One Two

Erklärung zum Antisemitismus

Niederländische Bischofskonferenz am 3. Mai 2002

 

Das Jahr 2002 war in den Niederlanden ein Jahr heftiger politischer Kontroversen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung standen Fragen des Zusammenlebens der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und Religionen. Populistische Politiker vertraten die These vom Scheitern eines „Multikulturalismus“ und forderten einen Einwanderungsstop. Einer von ihnen, Pim Fortuyn, der am 6. Mai 2002 kurz vor den niederländischen Parlamentswahlen ermordet wurde, kritisierte – neben den Kirchen – besonders den Islam. Auch wenn die Islamkritik die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog, kam es auch zu judenfeindlichen Äußerungen, die sich mit einer zum Teil scharfen Israelkritik verknüpften. In dieser Situation meldete sich die Niederländische Bischofskonferenz mit einer  Erklärung zum Antisemitismus, für die ihr Vorsitzender, Kardinal Adrianus Simonis, verantwortlich zeichnete, zu Wort. Die Erklärung spricht zunächst die Form des antizionistisch geprägten Antisemitismus an, um dann an den religiösen Antijudaismus zu erinnern und schließlich zum Widerstand und Protest gegen antijüdische Äußerungen aufzurufen.

 

Mit Besorgnis haben die niederländischen Bischöfe Kenntnis von einem starken Anstieg des Antisemitismus in Westeuropa und leider auch in den Niederlanden genommen.

Zu unserem Leidwesen sehen wir, wie die Gewalt das Zusammenleben in Israel und den palästinensischen Gebieten stört. Mit Bedauern sehen wir, wie der Konflikt auch die heiligen Stätten und die religiösen Feste der drei abrahamitischen Religionen nicht unberührt lässt. Mit großer Anerkennung verfolgen wir die Aktivitäten von Menschen, die sich auch weiterhin für den Frieden und für eine Lösung des Konflikts einsetzen, die für beide Seiten gerecht sein kann.

Unsere Sorgen werden von vielen Bürgerinnen und Bürgern der Niederlande geteilt, die sich von den dramatischen Ereignissen in Israel und den palästinensischen Gebieten betroffen fühlen. Mit ihnen fordern wir ein Ende der militärischen Gewalt in den palästinensischen Gebieten und der Anschläge in Israel. Mit ihnen lehnen wir jede Genehmigung oder eine religiöse Rechtfertigung des Terrors gegen unschuldige Zivilisten ab. In unserem Land hat jeder die Freiheit, seine Anteilnahme und Solidarität mit Israel, mit den Palästinensern oder mit beiden zum Ausdruck zu bringen. Jeder hat die Freiheit, politische Entscheidungen und aktuelle Aktionen von beiden Parteien zu kritisieren. Dieser Ermessensspielraum gibt jedoch keinen Freibrief zum Aufruf von Hass und Diskriminierung einer bestimmten Gruppe oder einer ganzen Nation.

Leider haben wir auch zu beachten, dass wegen ihrer tiefen und konkreten Verbundenheit mit dem Staat Israel Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in unserem Land zunehmend zum Opfer von verbaler und physischer Gewalt werden. Die Medien haben in den letzten Monaten von einer großen Anzahl von antisemitischen Vorfällen berichtet; dabei wurden auch Kinder und ältere Menschen nicht verschont. Eindeutig wachsen Angst und Verunsicherung unter unseren jüdischen Mitbürgern.

Im Jahr 1995, dem fünfzigsten Jahr der Befreiung, haben wir ein erstes bischöfliches Schreiben zur Beziehung der römisch-katholischen Kirche mit dem Judentum veröffentlicht. Wir sind ausdrücklich auf die Tradition des religiösen Antijudaismus eingegangen und zwar in dem Bewusstsein, dass diese Tradition dazu beigetragen hat, ein Klima zu schaffen, in dem der Holocaust, die Ermordung der Juden während des Zweiten Weltkriegs stattfinden konnte. Wir haben auch mit Papst Johannes Paul II. und mit anderen Bischofskonferenzen jede Form des Antisemitismus als eine Sünde gegen Gott und die Menschen verurteilt. In diesem Zusammenhang, schrieben wir: „Vorurteile und Formen von Antisemitismus melden sich wiederholt in unserer Gesellschaft. Dies erfordert Wachsamkeit und Entschiedenheit.“

Aus dieser Überzeugung sehen wir es als unsere Pflicht an, jetzt erneut jede Form des Antisemitismus zu verurteilen.

Am 4. Mai gedenken wir der Opfer des NS-Regimes, darunter mehr als hunderttausend jüdischer Niederländer. Am 5. Mai feiern wir unsere Befreiung und unsere Freiheit, ein großes und wertvolles Gut. Mit dieser Erklärung wollen wir zu Widerstand und Protest gegen Tendenzen in unserer Gesellschaft aufrufen, welche der jüdischen Gemeinschaft das Gefühl von Sicherheit und Freiheit nehmen. Die Geschichte hat uns gelehrt, in dieser Frage wachsam zu sein und weiterhin zu bleiben. Gleichzeitig rufen die Bischöfe die Gläubigen dazu auf, weiterhin für ein schnelles Ende der Gewalt und für eine friedliche und gerechte Lösung des Konflikts in Israel und den palästinensischen Gebieten zu beten.

 

Utrecht, 3 mai 2002 Quelle: http://www.bisdomhaarlem-amsterdam.nl/?p=docs&ids=antisemitisme&t=Verklaring+Nederlandse+Bisschoppenconferentie+over+antisemitisme - Eigene Übersetzung.

 

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