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„Unsere älteren Brüder“ (Johannes Paul II.). 40 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil und Nostra Aetate

Jean-Marie Kardinal Lustiger, Erzbischof von Paris, Vortrag vom 30. Oktober 2005

 

Der langjährige Pariser Erzbischof Jean-Marie Kardinal Lustiger (1926-2007) war eine bedeutende Gestalt im katholisch-jüdischen Verhältnis. Seine Biographie war so ungewöhnlich wie seine Persönlichkeit. Er wurde als Aron Lustiger und Sohn einer jüdischen Familie aus Polen in Paris geboren und ließ sich im Alter von 14 Jahren taufen; dabei nahm er den Vornamen Jean-Marie an. Seine Eltern wurden während der deutschen Besatzung Frankreichs deportiert, und seine Mutter wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Der Sohn war von einer Familie in Orleans aufgenommen worden und überlebte. Zeit seines Lebens, besonders aber in den 24 Jahren seines Amtes als Erzbischof von Paris (1981-2005) setzte er sich für die Annäherung zwischen Katholiken und Juden ein. Es war wohl Ausdruck des historisch so schwer belasteten Verhältnisses zwischen der Kirche und dem Judentum, dass man ihm jüdischerseits nicht nur mit Achtung, Respekt und Wertschätzung, sondern auch mit Argwohn begegnete. Es verband ihn ein tiefes Vertrauensverhältnis mit Papst Johannes Paul II., in dessen Pontifikat das katholisch-jüdische Verhältnis eine tiefgreifende Verbesserung erfuhr. Kardinal Lustiger hat das 40jährige Jubiläum der Konzilserklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ genutzt, um in einem Vortrag an verschiedenen Orten – so auch am 30. Oktober 2005 in Wien – eine theologisch-geistliche Reflexion zur katholisch-jüdischen Beziehung vorzulegen.

 

1986 hat Papst Johannes Paul II. in der Synagoge von Rom erklärt: „Die Kirche Christi entdeckt ihre ‚Bindung‘ zum Judentum, indem sie sich auf ihr eigenes Geheimnis besinnt“ (vgl. Nostra aetate 4). Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas „Äußerliches“, sondern gehört in gewisser Weise zum „Inneren“ unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“.

Dieses von Papst Johannes Paul II. verwendete Bild scheint mir ausgesprochen suggestiv zu sein. Ich möchte Sie einladen, darüber nachzusinnen, was diese Brüderlichkeit zwischen dem Erstgeborenen und dem Nachgeborenen bedeutet.

1) Zunächst stellt sich die Frage, was denn die Grundlage ist für dieses Bild? Zu sagen, dass sich Juden und Christen wie Brüder gegenüberstehen, kommt der Behauptung gleich, sie hätten denselben Vater. Wer ist nun dieser Vater? Ist es Abraham? Was den Erstgeborenen betrifft, ist die Antwort selbstverständlich bejahend. Kann sich aber der Jüngere legitimer Weise als Kind Abrahams bezeichnen, und wenn ja, was wäre der Grund dafür? Müsste und könnte der Erstgeborene dem zustimmen? Was würde daraus folgen? Und wenn der gemeinsame Vater der Himmlische Vater wäre? Mag der Vater nun Abraham sein oder der Himmlische Vater, wir müssen uns fragen, wie diese Vaterschaft offenbart wird, welche Folgen diese Abstammung nach sich zieht: Wie stellt sich die gegenseitige Beziehung zwischen dem Erstgeborenen und dem Nachgeborenen dar? Haben die beiden Söhne Anteil am selben Erbe? Die Geschichte jedenfalls lehrt uns, dass der eine wie der andere die Offenbarung Gottes, den Schatz des Alleinigen, sein Wort, gemeinschaftlich empfangen hat. Der eine wie der andere ist also zur Treue berufen gegenüber den Geboten des Vaters.

2) Versuchen wir nun, uns die Beziehungen vorzustellen, die zwischen beiden Brüder entstehen können, Das Buch Genesis führt uns ein erstes Beispiel vor Augen, das uns erschaudern lässt: Abel und Kain.

Abel und Kain, das ist die absolute Eifersucht, die bis hin zum Mord geht. Lange Zeit habe ich gedacht, dass jenes Geschehen es ermöglichen würde, die Ausrottung der Juden ihrer geistigen Natur nach zu erfassen. In Wirklichkeit aber geht das nazistische Unterfangen viel weiter als Kain. Denn Juden auszurotten bedeutet, Gott selbst anzugreifen, da die Juden jenes Volk darstellen, das für immer Zeuge der Offenbarung auf dem Sinai ist und durch das die Kenntnis der Gebote allen Völkern übertragen ist. Der heutige Kain hat Nietzsche gelesen. Niemals würde er Gott ein Opfer darbringen, denn er ist fasziniert von dieser Behauptung der Schlange gegenüber Adam und Eva: „Ihr werdet sein wie Götter“.

