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Ansprache beim Besuch des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz in der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem

Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz am 2. März 2007

 

Bei ihrer ersten gemeinsamen Reise ins Heilige Land besuchten die 27 Ortsbischöfe der katholischen Kirche in Deutschland, als Gremium „Ständiger Rat der Deutschen Bischofskonferenz“ genannt, am 2. März 2007 die Holocaust-Gedenkstätte Yad VaShem in Jerusalem. Dieser Besuch fand kein so starkes Echo in der Öffentlichkeit wie israelkritische Gefühlsäußerungen einiger Bischöfe während der Reise angesichts des Walls zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten. Beim Besuch der Gedenkstätte hielt Kardinal Karl Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz eine Ansprache, die nicht nur die bemerkenswerte Aussage enthielt „Niemand kann frei sein, der frei sein will vom Gedenken an die Shoa“, sondern sich auch um eine Vertiefung der kirchlichen Gewissenserforschung bemühte. Kardinal Lehmann würdigte dankbar die neuen Beziehungen zwischen Juden und Christen und tat seiner Freude kund, dass sich in der „Allee der Gerechten“ der Holocaustgedenkstätte auch eine Gedenktafel für seinen langjährigen Vorgänger im Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Joseph Kardinal Höffner (1906-1987) findet, der als junger Pastor in der nationalsozialistischen Zeit ein jüdisches Mädchen gerettet hat.

 

Während ihres Besuches im Heiligen Land haben die deutschen Bischöfe eine Reihe froher und sogar beglückender Stunden erlebt. Aber diese Pilgerreise in die Heimat Jesu wäre verkürzt und nicht wahrhaftig, hätte uns der Weg nicht auch in die Gedenkstätte Yad Vashem geführt. Nicht die berechtigten Erwartungen anderer haben unsere Schritte an diesen Ort gelenkt. Als Söhne des deutschen Volkes hätten wir vielmehr die eigene Geschichte, ja uns selbst verleugnen müssen, wenn wir diese Stätte der Erinnerung nicht besucht hätten. Für uns Bischöfe aus Deutschland gilt, was Papst Benedikt XVI. am 28. Mai 2006 in seiner Ansprache im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gesagt hat: „Ich konnte unmöglich nicht hierher kommen. Ich musste kommen.“

Wir haben uns in Yad Vashem versammelt, um uns vor den Opfern jener Verbrechen gegen Gott und die Menschen zu verneigen, die – mit einem Wort des Heiligen Vaters – „ohne Parallele in der Geschichte“ sind. Wir gedenken der Ermordung von sechs Millionen Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus von Deutschen und im deutschen Namen ermordet wurden. Sie waren Opfer eines Rassenwahns, der die im Menschen schlummernden Möglichkeiten zum Bösen ganz und gar offen gelegt hat. Die Shoa, wie der systematische Massenmord von den Juden genannt wird, „Auschwitz“, wie wir Deutsche in Anlehnung an den Namen des größten Vernichtungslagers sagen, darf nie vergessen werden. Dies schulden wir denen, die millionenfach zu Tode gebracht wurden, und dem ganzen jüdischen Volk, das für immer durch die Untaten gezeichnet bleibt, die ihm angetan wurden. Wir schulden unser Gedenken aber auch den nachwachsenden Generationen in allen Völkern, deren gute Zukunft nicht gesichert sein kann, wenn sie sich mit dem Rücken zu jenen Abgründen unserer Zivilisation und des Menschen selbst stellen, die in der Shoa dem ganzen Menschengeschlecht offen vor Augen getreten sind. Für das deutsche Volk gilt in besonderer Weise, was letztlich allen Nationen mit auf den Weg gegeben ist: Niemand kann frei sein, der frei sein will vom Gedenken an die Shoa.

Wir Deutsche dürfen uns auch heute – mehr als 60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus – nicht der Last entledigen, die die monströsen Verbrechen von damals uns auferlegen. Wir wissen um unsere Mithaftung und empfinden bleibende Scham.

