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Die Shoa – bitterste Herausforderung für den Glauben an einen treuen Gott. Zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht

Bischof Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart am 4. November 2008

 

Der deutsche Kalender hat mit dem Tag der Wiederkehr des Datums der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 einen jährlichen Anlass für die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen gegenüber den Juden. Diese Erinnerung wird von freien Vereinigungen wie den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit oder von kommunalen bzw. staatlichen Trägern ebenso aktualisiert wie von den Kirchen. Der 70. Jahrestag der Reichspogromnacht hat den Bischof von Rottenburg-Stuttgart Gebhard Fürst nicht nur zu einem allgemeinen Gedenkwort veranlasst, sondern auch zur Aufnahme des 9. November in den liturgischen Kalender als regelmäßigen kirchlichen Gedenktag. Der Bischof bat zugleich die Kirchengemeinden seiner Diözese, der Geschehnisse am 9. November in Gottesdiensten zu gedenken oder sich an örtlichen ökumenischen Gottesdiensten und Gedenkfeiern der Kirchen und anderer christlicher sowie jüdischer Glaubensgemeinschaften zu beteiligen.

 

Zum 70. Mal jähren sich am 9. November die organisierten Pogrome, bei denen im gesamten damaligen Deutschen Reich zahllose jüdische Gotteshäuser geschändet, verwüstet oder niedergebrannt, zehntausende jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger misshandelt, ihres Besitzes beraubt und in Lager verschleppt worden sind. Viele von ihnen wurden in dieser Nacht ermordet. Der 9. November 1938 war ein Glied in einer langen Geschichte zunehmender Entrechtung und Demütigung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland, und er öffnete zugleich die Schleusen zu ihrer systematisch und planmäßig organisierten Vernichtung, der schließlich in Deutschland und Europa mehr als sechs Millionen Juden zum Opfer fallen sollten.

Die Erinnerung an diese Verbrechen und das Gedenken der Opfer ist mal für mal die Vergegenwärtigung des unfassbaren Leidens bekannter und namenloser Menschen, oft auch ihres unbeirrbaren Glaubens, der sie noch auf dem Weg in den Tod das Sch’ma Jisrael beten ließ, sicher oft auch ihrer ohnmächtigen Verzweiflung. Angesichts dieses Leids versagen alle Worte. Die Shoa ist die bitterste Herausforderung für den Glauben an einen treuen Gott. Und doch gibt es keine Hoffnung außer in ihm.

Diese Erinnerung muss uns mit tiefer Scham erfüllen. Wie konnte es geschehen, dass die Eliten Deutschlands bis auf wenige Ausnahmen einem Verbrecherregime und seiner Lügenideologie anheimfallen konnten? Wie konnte es geschehen, dass ein Großteil der Bevölkerung ungerührt, zumindest schweigend zugesehen hat, wie Mitbürger, Nachbarn, einstige Freunde Opfer staatlich verordneter Gewalt geworden sind? Wie konnte öffentliches Bewusstsein so pervertiert werden, dass offensichtliches Verbrechen zum Recht erklärt und als solches anerkannt oder zumindest hingenommen worden ist? Welchen historischen Anteil haben die christlichen Kirchen, hat die Kirche an der Saat des Antisemitismus, die im 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise aufgegangen ist? Diese Fragen sind äußerst beunruhigend. Und sie müssen es sein.

Gewiss, es gab auch viele Menschen, katholische und evangelische Christen sowie Nichtchristen, Bekannte und Unbekannte, Verantwortungsträger und einfache Leute, die sich durch menschlichen Anstand bewährt haben oder die sich gar unter großen persönlichen Gefahren für die Rettung jüdischer Mitbürger eingesetzt haben. Auch ihrer wollen wir in Dankbarkeit und Respekt gedenken. Ohne ihr Zeugnis wäre die Erinnerung untragbar.

Es gibt viele historische Erkenntnisse über die Entwicklungen, die zu den Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung und zum Grauen der Shoa geführt haben. Doch versagen alle Erklärungen vor der Frage nach dem Warum. Warum sind Menschen zu solchen Exzessen des Bösen fähig? Es gibt Abgründe menschlicher Finsternis, die sich jeder Rationalität entziehen, ebenso wie sich die Abgründigkeit menschlichen Leids und menschlicher Tragik jeder Rationalität entzieht. Und doch müssen wir sehen, dass – ebenso wie das Gute – auch das Böse als Möglichkeit in uns Menschen besteht. Die Erinnerung an die Ereignisse, die sich in dem Datum des 9. November 1938 verdichten, ist auch Anlass, ehrlich und selbstkritisch zu fragen, wo in unserem Miteinander die Ablehnung des anderen Menschen beginnt – nur aus dem Grund, dass er anders ist. Dies ist immer und überall der Beginn von Rassismus.

Die Opfer der Shoa empfehlen wir der Treue Gottes an. Wir halten die Erinnerung an sie wach und ehren ihr Andenken. Nur so kann das entsetzliche Geschehen dazu führen, dass wir wachsam sind und Konsequenzen für unser Verhalten heute ziehen. Die mit uns lebenden jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger versichern wir unserer geschwisterlichen Verbundenheit und Solidarität. Und wir versichern sie auch unseres entschiedenen Einspruchs, wo immer der Ungeist des Antisemitismus und anderer Formen des Rassismus aufkeimt.

Als Zeichen unseres Gedenkens der Opfer der Shoa und unserer Verbundenheit mit unseren jüdischen Zeitgenossen nimmt die Diözese Rottenburg-Stuttgart den 9. November von diesem Jahr an als regelmäßigen kirchlichen Gedenktag in ihren liturgischen Kalender auf.

Rottenburg am Neckar, 4. November 2008

 

Bischof Dr. Gebhard Fürst

 

Quelle: http://www.drs.de/index.php?id=105&no_cache=1&tx_ttnews%5Bpointer%5D=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=9231&tx_ttnews%5BbackPid%5D=8792&cHash=a50f25ae85.

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