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Erklärung „Holocaust - Schoa: Die Wirkungen auf die Theologie und das christliche Leben in Argentinien und Lateinamerika“ in Buenos Aires

Jüdisch-christliche Gemeinschaft Argentiniens, Theologische Fakultät der katholischen Universität Buenos Aires und Evangelisches Institut für höhere theologische Studien am 17. Mai 2006

 

Argentinien hat die größte jüdische Gemeinschaft Lateinamerikas. In den letzten Jahrzehnten hat sie durch Auswanderung und Assimilierung und vor allem durch den Bombenanschlag mit 85 Toten auf das jüdische Gemeinschaftszentrum von Buenos Aires vom 18. Juli 1994 eine Auszehrung hinnehmen müssen. Der jüdischen Gemeinschaft ist aber auch jene Geste der Solidarität gegenwärtig, mit der der damalige Erzbischof von Buenos Aires Jorge Mario Bergoglio – heute Papst Franziskus – als erste Persönlichkeit eine Petition unterzeichnet hat, die den Anschlag verurteilte und forderte, die Täter und Urheber dieses Anschlags zur Rechenschaft zu ziehen. Heute zählt die jüdische Gemeinschaft Argentiniens etwa 150.000 Mitglieder.

 

An die christlichen Gemeinden in Lateinamerika und der Karibik,

an all jene, welche nach Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung suchen.

1. Wir sind Christen, Frauen und Männer, zusammengerufen durch die Jüdisch-christliche Gemeinschaft Argentiniens (CAJC), die Theologische Fakultät der Katholischen Universität Argentiniens (UCA) und das Evangelische Institut für Höhere Theologische Studien (ISEDET). Wir sind in Argentinien zusammengekommen und zwar in Anwesenheit von Schwestern und Brüdern der verschiedenen jüdischen Gemeinschaften, um das Erste Internationale Symposium christlicher Theologie zu halten. Wir sind im San-Martín-Palais des Argentinischen Auswärtigen Amtes versammelt, der vom Sekretariat für Religionsangelegenheiten, Mitorganisator des Treffens, zur Verfügung gestellt wurde. In der dreitägigen Begegnung haben wir über die Beziehungen zwischen Christen und Juden reflektiert und dabei mit dem Thema Holocaust - Schoa: Die Wirkungen auf die Theologie und das christliche Leben in Argentinien und Lateinamerika begonnen. Am Ende unseres Treffens möchten wir die Betrachtungen zusammenfassen und mitteilen, welche aus unserem Austausch hervorgegangen sind.

2. Wir haben die Schoa in ihrer Bedeutung von Zerstörung, Verheerung und Vernichtung in Erinnerung gebracht. Wir haben unsere Aufmerksamkeit auf  das Ganze der Schrecken konzentriert, welche das jüdische Volk im Zusammenhang des Zweiten Weltkrieges erlitten hat, Frucht einer langen Zeit der Vorbereitung und Inkubation, als eine perverse Nazi-Ideologie die verderbliche Absicht bewegte, ein ganzes Volk zu beseitigen. Wir haben uns bewusst gemacht, bis zu welchem Ausmaß diese einzigartige und ungeheuerliche Tat die Grundfesten des Sozialkontrakts mit den ethischen wie religiösen Voraussetzungen bis heute erschüttert hat. Insbesondere hat sich das Christentum, als Mehrheit in den Ländern, in denen dieses Massaker durchgeführt worden ist, gedrängt gesehen, seine eigene Verantwortung zu prüfen und seine eigenen Grundsätze zu überdenken, vor allem angesichts dessen, dass viele Christen Mittäter waren oder sich nicht genügend den Grausamkeiten widersetzt haben.

3. Wir glauben, dass wir beim Versuch der Erklärung, warum die Schoa möglich war, ihre religiösen Ursachen prüfen müssen. Eine lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und der christlichen Gewalt gegen Juden bereitete der Nazi-Ideologie den Weg. Die grundlegende Schwachheit und sogar das Fehlen der christlichen Vision vor der Schoa schlugen sich in einer Behauptung der Nutzlosigkeit und Unwichtigkeit des jüdischen Volkes nieder. Dies ist der Schlüssel, um die theologischen Wurzeln zu verstehen, die hinter dem Geschehenen liegen.

