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Nachsynodales Apostolisches Schreiben „Verbum Domini“ an die Bischöfe, den Klerus, die Personen gottgeweihten Lebens und an die christgläubigen Laien über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche (Auszug)

Benedikt XVI. vom 30. September 2010

 

Die XII. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode hatte vom 5. bis 26. Oktober 2008 das Thema „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“ erörtert. An den Synodenarbeiten nahm der Oberrabbiner von Haifa, Shear Yashuv Cohen, teil. Mit ihm wandte sich zum ersten Mal ein Rabbiner und Nichtchrist an die Bischofssynode; er legte das jüdische Verständnis der Heiligen Schrift – der Tora, der Propheten und der Schriften – dar. Die Synodenväter selbst beschäftigten sich dann u.a. auch mit der Frage, wie die Kirche und die Christen sich auf die biblischen Schriften des Judentums, das Alte Testament, beziehen. So verwundert es nicht, dass das nachsynodale Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Wort Gottes auch diese Aspekte einbezieht. Die nachfolgenden Auszüge aus diesem Schreiben konzentrieren sich auf diese Aspekte. Die Einleitung des Schreibens bietet eine päpstliche „Ortsangabe“ dazu.

 

1. „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Dieses Wort ist das Evangelium, das euch verkündet worden ist“ (1Petr 1,25; vgl. Jes 40,8). Mit diesem Satz aus dem Ersten Petrusbrief, der die Worte des Propheten Jesaja aufgreift, stehen wir vor dem Geheimnis Gottes, der sich durch das Geschenk seines Wortes mitteilt. Dieses Wort, das in Ewigkeit bleibt, ist in die Zeit eingetreten. Gott hat sein ewiges Wort auf menschliche Weise ausgesprochen; sein Wort „ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Das ist die frohe Botschaft. Das ist die Verkündigung, die durch die Jahrhunderte hindurch bis zu uns in unsere Zeit gelangt. Die XII. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die vom 5. bis 26. Oktober 2008 im Vatikan abgehalten wurde, stand unter dem Thema Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche. Es war eine tiefe Erfahrung der Begegnung mit Christus, dem Wort des Vaters, der dort gegenwärtig ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind (vgl. Mt 18,20). Mit diesem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben komme ich gern der Bitte der Väter nach, den Reichtum, der in dieser Versammlung im Vatikan zum Vorschein gekommen ist, und die in gemeinsamer Arbeit formulierten Weisungen dem ganzen Gottesvolk zu übermitteln.[1] Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich die Ergebnisse der Synode unter Bezugnahme auf die vorgelegten Dokumente aufgreifen: die Lineamenta, das Instrumentum laboris, die Vorträge ante und post disceptationem sowie die Texte der Wortmeldungen – der im Sitzungssaal verlesenen ebenso wie jener in scriptis –, die Berichte der Arbeitskreise und ihre Diskussionsbeiträge, die Schlußbotschaft an das Volk Gottes und vor allem einige spezifische Vorschläge (propositiones), die die Väter als besonders wichtig erachtet haben. Auf diese Weise möchte ich einige Grundlinien für eine Wiederentdeckung des göttlichen Wortes – Quelle ständiger Erneuerung – im Leben der Kirche aufzeigen und hoffe zugleich, dass es immer mehr zum Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns werden möge.

