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Dokumentation einer Fachtagung „Aktuelle Probleme am Anfang des Lebens. Juden und Christen im Dialog mit Ethik, Recht und Medizin“

Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken vom 13. Mai 2013

 

Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ wurde 1971 vom Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ins Leben gerufen. Er hat sich in den Jahrzehnten seither als ein Gremium bewährt, in dem katholische und jüdische Frauen und Männer in einem kontinuierlichen Austausch stehen und grundlegende und aktuelle Fragen der christlich-jüdischen Beziehung und philosophische bzw. theologische Themen dieses Verhältnisses erörtern. Seine Stellungnahmen haben ihr Echo in der internationalen Diskussion gefunden. Manche Diskussion führte zu dem Befund, dass zur verhandelten  Problematik weitere Arbeit der Theologie notwendig sei. So hat er im Blick auf die unterschiedliche Offenheit der theologischen Teildisziplinen für den christlich-jüdischen Dialog u.a.  wahrgenommen, dass die Moraltheologie in Deutschland nur höchst selten den Austausch mit jüdischer Ethik sucht. Demgegenüber ist es im amerikanischen christlich-jüdischen Dialog zu beachtlichen Vergewisserungen im Ethischen gekommen. Zwar hat es eine intensive Rezeption des Denkens der Verantwortung als ethischer Grundhaltung bei Emmanuel Levinas und Hans Jonas in der christlichen Theologie gegeben. Aber Probleme materialer Ethik standen lange nicht auf der Tagesordnung des Dialogs in Deutschland. Auf diesen Sachverhalt reagierte der Gesprächskreis in seiner Erklärung „Juden und Christen in Deutschland. Verantwortete Zeitgenossenschaft in einer pluralen Gesellschaft“ von 2005. Dort betont er, dass die biblische Ethik nach wie vor in die Pflicht nimmt und dies für ein vitales Problemfeld eigene Dringlichkeit hat: „Ein weiteres Feld für gemeinsames Handeln bilden die ethischen Probleme am Lebensanfang und Lebensende.“
Die christlich-jüdischen Differenzen in der Antwort auf die ethischen Fragen besonders am Lebensbeginn bergen die Gefahr, bei Christen ein altes Vorurteil zu verlängern bzw. wiederzubeleben, demzufolge die jüdische Gesetzesethik gegenüber der christlichen Liebesethik niederer Dignität sei. Nicht zuletzt diese Sorge, aber auch der Problemdruck, der sich mit dem Fortschritt in der medizinischen Forschung einstellt, hat den Gesprächskreis veranlasst, den christlich-jüdischen Differenzen in der ethischen Beurteilung von Problemen des Lebensanfangs weiter nachzugehen. So bat er Vertreter der Medizin, des Rechts, der evangelischen und katholischen Moraltheologie bzw. Ethik und der jüdischen Ethik in einer Konsultation „Biomedizinische Forschung und ihre ethische Herausforderung zwischen Judentum und Christentum“ vom 6. bis 8. November 2011 in der katholischen Akademie in München um einen interdisziplinären Austausch. Mit einer Internetpublikation machte der Gesprächskreis die Münchener Beratungen, die durch weiter erbetene externe Fachvoten ergänzt wurden, zugänglich. Im Folgenden wird die Einleitung der Herausgeber der Internetpublikation und Mitglieder des Gesprächskreises Hanspeter Heinz und Werner Trutwin dokumentiert. Die gesamte Internetpublikation, welche am 13. Mai 2013online geschaltet wurde, ist abrufbar unter: http://www.zdk.de/organisation/gremien/gespraechskreise/gespraechskreis-juden-und-christen-beim-zdk/tagungen/.

 

