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Botschaft an die jüdische Gemeinde zum Pessach-Fest

Benedikt XVI. am 14. April 2008


Vor Antritt seiner Apostolischen Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika vom 15. bis 21. April 2008 grüßte Papst Benedikt XVI. die jüdische Gemeinschaft in den USA und in der ganzen Welt mit einer Botschaft zum Pessachfest, das auf den 20. April 2008 fiel. Der Papst gab dieses Zeichen der Verbundenheit in einer Zeit, in der die Irritation wegen der Karfreitagsfürbitte 2008 zwar noch nachklang, aber nicht zuletzt durch die gewichtige Interpretation der Fürbitte durch Kardinal Walter Kasper als Präsident der Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden versachlicht werden konnte. Wie ein Beitrag zum Brückenschlag des Vertrauens erschien die päpstliche Botschaft mit ihrer Zusammenschau von jüdischem Pessachfest und christlichem Osterfest, in der er bei allen Unterschieden eine Kontinuität zwischen beiden betonte und den Grund für eine gemeinsame Hoffnung auf Gott und seine Huld gelegt sah.
Papst Benedikt XVI. übergab seine vorbereitete Botschaft bei seiner Begegnung mit Vertretern der jüdischen Gemeinde, die am 17. April in dem nach Papst Johannes Paul II. benannten Kulturzentrum in Washington stattfand. Er übergab seine Botschaft mit folgenden Worten: „Meine lieben Freunde! Mein besonderer Friedensgruß gilt der jüdischen Gemeinde in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt, während sie sich darauf vorbereitet, das Pesach-Fest zu feiern. Mein Besuch in diesem Land fällt mit diesem Fest zusammen und erlaubt mir, Ihnen persönlich zu begegnen und Sie meines Gebetes zu versichern, während Sie der Zeichen und Wunder gedenken, die Gott bei der Befreiung seines erwählten Volkes gewirkt hat. Angeregt durch unser gemeinsames spirituelles Erbe vertraue ich Ihnen gerne diese Botschaft an als Zeugnis unserer Hoffnung auf den Allmächtigen und seine Gnade.“


Mein Besuch in den Vereinigten Staaten veranlasst mich, einen herzlichen und tiefempfundenen Gruß an meine jüdischen Brüder und Schwestern in diesem Land und in der ganzen Welt zu richten. Einen umso innigeren Gruß, da das große Pesach-Fest naht. „Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest zur Ehre des Herrn! Für die kommenden Generationen macht euch diese Feier zur festen Regel!“ (Exodus 12, 14). Obwohl die christliche Osterfeier sich in vielem von Ihrer Pesach-Feier unterscheidet, verstehen und erfahren wir sie in der Kontinuität mit den biblischen Erzählungen von den machtvollen Taten, die der Herr an seinem Volk vollbracht hat.

In dieser Zeit Ihres höchsten Festes fühle ich mich Ihnen besonders nahe, gerade aufgrund dessen, was die Konzilserklärung Nostra Aetate die Christen nie zu vergessen mahnt: dass die Kirche „durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die

Offenbarung des Alten Testaments empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind“ (Nostra Aetate, 4). Indem ich mich an Sie wende, möchte ich die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils über die katholisch-jüdischen Beziehungen erneut bekräftigen und die Verpflichtung der Kirche zu dem Dialog wiederholen, der in den letzten vierzig Jahren unsere Beziehungen grundlegend verbessert hat.

Aufgrund dieser Zunahme an Vertrauen und Freundschaft können Christen und Juden sich gemeinsam des tiefen geistlichen Gehaltes des Pascha, eines Gedenkens (zikkarôn) der Freiheit und der Erlösung, erfreuen. Jedes Jahr, wenn wir die Pascha-Geschichte hören, kehren wir zu der gesegneten Nacht der Befreiung zurück. Diese heilige Zeit im Jahr sollte unsere beiden Gemeinschaften dazu aufrufen, nach Gerechtigkeit, Erbarmen und Solidarität gegenüber den Fremden im Land, gegenüber den Witwen und den Waisen zu streben, wie Mose geboten hat: „Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, dort freigekauft. Darum mache ich es dir zur Pflicht, diese Bestimmung einzuhalten“ (Deuteronomium 24, 18).

Am Pascha-Sedermahl erinnern Sie sich an die heiligen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob und an die heiligen Frauen Israels, an Sarah, Rebecca, Rahel und Lea, den Anfang der langen Reihe von Söhnen und Töchtern des Bundes. Im Laufe der Zeit bekommt der Bund einen immer universelleren Wert, da die Verheißung an Abraham Gestalt annimmt: „Ich werde … dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein … Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Genesis 12, 2-3). Tatsächlich erstreckt sich nach dem Propheten Jesaja die Hoffnung auf Erlösung über die ganze Menschheit: „Viele Nationen machen sich auf den Weg; sie sagen: ,Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen‘.“ (Jesaja 2, 3). Innerhalb dieses eschatologischen Horizontes wird eine reale Aussicht auf eine allgemeine Geschwisterlichkeit geboten, die auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens dem Herrn den Weg bereitet (vgl. Jesaja 62, 10).

Christen und Juden teilen diese Hoffnung; in der Tat sind wir, wie der Prophet sagt, „Gefangene voll Hoffnung“ (Sacharja 9, 12). Dieses Band gestattet uns Christen, zusammen mit Ihnen – wenn auch auf unsere eigene Weise – das Pascha von Christi Tod und Auferstehung zu feiern, das wir als mit Ihrem Pascha untrennbar verbunden betrachten, denn Jesus selbst hat gesagt: „Das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4, 22). Unser Ostern und Ihr Pesach, obgleich klar voneinander unterschieden, vereinen uns in unserer gemeinsamen auf Gott und seine Gnade ausgerichteten Hoffnung. Diese Feiern drängen uns, untereinander und mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, um diese Welt für alle zu verbessern, während wir auf die Erfüllung der Verheißungen Gottes warten.

Mit Respekt und in Freundschaft bitte ich darum die jüdische Gemeinde, meinen Pesach-Gruß entgegenzunehmen in einem Geist der Offenheit für die realen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die wir vor uns sehen, wenn wir die dringende Not unserer Welt betrachten und wenn wir voll Mitleid überall das Leiden von Millionen unserer Brüder und Schwestern sehen. Natürlich schließt unsere gemeinsame Hoffnung auf Frieden in besonderer Weise den Mittleren Osten und das Heilige Land ein. Möge das Gedenken an Gottes Gnaden, das Juden und Christen in dieser Festzeit begehen, alle Verantwortlichen für die Zukunft jener Region, in der die Geschehnisse um Gottes Offenbarung tatsächlich stattgefunden haben, zu neuen Anstrengungen anspornen, und besonders zu neuen Einstellungen und zu einer neuen Läuterung der Herzen!

In meinem Herzen wiederhole ich mit Ihnen den Psalm des Pascha-Hallel (Psalm 118, 1-4) und rufe die Fülle göttlichen Segens auf Sie herab:

„Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig.

So soll Israel sagen: ,Denn seine Huld währt ewig.‘ …

So sollen alle sagen, die den Herrn fürchten und ehren: ,Denn seine Huld währt ewig‘.“

 

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/messages/pont-messages/2008/documents/hf_ben-xvi_mes_20080414_jewish-community_ge.html.

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