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Beitrag „Mission, Zeugnis und Rechenschaft“ im internen Gespräch mit den Rabbinerkonferenzen Deutschlands in Mannheim

Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz am 12. März 2007

 

In einem Umfeld der katholisch-jüdischen Beziehung, das durch die Kontroverse um die Reise des Ständigen Rats der Deutschen Bischofskonferenz ins Heilige Land vom 27. Februar bis 5. März 2007 belastet war, kam es zum zweiten Mal zu einer Begegnung von Repräsentanten der Deutschen Bischofskonferenz, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Allgemeinen und Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Zur jungen Tradition dieser Treffen, welche durch eine Initiative des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit angestoßen war und 2006 begann, gehört ein interner Austausch über beiderseits wichtige Fragen und Themen, dem eine öffentliche Veranstaltung zu einem anderen Thema folgt. Das interne Mannheimer Treffen setzte sich mit dem Thema von Dialog und Mission auseinander. Für die Deutsche Bischofskonferenz sprach ihr Vorsitzender, Kardinal Karl Lehmann. Er gab seinem Beitrag die Überschrift „Mission, Zeugnis und Rechenschaft“.

 

Judenmission – ein belastetes Wort

Für das Gespräch im engeren Kreis zwischen den Mitgliedern der Rabbinerkonferenz und den Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz ist von Seiten der Rabbinerkonferenz ein Thema vorgeschlagen worden, das zwischen Juden und Christen zu den am meisten belasteten gehört. Im Wort „Mission“, zumal im Wort von der „Judenmission“, ballt sich alles zusammen, was Juden von christlicher Seite durch die Jahrhunderte an Missachtung widerfahren ist, in Wort und nicht zuletzt in schrecklicher Tat. Um nur einige der Ihnen allen wohl bekannten Stereotypen und Klischees hier zu nennen: Gegenstand der „Mission“, nicht selten unter entwürdigenden und mit Zwang verbundenen Umständen, waren die „ungläubigen Juden“. Dabei wurde aus dem lateinischen „perfidi Judaei“ leicht „perfide“ oder „treulos“. Das antijudaistische Klischee sah dann vielfach so aus: Die „treulosen Juden“, die Jesus Christus, Sohn Gottes nach dem Glauben der Christen, nicht nur als Messias abgewiesen, sondern ihn der Verurteilung zum Tod ausgeliefert hatten und dadurch zu „Gottesmördern“ wurden, hatten damit ihre Würde, Gottes auserwähltes Volk zu sein, verspielt. Die Rede vom „einstmals auserwählten Volk“ war vielfach gängig. Missachtung, soziale Deklassierung, Zwangstaufen, Verfolgung und Vertreibung verbinden sich mit dem Wort Judenmission. Und da alles Leid, das dem jüdischen Volk durch die Jahrhunderte widerfahren ist, seinen schrecklichen Kulminationspunkt in der Schoa fand, im Holocaust, verbinden sich für viele die Worte „Mission“ bzw. „Judenmission“ heute wenigstens faktisch auch mit dieser Menschheitskatastrophe. Und so gibt es Historiker, die gleichsam eine verständlicherweise direkte Verbindung herstellen zwischen der in der „Judenmission“ zum Ausdruck kommenden theologischen Bestreitung des jüdischen Existenzrechts und der auf Vernichtung zielenden physischen Auslöschung jüdischer Existenz durch den Holocaust (so Raul Hilberg).