Dies ist, so scheint mir, die letztendliche Erklärung des Wahnsinns der Schoah, wie es Saul Friedländer in seinem Buch „Reflets du Nazisme“ richtig erkannt hat (vielleicht zu übersetzen mit „Spiegelbilder des Nazismus“, 1982 bei Seuil in Frankreich erschienen). Er schließt mit folgenden Zeilen: „die fundamentale Versuchung: das Trachten nach der Allmacht ist definitionsgemäß die höchste Überschreitung, die Herausforderung schlechthin, der übermenschliche Kampf, der den Tod zur Folge haben kann. Diese sowohl metaphysische, wie auch spielhafte Versuchung, zu sein wie Gott, Gott zu sein, ist ein Alles oder Nichts: alles kann gewonnen oder alles verloren werden, das Leben mit eingeschlossen ... Der Traum von der Allmacht, wir wissen es, ist immer gegenwärtig, beständig eingedämmt, in Zaum gehalten vom Gebot, doch gegenwärtig selbst auf das Risiko der Zerstörung hin; allerdings mit dem Unterschied (der apokalyptische Träume mäßigt, oder sie im Gegenteil schürt), dass, wenn zum Ansturm auf die Allmacht geblasen wird, dies die Versicherung bedeutet, in vollständiger und unwiderruflicher Zerstörung unterzugehen, mitsamt der ganzen Menschheit.“

3) Jakob und Esau bilden ein zweites Beispiel, das zu betrachten ist. Das Verhältnis der beiden Brüder ist zumindest als bewegt zu bezeichnen. Zunächst akzeptiert Esau, sein Erstgeborenenrecht gegen Brot und ein Linsengericht an Jakob zu verkaufen. Dann, während Isaak im Sterben liegt, setzt Rebekka ihren Sohn Jakob an die Stelle Esaus, damit er den väterlichen Segen erhalte. Selbst wenn uns die Bibel danach vom erneuten Treffen zwischen Jakob und Esau berichtet, sowie von ihren Tränen bei der Zusammenkunft, so muss man doch feststellen, dass Jakob ihr Verhältnis mit vorsichtigem Misstrauen pflegte. Ohne die Dinge strapazieren zu wollen, können wir nicht im Orakelspruch des Propheten Maleachi (Mal 1,2): „Jakob habe ich geliebt, doch Esau habe ich gehasst“, den Grund erkennen: für diese unwiderrufliche Erwählung Gottes, die von vornherein die Theorie von der Substitution zurückweist, die Theorie, der zufolge die Kirche an die Stelle des jüdischen Volkes tritt? Denn, Israel-Jakob, der Erstgeborene gemäß der freien Erwählung der Liebe Gottes, hat niemals seinen Titel der Erstgeburt verachtet, noch hat er auf ihn verzichtet. Auch hat keine Rebekka den Jüngeren verkleiden können, damit er an die Stelle seines älteren Bruders treten könne.

Wir müssen uns einen Augenblick mit dieser Substitutionstheorie befassen und mit ihren Konsequenzen. Diese Theorie hat sehr lange Zeit die Vorstellung, die sich die Christen von der Stellung der Juden in der Heilsgeschichte machten, nachhaltig verdorben. Im Endeffekt läuft diese Theorie darauf hinaus, sich die Geschichte und das Gedächtnis Israels anzueignen, indem man deren rechtmäßige Träger verdrängt.

Um diese Theorie zu legitimieren fehlte es gewiss nicht an Beschuldigungen gegen die Juden. Die erste und grausamste von allen war die Verantwortung für den Tod Christi. Dabei hat doch die Kirche immer bekannt, dass Christus das Lamm Gottes sei, das die Sünde der Welt trage und dass kein Mensch, da doch alle Sünder sind, sich die Hände in Unschuld an seinem Tod waschen könne, selbst nicht Pontius Pilatus, der Römer. Die Evangelien, Paulus und das gesamte Neue Testament betonen sehr wohl, dass alle Sparten der Menschheit teilgenommen haben an der Ausführung seiner Passion, was das Zweite Vatikanische Konzil in Anschluss an den Katechismus des Konzils von Trient ausdrücklich bestätigt hat.

Vor diesem Hintergrund theologischer Anschuldigung waren das Mittelalter und die ihm folgenden Zeiten reich an phantasmatischen Erfindungen, Beschuldigungen ritueller Morde etc.

