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Grußwort anlässlich der Feier des 10-jährigen Jubiläums der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD) in Berlin

Bischof Heinrich Mussinghoff, Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz am 10. November 2013

 

Am 27. April 2003 wurde die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland mit dem Ziel gegründet, die jüdische Tradition und ihren rechtlichen Teil, die Halacha, in Deutschland zu erhalten und weiterzuentwickeln. Zugleich hat sie sich für die Beteiligung am interreligiösen Dialog entschieden und pflegt die Beziehung zu den Kirchen. Ein Ausdruck ihrer Verbundenheit war die Einladung an Bischof Heinrich Mussinghoff, den Vorsitzenden der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz, beim Festakt zum 10-jährigen Jubiläum der Rabbinerkonferenz zu sprechen. Dieser Festakt fand im Rahmen eines Treffens der 1956 gegründeten Europäischen Rabbinerkonferenz statt, die erstmals in Deutschland tagte. Bischof Mussinghoff erinnerte an die Geschehnisse der Reichspogromnacht 75 Jahre zuvor und das christliche Versagen, machte aber zugleich darauf aufmerksam, dass die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dessen Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra aetate“ ihr Verhältnis zum jüdischen Volk neu ausgerichtet hat. Er schloss sein Grußwort mit dem Segenswunsch, Gott möge das jüdische Volk in der Treue zu Gottes Bund und in der Liebe zu seinem Namen bewahren, und zitierte damit die Karfreitagsfürbitte für die Juden der ordentlichen Form des Ritus der katholischen Kirche.

 

Verehrte Herren Rabbiner,

es ist mir eine große Freude, Ihnen die Grüße der Deutschen Bischofskonferenz zu überbringen und Ihnen zum 10-jährigen Jubiläum der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands zu gratulieren. Ebenso freut es mich, dass die Europäische Rabbinerkonferenz erstmals in Deutschland tagt.

Meine Freude aber wird getrübt durch die Erinnerung an das, was gestern und heute vor genau 75 Jahren hier in Berlin und in vielen Städten Deutschlands und Österreichs geschah. In der Reichspogromnacht wurden Synagogen in Brand gesetzt, Torarollen in den Schmutz getreten, Juden aus ihren Häusern gezerrt, gedemütigt und deportiert. In dieser Nacht begann die offene Verfolgung, die zur Ermordung von sechs Millionen Juden in Europa führte. Angesichts der brennenden Synagogen sagte der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg in seiner Predigt: „Auch das ist ein Gotteshaus!“ Doch es waren nur wenige Katholiken, die damals protestierten. Viele schauten weg. Andere haben sich sogar an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt. Die Erinnerung an den 9. November 1938 ist für mich eine schmerzliche Erinnerung, die mich mit Scham erfüllt. 

Die Shoah hat uns Christen die Augen geöffnet für die mörderischen Folgen einer Jahrhunderte währenden Judenverachtung, die sich tief in das kulturelle und religiöse Gedächtnis Europas eingegraben hat. Zwar speiste sich der Antisemitismus der Nazis aus einer politischen Ideologie, deren rassistische Grundlagen die Kirche sowohl vor als auch nach 1933 unmissverständlich verurteilt hat. Doch so berechtigt die Unterscheidung von christlichem Antijudaismus und modernem Antisemitismus auch ist, so müssen wir doch erkennen, dass der christliche Antijudaismus den kulturellen und gesellschaftlichen Boden bereitet hat, auf dem die Nationalsozialisten ihre rassisch motivierte Judenverfolgung ins Werk setzen konnten.

Mit ihrer Erklärung Nostra aetate hat die katholische Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor nunmehr fast 50 Jahren ihr Verhältnis zum jüdischen Volk theologisch neu bestimmt. Heute erkennen wir es deutlich: Man kann nicht den Gott Israels verehren und gleichzeitig das Volk Israels verachten. Deshalb kann ein Christ kein Antisemit sein. Deshalb sucht die Kirche den Dialog und die Freundschaft mit dem jüdischen Volk. Papst Franziskus wirkt hier – wie schon seine Vorgänger – wegweisend für die ganze Kirche.

Ich weiß, dass es vielen Juden gerade in Deutschland nicht leicht fiel, nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte und vor allem nach der Shoah das Gespräch mit Christen zu führen. Umso dankbarer sind wir, dass in den vergangenen Jahrzehnten auf vielen Ebenen freundschaftliche Bande geknüpft werden konnten. Dazu gehören auch die regelmäßigen Gespräche mit der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands. Für die offenen und vertrauensvollen Gespräche möchte ich vor allem Rabbiner Apel, Rabbiner Engelmayer und Rabbiner Soussan von Herzen danken. Sie engagieren sich seit vielen Jahren im christlich-jüdischen Gespräch.

Eine Frucht unserer Gespräche ist die Erkenntnis, dass Juden und Christen heute vor gemeinsamen Herausforderungen stehen. Eine dieser Herausforderungen ist die zunehmende Säkularisierung in Europa. Viele unserer Mitmenschen haben mit dem Glauben an Gott auch das Verständnis für religiöse Überzeugungen und religiöse Gebote verloren. Die Debatte um die Beschneidung von Jungen im vergangenen Jahr in Deutschland oder die gegenwärtige Debatte um das Schächten in Polen zeigen dies deutlich. Ich versichere Ihnen, dass die katholische Kirche in diesen Debatten an Ihrer Seite steht. Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit von Religion, sondern zunächst und vor allem die Freiheit, seine Religion zu praktizieren. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, das Gespräch mit säkularen Mitmenschen zu suchen und unsere Überzeugungen mit Argumenten zu vertreten. Das ist sicher nicht immer einfach. Aber die Beschneidungsdebatte des vergangenen Jahres hat gezeigt, dass ein solcher Dialog durchaus erfolgreich sein kann.

Ich wünsche der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands und allen anwesenden Rabbinern weiterhin ein erfolgreiches Wirken und Gottes reichen Segen. Der Herr, unser Gott, bewahre Sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen.

 

Quelle: http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2012/2013-194a-Orthodoxe-Rabbinerkonferenz-Deutschlands_Grusswort-B-Mussinghoff.pdf.

 

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