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Das gemeinsame geistliche Erbe von Juden und Christen. 40 Jahre Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ auf dem Vatikanum II

Arbeitsgruppe „Christentum - Judentum” der Ökumenischen Kommission im Bistum Speyer am 23. Oktober 2005

 

Ein gelungenes Beispiel für die Bemühung um eine fortgesetzte Rezeption der Konzilserklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ auf diözesaner Ebene ist der Text der Arbeitsgruppe „Christentum – Judentum“ der Ökumenischen Kommission im Bistum Speyer zum 40-jährigen Jubiläum von „Nostra Aetate“. Der Text gibt verlässliche Auskunft über die Entstehungsgeschichte und die Aussagen von „Nostra Aetate, skizziert knapp die Wirkungsgeschichte von „Nostra Aetate“ in Kirche und Theologie und betont im Ausblick einen Juden und Christen gemeinsamen ethischen Auftrag zur Gestaltung und Erhaltung der Welt.

 

Am 28.Oktober 2005 jährt sich zum vierzigsten Mal die feierliche Deklaration der „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen ‘Nostra Aetate’“ auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Bis zur letzten Sitzungsperiode war der Plan, insbesondere eine neue Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum zu beschreiben, umstritten. So heftig wie hier wurde wohl nur noch im Zusammenhang der Konstitution über die Religionsfreiheit kontrovers diskutiert. An den bleibenden Wert und die weit reichende Bedeutung dieses Dokumentes gilt es zu erinnern.

 

Entstehungsgeschichte

Die Entstehung des Konzilstextes war äußerst kompliziert und spiegelt die Komplexität des Themas wider. Papst Johannes XXIII. strich bereits 1959 die diskriminierenden Worte aus den großen Fürbitten der Karfreitagsliturgie. Dort wurde über Jahrhunderte gebetet: „Lasst uns auch beten für die treulosen / ungläubigen Juden“ („perfidis Judaeis“).

Zahlreiche Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche aber forderten immer stärker eine grundsätzliche Neubesinnung auf das Verhältnis zwischen Juden und Christen. So sprachen sich zum Beispiel 1960 die Jesuiten vom römischen Bibelinstitut oder auch zahlreiche Theologenkonferenzen für eine Grundsatzerklärung über eine neue Sicht des Judentums aus christlicher Perspektive aus. Daneben waren es auch zahlreiche Einzelpersönlichkeiten wie die Freiburgerin Gertrud Luckner und der katholische Prälat jüdischer Herkunft Johannes Oesterreicher, die aufgrund der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus auf eine Neubesinnung drängten.

Diesem vielfältigen Anliegen entsprach Papst Johannes XXIII., als er am 18.9.1960 den Präsidenten des neu geschaffenen „Sekretariats für die Einheit der Christen“, den deutschen Kurienkardinal Augustin Bea, mit der Ausarbeitung eines ersten Arbeitspapiers beauftragte. Unsicherheit mit dem Thema prägte die erste Sitzungsperiode des Konzils ab Oktober 1962. Soll das Thema in einer eigenen Erklärung behandelt werden oder innerhalb der Texte über die Kirche oder über die Ökumene?

Wiederum waren es äußere Anstöße, die die Diskussion voranbrachten. Die Pilgerfahrt Papst Pauls VI. nach Israel und seine Worte über die Gottessuche in allen Religionen, aber auch das Votum von engagierten westdeutschen Bischöfen für einen eigenständigen Konzilstext über das Judentum riefen auch Gegenreaktionen auf den Plan. Eine konservative Gruppe der auf dem Konzil versammelten Bischöfe suchte das Thema der geplanten Kirchenkonstitution einzugliedern und insofern die Brisanz des Themas zu neutralisieren. Die deutschen Bischöfe um den Kölner Kardinal Joseph Frings widersprachen dem heftig. Ihre Reaktion ist dokumentiert in ihrem Papier „Magno cum dolore“ – mit großem Schmerz. Auch suchten zahlreiche arabische Staaten Einfluss auf die Entstehung einer Entschließung über das Judentum zu nehmen oder eine solche ganz zu verhindern. Eine neue Diskussionsrunde stellte die Beschäftigung der katholischen Kirche mit dem Judentum in den Kontext einer Erklärung über die Weltreligionen; eine Entscheidung, die einerseits die über das Judentum hinausgehende Dimension des Problems aufzeigte. Andererseits wurde durch diese Einbettung die Frage nach dem besonderen Verhältnis von Christentum und Judentum nur zu leicht neutralisiert und entschärft. Selbst in diesem Rahmen löste die Abfassung des Textes noch heftige Reaktionen aus. Bei Vorabstimmungen ergaben sich teilweise bis zu 200 Gegenstimmen der Konzilsväter. Als dann am 28. Oktober 1965 bei der Endabstimmung 2221 der anwesenden Bischöfe mit Ja und nur 88 mit Nein stimmten, wurde das verabschiedete Papier noch am selben Abend feierlich als offizielles Konzilsdokument anerkannt.