„Heute stehen Juden und Christen vor neuen gemeinsamen Aufgaben. Ihre biblische Ethik ist ein unaufgebbarer Maßstab zur Inspiration der gegenwärtigen Gesellschaft. … Ein … Feld für gemeinsames Handeln bilden die ethischen Probleme am Lebensanfang und Lebensende. Gemeinsam treten Juden und Christen für den unbedingten Schutz des menschlichen Lebens bis zum Tod ein und halten es für unzulässig, dass Menschen von sich aus aktiv dem Leben ein Ende setzen. Allerdings gibt es auch gewichtige, noch nicht genügend ausgelotete Differenzen zwischen beiden. Nach katholischer Lehre beginnt die Personenwürde des Menschen mit der Empfängnis, während diese Auffassung jüdischerseits nicht  durchgängig geteilt wird. Darum kann das jüdische Religionsgesetz aus den gemeinsamen biblischen Überlieferungen im Blick auf die Pränatal- und die Implantationsdiagnostik oder den Embryonenschutz andere Konsequenzen ziehen als die katholische Ethik. Trotz dieser Unterschiede sind sich Juden wie Christen jedoch einig darin, dass die sich aus seiner Gottebenbildlichkeit ergebende Würde des Menschen, wie sie auch im ersten Artikel unseres Grundgesetzes verankert ist, nicht angetastet werden darf. Wo die Menschenwürde nicht geachtet wird, ist nach ihrer Überzeugung auch der Rechtsstaat in seinen Grundfesten bedroht.“
So heißt es in der Erklärung Juden und Christen in Deutschland. Verantwortete Zeitgenossenschaft in einer pluralen Gesellschaft in Abschnitt „IV. Biblische Ethik nimmt in Pflicht für die Welt-Gesellschaft“ (S. 22f.). Sie wurde im März 2005 vom Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) verabschiedet und am 13. April 2005 veröffentlicht.[1]
Forderungen an andere sind auch eine Selbstverpflichtung. So wollte der Gesprächskreis zu dieser anspruchsvollen Thematik selbst einen Beitrag liefern durch eine dreitägige Fachtagung, zu der auch externe Experten eingeladen waren. Die gemeinsam mit der Katholischen Akademie in Bayern vom 6. bis 8. November 2011 in München durchgeführte Veranstaltung stand unter dem Titel „Biomedizinische Forschung und ihre ethische Herausforderung zwischen Judentum und Christentum“. Diese Internetveröffentlichung ist die Dokumentation der Münchner Tagung. Programm und Teilnehmerliste sind beigefügt. Etliche Beiträge sind im Redestil belassen, enthalten daher keine oder nur wenige Verweise und Belege. Um einen möglichst breiten Leserkreis zu erreichen, waren die Autoren und Autorinnen gebeten, auf eine nur Insidern verständliche Fachsprache zu verzichten oder ggf. Fachausdrücke zu erläutern.
Der Gesprächskreis, dem zurzeit 12 jüdische, 15 katholische Mitglieder und eine evangelische Judaistin angehören, wurde 1971 vom Präsidium des ZdK ins Leben gerufen. Seit Jahrzehnten ist er weltweit das einzige Gremium, in dem Juden und Katholiken in kontinuierlichem Austausch stehen und zu grundlegenden und aktuellen theologischen Themen gemeinsam Stellung nehmen. Wenngleich sich der Kreis vor allem zur theologischen Aufarbeitung des christlich-jüdischen Verhältnisses in der Öffentlichkeit zu Wort meldet, hat er sich mehrmals in Fachtagungen und Expertengesprächen mit dem gemeinsamen Auftrag für die Mitgestaltung der Gesellschaft befasst. 1981 initiierte er im Van-Leer-Institut in Jerusalem ein Seminar zum Thema „Gemeinsame Verantwortung von Christen und Juden für die Zukunft der Menschheit“. 1983 veranstaltete er ein Expertengespräch in Simpelveld/Niederlande unter der Leitfrage, ob der ethische Anspruch der Bibel, wie er in den beiden Traditionen verstanden wird, fähig sei, zu einer Menschheitsethik zu werden.[2]
Mit der Münchner Tagung überschritt der Gesprächskreis erstmals das biblisch-theologisch-ethische Terrain und suchte die Diskussion mit Juristen und Medizinern. Für diese wiederum, die auch andernorts mit Ethikern, Theologen und Bischöfen grundlegende und aktuelle humanmedizinische Themen diskutieren, war es eine neue Erfahrung, sowohl mit jüdischen als auch christlichen Experten an einem Tisch zu sitzen. Für das Gelingen der Tagung in dieser ungewöhnlichen Konstellation waren zwei Vorgaben der Veranstalter entscheidend: zum einen der Verzicht auf eine wissenschaftliche Fachsprache, zum anderen die Offenlegung der jeweiligen Hermeneutik, d.h. des methodischen Schlüssels, der die Argumentationsmuster verständlich macht. Ohne Hermeneutik gelingt erfahrungsgemäß bestenfalls eine Feststellung der Schnittmenge, welche Positionen – aus welchen Gründen auch immer – gemeinsam vertreten werden, und über die Grenzen, an denen die Zustimmung zur Position des Gegenübers endet.