Eines jedoch blieb immer ausgesprochen fest verankert in der geistlichen Welt der Christen, dass nämlich die Heilsgeschichte mit den Juden beginnt: Christus stellt sich vor als der Sohn Davids, der Sohn Abrahams. Die von Gott inspirierten Heiligen Schriften sind von den Juden überliefert. Im Grunde hat die Kirche niemals der Versuchung des Marcion nachgegeben, der im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung jede Spur des Ersten Testaments aus dem Neuen Testament austilgen wollte. Wo hingegen der große liberalprotestantische Theologe Adolf von Harnack schrieb, „das Alte Testament als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen (und kirchlichen) Lähmung“. Indem sie die Juden verdrängten, sie versteckten oder sie auswiesen, wollten die christlichen Völker die Einheitlichkeit ihrer Identität bewahren. Doch da sie Christen waren, konnten sie unmöglich auf die Kontinuität der Heilsgeschichte verzichten, sie mussten sich die Geschichte Israels aneignen. Die Theorie von der Substitution, die sich auf eine stückweise und ungenaue Interpretation bestimmter Texte des Neuen Testaments stützt, war gewissermaßen eine Weise, diese Kontinuität mittels Ausgrenzung zu wahren.

Diesbezüglich kann ich Sie alle nur auffordern, ein Dokument zu lesen, das die Päpstliche Bibelkommission unter Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger verfasst hat unter dem Titel „Das jüdische Volk und seine Heiligen Schriften in der christlichen Bibel“. Besonders empfehle ich die Einleitung von Kardinal Ratzinger Ihrer Aufmerksamkeit. Dieses Dokument geht auf die Gesamtheit dieser Fragen ein und bestätigt die Kohärenz der Haltung der Kirche, wie vom Zweiten Vaticanum mit der Lehre der gesamten Schriften verkündet.

4) Ich hatte bereits Gelegenheit zu sagen, dass Juden und Christen Anteil haben, sowohl an einer gemeinsamen Wurzel als auch an einem gemeinsamen Konflikt. Dieser Konflikt steht jedoch, selbst in der Sicht der Christen, in Zusammenhang mit der Erwartung, dass sich die Menschheitsgeschichte dem Willen Gottes entsprechend erfüllen werde; dies ist auch die im jüdischen Denken gängige Sichtweise. Die Theorie von der Substitution hebt den Konflikt auf, indem sie die Erwartung aufhebt, da sie die Juden beseitigt, indem sie ihnen die Kirche substituiert und indem sie sich für immer das Erbe aneignet, an dem somit Verrat begangen wird.

Die Beständigkeit des Konfliktes müssen wir sehr wohl in Betracht ziehen. Dieser Konflikt ist wie ein Leitmotiv der Geschichte, und er wird seine Lösung nur am Ende der Zeiten erfahren, wenn Israel seinen Messias, das Licht der Volker (Lk; Jes,) empfangen wird und wenn die Christen „den Menschensohn in seiner Glorie, mit den Wolken des Himmels kommend“ sehen werden, von dem der Prophet Daniel berichtet (Dan 7). Diese Unbeendetheit, diese Spannung, die fortbesteht, ist der Geschichte konstitutiv, da jeder Mensch aufgefordert ist, Stellung zu nehmen angesichts des Gottesrufes; auch weil die Hoffnung auf die Auferstehung, aus der heraus wir als Christen, in Christus leben, erst verwirklicht wird in der Schau des Himmlischen Jerusalem, das der Prophet Jesaja ankündigt und das in der Geheimen Offenbarung, der Apokalypse beschrieben wird. Diese offene Zeit, diese Zeit des Konfliktes, ist auch die Zeit der Bekehrung des Sünders, Zeit der Treue inmitten der Nacht, mit einem Wort: Zeit der Hoffnung. Juden wie Christen sind gleichsam ausgerichtet von einer Hoffnung. Ihnen ist die empfangene und überlieferte Offenbarung gemein. Sie richten ihren Blick auf diese Vollendung, deren Züge für jeden von ihnen aus der Erfahrung der Jahrhunderte heraus vorgezeichnet sind, aus der Erfahrung der Kulturen, gekennzeichnet auch durch das, was ein jeder vom anderen annimmt oder ablehnt. Wer verspürte hier nicht, dass die Spannungen umso größer und schmerzhafter sein können, als die Elemente der Übereinstimmung und der Gemeinschaft kräftiger und letztlich solider sind? So, wie wir selben Ursprungs sind, wird jede Spannung wie der Anfang einer Wunde erlebt, wie der Anfang einer möglichen Verweigerung; doch kann sie auch gelebt werden in der Hoffnung eines immer größer werdenden Lichtes, einer immer größeren Fruchtbarkeit.

