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Grußwort zum jüdischen Neujahrsfest (Rosch Haschana 5773)

Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising vom 13. September 2012

 

Das Grußwort des Münchener Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx zum jüdischen Neujahrsfest 5773 belegt eine doppelte Entwicklung in der katholisch-jüdischen Beziehung in Deutschland. Das Grußwort zum jüdischen Neujahrsfest an die jüdische Gemeinde der Bischofsstadt oder des jeweiligen Bistums ist seit einigen Jahren für viele Bischöfe eine gern gepflegte Tradition. Und: es bietet die Gelegenheit, neben den Segenswünschen zum jeweils neuen Jahr auch die Nöte und Bedrängnis der jüdischen Gemeinschaft anzusprechen und ein Wort der Solidarität und Anteilnahme zu sagen. Im Herbst 2012 war in den deutschen jüdischen Gemeinden die Verunsicherung durch das Urteil des Kölner Landgerichts vom 7. Mai 2012 noch sehr gegenwärtig, hatte der Deutsche Bundestag doch noch nicht seinen Beschluss vom 12. Dezember 2012 zur Zulässigkeit einer medizinisch fachgerecht ausgeführten Beschneidung verabschiedet. So bekundet im Blick auf die Beunruhigung durch die Beschneidungskontroverse Kardinal Marx seine Verbundenheit und Solidarität mit den jüdischen Mitbürger/innen.

 

Liebe jüdische Schwestern und Brüder,

am 16. September feiern Sie Rosch Haschana. Das Ende eines Jahres ist immer Anlass, Bilanz
zu ziehen, zurückzuschauen auf den Weg, den man gegangen ist. Als gläubige Menschen sind wir der Überzeugung, dass G’tt all diese Wege mit uns gegangen ist, ob uns das immer bewusst war oder nicht, ob wir es gespürt haben oder nicht. Von ihm auch können wir barmherzige Vergebung erwarten, wo wir ihm und seinem Willen gegenüber gefehlt haben.
Aber auch die Aussöhnung mit unseren Mitmenschen, gegenüber denen wir uns verfehlt haben, ist wichtig. So enden die zehn ehrfurchtsvollen Tage des neuen Jahres bei Ihnen nicht ohne Grund mit dem Versöhnungsfest, Jom Kippur. Reue, Buße, Umkehr sind die Voraussetzung für einen neuen Anfang, für ein neues Jahr.
Ich möchte Ihnen auch für dieses neue Jahr unsere Verbundenheit und Solidarität zusichern. Als gläubige Menschen sind wir gemeinsam herausgefordert, ein Zeugnis vom einen und einzigen G’tt zu geben in einer Gesellschaft, die immer säkularer, religiös immer unmusikalischer, ja in Teilen gar aggressiv antireligiös wird. Nur vor diesem Hintergrund
ist wohl auch das Urteil eines deutschen Gerichts zur Beschneidung zu verstehen, das auch auf Seiten der katholischen Kirche zu Unverständnis geführt hat. Wir sehen darin eine Tendenz zur Einschränkung des Erziehungsrechtes der Eltern und der positiven Religionsfreiheit. Mit den jüdischen Verbänden, unseren jüdischen Mitbürgerinnen und
Mitbürgern hoffen wir, dass Lösungen gefunden werden, damit jüdisches Leben auch in
Zukunft in Deutschland ohne Einschränkungen möglich ist.
So wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen für das neue Jahr den reichen Segen des Allerhöchsten.

Mit den besten Segenswünschen
Reinhard Kardinal Marx
Erzbischof von München und Freising

 

Quelle: Jüdisches Leben in Bayern. Mitteilungsblatt des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern – 27. Jahrgang/Nr. 119 vom September 2012, 4.

 

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