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Ansprache an die Mitglieder des Israelischen Religionsrates

Benedikt XVI. am 10. November 2011


Zwei Wochen nach dem Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets von Assisi fand im Vatikan eine weitere interreligiöse Begegnung statt. Papst Benedikt XVI. empfing im Saal der Päpste den Israelischen Religionsrat in einer Sonderaudienz. Er forderte die etwa dreißig Vertreter der christlichen Kirchen, der jüdischen Gemeinschaft sowie der muslimischen und drusischen Gemeinschaft Israels auf, sich für ein Klima des Verständnisses und der Achtung einzusetzen. Die Religionen und ihre Führungspersönlichkeiten hätten besonders in unruhigen Zeiten die Pflicht, ihre Gläubigen zur Offenheit und Zusammenarbeit anzuhalten. Die Religionsführer bekräftigten in einer gemeinsamen Erklärung zum Treffen mit dem Papst ihrerseits die Verpflichtung zum Frieden und zur Wahrung der Heiligkeit des Lebens und sprachen nach der Begegnung von einem historischen Treffen.


Ihre Seligkeit, Exzellenzen, liebe Freunde,

es ist mir eine große Freude, Sie zu empfangen, die Mitglieder des israelischen Religionsrates, der wie Sie die religiösen Gemeinschaften im Heiligen Land repräsentiert. Und ich danke Ihnen für die freundlichen Worte, die Sie im Namen aller Anwesenden an mich gerichtet haben.

In unseren unruhigen Zeiten wird der Dialog zwischen verschiedenen Religionen immer bedeutender für die Schaffung einer Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses und des Respekts, die zu Freundschaft und einem festen Vertrauen miteinander führen kann. Dies ist für die religiösen Führungspersönlichkeiten des Heiligen Landes dringlich, die mit ihrem Leben an einem Ort voll von Erinnerungen, welche unseren Traditionen heilig sind, durch die Schwierigkeiten des Zusammenlebens in Harmonie täglich auf die Probe gestellt sind.

Wie ich bei meinem letzten Treffen mit Religionsführern in Assisi sagte, finden wir uns heute mit zwei Arten von Gewalt konfrontiert: auf der einen Seite die Anwendung von Gewalt im Namen der Religion und auf der anderen Seite die Gewalt, die Folge der Leugnung Gottes ist, welche oft das Leben in der modernen Gesellschaft charakterisiert. In dieser Situation sind wir als religiöse Führer aufgerufen zu bekräftigen, dass die rechtens gelebte Beziehung des Menschen zu Gott eine Kraft für den Frieden ist. Dies ist eine Wahrheit, die immer sichtbarer werden muss und zwar in der Art, in der wir täglich miteinander leben. Daher möchte ich Sie ermutigen, ein Klima des Vertrauens und des Dialogs zwischen den Führern und Mitgliedern aller im Heiligen Land anwesenden religiösen Traditionen zu fördern.

Wir teilen eine große Verantwortung, die Mitglieder unserer jeweiligen religiösen Gemeinschaften im Blick auf die Pflege eines tieferen Verständnisses füreinander und auf die Entwicklung einer Offenheit für die Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen als unseren eigenen religiösen Traditionen zu erziehen. Leider ist die Realität unserer Welt oft brüchig und beschädigt, sogar im Heiligen Land. Wir alle sind aufgerufen, uns erneut zu verpflichten, mehr Gerechtigkeit und Würde zu fördern, um unsere Welt zu bereichern und ihr eine zutiefst menschliche Dimension zu geben. Gerechtigkeit ist gemeinsam mit der Wahrheit, Liebe und Freiheit eine grundlegende Voraussetzung für einen dauerhaften und sicheren Frieden in der Welt. Die Bewegung auf Versöhnung hin erfordert Mut und Vision ebenso wie das Vertrauen, dass es Gott selbst ist, der uns den Weg zeigen wird. Wir können unsere Ziele nicht erreichen, wenn Gott uns nicht die Kraft gibt, dies zu tun.

Als ich Jerusalem im Mai 2009 besuchte, stand ich vor der Westmauer und in meinem schriftlichen Gebet, das ich zwischen den Steinen der Mauer ablegte, bat ich Gott um den Frieden im Heiligen Land. Ich schrieb: „Gott aller Zeiten, bei meinem Besuch in Jerusalem, der ‚Stadt des Friedens’, geistliche Heimat gleichermaßen für Juden, Christen und Muslime, bringe ich vor Dich die Freuden, die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Prüfungen, das Leiden und den Schmerz all deiner Völker in derganzen Welt. Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, höre den Schrei der Bedrängten, der Verängstigten, der Menschen ohne Hoffnung; sende deinen Frieden ins Heilige Land, in den Nahen Osten, in die ganze Menschheitsfamilie. Bewege die Herzen derer, die deinen Namen anrufen, damit sie demütig den Weg der Gerechtigkeit und des Erbarmens gehen. ‚Gut ist der Herr zu jenen, die auf ihn hoffen, zu der Seele, die ihn sucht’ (Klagelieder 3,25).“

Möge der Herr mein Gebet für Jerusalem heute erhören und erfülle er eure Herzen mit Freude bei Ihrem Besuch in Rom. Möge er das Gebet aller Männer und Frauen erhören, die ihn um den Frieden Jerusalems bitten. In der Tat, lassen Sie uns nie aufhören, für den Frieden im Heiligen Land zu beten, mit Zuversicht zu Gott, der selbst unser Friede und Trost ist. Ich empfehle euch und diejenigen, die Sie vertreten, der barmherzigen Sorge des Allmächtigen, gerne rufe ich auf euch alle den göttlichen Segen der Freude und des Friedens herab.

 

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