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Grußwort zur Eröffnung des neuen Gemeindezentrums der Israelitischen Kultusgemeinde für die Bundesländer Tirol und Vorarlberg

Bischof Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck am 9. Dezember 2014

 

Die Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg konnte ihre Räumlichkeiten erweitern und ihr Gemeindezentrum in Innsbruck am 9. Dezember 2014 eröffnen. Die etwa 160 Mitglieder der Gemeinde sind über ganz Tirol und Vorarlberg zerstreut. Sie erfreuen sich eines guten Zusammenwirkens mit der Stadt und der Kirche. So hatte es eine gewisse Selbstverständlichkeit, dass der Ortsbischof Manfred Scheuer bei der Eröffnungsfeier ein Grußwort sprach. Dabei vergegenwärtigte er die dunkle Seite der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft von Innsbruck. In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge zerstört, und Mitglieder der Gemeinde Innsbruck wurden ermordet. Der Bischof ehrte sie, indem er ihre Namen nannte. Und er beklagte, dass sich die Kirche in Tirol  damals vor der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde gedrückt habe.

 

In seinem Essay „Gottesfinsternis“ erzählt Martin Buber (1878 - 1965) von einem Streitgespräch mit einem ihm bekannten Philosophen. Buber liest ihm aus seinem jüngsten Buch vor. Der Zuhörende fällt dem Vorlesenden ins Wort: „Wie bringen Sie das fertig, so Mal um Mal ‚Gott‘ zu sagen? ... Was Sie damit meinen, ist doch über alles Greifen und Begreifen erhoben, ... aber indem Sie es aussprechen, werfen Sie es dem menschlichen Zugriff hin. Welches Wort der Menschensprache ist so missbraucht, so befleckt, so geschändet worden wie dieses! All das schuldlose Blut, das um es vergossen wurde, hat ihm seinen Glanz geraubt. All die Ungerechtigkeit, die zu decken es herhalten musste, hat ihm sein Gepräge verwischt.“

Der Name Gottes wurde geschändet, als in der Nacht vom 9. auf 10. 11. 1938 in Innsbruck jüdische Wohnungen völlig zerstört und die Synagoge zertrümmert wurden. Die Ermordung von Dr. Wilhelm Bauer, Ing. Richard Graubart und Ing. Richard Berger, Ilse Brüll, Rudolf Gomperz, Jenny Plohn und Robert Plohn, Siegfried Silberstein war ein Anschlag gegen die Heiligkeit Gottes. - Der Anschlag auf die Synagoge in Har Nof am 18.11.2014 in Jerusalem mit der Ermordung von vier Rabbinern und einem Polizisten ist Schändung Seines Namens. Gegenwärtiger Antisemitismus in Europa ist ein Anschlag auf die Heiligkeit Gottes.

Christliche Erinnerung an die Pogromnacht („Reichskristallnacht“) und an die Shoah bleibt durch den Gedanken der Verstrickung in Schuldzusammenhänge, das gläubige Vertrauen auf die erlösende Macht Gottes und die aufrichtige Bitte an Gott und an sein erwähltes Volk um die Schuldvergebung strukturiert. Christen haben sich vielfach vor der notwendigen Solidarität mit den ausgegrenzten und nach und nach auch dem Tod preisgegebenen Opfern des nationalsozialistischen Regimes gedrückt. Die Kirche in Tirol stellte keine Ausnahme im Kontext dieser schmerzhaften Verstrickung dar. Die Jahrhunderte lang gepflegte Wallfahrt zu Anderl von Rinn trug dabei zur Mentalitätsbildung bei.

„Kiddusch Haschem“ ist die Heiligung des Namens Gottes in der jüdischen Tradition. Der biblische Bezugspunkt ist Lev 22,32: „Entheiligt nicht meinen heiligen Namen, damit ich geheiligt werde unter den Israeliten; Ich bin der Herr, der euch heiligt.“

„Kiddusch Haschem“ ist Ausdruck der Größe des Menschseins, höchste Realisierung seiner transzendenten Ausrichtung.[1] – Ich erbitte für die Synagoge und für die Israelitische Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg Segen. Mögen Sie zum Segen werden. Möge Sein Name geheiligt werden.

Martin Buber widerspricht in seinem Streitgespräch seinem Kritiker leidenschaftlich:

„Ja, ... es ist das beladenste aller Menschenworte. Keines ist so besudelt, so zerfetzt worden. Gerade deshalb darf ich darauf nicht verzichten. Die Geschlechter der Menschen haben die Last ihres geängstigten Lebens auf dieses Wort gewälzt und es zu Boden gedrückt; es liegt im Staub und trägt ihrer aller Last. Die Geschlechter der Menschen mit ihren Religionsparteiungen haben das Wort zerrissen; sie haben dafür getötet und sind dafür gestorben; es trägt ihrer aller Fingerspur und ihrer aller Blut: Wo fände ich ein Wort, das ihm gliche, um das Höchste zu bezeichnen! Wie gut lässt es sich verstehen, dass manche vorschlagen, eine Zeit über von den ‚letzten Dingen‘ zu schweigen, damit die missbrauchten Worte erlöst werden! Aber so sind sie nicht zu erlösen. Wir können das Wort ‚Gott‘ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganz machen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge.“[2]

 

Quelle:

http://dioezesefiles.x4content.com/page-downloads/grusswort_israelitische_kultusgemeinde_20141209.pdf.

 

[1] Abraham Joshua Heschel, Der Mensch fragt nach Gott. Untersuchungen zum Gebet und zur Symbolik, Neukirchen-Vluyn 1989, 50.

[2] Martin Buber, Gottesfinsternis. Betrachtungen zur Beziehung zwischen Religion und Philosophie, in: ders., Werke Bd.1: Schriften zur Philosophie, München-Heidelberg 1962, 503-603, hier 508-510

 

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