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Ansprache bei der Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ in Berlin

Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, am 14. September 2014

 

Bei der Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin gegen Antisemitismus, zu der der Zentralrat der Juden in Deutschland eingeladen hatte, bekräftigte Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die Freundschaft der Kirche zum jüdischen Volk. Im Gefolge des Gaza-Konflikts 2014 (vom 8. Juli bis 26. August 2014) war es in Deutschland vermehrt zu antisemitischen Äußerungen und Vorfällen gekommen, so dass der Zentralrat sich zu einer Kundgebung unter dem Motto „Steh auf! Nie wieder Judenhass“ veranlasst sah. Kardinal Marx stellte fest, dass der alltägliche Antisemitismus zugenommen habe, wobei sich antisemitische und antiisraelische Parolen häufig vermischen. Er kennzeichnete es als gemeinsame Aufgabe von Juden, Christen und Muslimen, „jede Form der Menschenverachtung und jede Form von Judenhass als das zu bekämpfen, was sie ist: Blasphemie, ein Angriff auf Gott selbst!“

 

Verehrter Herr Präsident Dr. Graumann

gleich zu Beginn danke ich Ihnen, dass Sie zu dieser Kundgebung eingeladen haben!

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

lieber Bruder Schneider,

sehr geehrter Herr Präsident Lauder,

sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,

meine Damen und Herren!

Ich bin heute hier nach Berlin gekommen, um Ihnen, den Juden in diesem Land, zu sagen, dass Sie nicht allein sind, dass Sie Freunde haben. Die katholische Kirche gehört zu Ihren Freunden. Wir stehen an Ihrer Seite.

In den vergangenen Wochen wurden auf unseren Straßen antijüdische Parolen gegrölt, wurden Synagogen beschädigt, wurden Juden beleidigt und tätlich angegriffen. Dieser Hass hat viele von uns – auch mich – überrascht. Wir dachten, dass so etwas der Vergangenheit angehört, dass es heute nicht mehr vorkomme. Doch wir haben uns geirrt. Antisemitismus ist leider immer noch ein Problem – und zwar ein Problem für uns alle.

Noch bedrohlicher als die antijüdischen Parolen auf Demonstrationen empfinde ich den Antisemitismus im Alltag. Da wird „Jude“ auf Schulhöfen und in Fußballstadien zu einem Schimpfwort. Da müssen die Online-Redaktionen auch seriöser Zeitungen immer wieder hasserfüllte und menschenverachtende Leserkommentare löschen. Antisemitismus ist nicht nur eine Sache der Extremisten; er reicht bis in die viel zitierte „Mitte der Gesellschaft“ hinein, bis in die Reihen derer, die sich für moderne und aufgeklärte Zeitgenossen halten. Dieser Antisemitismus macht sich heute oft am Staat Israel und an der Nahost-Politik fest. Unterschiedliche Positionen zur Politik dürfen aber nie Vorwand sein für Hass und Antisemitismus. Antisemitische und antiisraelische Parolen werden häufig vermischt und es gibt keinen Zweifel: Menschenverachtende Parolen haben leider zugenommen!

Den Antisemitismus des Alltags können wir auch nur im Alltag bekämpfen. Wer sich über Juden oder andere verächtlich äußert, verdient entschiedenen Widerspruch – auf dem Schulhof, im Fußballstadion oder auf der Geburtstagsfeier. Denn vergessen wir nicht: Der Hass der Wenigen wird mächtig durch das Schweigen der Vielen.

In Ihrem Artikel in der New York Times schreiben Sie, verehrter Herr Lauder, dass Juden und Christen gemeinsam die Bibel lesen und dieselben moralischen Grundüberzeugungen teilen. Wenn wir unsere Bibel aufschlagen, egal ob eine jüdische oder christliche Ausgabe, dann machen wir eine interessante Entdeckung. Die Bibel beginnt nicht mit der Berufung Abrahams; sie beginnt nicht mit der Erwählung Israels und auch nicht mit der Gründung der Kirche. Am Anfang steht die Erschaffung der Welt und des Menschen. Am Anfang steht ein Menschenpaar, von dem wir alle abstammen. Das ist eine moralische Botschaft. Wir alle – gleich welcher Nation, Religion oder welchen Geschlechts – teilen dieselbe Menschlichkeit. Alle Menschen sind nach dem Bilde Gottes geschaffen oder in säkularer Sprache übersetzt: Wir alle haben dieselbe Menschenwürde.

In der Bibel werden die Unterschiede zwischen den Menschen, zwischen Völkern und Religionen, keineswegs geleugnet. Aber grundlegender als alle Unterschiede, grundlegender auch als der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen ist die gleiche Würde aller Menschen. Diese Erkenntnis ist ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk, das die Welt aus den Händen Israels empfangen hat. Wer die Würde eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen missachtet, zerstört nicht nur die moralischen Grundlagen unseres Zusammenlebens, er beleidigt auch Gott. Wer im Namen Gottes Hass predigt und den anderen verachtet, der missbraucht den Namen Gottes. Angesichts des Hasses, den wir in den vergangenen Monaten erleben mussten, ist es unsere gemeinsame Aufgabe, diese geistliche Herausforderung anzunehmen. Wenn ich von einer gemeinsamen Aufgabe spreche, dann meine ich nicht nur Juden und Christen, sondern schließe ausdrücklich auch die Muslime ein. Es ist die gemeinsame Aufgabe von Juden, Christen und Muslimen, jede Form von Menschenverachtung und jede Form von Judenhass als das zu bekämpfen, was sie ist: Blasphemie, ein Angriff auf Gott selbst!

 

Quelle: Pressemitteilung 14.09.2014 – 145a: http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2014/2014-145a-Kundgebung-gegen-Antisemitismus-Ansprache-K-Marx.pdf.

 

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