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Brief an Kardinal Walter Kasper anlässlich seiner Teilnahme am Jüdisch-Katholischen Kongress in Paris

Johannes Paul II. vom 25. Januar 2002

 

Der Europäische Jüdische Kongress, europäischer Zweig des Jüdischen Weltkongresses, lud als Dachorganisation verschiedener jüdischer Organisationen Europas zu einem großen jüdischkatholischen Kongress am 28./29. Januar 2002 nach Paris ein. Die Teilnahme von Kardinal Walter Kasper als Präsident der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden bot Papst Johannes Paul II. die Gelegenheit, in einem Brief zur weiteren Rezeption des Zweiten
Vatikanischen Konzils und seiner Erklärung „Nostra Aetate“ zu ermutigen.

 

Von dem Treffen in Kenntnis gesetzt, welches vom 28. und 29. Januar in Paris vom Europäischen Jüdischen Kongress organisiert wird und an dem Sie gemeinsam mit Kardinal Jean-Marie Lustiger, Erzbischof von Paris, teilnehmen werden, möchte ich mich durch das Gebet all jenen anschließen, die sich zusammenfinden, um sich mit der Frage zu beschäftigen: „Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und Nostra Aetate. Zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden und Katholiken in Europa unter dem Pontifikat von Papst Johannes Paul II.“
Ich freue mich über diese Initiative, die dazu aufruft, zum Dialog beizutragen und sich dabei auf den vom Konzil aufgezeigten Weg der katholischen Kirche stützt. Schalom, Friede! Mit diesem biblischen Wort möchte ich alle Teilnehmer des Treffens herzlich grüßen. Es ist besonders aktuell als eine Art Fortsetzung des soeben am 24. Januar in Assisi veranstalteten Gebetstags für den Frieden in der Welt. Alle Religionen haben die Sendung, für den Frieden zu arbeiten, akzeptiert und bieten so ein Zeichen der Hoffnung für die Welt an und erinnern daran, dass die spirituelle und transzendente Natur des Menschen ihn dazu anspornt, den Frieden und die Achtung der Würde jedes Menschen zu
fördern. Juden und Christen haben eine besondere Beziehung zueinander. Die Botschaft, die vom Gott des Bundes mit Mose, den Patriarchen und den Propheten zu uns gelangt, ist Teil unseres gemeinsamen Erbes und lädt uns zur Zusammenarbeit im Leben der Welt ein, denn der Allerhöchste ruft uns auf, sowohl heilig zu sein, wie er selbst heilig ist, als auch zugleich unsere Nächsten zu lieben wie uns selbst.
Seit der Konzilserklärung Nostra Aetate wurde ein großer Fortschritt im besseren gegenseitigen Verständnis und in der Versöhnung zwischen unseren beiden Gemeinschaften erzielt, worüber ich mich sehr freue. Ein solcher Text ist ein Ausgangspunkt, eine Grundlage und eine Orientierungshilfe für künftige Beziehungen. Nach den leidvollen Ereignissen, die die Geschichte Europas vor Allem im Laufe des 20. Jahrhunderts geprägt haben, ist es jetzt angezeigt, unseren Beziehungen einen neuen Impuls zu geben, damit die religiöse Tradition, welche die Kultur und das Leben des Kontinents
inspiriert hat, auch weiterhin Teil seiner Seele bleibt und es ihm auf diese Weise ermöglicht, dem Wachstum des ganzen Menschen und jedes einzelnen Menschen zu dienen.
Aufgrund ihrer jeweiligen Identität stehen Juden und Christen in Verbindung zueinander und sie müssen die Kultur des Dialogs, so wie sie der Philosoph Martin Buber ins Auge gefasst hat, weiter entfalten. Es ist unsere Aufgabe, den neuen Generationen unsere gemeinsamen Reichtümer und Werte weiterzugeben, damit der Mensch nie mehr seinen Bruder im Menschengeschlecht verachtet und Krieg und Konflikte nie mehr im Namen einer Ideologie geführt werden, die eine Kultur oder Religion verachtet. Im Gegenteil: Die unterschiedlichen religiösen Traditionen sind dazu berufen, ihr Erbe in den Dienst aller zu stellen, in der Hoffnung auf die Errichtung des gemeinsamen europäischen Hauses, das von Gerechtigkeit, Friede, Recht und Solidarität zusammengehalten wird. Dann wird sich das vom Propheten übermittelte Wort Gottes (vgl. Jes 11,6-9) verwirklichen. Die Jugend benötigt unser gemeinsames Zeugnis und Engagement, wenn sie glauben, den Namen Gottes durch das ganze Leben heiligen und auf eine verheißungsvolle Zukunft der Welt hoffen sollen. Dann wird sie sich darum bemühen, die Bande der Brüderlichkeit zu festigen, um eine erneuerte Menschheit zu bilden.
Ich bitte den Allmächtigen, die Arbeit des Pariser Treffens mit seinem Geist zu erfüllen und die Bemühungen der Teilnehmer fruchtbar werden zu lassen. Möge Gottes Friede das Herz eines jeden erfüllen!

 

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/letters/2002/documents/hf_jp-ii_let_20020129_kasper_en.html; eigene Übersetzung.

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