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Begrüßung zur Begegnung von Repräsentanten der Deutschen Bischofskonferenz, des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland und der deutschen Rabbinerkonferenzen in Augsburg

Bischof Heinrich Mussinghoff, Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz am 8. März 2010

 

Für die Pflege der Beziehungen zwischen den Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland hat sich eine neue Tradition von beträchtlicher Bedeutung ausgebildet. Seit 2006 kommt es jährlich in der „Woche der Brüderlichkeit“ zu einem Treffen des Rates der Evangelischen Kirche, der Deutschen Bischofskonferenz und der beiden deutschen Rabbinerkonferenzen (der Allgemeinen und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz). Angeregt wurde diese Tradition durch den Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Viele Jahre hatten Rabbiner bei den evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen und ihren Bibelarbeiten, Podien und Versammlungen im Gebet mitgewirkt und so ein Klima der Offenheit und Gesprächsbereitschaft bei Bischöfen und Rabbinern, bei Frauen und Männern der christlichen Theologie und der jüdischen Gelehrsamkeit gefördert. Aber dennoch gab es ein Defizit öffentlicher Präsenz der Rabbinerkonferenzen im christlich-jüdischen Austausch. Um dieses zu überwinden, entstand der Gedanke, eine mit der jährlichen „Woche der Brüderlichkeit“ verbundene eigene Tradition des Austauschs zu schaffen. Bei der fünften Begegnung am 8. März 2010 in Augsburg sprach der Vorsitzende der Unterkommission für die Beziehungen zum Judentum, Bischof Heinrich Mussinghoff, das Grußwort. Er nutzte es, um die junge Tradition der Begegnung und ihren Ertrag zu würdigen.

 

Sehr geehrter Präses Schneider,

sehr geehrter Herr Landesrabbiner Dr. Brandt,

sehr geehrte Herrn Rabbiner Soussan und Engelmayer,

verehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Gribl,

verehrte Rabbiner, Bischöfe und Landesbischöfe,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich habe die ehrenvolle Aufgabe, Sie im Namen der Veranstalter zu diesem Treffen zwischen Rabbinern und Kirchen begrüßen zu dürfen. Dieses Treffen findet nun schon zum fünften Mal statt und ist damit fast zu einer guten Tradition im Verhältnis von Juden und Christen in diesem Land geworden. Es freut mich, dass das heutige Treffen hier im Goldenen Saal der Stadt Augsburg stattfindet und danke Ihnen, Herr Oberbürgermeister Dr. Gribl, herzlich für Ihre Gastfreundschaft. Sie geben unserem Treffen einen wahrhaft würdigen Rahmen. Mein Dank gilt auch allen, die dieses Treffen vorbereitet haben, insbesondere dem Vorstand und Präsidium des Deutschen Koordinierungsrates.

In den letzten fünf Jahren ist es uns gelungen, einen Dialog zu führen, in dem auch schwierige Themen in gegenseitigem Respekt und wechselseitiger Wertschätzung erörtert werden konnten. Wir haben Gemeinsames zum Ausdruck gebracht, ohne Unterschiede außer Acht zu lassen. So konnten wir auf dem „unwiderruflichen Weg des Dialogs, der Brüderlichkeit und der Freundschaft“ voranschreiten, von dem Papst Benedikt XVI. bei seinem jüngsten Besuch in der römischen Synagoge gesprochen hat. Der Dialog zwischen Juden und Christen betrifft gewiss zunächst unsere Gemeinschaften. Er wirkt aber darüber hinaus auch in die Gesellschaft hinein und muss es auch. Denn der Gott, den Christen und Juden bezeugen, ist ja nicht nur „unser Vater“, sondern auch „König der Welt“. Sein Wort ist nicht nur an uns gerichtet, sondern an alle Völker der Erde.

Das Thema unseres heutigen Treffens führt uns die universale Botschaft des Monotheismus deutlich vor Augen. Unter dem Titel „Verlorene Maßstäbe“ wollen wir die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise im Lichte unserer theologischen Traditionen bedenken. Wir gehen davon aus, dass die tiefere Ursache der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in einem ethischen Defizit unseres ökonomischen Handelns liegt und dass sich aus der christlichen und aus der jüdischen Tradition auch Maßstäbe für das wirtschaftliche Handeln und für die politische Gestaltung des Wirtschaftssystems entwickeln lassen. Maßstäbe, die dem Wohl der ganzen Menschheit dienen.

