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Antijudaismen in der christlichen Kultur

Dr. Claudia Alsleben-Baumann


Vorab sei bemerkt, dass im Rahmen dieser Abhandlung an ausgewählten Beispielen erörtert wird, was stellvertretend für weitere Kulturgaben gelten mag, die etwa H. Schreckenbergs Bildatlas[1] thematisch gruppiert und überzeugend zusammenstellt.

 

I. Antijüdisches Gegenüber von Kirche und Synagoge in Form zweier Frauengestalten

Vorgeblich theologisch motivierte Ächtungstendenzen, so die (unhaltbare) Verwirktheit des Alten Bundes, hatte einst die Bildende Kunst aufgegriffen und an der Frau „Synagoga“ – hier rechts im Bild - als Repräsentantin des Judentums, dramatisch illustriert:

Was sich in Sakralkunst, Glasmalerei und religiöser Plastik zeigt, findet sich auch in der Musikgeschichte:

Der Schluss, Bachs Passionen ließen vor dem biographischen Hintergrund bewusst antijüdische Facetten aufleuchten, wird erhärtet durch tendenziöse Literatur, die man in selbiger Bibliothek gesichtet hatte.[4] Sein Actus Tragicus eigens mit Schnitterfluch für den Alten Bund stärkt dieses Moment. Immerhin ist für Rezipienten eine Bekräftigung negativer Judenbilder denkbar.

Eindrucksvoll formt sich somit die versöhnliche Schlussgeste: „Jeder […] Jesus, Judas und der Mensch erkennt im anderen das Kreuz, trägt ihn, wird von ihm getragen und nimmt ihm das Kreuz ab.“[7]

Passionsspiele waren hingegen vorwiegend bemüht, die fragwürdige Polarität von Kirche und Synagoge eigens herauszustellen: Schmähvolle Disputationen mit dem Ziel, eine Überholtheit des Alten Bundes zu begründen (Passion Ste. Geneviève) und Kampfesszenen (Donaueschinger Passionsspiel) sind kein Einzelfall; das Künzelsauer Fronleichnamsspiel lässt Synagoga gar den christlich-veranlassten Feuertod billigen, um sich einer Konversion zu entziehen.

Verquickt mit dem Gebot zur Rache, legt das Szenenarrangement diverser Spiele (in Künzelsau und Donaueschingen oder das Spiel von der Zerstörung Jerusalems) seine schonungslose Ausrichtung offen.[8]


II. Gerüchte von Gottesmord und Teufelskindschaft - kulturelle Resonanz

Musikalisch frappant, so aus Bachscher Feder (Matthäus-Passion), ist besonders die Polyphonie der Lästerstimmen, welche aus dunklen Sprüngen ihre Kraft zu schöpfen scheint, die Höllenfahrt des schuldig geglaubten Juden illustriert detailreich die Johannespassion[9]:

                         Dr. Claudia Alsleben-Baumann: Antijudaismen in der christlichen Kultur. Polyphone Lästerstimmen - Bach


III. Arglist und Habsucht?

Zorn und Grimm kennzeichnen auch das musikalische Interpretament der tragischen Persönlichkeit, dessen hitziges Potential Bach entgegen der Erwartungen an den „verlorenen Sohn“ (so mit gedämpfter Kantilene, Matthäuspassion) ausführt. Dies geschieht explizit durch eigensinnige Triolen, Staccato und Tonrepetitionen.[15]

                                                    Bach - Judas

Für einen Judaslohn, heißt es in christlicher Legende, seien wie Jesus manche so genannte ‚Ritualmordopfer’ veräußert worden. Und der Auftritt des Synagogus mit Bestechung der geißelnden Soldaten zur härteren Gewalt – er bietet „zwanzig marg“ (Deggendorfer Passionsspiel, 1925)- und seinem Lob auf Wucherzinsen im Frankfurter Spiel von 1493, nimmt das kaufmännische Treiben widriger Zeitgenossen anachronistisch in den Blick. Beabsichtigt weiterhin der Ausschluss göttlicher Fügung durch betonte Sachlichkeit, denn „zufällig [!] kommt [Judas] vorbey“ (Frankfurter Spiel, 1493).[16]

 

IV. Der erste Totschläger der Geschichte als „Ewiger Jude“

Bei Rolle heißt es nun aus Kains Mund: „Es rieselt hinter mir als wie ein Bach, das ist sein Blut […] wohin flieh ich?“, klanglich umgesetzt vor allem mittels einer fließenden Bewegungsfigur in schnellen 16-teln. Durch eine übermäßige Quart bahnt Rolle [in der Folge] „die Suche nach günstiger Zuflucht, die das Umherziehen Ahasvers begründet […]: So kann der immensen Wegstrecke Rechnung getragen werden.“[19]

                         Dr. Claudia Alsleben-Baumann: Antijudaismen in der christlichen Kultur. Rolle - Kain und Abel

Die Volksfrömmigkeit äußert antijüdische Sinngebung wiederum in der Kainsdarstellung. Als Gefolgsmann eines überholten Gesetzes, so Voith, als Mammonsdiener, so Hans M. Kottinger, daneben durch die von Gott geänderte Rangfolge der Brüder als soteriologisch Degradierter (inkorrekter Weise!) dem Judentum zugerechnet[20], wurde über die Jahrhunderte hinweg ein maliziöser Bogen gespannt.