Viele in unserem Volk haben lange gebraucht, um sich der Verantwortung zu stellen. Manche verdrängen bis heute. Aufs Ganze gesehen hat unser Volk jedoch anzuerkennen gelernt, dass sich weit mehr Deutsche persönlich schuldig gemacht haben, als ihre Mitschuld einzugestehen bereit waren. Wir lehnen die Vorstellung einer Kollektivschuld ab, aber gerade der geschärfte moralische Blick, der sich allgemeinen Schuldzuschreibungen versagt, lässt uns erkennen: Schuld trugen nicht allein die Täter vor Ort und die politische Führung. Mitschuld in unterschiedlichem Maße haben auch diejenigen auf sich geladen, die weggesehen haben. Niemand sollte den Druck verkennen, dem die Bevölkerung damals ausgesetzt war, niemand das Ausmaß von Desinformation und Einschüchterung verkennen. Aber auch wenn sich den Nachgeborenen alle Überheblichkeit im Urteil verbietet, ist doch unbezweifelbar, was die deutschen Bischöfe in ihrem Wort zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 25. Januar 2005 festgestellt haben: Es „bleibt unserem Volk das Eingeständnis zugemutet, dass Auschwitz auch deshalb möglich wurde, weil zu wenige den Mut zum Widerstand hatten.“

Auch die Kirche musste sich einer schmerzhaften Gewissenserforschung stellen, die auch heute nicht einfach beendet sein kann. Wir fragen, ob wir als Kirche in den Zeiten der Verfolgung unserer jüdischen Mitbürger hellhörig genug waren für die Stimmen der Verzweifelten und die Stimmen aus den Gräbern. Wir legen Rechenschaft ab über die lange Geschichte des Antijudaismus unter den Christen und in der Kirche und wissen uns herausgefordert von der Frage der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden, „ob die Verfolgung der Juden nicht doch auch von antijüdischen Vorurteilen“, die unter den Christen virulent waren, „begünstigt wurde“ („Wir erinnern: eine Reflexion über die Shoa“, 1998). Ebenso erinnern wir uns an das Schuldbekenntnis der Katholischen Kirche, das Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000 gesprochen hat. Es enthält ein „Schuldbekenntnis im Verhältnis zu Israel“, das der Heilige Vater bei seiner Pilgerreise im gleichen Jahr an der Klagemauer hinterlegt hat: „Lass die Christen“ – so heißt es dort – „der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Verheißungen begangen haben.“

Wir sind dankbar, dass über den Gräbern der Geschichte inzwischen ein neues und verheißungsvolles Kapitel der Beziehungen zwischen Christen und Juden, die wir als die „älteren Brüder im Glauben“ anerkennen, aufgeschlagen worden ist. Diesem Weg der Erneuerung und Versöhnung bleiben wir Katholiken aus Deutschland in besonderer Weise verpflichtet. Der freundliche Willkommensgruß, den Oberrabbiner Jona Mezger, auch er ein

Mann mit deutschen Vorfahren, unserer Bischofsdelegation in diesen Tagen in Jerusalem entrichtet hat, bestärkt uns in der Überzeugung, dass Vertrauen gewachsen ist. Neue Wege des Zueinanders sind nicht nur möglich. Wir haben bereits begonnen, sie gemeinsam zu begehen.

Voller Dankbarkeit durften wir Bischöfe an diesem Tage an der Gedenktafel zusammenkommen, die in der „Allee der Gerechten“ in Yad Vashem an den früheren Erzbischof von Köln und langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Joseph Kardinal Höffner, erinnert. Im Dezember des zurückliegenden Jahres haben wir seines 100. Geburtstages gedacht. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft ein junger Pastor, hat Joseph Höffner ein jüdisches Mädchen versteckt und vor der Vernichtungsmaschinerie bewahrt. Er steht für jene katholischen Geistlichen, die sich den Verbrechen der Nazis entschlossen widersetzt haben. Manche von ihnen erfahren in Yad Vashem ein ehrendes Gedenken. Mit Kardinal Höffner, der nie über seine Rettungstat gesprochen hat, ehren wir heute all diejenigen, welchen Glaubens und welcher Weltanschauung auch immer, die sich in der dunkelsten Stunde unseres Volkes weigerten, der Menschlichkeit abzuschwören. Für uns Katholiken und Bischöfe sind sein Glaubensmut und seine unerschütterliche Humanität ein verpflichtendes Vorbild.

Sich vor Kardinal Höffner an diesem Tage zu verneigen, bedeutet zugleich, in Gegenwart und Zukunft den Kampf gegen das Übel des Antisemitismus fortzusetzen, der auch heute noch in Deutschland und Europa immer wieder sein Unwesen treibt. Stets muss die Kirche auch dort präsent sein, wo Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gedeihen und zerstörerische Ideologien der Verachtung das friedliche Zusammenleben der Menschen bedrohen. Wir sind berufen und verpflichtet, Zeichen des göttlichen Widerspruchs gegen Hass und Ausgrenzung in unserer Welt des Unfriedens zu sein.

 

Quelle: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Lange Wege – Dokumente zur Versöhnungsarbeit der Katholischen Kirche in Deutschland – 22. Juni 2009 (Arbeitshilfen 227), Bonn 2009, 11.

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