Damit unsere Freude vollkommen ist

2. Zunächst möchte ich die Schönheit und die Anziehungskraft der erneuerten Begegnung mit dem Herrn Jesus in Erinnerung rufen, die in den Tagen der Synodenversammlung zu spüren war. Indem ich im Namen der Väter spreche, wende ich mich daher an alle Gläubigen mit den Worten aus dem Ersten Johannesbrief: Wir „verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (1Joh 1,2-3). Der Apostel spricht davon, das Wort des Lebens zu hören, zu sehen, anzufassen und zu schauen (vgl. 1Joh 1,1), denn das Leben selbst wurde in Christus offenbar. Und wir, die wir zur Gemeinschaft mit Gott und untereinander berufen sind, müssen Verkündiger dieses Geschenks sein. Unter diesem kerygmatischen Gesichtspunkt war die Synodenversammlung für die Kirche und für die Welt ein Zeugnis dafür, wie schön die Begegnung mit dem Wort Gottes in der kirchlichen Gemeinschaft ist. Ich rufe daher alle Gläubigen auf, die persönliche und gemeinschaftliche Begegnung mit Christus, dem sichtbar gewordenen Wort des Lebens, neu zu entdecken und ihn zu verkünden, damit das Geschenk des göttlichen Lebens, die Gemeinschaft, in der Welt immer mehr Verbreitung finden möge. Am Leben Gottes, der Dreifaltigkeit der Liebe, teilzuhaben, ist in der Tat „vollkommene Freude“ (vgl. 1Joh 1,4). Und es ist die Gabe und unverzichtbare Aufgabe der Kirche, die Freude zu vermitteln, die aus der Begegnung mit der Person Christi kommt, dem Wort Gottes, das mitten unter uns gegenwärtig ist. In einer Welt, die Gott oft als überflüssig oder fremd empfindet, bekennen wir wie Petrus, dass nur er „Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68) hat. Es gibt keine größere Priorität als diese: dem Menschen von heute den Zugang zu Gott wieder zu öffnen, zu dem Gott, der spricht und uns seine Liebe mitteilt, damit wir Leben in Fülle haben (vgl. Joh 10,10).

Von der Konstitution »Dei Verbum« zur Synode über das Wort Gottes

3. Wir sind uns bewusst, dass wir mit der XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode über das Wort Gottes gewissermaßen das Herz des christlichen Lebens thematisiert haben, in Kontinuität mit der vorausgegangenen Synodenversammlung über die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche. Die Kirche gründet in der Tat auf dem Wort Gottes, sie entsteht und lebt aus ihm.[2] In allen Jahrhunderten seiner Geschichte hat das Volk Gottes stets in ihm seine Kraft gefunden, und die kirchliche Gemeinschaft wächst auch heute im Hören, in der Feier und im Studium des Wortes Gottes. Man muss anerkennen, dass im kirchlichen Leben in den letzten Jahrzehnten die Sensibilität gegenüber diesem Thema zugenommen hat, besonders in Bezug auf die christliche Offenbarung, die lebendige Überlieferung und die Heilige Schrift. Seit dem Pontifikat von Papst Leo XIII. kann man von einer Zunahme der Beiträge sprechen, die darauf ausgerichtet sind, die Bedeutung des Wortes Gottes und der biblischen Studien im Leben der Kirche stärker zu Bewusstsein zu führen.[3] Höhepunkt dieser Entwicklung war das Zweite Vatikanische Konzil, insbesondere die Promulgation der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum. Sie stellt einen Meilenstein auf dem Weg der Kirche dar: „Die Synodenväter … erkennen mit dankbarem Herzen den großen Nutzen an, den dieses Dokument dem Leben der Kirche auf exegetischer, theologischer, geistlicher, pastoraler und ökumenischer Ebene gebracht hat“.[4] Insbesondere ist in diesen Jahren das Bewusstsein um den „trinitarischen und heilsgeschichtlichen Horizont der Offenbarung“[5] gewachsen, in dem Jesus Christus als „der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung“[6] erkannt wird. Die Kirche bekennt unablässig jeder Generation, dass er „durch sein ganzes Dasein und seine ganze Erscheinung, durch Worte und Werke, durch Zeichen und Wunder, vor allem aber durch seinen Tod und seine herrliche Auferstehung von den Toten, schließlich durch die Sendung des Geistes der Wahrheit die Offenbarung erfüllt und abschließt“.[7]
Es ist allgemein bekannt, dass die dogmatische Konstitution Dei Verbum der Wiederentdeckung des Wortes Gottes im Leben der Kirche, der theologischen Reflexion über die göttliche Offenbarung und dem Studium der Heiligen Schrift einen großen Impuls gegeben hat. So gab es dann auch in den letzten 40 Jahren auf diesem Gebiet nicht wenige Beiträge des kirchlichen Lehramts.[8] Im Bewusstsein der Kontinuität ihres Weges unter der Führung des Heiligen Geistes fühlte die Kirche sich durch die Feier dieser Synode berufen, das Thema des göttlichen Wortes weiter zu vertiefen, um sowohl die Umsetzung der Konzilsweisungen zu überprüfen als auch den neuen Herausforderungen zu begegnen, die die gegenwärtige Zeit denen stellt, die an Christus glauben.

