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Dominus Iesus. Ansprache beim 17. Jahrestreffen des Internationalen katholisch- jüdischen Verbindungskomitees in New York

Kardinal Walter Kasper, Präsident der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden, am 01. Mai 2001

 

Die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre „Dominus Iesus“ über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche vom 6. August 2000 hatte jüdischerseits ein kritisches Echo erhalten und wurde zum Gegenstand der Erörterung beim 17. Jahrestreffen des Internationalen katholisch-jüdischen Verbindungskomitees vom 30. April bis 3. Mai 2001 in New York. Der jüdisch- orthodoxe Gelehrte David Berger, New York, trug dabei die Sorge vor, dass das vatikanische Dokument die Theorie wiederbeleben könnte, derzufolge Israel durch Christus und die Kirche überholt sei; er meinte angesichts der in „Dominus Iesus“ geäußerten Auffassung, Mission und Dialog müssten sich gegenseitig durchdringen, dass der Argwohn orthodoxer Juden gegenüber dem theologischen Dialog mit Kirche und Christentum neue Nahrung erhalte. In seiner Entgegnung wies Kardinal Walter Kasper als neuer Präsident der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden darauf hin, dass „Dominus Iesus“ gegen einige relativistische Theorien in der christlichen Theologie argumentiere, welche in der Gefahr stehen, die besondere Identität der jüdischen und christlichen Religion zu leugnen. Die von ihm vorgelegte Deutung versachlichte die Besorgnis der jüdischen Delegation.


1. Die Erklärung Dominus Iesus, welche im September 2000 von der Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlicht wurde, hat unterschiedliche Reaktionen verschiedener Personen und Gemeinschaften ausgelöst, auch von Juden.
Offenbar gab es einige Missverständnisse. Die sehr technische Sprache dieses Dokuments zur Unterweisung katholischer Theologen – ein Dokument, das vielleicht ein wenig zu dicht geschrieben wurde – hat Missverständnisse zur eigentlichen Bedeutung und Absicht des Textes unter Menschen aufgeworfen, die mit dem katholisch-theologischen „Jargon“ und mit den Regeln seiner richtigen Interpretation nicht sehr vertraut sind. Viele dieser Reaktionen scheinen auf Informationen zu basieren, die offensichtlich uninformierte weltliche Medien in die Arena der öffentlichen Meinung gestreut haben.
Auf der anderen Seite können einige gewichtige Schwierigkeiten, welche theologisch informierte Juden mit dem Dokument gehabt haben mögen, verständlicher sein, da es Sachverhalte zum Ausdruck bringt – wie die Interpretation Jesu als Sohn Gottes –, zu denen sich die Wege zwischen Juden und Christen viele Jahrhunderte zuvor getrennt haben. Diese Unterschiede verdienen gegenseitigen Respekt. Aber zugleich rufen sie schmerzliche Erinnerungen aus der Vergangenheit wach. Deshalb war das Dokument oft schmerzhaft für die Juden. Es war nicht seine Absicht zu verletzen oder zu beleidigen. Aber es tat dies, und dafür kann ich nur mein tiefes Bedauern zum Ausdruck bringen. Die Schmerzen meiner Freunde sind auch meine Schmerzen.