Nun haben genauere historische Untersuchungen vor allem der letzten Jahre gezeigt, dass auch das tradierte Bild des christlichen Antijudaismus in zwei Jahrtausenden einer detaillierteren Betrachtung bedarf. Auch dieses Bild hat Züge des Stereotypen angenommen, wie es immer der Fall zu sein pflegt, wenn Verallgemeinerungen im Blick auf größere historische oder regionale Zusammenhänge vorgenommen werden. Das Bild des christlichen Antijudaismus wird differenzierter, betrachtet man es in seinen zeitlichen und in seinen regionalen Aspekten. Die Zeit der alten Kirche, nach der sog. „Konstantinischen Wende“, stellt sich anders dar als die Zeit des frühen oder des hohen Mittelalters, und diese Zeit zeigt sich wiederum anders als etwa Spätmittelalter, Neuzeit, die Zeit der Aufklärung oder die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts. Zu den zeitlichen Differenzierungen kommen regionale, nach Ost und West, nach verschiedenen Ländern. Krudester Antijudaismus kann im gleichen Zeitraum neben differenzierter, um Gerechtigkeit gegenüber dem jüdischen Volk bemühter Sicht stehen, Brüche finden sich nicht selten in ein und derselben Person.

Aber all dieses, wodurch vielleicht einseitige Wahrnehmungen vielschichtiger werden, kann doch insgesamt eines nicht verdecken: Die Existenz des jüdischen Volkes in christlicher Umgebung war nur zu oft eine heikle und vielfach gefährdete. Und die Worte „Mission“ oder „Judenmission“ sind bis heute geeignet, alles an Bedrohung jüdischer Existenz durch die Jahrhunderte zu vergegenwärtigen.

Gibt es hier einen Ausweg aus diesem anscheinend unlöslichen Dilemma für das Christentum, das doch zu Recht als eine missionarische Religion angesehen wird und sich auch selbst so versteht?

 

Es gibt in der katholischen Kirche keine judenmissionarischen Aktivitäten

Lassen Sie mich den Versuch meiner Antwort mit der Feststellung eines Faktums beginnen. Ich beziehe mich dabei auf meine Erklärung vom 28. Oktober 2005 als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz zum vierzigsten Jahrestag der Verabschiedung der Erklärung „Nostra Aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils. Damals habe ich gesagt, als Folge des vor allem durch diese Konzilserklärung ausgelösten Umdenkens der katholischen Kirche habe diese „auch über ihre lange vertretene Überzeugung selbstkritisch nachgedacht, Juden müssten, um das Heil erlangen zu können, getauft werden. Es wurde zunehmend bewusst, dass Mission als Ruf zur Umkehr vom Götzendienst zum lebendigen und wahren Gott (1 Thess 1,9) nicht auf Juden angewandt werden kann. Hierin gründet das Faktum, dass es heute keine judenmissionarischen Aktivitäten der katholischen Kirche mehr gibt. Zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk geht es um die Begegnung ‚auf der Ebene ihrer je eigenen religiösen Identität‘ (Papst Johannes Paul II. am 12. März 1979)“. Ich habe damals hinzugefügt: „Einzelne Konversionen, die aufgrund einer sehr persönlichen Entscheidung erfolgen, sind darum nicht ausgeschlossen.“

Es gibt also heute keine judenmissionarischen Aktivitäten und entsprechende Organisationen der katholischen Kirche. In diesem Sinn hat sich auch mehrfach der Präsident der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Kardinal Kasper, geäußert.

Welche Bedeutung hat das genannte Faktum? Handelt es sich um eine bloß pragmatische Regelung oder zeigt sich hier so etwas wie eine grundsätzliche Entscheidung der katholischen Kirche? Dies letztere ist der Fall. Freilich wird sich zeigen, dass diese Entscheidung – keine judenmissionarischen Aktivitäten und auch keine entsprechenden Organisationen – Randunschärfen hat vor allem, was die theologischen Begründungen betrifft. Es gibt offene Fragen, um deren Beantwortung zu ringen uns weiterhin aufgetragen ist. Sie stellen aber das Faktum selbst und seine Bedeutung nicht in Frage.

