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Grußwort zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit

Erzbischof Dr. Werner Thissen, Erzbischof von Hamburg am 19. März 2012

 

Die Woche der Brüderlichkeit 2012 war überschattet von der Nachricht, dass am Morgen des Montags, 19. März 2012, in der französischen Stadt Toulouse ein Mann vor einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Religionslehrer erschossen hatte. Nicht nur viele jüdische Familien in Frankreich dachten an eine Auswanderung nach Israel, sondern auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland empfand über den Schock hinaus eine tiefe Verunsicherung. Diese sprach der Hamburger Erzbischof Werner Thissen bei seinem Grußwort zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit in Hamburg an. Aber nicht nur dadurch ist das Grußwort von Erzbischof Thissen ein beredtes Zeugnis zur aktuellen christlich-jüdischen Beziehung. Er bedachte das Leitmotiv der Woche „In der Verantwortung für den Anderen“ und erinnerte daran, dass der Anstoß zur „Woche der Brüderlichkeit“ in Deutschland vor 60 Jahren aus den Vereinigten Staaten kam (wo sie als Tradition nicht mehr besteht). Darüber hinaus wurden von ihm drei Aspekte angesprochen. 1. Verantwortung füreinander tragen heißt, den anderen nicht zu bedrängen; dies bedeutet für Christen gegenüber Juden: „kein Missionsauftrag“. Für einen Bischof ist dieses Wort dankenswert mutig und eindeutig. 2. Die konkrete Verantwortung füreinander hat – angestoßen durch den Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit – zur Tradition eines jährlichen Begegnungstreffens der beiden deutschen Rabbinerkonferenzen mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz seit 2006 geführt. 3. Der „Runde Tisch der Religionen“ führt regelmäßig Repräsentant/innen der großen Religionsgemeinschaften in Deutschland zusammen, um wechselseitig Informationen auszutauschen, Stellungnahmen für die Presse und die Religionsgemeinschaften abzustimmen und den Tag der Religionen vorzubereiten. Das Grußwort von Erzbischof Thissen erscheint wie ein Stenogramm gegenwärtiger christlich-jüdischer Beziehung und ihres Kontextes.

 

