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Brief an den Polnischen Rat der Juden und Christen

Bischof Heinrich Mussinghoff, Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz vom April 2013

 

Im deutschen Gedenkkalender haben z.B. der Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz (27. Januar 1945) oder das Datum der Novemberpogrome (9./10. November 1938) einen zentralen Stellenwert. Demgegenüber ist im öffentlichen deutschen Bewusstsein das Datum des Beginns des Aufstandes des Warschauer Ghettos so gut wie nicht präsent. Am 19. April 1943 begannen jüdische Bewohner des Warschauer Ghettos ihren Widerstand gegen eindringende Einheiten der SS. Im Sommer 1942 waren 500 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder von Warschau aus nach Treblinka in den Tod geschickt worden. 60.000 waren in Warschau verblieben und wollten nicht widerstandslos in den Tod gehen. Etwa 200 Männer und Frauen formierten sich als bewaffnete Kampfgruppe, der bewusst war, dass sie so gut wie nicht dem Tod entrinnen konnte. Die in das Ghetto eindringenden SS-Verbände wurden von der Gegenwehr überrascht, kehrten aber bald mit geänderter Strategie zurück. Sie steckten Straßenzug um Straßenzug die Häuser in Brand. Ihnen konnten die Aufständischen nur bis zum 16. Mai 1943 standhalten. An diesem Tag erklärte der Befehlshaber der deutschen Kontingente, Jürgen Stroop, der Aufstand sei niedergeschlagen und ließ die Große Synagoge Warschaus sprengen.
Mehr als 50.000 Menschen fielen der Deportation oder den Erschießungskommandos zum Opfer.
In Polen hat der Warschauer Ghettoaufstand eine ungebrochene Aufmerksamkeit. Zum 70. Jahrestag des Aufstands fand unter Beteiligung des polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski eine dreitägige Folge von Gedenkfeiern, Vorträgen, Ausstellungen und Installationen statt. Der polnische Rat der Juden und Christen hatte zu einem Gebetsweg auf dem Gelände des ehemaligen Warschauer Ghettos eingeladen. Den an diesem Gebetsweg Teilnehmenden schickte Bischof Heinrich Mussinghoff als Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz einen Brief der Verbundenheit, in dem er die Beschämung für das deutsche Volk ebenso vergegenwärtigte wie die Nähe im Gebet zusagte.

 

An den Polnischen Rat der Juden und Christen, Warschau
Liebe Teilnehmende am Gebetsweg am ehemaligen Warschauer Getto aus Anlass des 70. Jahrestages des Getto-Aufstandes!
Der Aufstand im Warschauer Getto im Angesicht des sicheren Todes ist heute für die ganze Welt zu einem Zeichen der Menschenwürde im Kampf gegen ein unmenschliches Terrorsystem geworden. Für diesen Widerstand gegen die deutsche Unrechtsherrschaft sind wir heute dankbar. Die Erinnerung daran ist wichtig für das Jüdische Volk, sie ist wichtig für Polen, sie ist auch und vielleicht ganz besonders wichtig für uns Deutsche.
Ich danke Ihnen für das gemeinsame Glaubens-Zeugnis von polnischen Juden und Christen beim Gebetsweg auf dem Gelände des ehemaligen Gettos. Im Gebet auf den Spuren des Aufstandes kommt unsere Verantwortung vor Gott und den Menschen zum Ausdruck. In Erinnerung an die schmerzhafte Geschichte christlich-jüdischer Beziehungen ist dieses gemeinsame Zeugnis sehr wichtig.
Ich bin dankbar dafür, dass Sie Deutsche an diesem Gebetsweg teilhaben lassen. Ich bin mir bewusst, dass die Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen in Polen und in Deutschland sehr verschieden ist.
Deutsche haben im Namen des Deutschen Volkes Polen unter ein Terrorsystem gebracht, das Getto in Warschau gebaut, den Getto-Aufstand niedergeschlagen, die Bewohner ermordet, und später ganz Warschau zerstört. Die meisten von ihnen waren Christen, auch wenn die nazistische Ideologie selber es nicht mehr war.
Die Erinnerung an das unendliche Leid, das durch unser Volk über andere Menschen gebracht wurde, über das jüdische Volk, über das polnische Volk und viele andere, ist für uns Deutsche schwierig, sie beschämt uns. Sie bleibt eine erschütternde Mahnung auch für die katholische Kirche in Deutschland, die uns verpflichtet, uns für eine gemeinsame Welt gegenseitiger Achtung einzusetzen.
Die Würde des Menschen wurzelt in Gott. Deshalb kann die menschliche Würde letztlich auch nicht ermordet werden. Nicht die Mörder haben das letzte Wort bei Gott. Das ist unsere Hoffnung für die Opfer.
Das ist aber auch unsere Hoffnung für die Lebenden. Es ist möglich und es ist unsere Verantwortung, eine Welt zu gestalten, in der wir uns als Brüder und Schwestern begegnen und gemeinsam Probleme überwinden. Ich möchte Ihnen versichern, dass die Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden der Deutschen Bischofskonferenz bereit ist, ihren Teil dazu beizutragen.
Ihnen heute im Gedenken und im Gebet solidarisch nahe.

April 2013
Heinrich Mussinghoff, Bischof von Aachen,
Vorsitzender der Kommission für die Beziehungen zu den Juden der Deutschen Bischofskonferenz

 

Quelle: http://www.jcrelations.net/An_den_Polnischen_Rat_der_Juden_und_Christen__Warschau.4167.0.html?L=2.

 

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