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Ansprache bei der Ankunft auf dem Flughafen von Tel Aviv

Benedikt XVI. am 11. Mai 2009

 

Papst Johannes Paul II. hatte das Heilige Land bzw. Israel und Jerusalem vom 20. bis 26. März 2000 besucht, was als Höhepunkt nicht nur der Feierlichkeiten zum Jubiläum des Großen Jahrs 2000, sondern auch seiner Bemühungen um eine neue Beziehung zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk verstanden wurde. Benedikt XVI. machte mit seiner Apostolischen Reise ins Heilige Land vom 8. bis 15. Mai 2009 seinen mehrfach erklärten Willen, den von seinem Vorgänger beschrittenen Weg weiterzugehen, für die Weltöffentlichkeit augenscheinlich. Wurde jedoch der Besuch von Johannes Paul II. eine „Reise der Heilung“ genannt, von einer Atmosphäre manchmal überschwänglicher Zustimmung begleitet und als ein Zeugnis der Nähe mit epochalem Symbolwert verstanden, so standen die Tage des Israelbesuches von Papst Benedikt XVI. vom 11. bis 15. Mai 2009 unter einer doppelten Ungunst. Zum einen war das Vorfeld des Besuchs durch die Nachwirkung des Gazakrieges vom Januar 2009, der in der Öffentlichkeit Israels noch sehr präsent war, überschattet. Zum anderen hatten die päpstlichen Zeichen und Aussagen zur erneuten Vertrauensbildung nach der Krise im katholisch-jüdischen Verhältnis aufgrund der Aufhebung der Exkommunikation der vier Weihbischöfe der Piusbruderschaft vom 21. Januar 2009 die israelische Öffentlichkeit nicht wirklich erreicht. Im Grußwort bei der Begrüßungszeremonie am 11. Mai auf dem Internationalen Flughafen „Ben Gurion“ in Tel Aviv erläuterte der Papst Anliegen und Hoffnungen seines Israelbesuches.

 