In „Verantwortung für den Anderen“ sind wir einander verbunden. Wir können heute, am 19. März, nicht reden, ohne an die schreckliche Nachricht von heute Morgen zu erinnern. Uns verbinden das Erschrecken, die Empörung, die Trauer über den Tod unschuldiger Kinder und ihrer Lehrer in Toulouse. Sie waren Juden. Schweigen wir nicht, protestieren wir mit aller gebotenen Deutlichkeit, gehen wir den Gründen nach, ziehen wir die Täter zur Rechenschaft!
Der Andere, die Andere – eine Grundgegebenheit unseres Lebens besteht darin, dass wir das Leben mit anderen teilen. Keiner, keine lebt für sich allein. Die biblische Gewissheit über den Menschen lautet: Der Andere, die Andere, sie sollen zum Nächsten werden, mir nahe, mir verbunden. Wir brauchen einander. Der Andere, das ist die Familie der Menschengeschwister, der Kinder Gottes.
Verantwortung für den Anderen – der große jüdische Philosoph Hans Jonas hat das berühmte Prinzip „Verantwortung“ entwickelt. Achtsamkeit auf das Hier und Heute, auf die Nachhaltigkeit unseres Tuns ist uns aufgegeben. Wir sind zusammen verantwortlich für das Leben in der Nähe und in der Ferne. Das „Prinzip Verantwortung“ ergänzt das Prinzip „Hoffnung“, das der große Ernst Bloch, ebenfalls ein jüdischer Denker entfaltet hat, beeindruckend und mitreißend. Hoffnung gibt unserem Leben Weite, befreit uns aus Enge und Zwang, setzt unerhörte Möglichkeiten frei. Die Verantwortung achtet auf die konkreten Gegebenheiten und nimmt uns bei ihnen in die Pflicht.
Die Woche der Brüderlichkeit, der Geschwisterlichkeit steht im Zeichen der Verantwortung. Christen – ich spreche heute für uns Christen gemeinsam in Hamburg – und Juden lassen sich sagen: Wir brauchen einander, wir ergänzen uns, wir gehören zusammen. Christen danken Juden dafür, dass sie uns die Hand reichen, dass wir in einem Raum des Verstehens und der Vergebung leben dürfen. Vor 60 Jahren haben die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ihren Anfang genommen. Der Anstoß kam aus den Vereinigten Staaten zu uns, und wir sind dankbar dafür, dass wir immer mehr erfahren können, was die Wochen der Brüderlichkeit für uns bedeuten. Wir tragen Verantwortung füreinander, wir sind Geschwister im Glauben an den unendlich größeren Gott, der uns anspricht, uns bei unserem Namen ruft.
Christen müssen um die große Gemeinsamkeit mit ihren jüdischen Geschwistern wissen. Oft haben wir es vergessen, umso wichtiger bleibt es, dass wir es lernen und praktizieren: Der erste Bund Gottes mit seinem Volk bleibt bestehen. Er ist nicht aufgekündigt. Christen dürfen ihre jüdischen Geschwister nicht mit dem Anspruch des Neuen Bundes bedrängen. Christen glauben Jesus Christus, dem Messias. Aber sie betreiben den Juden gegenüber keine Mission. Auch Mission gegenüber den Ungläubigen muss immer im Raum der Freiheit erfolgen. Sie darf nie gewalttätig auftreten. Aber im Verhältnis zu den jüdischen Geschwistern gilt – kein christlicher Missionsauftrag. Wir haben es in unseren Zeiten sehr deutlich eingesehen und erklärt – kein Missionsauftrag. Natürlich ist der jüdische Gläubige frei, Jesus Christus zu begegnen und an ihn zu glauben. Aber eine aktive Missionstätigkeit seitens der Christen verdient eine Absage.
Verantwortung für die Anderen bewährt sich im Alltag. Wir stehen an der Seite der Juden in unserem Land. Mit einem guten Blick sehen wir ihr Gemeindeleben in der Vielfalt der Aufgaben. Wir freuen uns am Wachstum der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Und wir freuen uns, wenn wir Juden und Christen, Gemeinsames entdecken.
In Leipzig haben wir uns neulich wieder zur Konferenz der in Deutschland tätigen Rabbiner mit evangelischen und katholischen Bischöfen getroffen. Unser Thema war die Verantwortung für die Bewahrung von Gottes Schöpfung. Und wir haben gesehen, dass das Erste Testament eine bleibende Grundlage für das Leben in Gottes Schöpfung und dem Dienst an ihr bildet. Eine gute Erfahrung war es, von Rabbinern zu hören, dass das Gespräch mit den christlichen Bischöfen Rabbiner und Rabbinerinnen unterschiedlicher Richtungen zusammengebracht hat. In Hamburg gehen wir seit langen Jahren gute Wege im Dialog der Religionen. Das Interreligiöse Forum ist ein wichtiger Ort der Begegnung, und wir nehmen uns fest vor, uns nicht loszulassen. Ich wünsche mir eine Verstärkung der jüdischen Präsenz.
Auf der Ebene Deutschland kommt regelmäßig der „Runde Tisch der Religionen“ zusammen. Auch Juden, vertreten durch ihren eindrucksvollen Rabbiner Brandt sitzen an ihm. Wir tauschen uns aus, sagen uns, was uns beschwert und planen insbesondere in jedem Jahr einen „Tag der Religionen“. An ihm treffen wir uns jeweils in einer größeren Stadt Deutschlands - immer im Rathaus - und zeigen den Bürgerinnen und Bürgern, dass wir in der Öffentlichkeit präsent sind.
Verantwortung für den Anderen erfordert aktuell, dass wir aufmerksam und wach bleiben. Nehmen wir jedes Aufflackern, jedes Irrlicht aus dem dumpfen Sumpf von Fremdenhass und Rechtsradikalismus wahr! Geben wir keinem Menschen Raum, der Andere, seien es Einzelne oder Gruppen verhetzt!

„Nah hab ich den Nächsten nicht gerne,
Drum fort mit ihm in die Höh´ und Ferne!
So mach ich ihn zu meinem Sterne“

Das hat uns Friedrich Nietzsche ins Gedächtnis geschrieben. Wir wollen den Nächsten an uns herankommen lassen. Wir lassen uns von ihm berühren, und geben uns die Hand und lassen uns nicht los.

 

Quelle:http://www.erzbistum-hamburg.de/ebhh/layer/layer_suchergebnis.php?we_objectID=1332&pid=2.

 

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