 

Eine geistliche Verbundenheit – Nostra Aetate als Wende

Es bedarf, um diese Entscheidung recht zu verstehen, noch einmal eines Blicks auf die Kernaussagen von Nostra Aetate. Nostra Aetate ist eine amtliche Erklärung der höchsten Autorität in der katholischen Kirche, nämlich eines mit dem Papst verbundenen Konzils. Die Verbindlichkeit kann also in diesem Rahmen fast nicht mehr gesteigert werden. Inhaltlich war die Erklärung eine fast totale Kehrtwendung im Blick auf die bisherigen Äußerungen, weswegen die Auseinandersetzungen während des Konzils und die Diskussion nach dem Konzil innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche auch heftig waren. Dieser Text war so etwas wie ein Startschuss. Er weist zugleich nach vorne und darf deshalb nicht allein in sich selbst abschließend beurteilt werden. Die nachfolgenden Dokumente sowohl des Papstes und der zuständigen römischen Einrichtungen wie der verschiedenen Bischofskonferenzen, nicht zuletzt der Deutschen Bischofskonferenz sind mit zu sehen. Nostra Aetate bleibt aber so etwas wie eine Magna Charta des Verhältnisses zwischen Kirche und Judentum.

Für unsere Fragestellung sind besonders die Hinweise auf die bleibende Verbundenheit zwischen Juden und Christen wichtig. Im Blick auf die Juden wird festgestellt, es widerspreche der biblischen Wahrheit, wenn gesagt wird, die Juden seien „von Gott verworfen oder verflucht“. Unter Hinweis auf Röm 11,28 bekräftigt das Konzil im Gegenteil, dass die Juden „weiterhin von Gott geliebt werden“, der sie mit einer „unwiderruflichen Berufung“ erwählt hat. Und im Blick auf die Kirche wird gesagt: Kirche und jüdisches Volk sind bis heute vielfältig miteinander verbunden. Die Kirche hat jüdische Wurzeln. Darum gibt es eine geistliche Verbundenheit der Kirche mit dem Judentum von der Wurzel her.

Es ist klar, dass damit jede Form von Antisemitismus abgelehnt wird, dass Antijudaismus sich nun nicht mehr auf christliche Motive und kirchliche Argumente berufen kann.

Wie schon Paulus wusste, zerstören die Christen die Grundlage ihres eigenen Glaubens, wenn sie die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk Israel bestreiten (vgl. Röm 11). Die Kirche ist durch ein untrennbares Band mit dem Judentum verbunden, und sie wurzelt konstitutiv im Judentum. Die Herkunft Jesu aus dem Judentum ist nicht zufällig, sondern bestimmt seine Identität, und damit auf bestimmte Weise auch die der Christen. Jesu Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – der Gott des auserwählten Volkes. Kein anderer ist der Gott der Christen. Die Katholische Kirche ist heute überzeugt, dass der Bund Gottes mit dem Volk Israel durch den in Christus begründeten „neuen Bund“ nicht aufgehoben ist. So überrascht auch nicht, dass Papst Johannes Paul II., der unendlich viel für ein neues Verhältnis der Kirche zum Judentum getan hat und dabei mit großer Eindringlichkeit auch von den Verbrechen gesprochen hat, deren sich Christen im Laufe der Zeiten an Juden schuldig gemacht haben, diese als die „älteren Brüder“ der Christen bezeichnen konnte.

Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses eines Bandes geistlicher Verbundenheit ist christlich die Frage der so genannten „Judenmission“ zu stellen. In einer Meditation „Das Erbe Abrahams“ hatte Kardinal Ratzinger, der jetzige Papst Benedikt XVI., gesagt: „Es ist offensichtlich, dass der Dialog mit den Juden auf einer anderen Ebene stattfindet als der mit anderen Religionen. Der in der Bibel der Juden, dem Alten Testament der Christen bezeugte Glaube ist für uns nicht eine andere Religion, sondern das Fundament unseres Glaubens.“ Und Kardinal Kasper stellte fest, es beziehe sich „der Begriff der Mission in seinem eigentlichen Sinn auf die Bekehrung von falschen Göttern und Idolen zu dem wahren und einen Gott, der sich selbst in der Heilsgeschichte mit dem auserwählten Volk offenbarte. So kann Mission in diesem strengen Sinn nicht in Bezug auf Juden gebraucht werden, die an den wahren und einen Gott glauben. Deshalb – und dies ist charakteristisch – gibt es keine katholische Missionsorganisation für Juden. Es gibt Dialog mit Juden, keine Mission im genannten engen Sinn mit ihnen.“

