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Themen und Motive des Werks von Elie Wiesel

Prof. Dr. Reinhold Boschki


Elie Wiesels reichhaltiges Werk lässt sich um bestimmte und markante Leitmotive gruppieren, die seine Schriften wie rote Fäden durchziehen (s. Reinhold Boschki: Der Schrei. Theologie und Anthropologie im Werk von Elie Wiesel, Mainz 2005). Wiesel nimmt Motive aus der jüdischen Tradition auf und liest sie vor dem Hintergrund der Erfahrung von Auschwitz radikal neu. Diese Relecture bewirkt einen Interpretationsbruch, der für die Rede von Gott und vom Menschen nachhaltige Konsequenzen mit sich zieht: Theologie und Humanität stehen fortan im Schatten von Auschwitz.

 

Im Anfang war Sighet: Kindheit
„Lassen Sie mich mit dem Anfang beginnen“, schreibt Elie Wiesel. „Allerdings, dies ist kein leichtes Unterfangen; das weiß ich nur zu gut. Wenigstens weiß ich Ort und Zeit. Ich wurde am 30. September 1928 in Sighet geboren: so jedenfalls sagen es meine offiziellen Dokumente. Meine Eltern - Schlomo und Sarah - besaßen ein kleines Lebensmittelgeschäft in der Stadt.
Sighet, meine Heimatstadt, ein besonderer Ort, eine besondere Bevölkerung, von Erinnerungen heimgesucht. In meiner Phantasie kehre ich oft in sie zurück. Eine Suche nach Bezugspunkten? Vielleicht nach Sicherheiten? Die unablässige Besessenheit von dieser Stadt speist wie eine Quelle alles, was ich schreibe.
In meinen Büchern kehre ich sehr oft in meine Kindheit zurück. Es geschieht, um ihren Tod zu beschreiben. Ich kehre nach Sighet zurück, um das Verschwinden der Juden, und mein eigenes, zu bestätigen. Ja, Sighet existiert nicht mehr, außer in der Erinnerung derer, welche die Stadt verstoßen hat.“

Jenseits des Schweigens, in: Mensink, Dagmar/Boschki, Reinhold (Hg.): Das Gegenteil von Gleichgültigkeit ist Erinnerung. Versuche zu Elie Wiesel, Mainz 1995, S. 9.

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Am Ende war Auschwitz
„Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat.
Nie werde ich diesen Rauch vergessen.
Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen.
Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten.
Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat.
Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen.
Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie.“

Elie Wiesel: Nacht, S. 56.

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Schweigen ist nötig – Schweigen ist keine Antwort
Wiesel sagt von sich selbst, er habe „die Literatur durch Schweigen betreten“. Es gibt eine Beziehung zwischen den Worten und dem Schweigen. „Bevor ich anfange zu schreiben, muss ich das Schweigen aushalten. Dann bricht das Schweigen hervor. Am Anfang war das Schweigen - nicht die Worte.“  „Den Wert eines Textes erkennt man am Gewicht seines Schweigens.“ (Adam oder Das Geheimnis des Anfangs, S. 160)  „... das wahre Schweigen bildet sich im Inneren der Sprache.“ (Geschichten gegen die Melancholie, S. 135)
10 Jahre lang hat Elie Wiesel über seine Erfahrungen geschwiegen, bevor er begann, seine Erfahrungen der Lager aufzuschreiben. Das Schweigen sieht er als notwendige erste Haltung angesichts des Schreckens der Menschenvernichtung, Ausdruck des Respekts gegenüber den Opfern.
Doch das Schweigen ist ambivalent; es gibt das andere Schweigen, das kalte, gefühllose, abgewendete Schweigen, das Schweigen des passiven Zuschauers, der zur Ungerechtigkeit und Unterdrückung anderer schweigt: „... das Schweigen [ist] nicht immer erlösend und schöpferisch... Es kann zum Instrument der Folter und des Todes werden. ... Das Schweigen hat seine eigene innere Struktur, seine Labyrinthe und - seine Widersprüche. Das Schweigen des Mörders ist nicht das Schweigen seines Opfers.“

Elie Wiesel: Geschichten gegen die Melancholie, S. 142.

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Klage gegen Gott
„Der Midrasch erzählt folgende Geschichte: Als der Pharao verfügte, jüdische Kinder lebendig in die Pyramiden einmauern zu lassen, ergriff der Erzengel Michael eines von ihnen und hob es empor zum himmlischen Richter. Gott sah das verängstigte Kind und wurde von Mitleid verzehrt; zu dieser Stunde entschloß er sich, dem Exil ein Ende zu setzen.
Ich liebte es, diese Midrascherzählung zu lesen. Ich war stolz auf den Engel für seinen Einsatz und auf Gott für seine Taten. Heute lese ich die Geschichte wieder und wieder und versuche verzweifelt zu verstehen. Ein einziges jüdisches Kind bewegte Gottes Herz, aber eine Million jüdische Kinder bewegten ihn nicht? Ich versuche zu verstehen - aber es gelingt mir nicht.“

Übersetzt aus der erweiterten englischen Ausgabe von Elie Wiesel: Jude heute - A Jew Today, S. 179.

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Kampf gegen Gleichgültigkeit
„Einige meiner Freunde hier, denen ich schon früher begegnet bin, wissen, dass ein Schlüsselwort meiner „Weltanschauung“ ist: der Kampf gegen Gleichgültigkeit. Wenn es ein Wort gibt, das ich Ihnen einwurzeln möchte, dann ist es dies: Gleichgültigkeit ist eine Gefahr, Gleichgültigkeit ist ein Übel. ... Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit. ... Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit.
Ich glaube daran, dass nur Erinnerung gegen die Gleichgültigkeit ankämpfen kann. Das Gegenteil von Erinnerung und Gedächtnis ist nicht Vergessen, es ist wiederum: Gleichgültigkeit. So lange wir uns erinnern, gibt das, woran wir uns erinnern, unserem Kampf und unserer Sensibilität eine andere Dimension. ...
Ich möchte Ihnen sagen: Wenn Sie die Wahl haben, zwischen Verzweiflung und Gleichgültigkeit zu wählen, wählen Sie die Verzweiflung, nicht die Gleichgültigkeit! Denn aus Verzweiflung kann eine Botschaft hervorgehen, aber aus der Gleichgültigkeit kann per definitionem nichts hervorgehen.“

Elie Wiesel, in: Schwencke 1987, S. 157-159.

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