Der wichtigste Maßstab an wirtschaftliches Handeln ist die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist ein Schlüsselwort seit den Tagen der Propheten, ein Schlüsselwort der jüdischen Tradition und des christlichen Glaubens: limdu heteb dirschu mischpat aschru chamoz schiftu jatom ribu almana – „Lernt Gutes tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht und tretet ein für die Witwen!“ (Jes 1,17) In diesen Sätzen fasst Jesaja die Botschaft zusammen, die Amos, Hosea oder Micha in noch zornigeren Worten verkünden. Die Propheten werden nicht müde, den Egoismus der Reichen, die Beugung des Rechts und die Missachtung der Schwachen anzuklagen. Ob wir es mit der Gerechtigkeit ernst meinen, zeigt sich daran, ob wir das Recht derer achten, die selbst zu schwach sind, ihr Recht durchzusetzen, die Witwen, Waisen und Fremden.

Dieser Maßstab galt im alten Israel und er gilt noch heute. Die Wirtschaftskrise trifft gegenwärtig vor allem die Schwachen in unserer Gesellschaft, die Alleinerziehenden, die schlecht Ausgebildeten, die Migranten. Und wenn wir den Blick über Europa hinaus richten, müssen wir feststellen, dass es vor allem die schwächsten Länder und Völker sind, die unter den Folgen der Wirtschaftskrise und des Klimawandels zu leiden haben, die wir in Europa und Nordamerika verursacht haben. Leiden bedeutet dort nicht eine Minderung des Wohlstands, sondern Hunger, Krankheit und Tod. Daran haben die katholischen Bischöfe in den G8-Staaten im vergangenen Jahr in einem gemeinsamen Brief an ihre Staatschefs erinnert. Es heißt dort:

„Wenn bei politischen Entscheidungen zuerst an die Auswirkungen auf die Armen und Schwachen gedacht wird, dann wird zum Wohl aller beigetragen werden. Als Menschheitsfamilie sind wir nur so stark wie unsere schwächsten Mitglieder.“[1]

Gerecht sind politische Entscheidungen, wenn wir sie im Angesicht der Schwachen und Leidenden rechtfertigen können. An dieser prophetischen Tradition, genauer an Jesaja 30, hat sich auch der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland in seinem Wort zur Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise orientiert.[2]

Gerechtigkeit ist ein Schlüsselwort unseres Glaubens. Wir dürfen uns die Propheten nicht einfach als Gesellschaftskritiker vorstellen. In ihrer Klage über das Unrecht erinnern sie an den Auszug Israels aus Ägypten und den Bundesschluss am Sinai. Sie erinnern daran, dass die Frevler in ihrem selbstsüchtigen Handeln nicht nur das Recht der Schwachen missachten, sondern auch den Bund mit Gott brechen. Deshalb empört es Amos und Jesaja, dass diejenigen, die die Gebote Gottes missachten, sich gleichwohl für fromm halten, weil sie am Opferkult im Tempel teilnehmen. Sie kritisieren nicht den Gottesdienst oder den Tempelkult, wohl aber die Trennung von Religion und Ethik.

Die mosaische Verbindung von Religion und Ethik, die Zusammenfügung der beiden Gebotstafeln zu dem einen Dekalog stellt religions- und kulturgeschichtlich ein Novum dar. Mord, Ehebruch, Diebstahl und Meineid waren natürlich auch bei den Nachbarvölkern Israels verboten. Doch Gerechtigkeit war eine Sache der Menschen, nicht der Götter. In den meisten Gesellschaften des alten Orients galt der Satz: Menschen verlangen nach Recht und Götter verlangen Opfergaben. Genau diese Trennung von Religion und Ethik oder, biblisch gesprochen, von Gottes- und Nächstenliebe erregte den Zorn der Propheten. Der biblische Monotheismus macht die Gerechtigkeit zur Sache Gottes. Wer das Recht des Menschen missachtet, beleidigt auch Gott. Man kann nicht fromm sein, ohne gerecht zu sein.

Ganz im Sinne der Propheten sieht auch Jesus von Nazaret das Zentrum des Glaubens in der Gottes- und Nächstenliebe (vgl. Mt 22,37-39 parr). „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“ (Mt 22,40) Was das bedeutet, formuliert der Verfasser des ersten Johannes-Briefes in Worten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4,20) Es geht hier nicht um die Gegenüberstellung von christlicher Liebesethik und jüdischer Gerechtigkeitsethik. Denn Liebe meint im Neuen Testament kein romantisches Gefühl, sondern ein Handeln, das dem anderen gerecht wird. Und wer ist der andere? Nach der Matthäus-Apokalypse (Mt 25,31-46) sind es vor allem die Hungernden, Fremden, Obdachlosen, Kranken und Gefangenen, für die die Jünger Jesu einzustehen haben. Denn: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt“, so Jesus weiter, „das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40b) Deshalb ist Gerechtigkeit ein Schlüsselwort auch des christlichen Glaubens.