2. Aber was war und was ist das eigentliche Problem? Das Problem, das in diesem Text angesprochen wird, ist mit der Absicht dieses Dokumentes verknüpft. Die Erklärung befasst sich hauptsächlich mit dem interreligiösen Dialog. Aber es steht nicht selbst in einem Dialog – weder mit Hindus, noch mit Muslimen, noch mit Juden. Es argumentiert gegen einige neuere relativistische und zu einem gewissen Grad synkretistische Theorien unter christlichen Theologen, Theorien, die in Indien wie auch in der westlichen sogenannten postmodernen Welt verbreitet sind, welche für eine pluralistische Vision von Religion eintreten und sowohl die jüdische, als auch die christliche Religion unter die Kategorie der „Weltreligionen“ rechnen. Es argumentiert gegen Theorien, welche die besondere Identität der jüdischen und christlichen Religion leugnen und nicht die Unterscheidung zwischen einem Glauben als Antwort auf Gottes Offenbarung und einer Überzeugung als menschlicher Suche nach Gott und als menschlicher religiöser Weisheit in Rechnung stellen. So verteidigt die Erklärung den besonderen Offenbarungscharakter der hebräischen Bibel, welche wir Christen das Alte Testament nennen, gegen Theorien, die zum Beispiel behaupten, dass die heiligen Bücher des Hinduismus das Alte Testament für Hindus sind.
Aber dies gab Anlass zu Missverständnissen. Einige jüdische Leser neigen dazu zu denken, dass die Haltung der Kirche gegenüber den Juden und dem Judentum eine Unterkategorie ihrer Haltung gegenüber den Weltreligionen im Allgemeinen sei. Jedoch ist eine solche Vermutung ein Fehler und so auch die Vermutung, dass das Dokument „einen Rückschritt in einem gezielten Versuch, den [katholisch-jüdischen] Dialog der letzten Jahrzehnte umzustoßen,“ darstelle. Ich zitiere hier einen Kommentar eines jüdischen Gelehrten.
Dieses Missverständnis kann vermieden werden, wenn die Erklärung gelesen und interpretiert wird – wie es für alle lehramtlichen Dokumente gilt – im größeren Kontext aller anderen offiziellen Dokumente und Erklärungen, die durch dieses Dokument in keiner Weise annulliert, widerrufen oder aufgehoben werden.
In diesem weiteren Kontext gelesen, müssen wir sagen, dass im Blick auf die soeben erwähnte Vermutung die katholisch-jüdischen Beziehungen kein Teil der interreligiösen Beziehungen im Allgemeinen sind, weder in der Theorie noch in der Praxis. In der Praxis: Denken Sie daran, dass unsere Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum nicht dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog zugeordnet ist, sondern dem Päpstlichen Rat, der für die Förderung des ökumenischen Dialogs verantwortlich ist. In der Theorie: Bedenken Sie, dass das Judentum nach dem Verständnis der Kirche einzigartig unter den Religionen der Welt ist, weil – wie Nostra Aetate feststellte – es die „Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind“ (vgl. Paulus in seinem Brief an die Römer, 11,17-24) ist. Oder – wie Papst Johannes Paul II. es bei mehr als einer Gelegenheit gesagt hat – „unsere beiden Religionsgemeinschaften auf der Ebene ihrer je eigenen Identität eng und beziehungsvoll miteinander verbunden sind“ (seine Ansprachen vom 12. März 1979 und 6. März 1982); und während seines historischen Besuchs in der Synagoge zu Rom vom 13. April 1986: „Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ‚Äußerliches’, sondern gehört in gewisser Weise zum ‚Inneren’ unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.“
