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„Die Freude des Lernens. Dialog zwischen Katholiken und Juden als Beitrag zur Gesellschaft“. Ein Wort zum 40. Jahrestag der Konzilserklärung „Nostra aetate“

Niederländische Bischofskonferenz am 25. Oktober 2005

 

Das Wort der Niederländischen Bischofskonferenz zum 30. Jahrestag der Verabschiedung der Konzilserklärung „Nostra aetate“ vom Oktober 1995 war mit einem Gedenken an die 50 Jahre zurückliegende Befreiung der Niederlande von Nazi-Deutschland verbunden. Zum 40. Jahrestag der Verabschiedung der Konzilserklärung wandten sich die holländischen Bischöfe an ihre Katholiken mit einem Wort, das sich auf das Konzilsjubiläum konzentrierte und am Vorabend zum Jahrestag des Konzilsjubiläums veröffentlicht wurde. Die Bischöfe machen darin auf die Bedeutung des Dialogs zwischen Katholiken und Juden für die aktuelle säkularisierte Gesellschaft aufmerksam und schärfen den Sinn für die ethischen Herausforderungen und das Engagement zum Wohl der Gesellschaft.

 

„In unserer Zeit, da sich die Menschheit von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit umso größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasst sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinan­der führt.“

Mit diesen Worten beginnt „Nostra Aetate“, die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, welche am 28. Oktober 1965 verabschiedet wurde. Abschnitt 4 dieser Erklärung betont, dass die jüdische Religion eine wesentliche und bleibende Bedeutung für die Kirche und Welt hat.

In den vierzig Jahren seit „Nostra Aetate“ hat sich die Welt sehr verändert. Kontakte zwischen den Völkern und Kulturen haben sich verbessert, aber es haben auch die Widersprüche und Spannungen zugenommen, besonders seit der Jahrhundertwende. Die zunehmende Globalisierung hat unseren Horizont erweitert, hinterlässt aber auch bei vielen Menschen unsichere Gefühle über die Zukunft. Wir finden uns selbst mit Gewalt, die sich manchmal auf religiöse Texte und Traditionen beruft. Die Frage nach der Stellung der Religion in der modernen, säkularisierten Gesellschaft wird immer dringender, auch in unserem eigenen Land. Auf der einen Seite erkennt man das Übel des religiösen Extremismus, der die Menschen trennt und sie gegeneinander ausspielt. Auf der anderen Seite sehen die Menschen, wie die Religion Menschen und Nationen verbindet. Wir Katholiken erleben unsere Begegnung mit dem Judentum als bereichernd; sie verbindet Juden und Christen miteinander und macht uns gleichzeitig unsere eigene Tradition wie auch die Tradition des anderen stärker bewusst. Sie schafft Vertrauen gegenüber dem anderen und Selbstvertrauen. Deshalb wollen wir in diesem Wort überlegen, wie diese Begegnung einen Beitrag für unsere ganze Gesellschaft leisten kann.

 

Sinnfragen und ethische Fragen

Menschen fragen nach dem Sinn des Lebens: das Warum und Weshalb von Leben und Tod, unser Platz in der Welt, unsere Beziehung zum anderen. Juden und Christen finden beide einen Leitfaden für ihr Leben in den ersten Kapiteln der Tora, dem Herz der jüdischen Bibel, welche die Christen „Altes Testament“ nennen. Darin lesen wir, dass der Mensch als Gottes Bild und Gleichnis geschaffen wurde, und wir lernen, was dieses für unsere Beziehung zur ganzen Schöpfung, zu Gott und zu den Mitmenschen bedeutet. Für Juden und Christen sind ihre Sicht des Lebens und ihre Einstellung zum Leben in dieser Bindung an Gott und an den Nächsten und in Gottes Bindung an uns und der Schöpfung begründet.

Menschen stellen auch Fragen über Gut und Böse, über gute und böse Gedanken und Handlungen. In der von Juden und Christen geteilten Sicht verleiht das Geschaffensein in Gottes Bild und Gleichnis jedem Menschen eine einzigartige Würde. Für jeden Menschen bedeutet dies, dass mehr als gerade meine eigene Würde betroffen ist, es betrifft auch die Würde der anderen, insbesondere die unserer gefährdeten Mitmenschen. Die vom lebendigen Gott gestellte Frage: „Wo ist dein Bruder?“ appelliert an unsere Verantwortung. Sie bildet die Grundlage für unser ethisches Denken und Handeln, die in der weiteren Schrift und Tradition immer wieder zu Bewusstsein gebracht wird. Juden suchen ihre Inspiration in ihrer langen Tradition der Toraauslegung. Für Katholiken sind Christus und seine Erklärung der Tora das Maß. Deshalb sagen wir: „In der Menschwerdung gab Gott dem Menschen seine höchste Würde. Wir dürfen also nie Situationen erliegen, in der ein menschliches Leben gefährdet ist, egal aus welchem Grund.“[1]

 

Dialog als Grundhaltung

Wenn Juden und Christen wünschen, mit einander und mit anderen ins Gespräch über Sinnfragen und Fragen der Ethik zu kommen, ist eine Haltung des Dialogs eine absolute Notwendigkeit. Eine solche Haltung ist gekennzeichnet durch Lernbereitschaft, Selbstkritik, Hören und Sehen sowie umsichtiges Handeln. Darüber hinaus fordert diese Art von Gespräch eine unaufhörliche Praxis von jedem.

