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Ansprache beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad WaSchem in Jerusalem

Franziskus I. am 26. Mai 2014

 

Auf dem Weg zur Holocaust-Gedenkstätte Jad WaSchem machte Papst Franziskus – einer Anregung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu folgend – Halt am Monument für die Opfer des Terrors am Herzlberg in Jerusalem, wie er zuvor zum Schluss seines Besuchs bei den Palästinensern einer Anregung von Präsident Abbas folgte und an der Mauer in Betlehem im Gebet verweilte. Nachdem er am Monument auf dem Herzlberg einen Moment schweigend im Gebet verharrt hatte, machte der israelische Ministerpräsident den Papst auf die Inschrift aufmerksam, mit der den mehr als hundert Opfern von zwei Attentaten 1992 und 1994 in Buenos Aires gedacht wird. So wurde Franziskus von einer traumatischen Erfahrung seiner bischöflichen Zeit in Buenos Aires eingeholt.

Papst Franziskus bewegte die Öffentlichkeit Israels besonders mit seinen Worten in Jad WaSchem. Er trug ein Wort der Trauer, eine Klage, eine Bitte um die Fähigkeit zur Scham, eine Meditation über die Abgründe des Menschen vor. Er tat es mit poetischen Worten und wechselte – darin manchem biblischen Psalm nahe – die Rolle des je Sprechenden. Er begann mit einem Gotteswort, einer Gottesfrage, welche die ansonsten übliche Frage der Theodizee, wo denn Gott in Auschwitz gewesen sein, umkehrte und den Menschen zur Rechenschaft zog: „Adam, wo bist du?“ (vgl. Genesis 3,9). Angesichts der „unermesslichen Tragödie“ der Schoa wird der Mensch herausgefordert: „Mensch, wer bist du?“. Franziskus lässt dieser herausfordernden Frage eine Gewissenserforschung folgen, die schließlich auf das Bekenntnis zuführt. Es ist das Bekenntnis einer „Seele in Ängsten“, die zu Gott schreit und um Vergebung bittet: „Höre, Herr, erbarme dich!“ Die Meditation klingt im bittenden Ruf an Gott aus: „Denk an uns in deiner Barmherzigkeit“. Der Meditation folgte in Jad WaSchem eine Begegnung mit sechs Überlebenden der Schoa.

 

„Adam, wo bist du?“ (vgl. Gen 3,9).

Wo bist du, o Mensch? Wohin bist du gekommen?

An diesem Ort, der Gedenkstätte an die Shoah, hören wir diese Frage Gottes wieder erschallen: „Adam, wo bist du?“

In dieser Frage liegt der ganze Schmerz des Vaters, der seinen Sohn verloren hat.

Der Vater kannte das Risiko der Freiheit; er wusste, dass der Sohn verlorengehen könnte… doch vielleicht konnte nicht einmal der Vater sich einen solchen Fall, einen solchen Abgrund vorstellen!

Jener Ruf „Wo bist du?“ tönt hier, angesichts der unermesslichen Tragödie des Holocaust wie eine Stimme, die sich in einem bodenlosen Abgrund verliert…

Mensch, wer bist du? Ich erkenne dich nicht mehr.

Wer bist du, o Mensch, Wer bist du geworden?

Zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen?

Was hat dich so tief fallen lassen?

Es ist nicht die Erde vom Ackerboden, aus der du gemacht bist. Die Erde vom Ackerboden ist gut, ein Werk meiner Hände.

Es ist nicht der Lebensatem, den ich in deine Nase geblasen habe. Jener Atem kommt von mir, er ist sehr gut (vgl. Gen 2,7).

Nein, dieser Abgrund kann nicht allein dein Werk sein, ein Werk deiner Hände, deines Herzens… Wer hat dich verdorben? Wer hat dich verunstaltet?

Wer hat dich angesteckt mit der Anmaßung, dich zum Herrn über Gut und Böse zu machen?

Wer hat dich überzeugt, dass du Gott bist? Nicht nur gefoltert und getötet hast du deine Brüder, sondern du hast sie als Opfer dir selber dargebracht, denn du hast dich zum Gott erhoben.

Heute hören wir hier wieder die Stimme Gottes: „Adam, wo bist du?“

Vom Boden erhebt sich ein leises Stöhnen: Erbarme dich unser, o Herr!

Du Herr, unser Gott, bist im Recht; uns aber treibt es die Schamröte ins Gesicht, die Schande (vgl. Bar 1,15). Ein Übel ist über uns gekommen, wie es unter dem ganzen Himmel noch nie geschehen ist (vgl. Bar 2,2).

Jetzt aber, o Herr, höre unser Gebet, erhöre unser Flehen, rette uns um deiner Barmherzigkeit willen. Errette uns aus dieser Ungeheuerlichkeit. Allmächtiger Herr, eine Seele in Ängsten schreit zu dir. Höre, Herr, erbarme dich! Wir haben gegen dich gesündigt. Du thronst in Ewigkeit (vgl. Bar 3,1-3).

Denk an uns in deiner Barmherzigkeit. Gib uns die Gnade, uns zu schämen für das, was zu tun wir als Menschen fähig gewesen sind, uns zu schämen für diesen äußersten Götzendienst, unser Fleisch, das du aus Lehm geformt und das du mit deinem Lebensatem belebt hast, verachtet und zerstört zu haben.

Niemals mehr, o Herr, niemals mehr!

„Adam, wo bist du?“

Da sind wir, Herr, mit der Scham über das, was der als dein Abbild und dir ähnlich erschaffene Mensch zu tun fähig gewesen ist.

Denk an uns in deiner Barmherzigkeit.

 

Quelle: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2014/may/documents/papa-francesco_20140526_terra-santa-memoriale-yad-vashem.html.


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