Wenn wir uns heute mit aktuellen ethischen Herausforderungen befassen, sei es wie in unserem internen Gespräch mit medizinethischen Fragen oder wie in dieser Veranstaltung mit Fragen der Wirtschaftsethik, dann verlassen wir keineswegs den Bereich, für den wir als Kirchenleitungen und Rabbiner zuständig sind. Im Gegenteil! Wenn wir uns diesen Herausforderungen nicht stellen würden, würden wir unserem Auftrag untreu, das Recht unter die Völker zu bringen (vgl. Jes 42,1b).

Aus meiner Sicht würden wir unserem Auftrag auch nicht gerecht, wenn wir uns auf die Erziehung und Gewissensbildung beschränkten. Natürlich ist es wichtig, das Gewissen des Einzelnen zu bilden, Kinder und Jugendliche in die christliche oder in die jüdische Tradition einzuführen, sie mit dem Erbe der Propheten vertraut zu machen und sie zum Einsatz für Gerechtigkeit zu motivieren. Deshalb engagieren wir uns im Erziehungs- und Bildungsbereich von Kindertageseinrichtungen bis zu Hochschulen.

Doch wenn wir unserem Auftrag gerecht werden wollen, dürfen wir uns nicht in die Kirchen und Synagogen zurückziehen. Wir müssen vielmehr als Christen und als Juden auf den öffentlichen Plätzen präsent sein, uns an den öffentlichen Debatten beteiligen und das prophetische Erbe in den öffentlichen Diskurs einbringen. In unserer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft setzt dies voraus, dass wir unsere ethischen Überzeugungen in die säkularen Sprachen von Politik, Recht und Wirtschaft übersetzen und uns mit konkurrierenden Positionen auseinandersetzen. Wir müssen uns den Fragen nach dem Verhältnis von unternehmerischer Freiheit und staatlichen Regulierungen, nach ökologischen und sozialen Kriterien für Produktion und Konsum, nach Regeln für den Wettbewerb und für die Gestaltung der internationalen Finanzmärkte und nicht zuletzt auch den Fragen der Armutsbekämpfung stellen. Das wird uns gewiss nur im Dialog mit Wirtschafts- und Finanzexperten gelingen. Aber umgekehrt gilt eben auch: Eine dauerhafte Lösung der Wirtschaftskrise kann nur gefunden werden, wenn auch die Frage nach der Gerechtigkeit beantwortet wird.

Das theologische und philosophische Nachdenken über Gerechtigkeit zehrt bis auf den heutigen Tag von dem prophetischen Erbe, das Juden und Christen gemeinsam ist. Dieses gemeinsame Erbe ist in der jüdischen und in der christlichen Tradition unterschiedlich angeeignet und fortgeführt worden. Es freut mich, dass Herr Rabbiner Jaron Engelmayer aus Köln die ethischen Herausforderungen durch die Wirtschaftskrise aus jüdischer Sicht darstellen wird. Danach wird Präses Nikolaus Schneider aus Düsseldorf in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland die wirtschafts- und sozialethischen Fragen aus christlicher Sicht behandeln. Beiden Referenten sage ich schon jetzt ein herzliches Dankeschön. Meinen Dank verbinde ich mit der Hoffnung, die Papst Benedikt XVI. in seiner bereits erwähnten Rede in der römischen Synagoge so formuliert hat: „Es liegt an uns, als Antwort auf den Ruf Gottes dafür zu arbeiten, dass der Raum des Dialogs, des gegenseitigen Respekts, des Wachsens in der Freundschaft, des gemeinsamen Zeugnisses angesichts der Herausforderungen unserer Zeit immer offen bleibt; sie fordern uns dazu auf, für das Wohl der Menschheit zusammenzuarbeiten, in dieser von Gott, dem Allmächtigen und Barmherzigen, geschaffenen Welt.“

 

Quelle: Pressemitteilung 08.03.2010 039a: http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse/2010-039a-WdBruederlichkeit-B_Mussinghoff.pdf.


[1] Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 24. Juni 2009.

[2] Wie ein Riss in einer hohen Mauer. Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise (= EKD-Texte 100), Hannover 2009.

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