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Brief an den Vorsitzenden der Gedenkstätte Yad Vashem, Avner Shalev

Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz am 7. März 2007

 

Die Kritik aus Israel an der Reise des Ständigen Rats der Deutschen Bischofskonferenz ins Heilige Land vom 27. Februar bis 5. März 2007 hielt auch nach der Rückkehr der Bischöfe nach Deutschland an. Dass einige Bischöfe in ihrer Empathie für die palästinensische Lebensverhältnisse die Situation im palästinensischen Ramallah mit dem Warschauer Ghetto verglichen und Vergleiche zur nationalsozialistischen Politik zogen, veranlasste den Vorsitzenden des Direktorats der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad WaSchem, Avner Shalev, zu einem Schreiben vom 6. März 2007 an Kardinal Karl Lehmann. Er beklagte eine „traurige Ignoranz von Geschichte“; Analogien zwischen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und der Situation in Ramallah vergifteten die Atmosphäre und beschädigten das Gedenken der Opfer des Holocaust. Kardinal Lehmann antwortete sogleich mit folgendem Schreiben:

 

Verehrter Herr Vorsitzender!

Sehr geehrter Herr Shalev!

Am gestrigen Tage haben Sie mir einen Brief zur Reise des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz ins Heilige Land geschrieben und sind dabei auch auf Äußerungen eingegangen, die beim Besuch in den palästinensischen Autonomiegebieten gefallen sind. Mir liegt daran, Ihnen umgehend zu antworten.

Dankenswerterweise nehmen Sie in Ihrem Schreiben ausdrücklich Bezug auf meine Ansprache anlässlich des Besuches der Bischöfe am 2. März in der Gedenkstätte Yad Vashem und auf meine Presseerklärung zum Abschluss der Reise am 4. März. Im Namen der ganzen Deutschen Bischofskonferenz habe ich bei diesen Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht, dass das angemessene Gedenken an die Shoa auch den nachgeborenen Generationen verpflichtend aufgetragen ist. Ich habe über Schuld, Mithaftung und bleibende Scham sowie über die fortbestehende Aufgabe einer kritischen Gewissenserforschung auch auf Seiten der Kirche und der Christen gesprochen: „Niemand kann frei sein, der frei sein will vom Gedenken an die Shoa.“ Diesen Satz habe ich bewusst auch in das Gedenkbuch geschrieben. Der Besuch in Yad Vashem war ein beeindruckender Moment für alle unsere Bischöfe, nicht wenige haben sehr offen ihrer Erschütterung Ausdruck verliehen.

Wenig später sind wir in die Palästinensergebiete gereist, wo nicht wenige Bischöfe, besonders im Schatten der Sicherheitszäune und Mauern in Bethlehem, eine starke innere Anspannung angesichts der bedrückenden Situation verspürten. Dieses Gefühl der Bedrängung hat dann auch in einigen harten Äußerungen seinen Niederschlag gefunden, von denen einzelne sicherlich nicht angemessen waren. Solche situativ zugespitzten Äußerungen dürfen allerdings nicht verwechselt werden mit einer umfassenden Beurteilung der Gesamtlage, der eine abgewogene Prüfung der Zusammenhänge und eine Gewichtung aller Gesichtspunkte zugrunde liegt. Eine solche Gesamtbewertung habe ich in meiner Abschluss-Presseerklärung versucht. Sie wird von allen Bischöfen geteilt. Auch diejenigen, die in scharfem Ton über die Lage in den Autonomiegebieten gesprochen haben, stellen in keiner Weise die Bedrohung der Israelis durch den Terrorismus in Frage. Auch sie vertreten uneingeschränkt das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht des Staates Israel.

Ich bin mir sehr bewusst: Auch die dem konkreten Erleben geschuldete Rede muss um ihr eigenes Maß wissen und sensibel bleiben für die Komplexität der Situation und nicht zuletzt auch für die Gefühle anderer, besonders im Blick auf die bisher getragenen Leiden. Vor allem geht es ganz unabhängig von der Situation nicht an, heutige Problemlagen oder Situationen des Unrechts in irgendeiner Weise mit dem nationalsozialistischen Massenmord an den Juden in Verbindung zu bringen. Dass eine Äußerung, die im Angesicht palästinensischen Leids auf das Warschauer Ghetto Bezug nahm, für Irritationen und Widerspruch gesorgt hat, kann ich daher gut nachvollziehen. Fairerweise sollte aber auch zur Kenntnis genommen werden, dass der betroffene Bischof inzwischen in aller Öffentlichkeit klargestellt hat, dass sich auch aus seiner Sicht alle Vergleiche zwischen „damals“ und „heute“ verbieten und sie auch nicht beabsichtigt gewesen sind. Es gibt keinen Grund, diesem selbstkritischen Wort zu misstrauen.

Ich bedauere, dass es am Ende einer Reise, die viele im Heiligen Land als Ermutigung erfahren haben, zu einem Missklang gekommen ist. Die Gefühle der Überlebenden der Shoa oder der jüdischen Bevölkerung in Israel zu verletzen, war zweifelsfrei niemandes Absicht. Die deutschen Bischöfe sind und bleiben sich ihrer besonderen historischen Verantwortung bewusst. Wir wissen: Dies muss sich auch im sensiblen Umgang mit unseren Worten stets aufs Neue beweisen. Diesem Auftrag wollen wir auch in Zukunft treu verbunden bleiben.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen sehr herzlich auch für die kompetente und einfühlsame Führung durch Yad Vashem von Frau Direktor Irena Steinfeld danken. Ich bitte Sie, sie herzlich von mir zu grüßen.

Ich wünsche Ihnen persönlich und für Ihren Auftrag in Yad Vashem alles Gute und bleibe mit freundlichen Grüßen

Ihr

Karl Kardinal Lehmann

 

Quelle: Pressemeldung 07.03.2007 - Nr. 01 und: http://www.dbk.de/presse/details/?presseid=214&cHash=631f98e51df4abd02887b3dae261d683

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