 

Inhalt

Alle Religionen der Menschheit werden zu Beginn der Erklärung als Antworten und Deutungsversuche der elementaren Fragen verstanden, die die Menschen zu allen Zeiten bewegten: „Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Woher kommt das Leid? Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“. Ein Minimalkonsens über den Umgang mit den je unterschiedlichen Antworten auf diese Fragen formuliert das Konzil mit der These: „ Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“. Nach kurzen Bemerkungen über die Heilssuche im Hinduismus und im Buddhismus bekundet die Erklärung ihre Hochachtung vor dem Islam. Dessen Berufung auf Abraham und der im Islam in großer Reinheit verkündigte Monotheismus lassen demnach die Tatsache umso bedauerlicher erscheinen, dass „ im Ablauf der Jahrhunderte zwischen Christen und Muslimen nicht wenige Meinungsverschiedenheiten und Feindschaften entstanden“.

Der Schwerpunkt der Konzilserklärung liegt allerdings in ihren Ausführungen über das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum. Ähnlich wie in der bereits 1964 verabschiedeten dogmatischen Konstitution über die Offenbarung („Dei Verbum“) erinnert das Konzil daran, dass in den Urkunden des von Christen als „Altes Testament“ bezeichneten Teils der Bibel, den die Juden „die Schrift“ nennen, wahre Gottesoffenbarung und Gotteserfahrung vorliegen. Die Bischofsversammlung erinnert weiterhin daran, dass sowohl Jesus von Nazaret selbst wie auch seine Eltern und die Apostel und ersten Glaubenszeugen jüdische „Blutsverwandte“ waren. Somit braucht das Christentum, um sich seiner eigenen Identität zu vergewissern, den Blick auf und den Kontakt zu seinen jüdischen Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern. Dies gemäß der paulinischen Mahnung „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18).

Die Erinnerung an dieses gemeinsame Erbe soll nach der Meinung der Konzilsväter verhindern, dass verallgemeinernd allen Juden der damaligen oder gar der gegenwärtigen Zeit die Schuld am Leiden und Tod Jesu zur Last gelegt wird. Ebenso sollte dringend verhindert werden, dass in Theologie, Predigt oder Katechese Juden „ als von Gott verworfen oder verflucht“ dargestellt werden. Die Kirchenversammlung beklagt somit „ alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben“.

Die Erinnerung an die universale Liebe Gottes soll dabei jeder Theorie oder Praxis das Fundament entziehen, „die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk bezüglich der Menschenwürde und der daraus fließenden Rechte einen Unterschied macht“. Jede „Diskriminierung eines Menschen oder jeder Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen“ widerspricht demnach eindeutig dem Geist Christi.

 

Wirkung

Die Verabschiedung dieser Konzilserklärung löste bis zur Gegenwart ein Reihe grundsätzlicher organisatorischer und inhaltlicher Veränderungen und Neubestimmungen in Theologie und Kirche aus. So wurden zum Beispiel beim „Zentralkomitee der Deutschen Katholiken“ und auch in vielen Diözesen eigene Kommissionen und Arbeitskreise eingerichtet, die jeweils aus ihrer Perspektive Fehlentwicklungen vor Ort ausmachen und Möglichkeiten eines für beide Seiten fruchtbaren Dialogs zwischen Judentum und Christentum aufzeigen sollten. Die theologische Wissenschaft sah sich aufgerufen, die jüdischen Wurzeln von Kirche und Verkündigung stärker herauszuarbeiten. Zeit- und kulturbedingte Einseitigkeiten hinsichtlich der Rede über „die Juden“ in Schrift und Tradition sollen erklärt werden; Elemente aus Liturgie und Volksfrömmigkeit nach in ihnen enthaltenen Vorurteilen und Diskriminierungen befragt werden. Schließlich sind die Methoden und Materialien von Katechese und Religionsunterricht so zu gestalten, dass die Würde, Einzigartigkeit und bleibende Bedeutung des Judentums vermittelt werden können.

Papst Johannes Paul II. nahm in Wort und Tat eine beispielhafte Rolle im christlich-jüdischen Dialog ein. 1986 besuchte er als erster Papst in Rom eine Synagoge, 1988 folgte sein Synagogenbesuch in Straßburg. 1994 beklagte er in seinem apostolischen Schreiben „Tertio Millenio Adveniente“ zur Vorbereitung auf das Jahr 2000, dass auch in der Kirche immer wieder „Söhne und Töchter“ sich so verhielten, „dass sie der Welt statt eines an den Werten des Glaubens inspirierten Lebenszeugnisses den Anblick von Denk- und Handlungsweisen boten, die geradezu Formen eines Gegenzeugnisses und Skandals darstellten“.