So ist, um es an einem Diskussionsstrang der Tagung zu illustrieren, die Position des römischkatholischen Lehramtes in Fragen der Sexualmoral für die meisten Außenstehenden nicht nachvollziehbar. Unverständlich bleiben selbst für die meisten katholischen Theologen und kirchlich engagierten Eheleute die apodiktischen Normen der katholischen Kirche im Bereich der Sexualität und speziell zur Humanmedizin, die alle in den letzten Jahrzehnten entwickelten Methoden der Reproduktionsmedizin als ethisch unverantwortbar verurteilen. Hier lieferte der Beitrag des katholischen Moraltheologen Konrad Hilpert den hermeneutischen Schlüssel, der eine kontroverse Diskussion unter allen Anwesenden ermöglichte. Der Drang zur eindeutigen Festlegung, so Hilpert, habe die attraktiven Ideale der biblisch fundierten kirchlichen Sexualethik in die Fesseln starrer Normen gepresst. Die Formel der Tradition, Leben sei „heilig von Anfang an“, sei zugespitzt worden zu der Norm „unantastbar von der Vereinigung von Ei und Samenzelle an“. Die Einladung, in Zukunft aufs Neue an die Weite der Tradition anzuknüpfen, machte die katholische Sozialethik überraschend gesprächsfähig. Sie wurde zu einer Herausforderung für alle Tagungsteilnehmer.
Um einen anderen Strang der Münchner Veranstaltung zu illustrieren, sei auf die drei jüdischen Beiträge hingewiesen. Für Außenstehende ist verwunderlich, wenn nicht unverständlich, dass sich ausgerechnet orthodoxe Rabbiner zu allen modernen medizinischen Möglichkeiten wie In-vitro-Fertilisation, Pränataldiagnostik oder Stammzellenforschung zwar kritisch, aber erstaunlich offen verhalten. Die Erschließung der jüdischen Hermeneutik, die den Wortsinn der Tora unerbittlich ernst nimmt, so fremdartig er auch dem „gesunden Menschenverstand“ erscheinen mag, forderte die Christen heraus, schwierige biblische Weisungen nicht spirituell zu überspielen oder als zeitgebunden leicht abzutun. Die Entscheidungen der jüdischen Tradition, im Konfliktfall Schwangeren oder Männern und Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch mehr Rechte einzuräumen als einem Embryo, war der hermeneutische Schlüssel zu einer kontroversen Diskussion über Variationen einer biblischen Ethik.
Vermisst wurde am Ende der Tagung, dass kein eigener Beitrag über die Rechtslage in Israel zum vorgeburtlichen Leben auf dem Programm stand. Diese Lücke schließt ein Essay von Sarah Werren, das nachträglich angefordert wurde. Sie zeigt, dass der Staat Israel bei diesen Themen in seiner Rechtsprechung eine auffällige Sonderstellung einnimmt. Er fördert Forschungsvorhaben, die in europäischen Ländern meist restriktiv behandelt werden, und lässt rechtliche Regulierungen bioethischer Maßnahmen zu, die sonst weithin verboten sind. Die Autorin führt dies auf die enge Verquickung ethischer, politischer, gesellschaftlicher und halachischer Erwägungen zurück.[3]
Veranstalter wie auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Münchner Tagung wünschen sich, dass diese Dokumentation den aktuellen Diskussionen in Politik und Kirchen, Fachkreisen und Bildungseinrichtungen sowie in der interessierten Öffentlichkeit neue Anstöße liefert.

 

Quelle: http://www.zdk.de/organisation/gremien/gespraechskreise/gespraechskreis-juden-und-christen-beim-zdk/tagungen/.



[1] Alle Erklärungen sind veröffentlicht in www.zdk.de.

[2] Vgl. Damit die Erde menschlich bleibt. Gemeinsame Verantwortung von Juden und Christen für die Zukunft, hrsg. von Wilhelm Breuning und Hanspeter Heinz, Freiburg i. Br. 1985.

[3] Verwiesen sei auch auf die Dissertation einer Tagungsteilnehmerin: Elisabeth von Lochner, Entscheidende Körper. Zur Hermeneutik jüdischer Bioethik im Bereich des vorgeburtlichen Lebens (Freiburger Theologische Studien, Bd. 173), 221–244.

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