Herr Präsident!
Herr Premierminister!
Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren!
Danke für den freundlichen Empfang im Staat Israel, einem Land, das Millionen von Gläubigen in aller Welt heilig ist. Ich danke dem Präsidenten, Herrn Shimon Peres, für seine freundlichen Worte. Ich weiß die Gelegenheit zu schätzen, die mir geboten wurde, eine Pilgerreise in ein Land zu unternehmen, das durch die Fußspuren von Patriarchen und Propheten geheiligt ist, ein Land, das Christen als Schauplatz des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi besonders verehren. Ich nehme meinen Platz ein in einer langen Reihe christlicher Pilger zu diesem Land, eine Reihe, die bis in die ersten Jahrhunderte der Geschichte der Kirche zurückreicht und die gewiss lange in die Zukunft fortdauern wird. Ich komme, wie so viele andere vor mir, um an den heiligen Stätten zu beten und um besonders für den Frieden zu beten – Frieden hier im Heiligen Land und Frieden in aller Welt.
Herr Präsident, der Heilige Stuhl und der Staat Israel teilen viele gemeinsame Werte, vor allem die Verpflichtung, der Religion den ihr gebührenden Platz im Leben der Gesellschaft zu geben. Die rechte Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen setzt eine Achtung vor der Freiheit und Würde jedes Menschen voraus und erfordert sie. Christen, Muslime und Juden glauben ja gleichermaßen, dass der Mensch von einem liebenden Gott erschaffen und für das ewige Leben bestimmt ist. Wenn man die religiöse Dimension des Menschen leugnet oder beiseite schiebt, wird damit die eigentliche Grundlage für ein rechtes Verständnis der unveräußerlichen Rechte des Menschen aufs Spiel gesetzt.
Auf tragische Weise haben jüdische Menschen die schrecklichen Folgen von Ideologien erfahren, welche die grundlegende Würde jeder menschlichen Person leugnen. Es ist recht und angemessen, dass ich während meines Aufenthalts in Israel die Gelegenheit habe werde, der sechs Millionen jüdischen Opfer der Schoah zu gedenken und zu beten, dass die Menschheit nie wieder Zeuge eines Verbrechens dieses Ausmaßes sein werde. Leider zeigt der Antisemitismus in vielen Teilen der Welt weiterhin seine hässliche Fratze. Das ist völlig inakzeptabel. Jede Anstrengung muss unternommen werden, um den Antisemitismus zu bekämpfen, wo immer er angetroffen wird, und um Respekt und Achtung vor den Menschen jedes Volkes, jedes Stammes, jeder Sprache und Nation auf der Erde zu fördern.
Während meines Aufenthalts in Jerusalem werde ich auch die Freude haben, vielen der ehrenwerten religiösen Führer dieses Landes zu begegnen. Den drei großen monotheistischen Religionen ist eine besondere Verehrung für diese heilige Stadt gemeinsam. Es ist meine aufrichtige Hoffnung, dass alle Pilger zu den heiligen Stätten freien und uneingeschränkten Zutritt haben können, um an religiösen Feiern teilzunehmen und für einen angemessenen Unterhalt der Gotteshäuser an den heiligen Stätten zu sorgen. Mögen sich die Worte der Prophetie Jesajas erfüllen, dass viele Völker zum Berg mit dem Haus des Herrn strömen werden, dass der Herr sie seine Wege lehre und sie auf seinen Pfaden wandeln – auf Pfaden des Friedens und der Gerechtigkeit, Pfaden, die zu Versöhnung und Eintracht führen (vgl. Jes 2, 2-5).
Auch wenn der Name Jerusalem „Stadt des Friedens“ bedeutet, ist es doch gar zu offenbar, dass über Jahrzehnte hinweg der Friede den Einwohnern dieses heiligen Landes tragisch vorenthalten blieb. Die Augen der Welt ruhen auf den Völkern dieser Region, wie sie darum ringen, eine gerechte und dauerhafte Lösung von Konflikten zu erreichen, die so viel Leid verursacht haben. Die Hoffnungen zahlloser Männer, Frauen und Kinder auf eine sichere und stabile Zukunft hängen vom Ergebnis der Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern ab. Gemeinsam mit allen Menschen guten Willens bitte ich inständig alle Verantwortlichen, auf der Suche nach einer gerechten Lösung der ausstehenden Schwierigkeiten jeden möglichen Weg zu prüfen, auf dass beide Völker in Frieden in einem eigenen Heimatland innerhalb sicherer und international anerkannter Grenzen leben können. In dieser Hinsicht hoffe und bete ich, dass bald ein Klima größeren Vertrauens geschaffen werden kann, welches beide Seiten befähigt, wirkliche Fortschritte auf dem Weg zu Frieden und Stabilität zu machen.
Ein besonderes Wort der Begrüßung richte ich an die hier anwesenden katholischen Bischöfe und Gläubigen. In diesem Land, in dem Petrus den Auftrag erhielt, die Schafe des Herrn zu weiden, komme ich als Nachfolger des Petrus, um unter euch meinen Dienst zu tun. Es wird mir eine besondere Freude sein, mit euch die Abschlussfeierlichkeiten des Jahres der Familie zu begehen, welche in Nazareth stattfinden werden, der Heimat der Heiligen Familie von Jesus, Maria und Joseph. Wie ich in meiner Botschaft zum Weltfriedenstag im letzten Jahr sagte, ist die Familie „der erste und unerlässliche Lehrmeister des Friedens“ (Nr. 3), und daher hat sie bei der Heilung von Spaltungen auf jeder gesellschaftlichen Ebene eine wesentliche Rolle zu spielen. Den christlichen Gemeinden im Heiligen Land sage ich: Durch euer gläubiges Zeugnis für Ihn, der Vergebung und Versöhnung predigte, durch euer Engagement, die Heiligkeit allen menschlichen Lebens zu schützen, könnt ihr einen besonderen Beitrag zur Beendigung der Feindseligkeiten leisten, die so lange schon dieses Land belasten. Ich bete, dass eure fortwährende Anwesenheit in Israel und in den Palästinensergebieten viel Frucht bringen wird zur Förderung des Friedens und des gegenseitigen Respekts unter allen Völkern, die in den Ländern der Bibel leben.
Herr Präsident, meine Damen und Herren, noch einmal danke ich Ihnen für die freundliche Aufnahme und versichere Sie meines Wohlwollens. Möge Gott sein Volk stärken! Möge Gott sein Volk mit Frieden segnen!

 

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2009/may/documents/hf_ben-xvi_spe_20090511_welcome-tel-aviv_ge.html.

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