 

Offene Grundfragen

Freilich, ich deutete es bereits an, sind damit theologisch keineswegs alle Fragen geklärt. Wenn nach christlichem Verständnis von Jesus Christus als dem universalen Mittler des Heils ausgegangen werden muss, welche Bedeutung hat dies für den christlich-jüdischen Dialog? Es wäre unredlich zu verschweigen, dass darüber im innerkirchlichen Gespräch durchaus kontrovers diskutiert wird. In einem Briefwechsel mit dem Gesprächskreis „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken aus jüngster Zeit unterstreicht Kardinal Kasper seine Position, dass das Fehlen institutionalisierter oder organisierter Judenmission ein Faktum von theologischer Bedeutung ist, erinnert aber zugleich daran, dass nach Ausweis der Apostelgeschichte Paulus auf seinen Missionsreisen jeweils immer zuerst in den Synagogen Christus verkündet habe. Ich selbst habe bei mehreren Gelegenheiten darauf hingewiesen, dass Nostra Aetate und die darauf folgende Geschichte ohne Zweifel ein erster großer Durchbruch waren, dass es aber eine Reihe zentraler Grundfragen gebe, die noch längst nicht genügend angegangen seien.

 

Ein halachischer Grundentscheid der katholischen Kirche

Vielleicht kann man zum Verständnis des hier zum Ausdruck kommenden kirchlichen Standpunkts zur Frage von Mission und Dialog im Verhältnis von Kirche und jüdischem Volk mit Hans Hermann Henrix auf eine jüdische Kategorialität zurückgreifen. Die jüdische Tradition kennt zwei grundlegende Dimensionen, Kategorien oder Ausdrucksformen. Es ist zum einen die „Halacha“, abgeleitet vom hebräischen Verb halach, d.h. „gehen“. Die „Halacha“ ist der für das rechte Gehen, für das gottgewollte Verhalten maßgebende Traditionsstoff. Davon zu unterscheiden – nicht kategorisch zu trennen – ist die „Haggada“, gerne abgeleitet vom Verb lehaggid, d. h. „erzählen, sagen, vortragen“. Sie meint die Erzählung als Form der Weitergabe der Tradition, aber auch sachlich-inhaltlich die Erklärung, warum etwas als gottgewolltes Verhalten zu gelten hat. „Die Halakah und der Minhag (das Brauchtum) geben an, was der Jude zu tun hat. Die Haggadah und das religiöse Denken in seiner literarischen Überlieferung enthält die Erklärungen dafür, warum er es tun soll bzw. muss.“ „Haggada“ umfasst alles, was nicht „Halacha“ ist. Während die Halacha darauf angelegt ist, durch Abstimmungen, autoritative Bescheide und Entscheide eine „gewisse Gleichförmigkeit in das jüdische Leben zu bringen“ und dieses Leben verbindlich zu regeln bzw. festzulegen, so ist die Haggada offen und frei. Für die Halacha ist eine verpflichtende Verbindlichkeit vonnöten, während in der Haggada eine Freiheit der vielen Stimmen und gegenläufig argumentierenden Voten gegeben ist.

Wenn man von dieser jüdischen Kategorialität zum kirchlichen Verhalten und Denken in Bezug auf Mission und Dialog im Verhältnis zwischen Kirche und Judentum hinüberschaut, kann man sagen: die Entscheidung der Kirche, dass es keine organisierte Judenmission gibt und geben darf, ist die halachische Grundentscheidung der katholischen Kirche. Dessen ungeachtet geht der theologische Disput darüber weiter, wie denn Mission und Dialog im kirchlich-jüdischen Verhältnis näherhin zuzuordnen bzw. zu verstehen sind. Hier gibt es eine „haggadische“ Freiheit der Theologie und der Debatte.