5) Ein drittes Beispiel brüderlicher Beziehungen möchte ich Ihnen nun vorlegen. Jenes von Joseph, der seine Brüder in Ägypten wieder findet. Eine Anekdote führt mich dazu. Es wird berichtet, Johannes XXIII. habe sich bei einem Empfang von Vertretern des Judentums folgendermaßen vorgestellt: „Ich bin Joseph, euer Bruder“. Joseph war tatsächlich sein Taufname, Joseph Roncalli. In dieser Formulierung, die einigen als humoristisch erschienen sein mag, liegt eine tiefere Wahrheit. Zwischen Joseph, dem Jüngeren, und seinen älteren Brüdern steht zunächst, nach einer langen Zeit der Trennung, die Hürde der Sprache, des Vergessens, der ganzen Erfahrung des Lebens; da steht auch die Erinnerung an die Preisgabe und an den Verrat. Wir sollten uns auch der Weise entsinnen, in der Joseph seine Brüder, die ja nicht wissen, wer er ist, nach ihrem Vater befragt. Und besonders sollten wir jene erschütternde Szene innig betrachten, wo sich Joseph seinen Brüdern zu erkennen gibt und wo sie im Gegenüber von Angesicht zu Angesicht austauschen, was sie geworden sind und was sie trennte, um schließlich ihren gemeinsamen Ursprung und ihre anfängliche Gemeinschaft wieder zu finden. Beschwört diese Szene nicht herauf, was wir seit einem halben Jahrhundert erleben? Ehrfürchtige Scham hindert mich daran, eine Vorstellung zu geben von den Tränen, die einigen unter uns gekommen sein müssen, wie sie bereits in Josephs Augen gekommen sind.

Mir scheint, dass unter den gegenwärtigen historischen Umständen eine vergleichbare Situation gegeben ist. Ich möchte hier eine der Orientierungen, die Benedikt XVI. in der Synagoge von Köln vorgegeben hat, zitieren. Dem Wunsch folgend, „ein gutes Zusammenleben mit den christlichen Gemeinden“ auszubauen, lädt er uns ein, noch weiter zu gehen. „Wir müssen uns noch viel mehr und viel besser gegenseitig kennen lernen. Deshalb ermutige ich zu einem aufrichtigen und vertrauensvollen Dialog zwischen Juden und Christen. Nur so wird es möglich sein, zu einer beiderseits akzeptierten Interpretation noch strittiger historischer Fragen zu gelangen.“ Mögen sich doch solche Begegnungen vermehren. Mögen sie auch unter dem Zeichen des Sich-Wiederfindens von Joseph und seinen Brüdern stehen.

Eine grundlegende Arbeit bleibt indessen noch zu tun, nämlich „Fortschritte zu machen in der theologischen Einschätzung der Beziehung zwischen Judentum und Christentum“, wie Benedikt XVI. es ausdrückt. Diese Einschätzung muss es den Juden wie den Christen ermöglichen zu erkennen, jeder für seinen Teil, wie er dem Anderen gegenübersteht und wie er den Anderen im Plan Gottes annimmt. Diese beiden Standpunkte können nicht übereinstimmen, da der Ausgangspunkt eines jeden verschieden ist. Doch jeder muss den Standpunkt des Anderen verstehen können und es akzeptieren, dass er auf diese bestimmte Weise denkt, nicht nur sich dem fügen oder es tolerieren. Ein weiterer Rat Benedikt XVI. ist hierbei hilfreich. „In diesem Dialog kann es nicht darum gehen, die bestehenden Unterschiede zu übergehen oder zu verharmlosen: Auch und gerade in dem, was uns aufgrund unserer tiefsten Glaubensüberzeugung voneinander unterscheidet, müssen wir uns gegenseitig respektieren.“

6) Bisher haben wir mit Kain und Abel gesehen, wie die beiden Brüder in einen tödlichen Konflikt geraten, mit Jakob und Esau, wie sie im Widerspruch das väterliche Erbe beanspruchen, mit Joseph, wie sie ihr Wiedersehen in der Treue zu ihrer gemeinsamen Abstammung feiern. Ein anderes Beispiel wäre noch anzuführen: die höchste göttliche Sendung, die zwei Brüdern anvertraut wird, Moses und Aaron, denen man noch Myriam zugesellen müsste. Hier jedoch wird der Vergleich allzu gewagt und er birgt die Gefahr in sich, uns unvermutet auf die Spitze des Konfliktes zu führen, der bezüglich des großen Propheten, den Gott verheißen hat, bestehen bleibt (Dtn 18,15). Bleibt jedoch, dass in diesen beiden Gestalten das Bild einer von Gott übertragenen gemeinsamen prophetischen und priesterlichen Verantwortung gegeben ist, einer Verantwortung in Hinblick auf das Heil des Volkes und auf seine Treue zu Gott.

