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Erklärung zum 70. Jahrestag der Deportation der Juden aus der Slowakei

Slowakische Bischofskonferenz am 20. März 2012

 

Am 25. März 1942 kam es zur ersten Deportation von jüdischen Frauen und Mädchen aus der Slowakei in das Konzentrationslager Auschwitz. Ihr folgten weitere Deportationen von über 70.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Fast alle Deportierten kamen aufgrund der unmenschlichen Behandlung in den Konzentrationslagern ums Leben. An diese Geschehnisse erinnerte die slowakische Bischofskonferenz mit einer Erklärung zum 70. Jahrestag der ersten Deportation. Darin bekunden sie ein aufrichtiges und tiefes Bedauern über die Tragödie, die nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Zugleich mahnen sie, aus der Vergangenheit zu lernen und sich als christliche Hoffnungsträger zu bewähren.

 

Die moderne slowakische Geschichte ist von zahlreichen Umwälzungen, Höhepunkten wie auch traumatischen Erlebnissen gekennzeichnet. Es geht hierbei nicht nur um eine in sich verschlossene Welt einer Nation, sondern auch um unsere Beziehungen zu anderen Nationen, Völkern und Kulturen. Diese Beziehungen entwickelten sich nur langsam, manche sogar über viele Jahrhunderte hinweg und wiesen sowohl Licht- als auch Schattenseiten auf. Erfahrungsgemäß gibt es keine idealen Beziehungen, sondern nur solche Beziehungen, welche der Realität entsprechen. Auf diese Weise entstanden auch die Beziehungen zwischen Slowaken und Juden. Hier handelte es sich um eine mehrdimensionale Beziehung, die nicht nur eine engere Beziehung zweier Ethnien darstellte, sondern und vor allem eine Beziehung von zwei kulturellen und religiösen Welten – dem Christentum und dem Judentum. Sie bildete einen Teil des weitumfassten Beziehungsgeflechtes, auf der lokalen Ebene aber war sie immer eine Beziehung zwischen den einzelnen Menschen.

Im säkularisierten Umfeld der modernen europäischen Gesellschaft entstanden totalitäre Ideologien. Sie verfolgten das Ziel, die Religion zu ersetzen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass diese Ideologien Europa und die ganze Menschheit zur großangelegten Gewalt und Gesetzlosigkeit führten. Die nationalsozialistische Lehre über die Minderwertigkeit und über die Schädlichkeit der jüdischen Rasse führte zur Ausführung des Plans, die Juden zu vernichten. Sie knüpfte dabei an die bereits eingeimpften Stereotypien und die Ablehnung der Juden an, woraus sich dann eine neue negative Dynamik und neue Inhalte entwickelten.