V. Progressive Interpretationen

Anknüpfend an S. Blumenberg, bedeutete in Rihms Sicht „Bar Abbas“ Sohn des Vaters und stellte somit Jesus (!) als jüdischen Volksgenossen dar, welchen die Menge freizusprechen wünscht.[23]

Neuere Passionsspiele sind partiell dem Weg zu Sachkritik und historischer Differenziertheit gefolgt: Josef Bor zeigt die Römer, nicht „die Juden“ als unstreitige Aktanten und Schergen bei Jesu Kreuzestod. Judas hatte als schwärmerischer Jünger die ihm von seinem Rabbi selbst befohlene Auslieferung erfüllt[24], und Tendenzen zum weltweiten, religiös motivierten Judenhass werden ansatzhaft vorgezeichnet.

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[Literatur zum Thema "Geschichte des Dialogs"]


[1] Vgl. Schreckenberg, Heinz: Die Juden in der Kunst Europas. Ein Historischer Bildatlas, Göttingen 2006.

[2] Siehe schon Hieronymus: die Synagoge als Hure, die als ursprünglich rechtmäßige Braut Christi die Ehe gebrochen habe, indem sie sich für Barabas und somit für Satan entschied, s. Schreckenberg, Heinz, Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte und ihr literarisches und historisches Umfeld (1. -11. Jh.), Frankfurt/M. 1997, S. 339.

[3] Kampling, Rainer: Zu einem antijudaistischen und antimarianischen Modell. In: Ders. (Hg.): Maria, Tochter Sion? Mariologie, Marienfrömmigkeit und Judenfeindschaft, Paderborn 2001, S. 31.

[4] Vgl. Rohrbacher, Stefan; Schmidt, Michael: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 249

[5] Vgl. meine Studie: Synagoga – Typologien eines christlich- kultivierten Antijudaismus, Frankfurt/Main u.a. 2009, S. 31.

[6] Neumeier, John: Photographien und Texte zum Ballett der Matthäus-Passion von Bach, Hamburg 1987, S. 107.

[7] Ebd., S. 129.

[8] Vgl. Schreckenberg, Heinz: Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte und ihr literarisches und historisches Umfeld (13-20. Jahrhundert), Frankfurt am Main 1994, S. 362.

[9] Nähere Ausführungen siehe meine oben genannte Studie, a.a.O. (s. Anm. 5), S. 97f.

[10] Ebd., S. 98.

[11] Vgl. Schreckenberg, Heinz: Adversus Judaeos I, a.a.O. (s. Anm.2), S. 658f.

[12] Vgl. Rohrbacher, Stefan; Schmidt, Michael: Judenbilder, a.a.O. (s. Anm. 4), S.116.

[13] Vgl. Hug, Wolfgang: Das Freiburger Münster erzählt seine Geschichte, March 1998, S. 45.

[14] Vgl. Diethmar, Reinhard: Der Verräter Judas in Bibel, Dichtung und Bildender Kunst, Ludwigsfelde 2003, S. 37.

[15] Siehe meine o.g. Studie (Anm. 5), S. 55.

[16] Froning, Richard (Hg.): Das Drama des Mittelalters (DNL 14), Stuttgart 1891/92. In: Frey, Winfried: Passionsspiele und geistliche Malerei: Tel-Aviver Jahrbuch für Deutsche Geschichte 13 (1984), S. 30.

[17] Vgl. meine o. g. Studie, a.a.O. (s. Anm. 5), S. 34.

[18] Vgl. ebd., S. 35 und Schoeps, Julius: Neues Lexikon des Judentums, Gütersloh 2000, S. 31.

[19] Vgl. ebd., S. 44.

[20] Vgl. Kottinger, Hans M. (Hg.): Ein nuw vnd lustig Spil von der Erschaffung Adams vnd Heua, Quedlinburg, Leipzig 1848. In: Kienzle, Ulrike; Kirsch, Winfried (Hg.): Kain und Abel. Die biblische Geschichte und ihre Gastaltung in biblischer und dramatischer Kunst, Literatur und Musik, Frankfurt/Main 1989, S. 82.

[21] Vgl. Kollwitz, Jochen: Das Christusbild im 5. Jahrhundert. In: Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. 1, Freiburg 1994, S. 364; Bloch, Peter: Das Christusbild am romanischen Kirchenbau, ebd., S. 413.

[22] Vgl. die zahlreichen Aufführungen im In- und Ausland, speziell bei den Salzburger Festspielen 2000.

[23] Vgl. Rihm, Wolfgang: Passion 2000. Ein Film von Nele Münchmeyer, ZDF 2000. Siehe auch Blumenberg, Hans: Matthäuspassion, Frankfurt am Main 1998, S. 202.

[24] Josef Bor: Der Dritte. Eine dichterische Darstellung des Leidens und Sterbens Jesu. Ein nicht antijüdisches Passionsspiel. Hg. vom Arbeitskreis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Heppenheim 1991, S. 34.38.

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