 

Lernbereitschaft

Lernen ist das herausragendste Merkmal der jüdischen Tradition. Die Tora, welche Christen „das Gesetz“ nennen, hat einen zentralen Platz im jüdischen Lernen. Die Tora ist ein Rahmen von Regeln, die Sicherheit und Schutz bieten. Gleichzeitig enthält sie die Weisheit von Jahrhunderten, beginnend mit der Gabe des Gesetzes an Moses auf dem Sinai und ihre Fortsetzung findend in der Weisheit der Rabbiner von heute. Für die Juden ist es eine Quelle der Freude, diese Tradition zu studieren und mit ihrer Diskussion zu lernen. Das moderne jüdische Lernen erinnert uns Christen an Jesus, den das Neue Testament häufig „Lehrer“ nennt und der seine Schüler herausfordert, die Tora zu lernen. Das Bild von Juden, die gemeinsam lernen, erinnert uns Bischöfe daran, dass wir nicht nur Lehrer sind, sondern dass wir den Aposteln ähnlich immer Schüler Jesu sind und bleiben wollen. Wir fordern insbesondere unsere jungen Leute auf, uns darin zu folgen: glauben ist lernen durch das Leben.

 

Selbstkritik

Selbstkritik ist die Bereitschaft, das eigene Verhalten und Denken zu überprüfen, wie schwierig dies auch manchmal sein mag. Dies bedeutet, dass wir Katholiken in unserer Beziehung zum jüdischen Volk vorbereitet sein müssen, unseren Teil von Verantwortung für das anzuerkennen, was die Juden durch die Jahrhunderte erlitten haben. Wir schrieben darüber in unserem ersten bischöflichen Wort über die Beziehungen mit dem Judentum „Aus ein und derselben Wurzel lebend“. Jedoch darf Selbstkritik nicht ein totes Wort sein. Deshalb wollen wir jetzt und in Zukunft wachsam bleiben, um gegenüber jeder Form von Antisemitismus, auch unter den Katholiken, wachsam zu sein.[2]

 

Hören und sehen

Ein authentisches Gespräch erfordert ein offenes Ohr und ein offenes Auge. Nur beim Offensein dem anderen gegenüber ist es möglich, den Menschen, mit dem man spricht, so zu sehen, wie er ist. „Gaudium et spes“, die pastorale Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche in der heutigen Welt, nennt es eine Pflicht, auf die große Bandbreite der Sprechweisen in unserer Zeit zu hören. Dabei müssen wir besonders offen sein für was, was in jedem Menschen positiv ist; dies ist eine Perspektive, die in unserer Zeit häufig unter Druck zustande kommt. Im Judentum ist diese Haltung sehr schön in einem sehr alten Sprichwort von Josua ben Perachja ausgedrückt: „Nimm dir einen Lehrer, erwirb dir einen Freund und beurteile jeden Menschen nach der günstigen Seite“ (Sprüche derVaderen 1,5). Wir brauchen nicht eines anderen Fehler aufzudecken oder sie wegzuerklären. Josua sagt, dass das Wichtigste ist, das Gute zu suchen. Wie Paulus in einem seiner ersten Briefe lehrt: „Prüfet alles und behaltet das Gute.“ (vgl. 1 Thess 5,21).

 

Umsichtiges Handeln

Reflexion ist nicht ein Selbstzweck. Sie sollte letztlich zu einem angemessenen Verhalten führen.Aber in unserer heutigen Gesellschaft gibt es eine Tendenz, vorschnell zu handeln, und oft fehlt die Reflexion. Wo ist die Balance? Was ist wichtiger, das Lernen oder das Tun? In der rabbinischen Tradition finden wir eine Diskussion zwischen Rabbi Tarfon, der sagt, dass Tun wichtiger ist als Lernen, und Rabbi Akiba, der das Lernen als wichtiger betrachtet. Am Ende der Diskussion wurde entschieden, dass Lernen wichtiger sei, weil es zum Tun führt. Die gleiche Frage wird im zehnten Kapitel des Lukas-Evangeliums gestellt. Ein Gesetzeslehrer fragt Jesus, was man tun muss, um das ewige Leben zu erlangen. Wie andere jüdische Lehrer seiner Zeit antwortet Jesus, dass man Gott (Deuteronomium 6,5) und seinen Nächsten (Levitikus 19,18) lieben muss. Was Letzteres bedeutet, erklärt er im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37); ihr seid dem anderen ein Nächster, wenn ihr für sein Geschick Sorge zeigt und entsprechend handelt. „Geh und handle genauso.“