Am 6. März 1982 bezog sich der Papst auf „den Glauben und das religiöse Leben des jüdischen Volkes, wie sie noch jetzt bekannt und gelebt werden“. In der Tat ist es auch den Hinweisen für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der römisch- katholischen Kirche, die von unserer Kommission am 24. Juni 1985 veröffentlicht wurden, ein Anliegen, dass das Judentum in der katholischen Lehre nicht als eine nur historische und archäologische Wirklichkeit dargestellt wird. Sie beziehen sich auf „die bleibende Wirklichkeit des jüdischen Volkes“ – „des Gottesvolkes des von Gott nie gekündigten Alten Bundes“ (Johannes Paul II. am 17 November 1980 in Mainz) - als „eine stets lebendige Wirklichkeit, die zur Kirche in enger Beziehung steht“. In der Tat erinnern die Hinweise uns daran, dass „Abraham wirklich der Vater unseres Glaubens (vgl. Röm 4,11-12; Römischer Kanon: patriarchae nostri Abrahae)“ ist. Und es heißt auch (1 Kor 10:1): „Unsere Väter sind alle unter der Wolke gewesen, sie alle sind durchs Meer gezogen.“
Tatsächlich anerkennt Dominus Iesus in besonderer Weise die göttliche Offenbarung in der Hebräischen Bibel und zwar im Gegensatz zu den heiligen Büchern anderer Religionen.
Gegen einige relativistische Theorien, die sowohl die jüdische als auch die christliche Religion der Kategorie der Weltreligionen unterordnen, stellt dieses Dokument unter Bezugnahme auf das II. Vatikanische Konzil fest: „Die Überlieferung der Kirche gebraucht jedoch die Bezeichnung inspirierte Schriften nur für die kanonischen Bücher des Alten und des Neuen Bundes, insofern sie vom Heiligen Geist inspiriert sind.“
So betrifft das Dokument Dominus Iesus die katholisch-jüdischen Beziehungen nicht in einer negativen Weise. Aufgrund seiner Aussageabsicht befasst es sich nicht mit der Frage der Theologie der katholisch-jüdischen Beziehungen, wie sie von Nostra Aetate und der nachfolgenden Lehre der Kirche verkündet wurde. Was das Dokument zu „korrigieren“ versucht, ist eine andere Kategorie, nämlich die Versuche einiger christlichen Theologen, zu einer Art „universaler Theologie“ der interreligiösen Beziehungen zu finden, die in einigen Fällen zu Indifferentismus, Relativismus und Synkretismus geführt haben. Gegen solche Theorien sind wir als Juden und Christen auf derselben Seite und sitzen im selben Boot; wir haben zu kämpfen, zu argumentieren und gemeinsam Zeugnis zu geben. Unser gemeinsames Selbstverständnis steht auf dem Spiel.
Ich denke, dass Kardinal Joseph Ratzinger, der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, diese Fragen in seinem Artikel „L'Eredità di Abramo“ (Das Erbe Abrahams, in: L'Osservatore Romano vom 29. Dezember 2000) geklärt hat, wo er schreibt: „Es ist offensichtlich, dass der Dialog von uns Christen mit den Juden auf einer anderen Ebene stattfindet als der mit den anderen Religionen. Der in der Bibel der Juden, dem Alten Testament der Christen, bezeugte Glaube ist für uns nicht eine andere Religion, sondern das Fundament unseres Glaubens.“ Ich denke, dies ist eine klare Aussage, der ich nichts hinzuzufügen habe.