Der Plan zur Liquidation traf die in der Slowakei lebenden Juden, und dies gerade zu der Zeit der Existenz der ersten Slowakischen Republik. Am 25. März 1942, also genau vor 70 Jahren, verließ der erste Transport junger Frauen und Mädchen Poprad ins nationalsozialistische Konzentrationslager Auschwitz. In der darauffolgenden Zeit folgten bis zum 20. Oktober 1942 weitere Transporte. Besonders nach dem Jahr 1940 wurde auf die Durchführung von Deportationen systematischer Druck seitens der deutschen Seite sowie einer einflussreichen Gruppe von Sympathisanten im Land selbst ausgeübt. Zur Motivation gehörten der Wunsch, die Juden zu beseitigen - sie wurden in der Bevölkerung aufgrund der damaligen Propaganda und der Vorurteile ausschließlich als Feinde gesehen – und das Streben nach deren Eigentum. Es ist ein Paradox, dass dies gerade in einem Land mit tief verwurzelten christlichen Prinzipien geschah. Die katholischen und evangelischen Bischöfe warnten die verantwortlichen politischen Akteure vor der Applikation des Rassenprinzips in die damalige Gesetzgebung. Jedoch blieb ihre Stimme ungehört, sie wurde oft falsch interpretiert und marginalisiert. Getauften Juden wurde meist Schutz zuteil. Auch die Stimme des Hl. Stuhles, welcher sich energisch gegen die Rassengesetzgebung und Deportationen gestellt hat, wurde nicht respektiert. Die Deportationen galten als eine schnelle und vollkommene Lösung „des ewigen Problems“, jedoch waren ihre Auswirkungen eindeutig negativ. Die damaligen verantwortlichen Politiker bekannten sich zum Christentum und den dazugehörigen Wertvorstellungen. Einige von ihnen haben sie jedoch aufgrund der Verfolgung der Juden in der Praxis verletzt. Sie unterlagen entweder ganz der Vorstellung über die Richtigkeit ihres radikalen Vorgehens, oder sie blieben mehr oder weniger passiv. Schockierend ist besonders die Gleichgültigkeit, mit welcher sie dem Schicksal von Menschen gegenüber standen, welche ihre Heimat verlassen haben, wo sie eine mehr als unsichere Zukunft erwartete. Wie sich kurz nach den Deportationen gezeigt hatte, handelte es sich nicht um eine Umsiedlung von Juden in vorgegebene Gebiete - auch wenn viele davon überzeugt waren -, sondern um deren systematische Liquidation. Von 89 456 slowakischen Juden wurden im Jahr 1942 auf eine erniedrigende Art und oft unter grausamer Behandlung 57 628 Personen deportiert. Viele von ihnen stammten aus einem Gebiet, welches sich nach dem Wiener Schiedsspruch[1] außerhalb der damaligen Slowakei befand. Nach dieser Zeit wurden bis zum Jahr 1944 trotz des deutschen Drucks keine Juden deportiert. Als ein neuer Impuls für die Wiederaufnahme der Deportationen galt erst die Ankunft der deutschen Armee im August 1944, bis zum März wurden dann weitere 13 500 Juden deportiert. Fast alle deportierten Juden starben unter unmenschlichen Bedingungen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Diese Realität kann niemand mehr ändern. Diese schmerzhaften Ereignisse motivieren uns als katholische Christen, unser aufrichtiges und tiefes Bedauern über dieses tragische Ereignis auszusprechen.

Nicht unerwähnt soll die Tatsache bleiben, dass die Slowakei unter den damaligen Ländern Mitteleuropas in Bezug auf die Anzahl der Bevölkerung, welche Juden gerettet hat, den ersten Platz einnimmt. Dies zeigt auch die Tatsache, dass etwa 540 Menschen in der Slowakei mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurden. Der Grund hierzu ist im christlichen Charakter des Landes zu suchen sowie bei Personen, welche ihre Freiheit und oft ihr Leben riskierten, um den Verfolgten zu helfen. Interventionen der Bischöfe, Priester und Laien, das Verstecken von Juden in Klöstern, in Pfarreien und in christlichen Familien, das Fälschen von Taufdokumenten und amtlichen Dokumenten, all dies war der Ausdruck einer wirksamen christlichen Nächstenliebe.

Erst nach 45 Jahren seit den Deportationen von Juden, also im Jahr 1987, wurde eine Erklärung aufgrund der Initiative von slowakischen katholischen Dissidenten herausgegeben. Diese verurteilte die Deportationen und bedauerte dies zutiefst. Die Erklärung wurde von 24 Unterzeichnern aus den Reihen von bedeutenden Persönlichkeiten aus der Kirche, Literatur, Kunst und Wissenschaft unterschrieben.

Wir wissen, dass die Vergangenheit nicht rückgängig gemacht werden kann, sie kann auch nicht verschwiegen werden. Aber wir können aus ihr eine Lehre ziehen, und jeder von uns kann viel dazu beitragen, damit wir als Christen immer – in guten und in schlechten Zeiten – Träger der Hoffnung für alle sind.

 

Quelle: http://www.kbs.sk/obsah/sekcia/h/dokumenty-a-vyhlasenia/p/dokumenty-konferencie-biskupov-slovenska/c/vyhlasenie-pri-prilezitosti-70-vyrocia-prveho-transportu-zidovskych-obyvatelov-zo-slovenska-50 – Eigene Übersetzung.

 

[1] Anmerkung der Übersetzerin: Es handelt sich hier um den sogenannten Ersten Wiener Schiedsspruch von 1938, durch den Gebiete mit ungarischer Bevölkerungsmehrheit in der damaligen Südslowakei Ungarn zugesprochen wurden. Davon waren auch die in diesem Gebiet lebenden Juden betroffen.

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