 

Fortwährendes Üben

Die heiligen Texte unserer religiösen Traditionen bleiben für Juden und Christen eine Quelle der Inspiration zum sozial segensreichen Handeln. Aber dazu können wir nur beitragen, wenn wir die Sprache und die Bedürfnisse der Zeit verstehen. Wenn wir in der Lage sein wollen, fundamentale menschliche Werte anzubieten, dann haben wir zu handeln, zu lernen und als Gläubige miteinander ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben. In diesem Bereich ist zwischen Juden und Katholiken in den letzten Jahrzehnten viel passiert. Viele Katholiken haben in Lehrhäusern gelernt, wie bereichernd es ist und welche Freude es macht, in das Gespräch mit Juden zu treten und mit ihnen zu studieren. Wir fahren daher fort, Lerninitiativen anzuregen und zu fördern und dies sowohl in den Pfarrgemeinden als auch in Institutionen der theologischen Ausbildung.

 

Für die und mit der Gesellschaft

Dieses gemeinsame Üben unter Beibehaltung der eigenen Individualität eines jeden ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Es kann der Anstoß sein zu zeigen, dass unsere lebendigen religiösen Traditionen ihre heiligen Texte mit dem heutigen Leben und mit zeitgemäßen Fragen in Verbindung bringen können. Und zwar so, dass sie zu einer humanen Gesellschaft beitragen, in der das „Wohlbefinden für alle“ Vorrang hat.

In jedem kritischen Moment können wir erfahren, dass unsere eigene Freiheit und unser eigener Wohlstand nie auf Kosten der Freiheit und Lebenschancen anderer erworben werden dürfen. Als Menschen müssen wir das Gemeinwohl anstreben, dass wir Katholiken „bonum commune“ nennen. In allen Entwicklungen, von der Globalisierung bis zu Fragen um medizinische Eingriffe, müssen die Menschenwürde und das Gemeinwohl als unser Maßstab gelten und das besonderer Aufmerksamkeit und Fürsorge für die Schwächsten unter uns.

Dies erfordert das Engagement von Gläubigen: wenn sie einer konstruktiven öffentlichen Debatte über das Gemeinwohl Gestalt geben sollen, werden die Gläubigen ihren Beitrag in einer sichtbaren und positiven Art und Weise geben müssen. Aber dies fordert auch, dass die Nicht-Gläubigen innerhalb unserer Gesellschaft den Willen und die Fähigkeit haben, zuzuhören. Wir hoffen, dass in der gegenwärtigen Suche nach dem, was für unsere Gesellschaft segensreich ist, die Religionen für das wertgeschätzt werden, was sie zu sagen haben, und nicht nur für ihren soziologische Nutzen. Es wäre gut, wenn es in unserer säkularisierten Gesellschaft mehr Raum geben würde, auf die Antworten, welche Juden und Christen dem Sinn des Lebens und dem eigentlichen Handeln geben, zu hören, ohne dass dies unmittelbar zu negativen Urteilen, Vorurteilen und Spott führen würde. Es ist unsere von Herzen kommende Hoffnung, dass ein solcher Raum auch anderen religiösen Traditionen zur Verfügung steht, vor allem dem Islam, dessen positive Elemente in den letzten Jahren zu sehr vernachlässigt wurden.

Die Einsicht von „Nostra Aetate“ – mit ihm begannen wir unser Wort – hat nichts von ihrer Aktualität verloren: in unserer Zeit, in der die Kontakte zwischen den Völkern intensiver geworden sind, in der aber auch die Spannungen zwischen den Kulturen und Religionen gewachsen zu sein scheinen, ist es mehr denn je Aufgabe der katholischen Kirche, die Liebe unter den Menschen und die Einheit zwischen den Völkern zu fördern. Wir fordern daher die Katholiken auf, sich die aktive Haltung des Lernens und Tuns, des Dialogs und des verantwortlichen sozialen Handelns zum Wohle aller anzueignen. Wir laden sie ein, diese Aufgabe im Gespräch mit dem Judentum, mit dem wir Christen eine besondere Beziehung haben, zu erfüllen. Möge das gemeinsame Lernen und das Gespräch miteinander von Juden und Katholiken eine Quelle der Inspiration im Streben nach Frieden und im Dialog mit anderen religiösen Traditionen sein.

 

Quelle: http://www.dagvanhetjodendom.nl/wp-content/uploads/2013/02/2005-bischoppennl-vreugdevanleren.pdf1 - Eigene Übersetzung.

 

[1] Aus dem bischöflichen Wort zum 60. Jahrestag der Befreiung (2. Mai 2005).

[2] Siehe die Erklärung der niederländischen Bischofskonferenz über Antisemitismus (3. Mai 2002) und das Bischöfliche Wort zum 60. Jahrestag der Befreiung (2. Mai 2005).

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