4. Wie damals so geben auch heute bestimmte Weisen, die christliche Lehre zu verstehen und zu verkündigen, einen Rahmen für die Annahme, Bestätigung und Bekräftigung antijüdischer Überzeugungen. Auch heute denken einige, dass Juden nichts Besonderes anzubieten haben und zwar, weil der sie kennzeichnende Glaube seine geschichtliche Aufgabe schon erfüllt habe. Diese Auffassung nährt den mehr oder weniger bewussten Gedanken, dass ihr eventuelles Verschwinden die Menschheit nicht berühren könnte. Der Antizionismus ist, insofern er das Existenzrecht des israelischen Staates leugnet, indem er ihn als eine Gefahr für die Menschheit betrachtet, eine Bekundung dieses zu verabscheuenden Antijudaismus, der immer noch unter uns besteht und aktiv ist.

5. In Argentinien und in Lateinamerika im Allgemeinen überlebten sogar nach der Schoa reaktionäre christliche Milieus, die daran festhielten, dass ihr Glaube ihrem Antijudaismus Fundamente liefert. Argentinien ist eines der Länder mit einer großen jüdischen Bevölkerung. Die Juden haben das Leben des Landes mit zahlreichen und äußerst wertvollen Beiträgen bereichert. Trotzdem war Argentinien und ist es noch der Schauplatz von Verfolgungen und Beleidigungen gegen jüdische Personen und Institutionen und dies auch seitens überzeugter Christen.

6. Darum sind wir davon überzeugt, dass die Theologen das Ganze ihrer eigenen Überlieferungen im Lichte der Schoa kritisch überprüfen müssen. Die Theologie muss sich fragen lassen, inwiefern die theologischen Wurzeln dieses Faktums noch heute gegenwärtig sind; sie muss alle Anstrengung darauf verwenden, diese auszumerzen, damit kein Antijudaismus sich auf angebliche christliche Lehren begründen kann und jeder Christ, der antijüdische Behauptungen hört, darauf mit einem energischen Widerspruch reagieren kann. Andernfalls werden die Theologen Komplizen für jene, die den Nationalsozialismus dulden, oder für jene, die weiterhin daran festhalten, dass christlicher Glaube und Antijudaismus miteinander vereinbar sind.

7. Es ist notwendig zu bekräftigen, dass nach Jesus das jüdische Volk in seiner konkreten geschichtlichen und religiösen Wirklichkeit, in der Gegenwart und zu allen Zeiten, eine unersetzbare Mission hat und dass die Christen fortwährend des jüdischen Beitrags bedürfen.

8. Auch wenn wir wichtige Fortschritte im Nachdenken sowie im Dialog zwischen den religiösen Autoritäten und in spezialisierten Kreisen erkennen, muss die Ausbildung, welche die Theologiestudenten, Prediger und Katecheten erhalten, überprüft werden, damit endgültig aus der akademischen wie auch aus der volkstümlichen Sprache Begriffe entfernt werden, die antijüdische Überzeugungen oder Abwertungen des jüdischen Beitrages zum Ausdruck bringen.

9. Der Dialog zwischen Christen und Juden erlaubt uns, besser anzuerkennen, dass der Schöpfer uns seine Gnade anbietet und von uns fordert, gemeinsam zusammenzuarbeiten, um den Kräften des Bösen, welche die Würde des Menschen angreifen, entgegenzuwirken. Wir Christen versuchen mehr denn je, die Gegenwart Jesu unter den Armen und Leidenden zu erkennen, und wir verstehen, dass er sich am Kreuz mit ihnen allen identifiziert hat. Aber wir glauben, dass das Alte Testament, das lebendige und gegenwärtige Wort unseres Gottes, genügend Begründungen für die sozialen Anstrengungen von Juden und Christen liefert. Die Juden in Argentinien sind für einen Stil der Unterweisung bekannt, in dem sie die sozialen und zivilen Folgen ihres Glaubens wunderbar herausstellen, was mit den neuen Akzenten der christlichen Theologie übereinstimmt. Unter Berücksichtigung der häufigen Verletzungen der Menschenrechte in unserem Land und in ganz Lateinamerika glauben wir, dass derselbe Gott – gelobt sei Er! – uns zu einer fortwährenden Reflexion und Kooperation beruft, die der Geburt einer neuen Welt der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens gilt, den der Messias bringen wird, dessen Kommen bzw. Wiederkommen wir erwarten.

 

Quelle: http://www.jcrelations.net/Holocausto-Sho____Sus_efectos_en_la_teolog__a_y_la_vida_cristiana_en_Argentina.1939.0.html?L=5 (spanisches Original) sowie: http://www.jcrelations.net/Holocaust_Shoah__Its_Effects_on_Christian_Theology_and_Life_in_Argentina_and_Lat.1946.0.html - Eigene Übersetzung.


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