Kommen wir zurück auf den Ausspruch Johannes Paul II.: „Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.“ Wir finden uns also, der eine neben dem anderen, wieder einer Weltlage gegenüber, die mitten im Umbruch steht. Benedikt XVI. erwähnte „unsere an wachsendem Vertrauen orientierten geschwisterlichen Beziehungen“. Dies ist eine Tatsache, die wir alle in Danksagung an Gott feststellen können. Dieses Vertrauen wurde, ausgehend von Nostra Aetate, dank der Gesten und der inspirierten Worte Johannes Paul II. wieder gefunden. Ein jeder der hier Anwesenden hat sie in Erinnerung.

Erinnern wir auch daran, dass das Verhalten der Kirche im Grunde genommen von einer anderen Konzilserklärung bezüglich der Religionsfreiheit geklärt wurde, von „Dignitatis Humanae“; einer Erklärung, die im selben Jahr verabschiedet wurde. Die katholische Kirche muss, um ihrem eigenen Glauben treu zu bleiben, die Freiheit eines jeden respektieren. Keine religiöse Handlung darf unter Zwang vollzogen werden, welcher Natur auch immer ein solcher sein mag; denn die Huldigung, die Gott fordert, ist jene einer menschlichen Freiheit, die jedermann beim anderen zu respektieren hat, da sie von Gott gegeben ist. Was immer auch geschehen mag, eine neuerliche Inquisition wird es nicht geben.

Alleine dieses Vertrauen und diese gegenseitige Achtung ermöglichen es, die strukturell bedingte Spannung, die die Beziehungen zwischen Judentum und Christentum berührt, in wahrer Liebe zu leben und ermöglichen so ihr Zeugnis. Vertrauen und Achtung alleine erlauben es, „gemeinsam ein noch einhelligeres Zeugnis zu geben“, wie es Benedikt XVI. ausdrückt, „und praktisch zusammenzuarbeiten in der Verteidigung und Förderung der Menschenrechte und der Heiligkeit des menschlichen Lebens, für die Werte der Familie, für soziale Gerechtigkeit und für den Frieden in der Welt“. Die Befolgung des Dekalogs vereint uns bezüglich aller genannten Punkte in derselben Vision vom Wohl des Menschen und von seiner eigentlichen Entfaltung.

Mögen auch wir, jeder, was seinen Teil betrifft, Gott dafür Dank sagen. Beten wir füreinander. Bitten wir um Gottes Segen für den Anderen. Möge diese Wiedersehen, dieses Sich- Wiederfinden, einem jeden helfen, in größerer Treue das zu erfüllen, was Gott von ihm verlangt. So werden sich unsere Gebete im Himmel vereinigen zum Heil der ganzen Welt, so wie sich das Gebet von Moses und Aaron vereinigt. Ist es nicht auch dies, was Gott von uns erwartet?

Zu einem Zeitpunkt, an dem die Zivilisation in ihren Grundfesten schwankt, an dem sie aufgrund ihrer rasenden Fortschritte und ihrer Reichtümer große Verluste zu erleiden droht, zu einem solchen Zeitpunkt wird das gemeinsame und, so hoffen wir, einmütige Zeugnis zur Pflicht, zu einem guten Werk, das Gott von den einen wie den anderen fordert. Die Früchte dieser neuen Geisteshaltung konnte man bereits auf vielerlei Weise aufscheinen sehen; in konkreten Handlungen, um in schlimmsten Notständen beizustehen, um präzise und tatkräftig da einzugreifen, wo die Grenzen der humanitären Aktion erreicht zu sein scheinen. Was ein Wiedererwachen eines alten Antisemitismus oder die Erscheinung eines neuen Antisemitismus betrifft, so scheint mir übrigens dieses gemeinsame Wirken von katholischer Kirche und jüdischen Gemeinden das beste Mittel zu sein, deren Entwicklung vorzubeugen; denn hierbei wird hervorgehoben was uns eint, den Erstgeborenen mit dem Nachgeborenen.

 

Quelle: Dialog – DuSiach Nummer 63 (April 2006) 23-30 und http://www.institutlustiger.fr/documents/OC/JML_2006_03_Vortragsreihe_Zum_Verhaltnis_von_Juden_und_Christen_Unsere_alteren_Bruder.pdf.


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