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Dies judaicus – Tag des Judentums. Erklärung zur Einführung

Schweizer Bischofskonferenz am 1. März 2011

 

Im Jahr 1989 war es in der italienischen Kirche zu einer Initiative gekommen, welche mit der jährlichen Begehung eines „Tags des Judentums“ die Beziehung der katholischen Kirche mit dem Judentum vertiefen wollte. Diese Anregung fand im Ständigen Rat der italienischen Bischofskonferenz ein positives Echo. Als dieser Tag wurde der Vorabend der jährlichen Woche des Gebets der Einheit der Christen vom 18. bis 25. Januar gewählt. So wurde die Nähe zwischen der zwischenkirchlichen Ökumene und der Beziehung der Kirche zum Judentum ins Bewusstsein gerückt. 1998 übernahm die polnische Kirche die Tradition des „Tags des Judentums“. Die österreichische und die niederländische Kirche folgten, indem sie sich dieser Tradition zum ersten Mal im Jahr 2000 bzw. 2008 anschlossen.

Die Schweizer Kirche folgte einer Empfehlung der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden, einen Tag des Judentums zu feiern, und beging ihn zum ersten Mal im Jahr 2001. Sie feiert ihn seither – aber nicht am 17. Januar, sondern jeweils am zweiten Fastensonntag des Kirchenjahres. Damit ist nicht nur die Erwartung verbunden, mehr Gläubige mit dem Bewusstmachen der Nähe von Kirche und Judentum zu  erreichen, sondern auch der Einsicht und Erfahrung Rechnung getragen, dass die Fastenzeit mit ihren vielen Lesungen aus dem Alten Testament die Besinnung über die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk vielfach anregt.

 

Ein solcher Jahrestag wird schon in vielen benachbarten Ländern von der katholischen Kirche begangen, so in Italien, Österreich, Polen und den Niederlanden. Die Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum hat diese Einrichtung empfohlen, der die Schweizer Bischofskonferenz mit ihrem Entschluss gefolgt ist.

Am Dies judaicus rufen wir uns ins Gedächtnis, was das Judentum in Vergangenheit und Gegenwart für uns und für unseren christlichen Glauben bedeutet. Wir sind darin verwurzelt (vgl. Römer 9-11). Die Juden sind unsere älteren Geschwister im Glauben. Gott hat das Volk Israel in Liebe erwählt und mit ihm seinen Bund geschlossen, und dieser bleibt für immer bestehen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies in der epochemachenden Erklärung Nostra Aetate (1965) in das Bewusstsein der katholischen Kirche zurückgerufen. Seitdem haben zahlreiche Dokumente der Kirche die geistliche Verbundenheit der Kinder Abrahams betont und das geschwisterliche Gespräch gefordert. Die Kirche will die gegenseitige Kenntnis und Achtung der Religionen fördern. Es hat in der Geschichte zuviel Ablehnung, Verachtung und Hass gegenüber den Juden gegeben. Das widerspricht dem christlichen Glauben und muss im Kampf gegen alle Manifestationen von Antijudaismus und Antisemitismus endgültig überwunden werden. Auch die evangelischen Kirchen setzen sich seit 1945 für die jüdisch-christliche Verständigung ein.

Die Weggemeinschaft zwischen Juden und Christen ist ein Anliegen des Glaubens und des Gebetes. Daher hat es seinen Platz in der Liturgie und im Gottesdienst der Kirche. Gerade die Fastenzeit eignet sich für eine solche Besinnung, denn es werden viele Abschnitte aus dem Alten Testament, der jüdischen Bibel, vorgelesen und erklärt. Die Liturgie stellt in dieser Zeit des Kirchenjahres den Zusammenhang zwischen Judentum und Kirche her.

Im Sinne eines echten Dialogs begegnet der Dies judaicus einem Wunsch auf jüdischer Seite. Er wird vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund begrüßt. Die Oberrabbiner Israels haben in einem Gespräch mit Papst Johannes Paul II. bereits 2004 die Bedeutung unterstrichen, die sie einem solchen Tag zumessen würden.

Es ist zu hoffen, dass die regelmäßige, jährliche Begehung eines Tags des Judentums den Dialog zwischen christlichen und jüdischen Frauen und Männern sowie das gegenseitige Kennenlernen der beiden Religionen fördern wird. Jede Form von Judenmission wird abgelehnt. Ein echtes Gespräch setzt die Anerkennung und Wertschätzung der anderen Religion sowie die Treue zum eigenen Glauben voraus. Es geht auch nicht um eine politische Stellungnahme zum Nahostkonflikt, sondern um die grundlegende Verbundenheit der Kirche mit dem Volk Israel.

Die Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweizer Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes wird jährlich Materialien zur Verfügung stellen und Anregungen geben, um den Tag des Judentums durch Gottesdienst, Begegnungen und Veranstaltungen zum jüdisch-christlichen Dialog zu gestalten. Jede Eigeninitiative zur Förderung des Dies judaicus ist zudem willkommen. Es soll ein Tag des Feierns, des Gebetes und der vertieften Kenntnis des Judentums werden.

 

Quelle: http://www.kath.ch/index.php?na=11,11,0,0,d,61425.

 

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