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Grußwort zum jüdischen Neujahrsfest (Rosch haSchanah) im Jahr 5775

Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz am 24. September 2014

 

In seinem Grußwort zum jüdischen Neujahrsfest 5775 an den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, erinnerte Kardinal Marx an die hoffnungsvollen Bilder der Reise ins Heilige Land von Papst Franziskus vom 24. bis 26. Mai 2014 und beklagte ihre Verdrängung durch den Gaza-Konflikt 2014 (vom 8. Juli bis 26. August 2014) sowie durch nachfolgende judenfeindliche Demonstrationen und Anschläge auf Synagogen. „Antisemitismus ist nicht nur ein Problem für die jüdische Gemeinschaft, er ist ein Problem für uns alle.“ So unterstrich er, dass die Kirche zu den Freunden des jüdischen Volkes gehört, und hofft, dass die Hohen Feiertage „Mut und Hoffnung für das neue Jahr“ geben.

 

!טובה שנה

Schanah tovah!

 

Sehr geehrter Herr Dr. Graumann,

sehr geehrte jüdische Schwestern und Brüder!

Zum jüdischen Neujahrsfest Rosch haSchana übermittle ich Ihnen im Namen der Deutschen Bischofskonferenz und auch persönlich meine herzlichen Glück- und Segenswünsche. Möge Gott Ihnen und ganz Israel im neuen Jahr Frieden schenken!

Wie aktuell der Wunsch nach Frieden ist, haben uns auf sehr schmerzhafte Weise die vergangenen Monate gezeigt. Wir haben alle noch die bewegenden Bilder der Reise von Papst Franziskus ins Heilige Land in Erinnerung. Das Gebet und die Umarmung an der Tempelmauer, die Ansprache in Yad Vashem, der Besuch am Grab von Theodor Herzl und die vielen anderen Begegnungen werden wohl keinen unbeeindruckt gelassen haben. Das gilt sicher auch für das Friedensgebet, zu dem der Papst Staatspräsident Shimon Peres und Ministerpräsident Mahmoud Abbas in die Vatikanischen Gärten eingeladen hat.

Doch diese hoffnungsfrohen Bilder wurden schon bald durch andere verdrängt: den Krieg in Israel und in Gaza, den Terror islamistischer Milizen im Irak und den immer noch andauernden Bürgerkrieg in Syrien. Es schmerzt mich besonders, dass Hass, Feindschaft und Terror sich in der Region austoben, in der die drei monotheistischen Religionen entstanden sind und in der über viele Jahrhunderte Juden, Christen und Muslime gemeinsam gelebt haben und auch immer noch gemeinsam leben. Der Hass gegen Minderheiten ist eines der besorgniserregenden Phänomene der Gegenwart.

Dieser Hass hat sich auch in unserem Land gezeigt. Wir mussten erleben, dass auf Demonstrationen judenfeindliche Parolen gegrölt, Anschläge auf Synagogen verübt und Juden angegriffen wurden. Antisemitismus ist nicht nur ein Problem für die jüdische Gemeinschaft, er ist ein Problem für uns alle. Antisemitismus ist ein Anschlag auf die moralischen Grundlagen unseres Zusammenlebens, ein Anschlag auf die Würde von Menschen. Deshalb ist es auch die Aufgabe aller, die Stimme gegen Judenhass zu erheben.

Erfreulicherweise haben viele ihre Stimme erhoben. Zu den ermutigenden Erfahrungen der vergangenen Wochen gehört für mich die Kundgebung gegen Judenhass am 14. September in Berlin, zu der Sie, verehrter Herr Dr. Graumann, dankenswerterweise eingeladen haben. Ich möchte wiederholen, was ich schon in Berlin sagte: Die katholische Kirche gehört zu Ihren Freunden. Wir stehen an Ihrer Seite und werden auch im neuen Jahr an Ihrer Seite stehen.

Die Kundgebung ist für mich auch ein Zeichen für die gute Zusammenarbeit von Juden und Christen. Papst Franziskus hat bei seinem Treffen mit den Oberrabbinern Israels darauf hingewiesen, dass wir nicht mehr am Beginn des Dialogs stehen, sondern dass der katholisch-jüdische Dialog „dem Erwachsenenalter bereits sehr nahe ist“. Lassen Sie uns diesen Dialog auch zukünftig fortsetzen und vertiefen.

Ich wünsche Ihnen auch im Namen meiner Mitbrüder im Bischofsamt, dass die Hohen Feiertage Ihnen Mut und Hoffnung für das neue Jahr geben, und grüße Sie herzlich:

.הנשל הבוט ובתכית 

 

Ihr

Reinhard Kardinal Marx

 

Quelle: Pressemitteilung 24.09.2014 159a:

http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2014/2014-159a-Juedisches-Neujahrsfest_Grusswort-K-Marx.pdf.

 

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