3. Neben dem bereits erwähnten Hauptproblem, das von Dominus Iesus aufgeworfen wurde, gibt es noch andere Fragen, mit denen ich mich in diesem Papier nicht befassen kann, da sie eine viel gründlichere Erörterung benötigen würden. Diese Fragen waren bereits Gegenstand unseres Dialogs und sollten auch in Zukunft auf der Tagesordnung stehen. In diesem Zusammenhang kann ich sie nur erwähnen und zwar ohne den Anspruch, sie zu lösen. Auch hat Dominus Iesus nicht die Absicht, in diese Fragen einzusteigen: sie liegen jenseits ihrer innertheologischen und innerkatholischen Intention.
Eine dieser Fragen lautet, in welcher Beziehung der Bund mit dem jüdischen Volk, der nach Paulus ungebrochen und unwiderrufen und noch immer in Kraft ist, zu dem steht, den wir Christen den neuen Bund nennen. Wie Sie wissen, ist die alte Theorie der Substitution seit dem II. Vatikanischen Konzil verschwunden. Für uns Christen heute ist der Bund mit dem jüdischen Volk ein lebendiges Erbe, eine bleibende Wirklichkeit. Es kann nicht ein bloßes Nebeneinander zwischen den beiden Bünden geben. Juden und Christen sind von ihren jeweiligen spezifischen Identitäten her eng mit der jeweils anderen verwandt. Es ist jetzt nicht möglich, das komplexe Problem aufzugreifen, wie diese innige Beziehung definiert werden sollte oder könnte. Eine solche Frage berührt auch das Geheimnis der jüdischen und christlichen Existenz und sollte in unserem weiteren Dialog diskutiert werden.
Das einzige, was ich sagen möchte, ist, dass das Dokument Dominus Iesus nicht behauptet, jeder müsse ein Katholik werden, um von Gott das Heil zu erlangen. Es erklärt im Gegenteil, dass Gottes Gnade, welche nach unserem Glauben die Gnade Jesu Christi ist, für alle zugänglich ist. Daher glaubt die Kirche, dass das Judentum, das heißt die gläubige Antwort des jüdischen Volkes auf Gottes unwiderruflichen Bund, heilbringend für es ist, denn Gott ist seinen Verheißungen treu.
Das berührt das Problem der Mission gegenüber den Juden, eine schmerzliche Frage in Bezug auf Zwangskonversionen in der Vergangenheit. Dominus Iesus hat wie andere offizielle Dokumente diese Frage berührt, als es sagte, dass der Dialog ein Teil der Evangelisierung ist. Dies erregt jüdischen Verdacht. Aber dies ist ein sprachliches Problem, da der Begriff der Evangelisierung in den offiziellen kirchlichen Dokumente nicht in derselben Weise verstanden werden kann, wie es häufig in der Alltagssprache verstanden wird. In strikt theologischer Sprache ist die Evangelisierung eine sehr komplexe und allgemeine Begriffsgröße wie auch Wirklichkeit. Es schließt Präsenz und Zeugnis ein, Gebet und Liturgie, Verkündigung und Katechese, Dialog und soziale Arbeit. Nun haben Präsenz und Zeugnis, Gebet und Liturgie, Dialog und soziale Arbeit, welche alle Teil der Evangelisierung sind, nicht das Ziel, die Zahl der Katholiken zu erhöhen. So schließt Evangelisierung, wenn sie im angemessenen und theologischen Sinne verstanden wird, keinen Versuch der Proselytenmacherei wie auch immer ein.
Auf der anderen Seite bezieht sich der Begriff Mission im eigentlichen Sinne auf die Bekehrung von falschen Göttern und Götzen zu dem wahren und einzigen Gott, der sich selbst in der Heilsgeschichte mit seinem auserwählten Volk geoffenbart hat. So kann Mission in diesem strengen Sinne nicht im Blick auf Juden, die an den wahren und einzigen Gott glauben, verwendet werden. Deshalb – und das ist charakteristisch – gibt es katholischerseits auch keine organisierte oder institutionalisierte Judenmission. Es gibt den Dialog mit Juden, aber keine Mission im eigentlichen Sinn des Wortes ihnen gegenüber. Was aber ist der Dialog? Gewiss ist er – wie wir von jüdischen Philosophen wie Martin Buber gelernt haben – mehr als Smalltalk und ein bloßer Austausch von Meinungen. Er ist auch etwas anderes als ein akademischer Disput; gleichwohl kann auch ein wichtiger wissenschaftlicher Disput innerhalb des Dialogs geführt werden. Dialog schließt persönliche Bindungen wie auch das Zeugnis der eigenen Überzeugung und des eigenen Glaubens ein. Dialog kommuniziert den Glauben und erfordert zur gleichen Zeit tiefe Achtung vor der Überzeugung und vor dem Glauben des Partners. Er respektiert die Differenz des anderen und bringt gegenseitige Bereicherung.
Mit dieser Art von Dialog wollen wir Katholiken in der Zukunft fortfahren; mit dieser Art von Dialog können wir nach Dominus Iesus fortfahren. Dominus Iesus ist nicht das Ende des Dialogs, sondern eine Herausforderung für einen weiteren und noch intensiveren Dialog. Wir brauchen diesen Dialog für unsere eigene Identität und zum Wohle der Welt. In der Welt von heute haben wir Juden und Christen eine gemeinsame Sendung: wir sollten zusammen Orientierung geben. Gemeinsam müssen wir Botschafter des Friedens sein und Schalom bringen.

 

Quelle: http://www.bc.edu/research/cjl/meta-elements/texts/cjrelations/resources/articles/kasper_dominus_iesus.htm.
(22. März 2007); eigene Übersetzung.

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