 

Zeugnis von der Treue gegenüber dem Ruf Gottes

Eine eigenständige Formulierung des Konsenses, Proselytenmacherei müsse wie die Absicht der Konversion im Dialog ausgeschlossen sein, hatte der Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken vorgelegt. Dieser Text scheint mir immer noch inhaltlich wie methodisch wegweisend zu sein. In seinem ersten öffentlichen Text „Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs“ vom 8. Mai 1979 führte er u.a. aus: „Die gegenseitige Wertschätzung des je anderen Weges geht also untrennbar in eins mit erheblichen Divergenzen in der Einstellung zu Jesus, ob er der Messias Gottes sei. Dies nötigt weder Juden noch Christen, die fundamentale inhaltliche Klammer des einen rufenden Gotteswillens aufzulösen. Von daher ist es Juden und Christen grundsätzlich verwehrt, den anderen zur Untreue gegenüber dem an ihn ergangenen Ruf Gottes bewegen zu wollen. Dies verbietet sich nicht etwa aus taktischen Erwägungen. Auch Gründe humaner Toleranz sowie die Achtung der Religionsfreiheit sind dafür nicht ausschlaggebend. Der tiefste Grund liegt vielmehr darin, dass es derselbe Gott ist, von dem Juden und Christen sich berufen wissen. Christen können aus ihrem eigenen Glaubensverständnis nicht darauf verzichten, auch Juden gegenüber Jesus als den Christus zu bezeugen. Juden können aus ihrem Selbstverständnis nicht darauf verzichten, auch Christen gegenüber die Unüberholbarkeit der Tora zu betonen. Das schließt jeweils die Hoffnung ein: Durch dieses Zeugnis könne beim anderen die Treue zu dem an ihn ergangenen Ruf Gottes wachsen und das gegenseitige Verstehen vertieft werden. Hingegen soll nicht die Erwartung eingeschlossen sein: Der andere möge das Ja zu seiner Berufung zurücknehmen oder abschwächen“.

 

Respekt und Liebe als Grundlage des jüdisch-christlichen Verhältnisses

Uns allen steht noch der denkwürdige Besuch Papst Benedikt XVI. in der Synagoge von Köln vor Augen und die ihm durch Herrn Rabbiner Netanel Teitelbaum entgegengestreckte Hand des jüdischen Volkes. Zwei wichtige Zukunftsaufgaben hat uns der Papst hinterlassen. Zum einen hat er zur Fortführung eines „aufrichtigen und vertrauensvollen Dialogs“ ermutigt. Darin könne es nicht darum gehen, Unterschiede zu übergehen oder an verharmlosen, vielmehr: „Auch und gerade in dem, was uns aufgrund unserer tiefsten Glaubensüberzeugung unterscheidet, müssen wir uns gegenseitig respektieren und lieben“. – Respektieren und lieben! Und ich füge hinzu: der Respekt und die Liebe, die man einem älteren Bruder schuldet, um noch einmal dieses schöne Wort von Papst Johannes Paul II. aufzugreifen.

Mit dem zweiten Aspekt, dem Eintreten für gemeinsame ethische Grundüberzeugungen, werden wir uns gleich in der öffentlichen Veranstaltung beschäftigen. Zur ersten Zukunftsaufgabe: sich gegenseitig respektieren und lieben „auch und gerade in dem, was uns aufgrund unserer tiefsten Glaubensüberzeugung unterscheidet“. Das mit und nach Nostra Aetate entstandene Bewusstsein tiefer Verbundenheit muss uns das Gespräch darüber möglich machen, was uns verbindet, und auch darüber, was uns trennt. Dass Juden nach den Erfahrungen der Vergangenheit Vorbehalte haben gegenüber dem christlich-jüdischen Gespräch, zumal über belastete Themen, ist nur zu verständlich. Christen haben hier eine Bringschuld.

 

Quelle: Manuskript.

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