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Grußwort zum jüdischen Neujahrsfest (Rosch haSchanah) 5773

Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz vom 13. September 2012

 

In den Sommerwochen 2012 war es in Deutschland zu mehreren viel diskutierten antisemitischen Angriffen auf Juden gekommen. So wurde Rabbiner Daniel Alter am 28. August in Berlin-Schöneberg von vier Jugendlichen gefragt, ob er Jude sei. Nach der Bejahung dieser Frage beschimpften, schlugen und beleidigten die Jugendlichen den Rabbiner und bedrohten seine siebenjährige Tochter, die den Vater begleitete und die Bedrängnis für ihren Vater miterleben musste. Wenige Tage später wurden Schülerinnen und Schüler einer jüdischen Grundschule in Berlin verbal attackiert. Und die heftige Debatte um das Urteil des Kölner Landgerichts vom 7. Mai 201, die nach der Urteils-Veröffentlichung am 26.Juni 2012 die deutsche Öffentlichkeit viele Wochen intensiv bestimmte, hatte u.a. nicht nur einen antireligiösen Ton, sondern ließ auch antijüdische bzw. antisemitische Stimmen öffentlich werden.
In seiner zur Tradition gewordenen Grußbotschaft zum jüdischen Neujahrsfest sprach der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, diese Vorgänge an und bekundete seine Solidarität. Er machte deutlich, dass solche Angriffe nicht nur die jüdische Gemeinschaft betreffen, sondern auch das Miteinander der Gesellschaft. Und die Beschneidungsdebatte kritisierte er in ihrem Mangel an Achtung und Verständnis. Die große Verunsicherung in den jüdischen Gemeinden vor Augen, beklagte er die Zerstörung von Vertrauen.

 

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Schanah tovah!
Sehr geehrte jüdische Schwestern und Brüder!
Zum jüdischen Neujahrsfest Rosch haSchanah übermittle ich Ihnen im Namen der Deutschen Bischofskonferenz und auch persönlich meine herzlichen Glück- und Segenswünsche. Möge Gott Ihnen und ganz Israel im neuen Jahr Frieden schenken!
Die jüdische Gemeinschaft und alle, denen das Wohl der jüdischen Gemeinschaft am Herzen liegt, durchleben zurzeit schwierige Wochen und Monate. Der brutale Anschlag auf Rabbiner Daniel Alter, begangen vor den Augen seiner kleinen Tochter, hat uns alle schockiert und empört. Leider steht diese Tat nicht isoliert da, wie die verbalen Angriffe auf Schülerinnen und Schüler einer Berliner jüdischen Grundschule wenige Tage später zeigten. Es ist für uns alle beschämend, dass Menschen angepöbelt, beleidigt und geschlagen werden, weil sie Juden sind.
Die antisemitischen Angriffe treffen nicht nur die jüdische Gemeinschaft, sondern ebenso das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Jedes Miteinander beruht auf gegenseitigem Vertrauen. Vertrauen entsteht, wo wir einander respektieren und uns um gegenseitiges Verständnis bemühen.
Vorurteile und erst recht Angriffe gegen Menschen anderer Religion, Weltanschauung oder Herkunft zerstören dieses Vertrauen. Deshalb ist es unsere gemeinsame Aufgabe, Respekt und Verständnis zu fördern und denen, die das Vertrauen zerstören, entschieden entgegenzutreten.
Auch in der Beschneidungsdebatte, die ein Urteil des Kölner Landgerichts ausgelöst hat, mangelt es nicht selten an Respekt und Verständnis. Dass über religiöse Rituale und Gebote kontrovers debattiert wird, ist in einer freien Gesellschaft nicht ungewöhnlich. Doch der Eifer, mit der über die Beschneidung von Jungen gestritten wird, und die Häme und Verachtung, mit der bisweilen über die vermeintlich archaischen biblischen Gebote gesprochen und geschrieben wird, ist nicht nur irritierend, sondern verletzend. Wie sehr muss es Eltern schmerzen, wenn man Ihnen pauschal mangelnde Empathie mit ihren Kindern vorwirft! Auch solche Debatten können Vertrauen zerstören.
Wir deutschen Bischöfe erwarten mit Ihnen, dass in der Frage der Beschneidung möglichst bald Rechtsklarheit hergestellt. Der Deutsche Ethikrat hat dazu aus unserer Sicht hilfreiche rechtliche und fachliche Standards empfohlen. Sie dürfen sicher sein, dass wir auch zukünftig an Ihrer Seite stehen werden, wenn es darum geht, dass die ungestörte Ausübung der Religionsfreiheit sichergestellt wird.
Ich wünsche Ihnen, dass die Hohen Feiertage Ihr Vertrauen auf die Nähe Gottes und in die Gerechtigkeit seiner Gebote stärken, und grüße Sie mit einem herzlichen Schanah tovah,

Ihr
Dr. Robert Zollitsch
Erzbischof

 

Quelle: http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse/2012-138a-Juedisches-Neujahrsfest-Grusswort-EB-Zollitsch.pdf.

 

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