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„Das Volk Israel lebt“. Ansprache in Jad Waschem, Jerusalem

Christoph Kardinal Schönborn, Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz am 8. November 2007

 

Ähnlich wie die Deutsche Bischofskonferenz, welche vom 27. Februar bis 5. März 2007 das Heilige Land besucht hatte, unternahmen die Mitglieder der Österreichischen Bischofskonferenz vom 4. bis 10. November 2007 eine Pilgerreise ins Heilige Land. In den Tagen ihrer Reise besuchten die Bischöfe auch die Gedenkstätte für die Opfer der Schoa Jad Waschem in Jerusalem. Dort hielt am Vorabend des Gedenkens an die Novemberpogrome 1938 in Deutschland der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn als Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz eine Ansprache zum Gedenken an die Opfer der Schoa. Darin sprach er freimütig davon, dass er mit seinen bischöflichen Mitbrüdern Bischof eines Landes sei, „in dem ein Adolf Hitler seine wahnsinnigen Ideen gelernt hat“ und in dem es – bei nicht wenigen österreichischen Namen in der Gedenkstätten-Allee der Gerechten unter den Völkern – „zu wenig, viel zu wenig Gerechte“ gab. Schließlich deutete er die Hoffnung, dass kein Verbrechen das letzte Wort habe, mit einem geflügelten hebräischen Wort: „Am Israel chaj – Das Volk Israel lebt“.

 

Es ist schwer, an dieser Stätte das Wort zu ergreifen – hier, wo eigentlich jedes Wort verstummen sollte. Und doch ist das Reden über das, was geschehen ist – immer und immer wieder –, der vielleicht wichtigste Dienst, den wir gegen das Vergessen leisten können. Eli Wiesel hat einmal gesagt: „Wenn überhaupt etwas die Menschheit retten wird, dann ist es die Erinnerung.“

Wir erinnern uns hier an das unermessliche Leid des jüdischen Volkes. Wir erinnern uns an viele Fragen, die uns gerade als österreichische Bischöfe betroffen machen: Wir sind hier als Bischöfe eines Landes, in dem ein Adolf Hitler seine wahnsinnigen Ideen gelernt hat. Wir stehen hier in großer Betroffenheit und fragen uns, was war in der Geschichte unseres Landes, in den Köpfen und Herzen der Menschen unseres Landes, dass solche Ausgeburten des Bösen geschehen konnten. Und wir fragen uns, warum Gott so etwas zugelassen hat: „Wo warst

Du, Gott? Wo warst Du, als Frauen und Kinder, alte und junge Leute in die

Todeskammern geschickt wurden?“

Und wenn wir auch wissen, dass es darauf keine schlüssige Antwort gibt, so wissen wir eines mit Sicherheit: Es geht in letzter Konsequenz um Fragen an uns selbst: „Wo war der Mensch – und wo die Menschlichkeit –, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde? Und wo war Gott in uns?“ Wir erinnern uns an diesem Ort an die Zeit tiefster Gottesferne – und auch daran, in welche Höllen eine „Welt ohne Gott“ abzustürzen vermag.

Wir erinnern uns an das Wort des Propheten Jesaja: „Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ... einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“ Mag auch die Asche ungezählter gepeinigter, entwürdigter, ermordeter Menschen in alle Winde zerstreut sein und kein Gott, keine Träne, kein Leid. Aber auch nicht das viele stille verborgene Gute, das es inmitten des Grauens gegeben hat – und das es immer geben wird.

Die „Allee der Gerechten unter den Völkern“, durch die wir hierher gekommen sind, erinnert uns inmitten eines Meeres von Versagen und Schuld an ein Licht der Hoffnung. Diese Allee sagt uns: Selbst in der Finsternis der Shoah gab es Menschen – auch Christen –, die sich der Bestialität widersetzt haben. Freilich: Auch wenn in dieser Allee nicht wenige österreichische Namen verzeichnet sind – es waren einfach zu wenige, zu wenig Gerechte.

Es ist nicht ein Zufall, dass wir heute – am Vorabend des Gedenkens an die Novemberpogrome des Jahres 1938 – hier in Yad Vashem in Trauer, Bestürzung und Schande vor dem ganzen Ausmaß dessen stehen, was bereits in jener schrecklichen Mord- und Brandnacht offenkundig geworden war und was dann – auch wegen menschlicher Schwäche, Feigheit und Angst – ins Unermessliche wachsen könnte.

Die Geschichte unserer österreichischen Heimat – und damit auch die Geschichte der katholischen Kirche in unserem Land – ist in diesem Zusammenhang ein Gemenge von enormer Schuld, aber auch von Mut und Widerstand. Der selige Franz Jägerstätter und seinesgleichen waren – wir wissen es – einsame Leuchttürme – und sie blieben es auch dann noch, als die Diktatur längst zusammengebrochen war.

Im Evangelium des Apostels Matthäus gibt es ein furchtbares Wort Jesu: „Wehe Euch, Ihr Heuchler. Ihr schmückt die Denkmäler der Gerechten und sagt: Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, wir hätten uns nicht mitschuldig gemacht ...!“ Das ist es, was uns immer zur Erinnerung zwingt: das Eingeständnis unserer Schwachheit und unserer Verführbarkeit.

Wenn wir nun das „Denkmal für die Kinder“ besucht haben – gewidmet jenen eineinhalb Millionen ermordeten jüdischen Kindern –, dann erleben wir auf eine kaum beschreibbare Weise Trauer und Entsetzen, aber auch – so widersprüchlich das scheinen mag – Freude und Dankbarkeit. Es ist ein Sternenhimmel der Unendlichkeit – unter verbrecherischer Hand erloschen und doch nicht für immer der Dunkelheit und der Macht des Bösen preisgegeben. Wir sind aus dem Dunkel des Denkmals wieder ans helle Tageslicht gekommen. Am Ende dieses Denkmals steht der Blick auf Jerusalem. Wir glauben als Christen mit unseren älteren Brüdern und Schwestern an die Auferstehung. Wir glauben, dass kein Verbrechen das letzte Wort haben wird – und auch nicht der Tod. Denn die verbrecherische Vision, das Volk des Ersten Bundes auszulöschen, ist nicht aufgegangen: „Am Israel haj“, das Volk Israel lebt.

 

Quelle: Österreichische Bischofskonferenz, Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte! Siebzig Jahre nach 1938 (Die österreichischen Bischöfe 9), Wien 2008, 8f.


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