In der am 1. Fastensonntag 2000 vom Papst geleiteten Bußliturgie sprach der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Edward Cassidy, die Bitte: „Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Lobpreisungen begangen haben, und so ihr Herz reinigen“. Die anschließende Bitte des Papstes um Vergebung hinterlegte dieser später bei seinem Israelbesuch an der Klagemauer in Jerusalem: „Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes“.

Die Anerkennung eigener Schuld, die theologische Aussage über den nie gekündigten Bund Gottes mit Israel und die Betonung der immerwährenden Bedeutung des Judentums als eines eigenständigen Heilsweges, der nicht auf das Niveau einer Vorstufe oder das einer bloßen Ankündigung des Christentums reduziert werden darf, sind wohl die wichtigsten Früchte der durch „Nostra Aetate“ ausgelösten grundsätzlichen Debatte über das Verhältnis von Judentum und Christentum. Die immer wieder in unterschiedlichen Kreisen aufkommende Frage nach einer Missionierung des jüdischen Volkes ist somit obsolet geworden.

 

Ausblick

„Nostra Aetate” leitete vor 40 Jahren einen epochalen Wandel des Verhältnisses der katholischen Kirche zum Judentum ein. Im theologischen Gespräch folgte eine bis heute andauernde Bearbeitung mancher dadurch neu aufgeworfener Fragen. Folgende Grundlinie hat sich im jüdisch-christlichen Dialog herauskristallisiert: Das Christentum hat eine eigenständige Erfahrungs- und Deutungsgeschichte auf der Basis der Hebräischen Bibel, wie andererseits auch das rabbinische Judentum von der Zeit Jesu bis in die Gegenwart in seinen vielfältigen Ausprägungen eine solche eigenständige Geschichte auf der gemeinsamen Basis „der Schrift“ darstellt. Insofern meint die Rede von dem „Alten Testament“ oder auch die vom „Alten Bund“ nicht, dass diese aufgehoben oder gar als eine Art Vorläufermodell überholt und durch etwas Neues, Besseres ersetzt werden könnten. Wenn die Bezeichnung „alt“ in diesem Zusammenhang einen Sinn haben soll, dann in der Funktion von „altehrwürdig“. Die im Judentum und im Christentum aufgezeigten Heilswege markieren eine fruchtbare Spannung, wenn sie in Begegnung und Dialog von wechselseitigem Respekt vor dem jeweiligen Glaubenszeugnis geprägt sind. Letztlich bleibt es ein Geheimnis im Heilsplan Gottes - dieses Nebeneinander und zugleich Miteinander von Juden und Christen.

Die Erinnerung an das gemeinsame biblische Erbe könnte Judentum und Christentum ermutigen, einen gemeinsamen Beitrag zur Bewältigung der großen Fragen und Probleme der Gegenwart zu leisten. Die gemeinsame Deutung der Welt und des Menschen in ihr als Schöpfung könnte sich somit der Ideologie des Machbaren und Zählbaren entgegenstellen. Dass der Mensch bei aller notwendigen Arbeit und Leistung letztlich aus dem Unverfügbaren und Geschenkten lebt, dass trotz vielfältiger Normierung seine Freiheit ein unüberbietbares Gut darstellt – dies zeigt sich in der langen gemeinsamen jüdisch–christlichen Tradition und ihren biblischen Grundlagen. Dass Gabe zur Aufgabe, erhaltene Gnade zum ethischen Auftrag zur Gestaltung und Erhaltung der Welt als des Lebensraums der Menschen werden muss, verbindet ebenfalls die Religionen in der Nachfolge Abrahams. Die Erinnerung an die Unterdrückten und Verfolgten in Geschichte und Gegenwart, an die Opfer von Gewalt und Unmenschlichkeit ist nach den Propheten der Schrift gemeinsame Verpflichtung. Dass bei allem Stolz auf das Erreichte Mensch und Religion einschließlich aller Institutionen stets unter dem eschatologischen Vorbehalt der noch ausstehenden Erlösung stehen, auch diese Erkenntnis verdankt sich der biblischen Heilsgeschichte.

So könnte in der Begegnung zwischen Judentum und Christentum, die durch die Erklärung „Nostra Aetate“ eine früher kaum für möglich gehaltene Dynamisierung und Intensivierung erhalten hat, ein Modell für den Umgang mit allen Religionen entstehen. Damit erhielte die Begegnung auch Zeichencharakter für den Umgang aller Menschen untereinander und wäre damit ein wichtiger Schritt zu einem umfassenden „Schalom“, zu einer friedfertigen gott- und menschenfreundlichen Welt.

 

Quelle: Der Pilger. Kirchenzeitung für das Bistum Speyer vom 23. Oktober 2005, Jahrgang 158, Nr. 42, S. 16f. und: http://www.christen-und-juden.de/index.htm?html/aetate_pauly.htm.

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