zweifarbig (grün: „unsere Antworten auf die Frage Wo ist Gott?“; rot: „Elie Wiesels Antworten“).

 

Baustein 4: Streiten mit Gott im Religionsunterricht
  • Schon vor Jahren schrieb der Exeget Meinrad Limbeck, daß die Klage im Christentum eine verschwundene Gebetsgattung darstellt. Die biblischen Klagepsalmen und der Weg Ijobs fanden jedoch in der jüdischen Tradition ihre Fortsetzung bis in liturgische Vollzüge hinein. Zeigt man Jugendlichen auf, daß die Klage eine legitime, gläubige (!) Form des Gebets sein kann, finden manche vielleicht wieder einen anfanghaften Zugang, mit Gott zu reden - und sei es in Form eines Streits!
  • Elie Wiesel greift die Tradition der Klage gegen Gott angesichts seiner Erfahrung in den Todeslagern auf. Eine Parallele findet sich in dem Musikstück der Gruppe Jontef, die jüdisches Liedgut neu vertont (M 5).
  • Im Unterricht läßt man sich zunächst zusammen mit den Schüler/-innen auf Lied und Texte aus M 5 ein. Danach wird eine „Klagemauer“ gebaut: Entweder auf Schuhkartons oder einfach auf farbige, möglichst kartonierte DIN A4 Blätter läßt man die Jugendlichen in Stille ihre Klagen an Gott formulieren, z.B. „Gott, warum läßt Du es zu, daß ...“, oder „Gott, ich klage Dich an, weil ...“ Jeder Schüler/jede Schülerin bringt seine Klagen nach vorne und liest sie der Klasse laut vor. Die Aussagen bleiben unkommentiert. Nun werden entweder die Schuhkartons zu einer „Klagemauer“ aufgetürmt (etwa auf dem Pult) oder an der Tafel mit Klebestreifen/Magneten eine „Klagemauer“ angedeutet.
  • Ein Unterrichtsgespräch gleich anschließend oder in der folgenden Stunde über das mögliche In- und Miteinander von Klage und Vertrauen im Leben eines gläubigen Menschen (M 6) kann neue Dimensionen öffnen und das Gottesbild von Jugendlichen von kindlich-naiven Gottesvorstellungen hin zum Modell einer partnerschaftlich-dialogischen Gottesbeziehung weiterentwickeln.

 

Baustein 5: Eine Quelle der Hoffnung finden
  • Elie Wiesels Weg ist kein Weg der simplen Antworten. Und dennoch ist seine Kernbotschaft eine einfache, für jedermann verständliche: Entscheidend ist das Vertrauen auf Gott, entscheidend ist die Mitmenschlichkeit. Im Unterricht sollte den Schüler/-innen deutlich werden, daß für den Auschwitz-Überlebenden Wiesel beides untrennbar zusammengehört: Gottesglauben und Mitmenschlichkeit.
  • Schüler/-innen können diese „Botschaften“ im Sinne von Vorbildlernen am ehesten aneignen, wenn sie sich direkt oder indirekt mit der Person auseinandersetzen. Die Zitatensammlung (M 7) hilft dabei. Ein fiktiver oder realer Brief an Elie Wiesel ermöglicht, daß alle Unterrichtsbausteine und alles über Wiesel Gehörte von den Schüler/-innen aktiv aufgearbeitet wird. Wer die Briefe tatsächlich an Elie Wiesel senden will, kann die Adresse beim Autor dieses Beitrags über die Redaktion des „Notizblocks“ erfragen. Wiesel wird garantiert antworten.

Den gesamten Unterrichtsentwurf als PDF-Version können Sie außerdem hier downloaden.

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