Die Bischofssynode über das Wort Gottes

4. In der XII. Synodenversammlung haben sich Hirten aus aller Welt um das Wort Gottes geschart und den Bibeltext symbolisch in den Mittelpunkt der Versammlung gestellt, um das wiederzuentdecken, was wir im Alltag allzu leicht als selbstverständlich voraussetzen: dass Gott redet, dass er antwortet auf unser Fragen.[9] Gemeinsam haben wir das Wort des Herrn gehört und gefeiert. Wir haben einander erzählt, was der Herr im Gottesvolk wirkt, haben Hoffnungen und Sorgen miteinander geteilt. All das hat uns bewusst gemacht, dass wir unsere Beziehung zum Wort Gottes nur innerhalb des „Wir“ der Kirche vertiefen können, im Hören aufeinander und in der gegenseitigen Annahme. Daher sind wir auch dankbar für die Zeugnisse über das kirchliche Leben in den verschiedenen Teilen der Welt, die aus den vielfältigen Beiträgen in der Synodenaula hervorgegangen sind. Ebenso bewegend war es, die Bruderdelegierten anzuhören, die die Einladung angenommen haben, an der Synodenversammlung teilzunehmen. Ich denke insbesondere an die Meditation Seiner Heiligkeit Bartholomaios I., des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, die bei den Synodenvätern tiefe Anerkennung gefunden hat.[10] Außerdem hat die Bischofssynode zum ersten Mal auch einen Rabbiner eingeladen, um von ihm ein wertvolles Zeugnis über die heiligen Schriften der Juden zu erhalten, die auch Teil unserer Heiligen Schrift sind.[11]
So konnten wir mit Freude und Dankbarkeit feststellen, dass „in der Kirche auch heute Pfingsten ist – das heißt, dass sie in vielen Sprachen redet und dies nicht nur in dem äußeren Sinne, dass alle großen Sprachen der Welt in ihr vertreten sind, sondern mehr noch in dem tieferen Sinn, dass die vielfältigen Weisen des Erfahrens von Gott und Welt, der Reichtum der Kulturen in ihr gegenwärtig ist und so erst die Weite des Menschseins und von ihr her die Weite von Gottes Wort erscheint“.[12] Außerdem haben wir festgestellt, dass Pfingsten noch in der Entfaltung begriffen ist: viele Völker warten noch darauf, dass das Wort Gottes in ihrer Sprache und in ihrer Kultur verkündet wird.
Natürlich hat uns auf der ganzen Synode das Zeugnis des Apostels Paulus begleitet. Die Vorsehung wollte es ja, dass die XII. Ordentliche Generalversammlung genau in dem Jahr stattfand, das der Gestalt des großen Völkerapostels anlässlich des 2000. Jahrestags seiner Geburt gewidmet war. Sein Leben war ganz vom Eifer für die Verbreitung des Wortes Gottes geprägt. Unweigerlich hören wir in unserem Herzen den Widerhall seiner eindrucksvollen Worte über seine Sendung als Verkündiger des göttlichen Wortes: „Alles aber tue ich um des Evangeliums willen“ (1Kor 9,23). „Denn“ – schreibt er im Brief an die Römer – „ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ (1,16). Wenn wir über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche nachdenken, dann können wir nicht umhin, an den hl. Paulus zu denken und an sein Leben, das er hingegeben hat, um allen Völkern das Heil Christi zu verkünden.

Der Prolog des Johannesevangeliums als Leittext

5. Ich möchte, dass durch dieses Apostolische Schreiben die Ergebnisse der Synode auf das Leben der Kirche nachhaltigen Einfluss nehmen: auf die persönliche Beziehung zur Heiligen Schrift, auf ihre Auslegung in der Liturgie und in der Katechese sowie in der wissenschaftlichen Forschung, damit die Bibel nicht ein Wort der Vergangenheit bleibt, sondern als lebendiges und aktuelles Wort wahrgenommen wird. Zu diesem Zweck möchte ich die Ergebnisse der Synode vorstellen und vertiefen, indem ich immer wieder Bezug nehme auf den Prolog des Johannesevangeliums (Joh 1,1-18), in dem uns die Grundlage unseres Lebens vermittelt wird: Das Wort, das von Anfang an bei Gott ist, ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (vgl. Joh 1,14). Es ist ein wunderbarer Text, der eine Synthese des gesamten christlichen Glaubens bietet. Aus der persönlichen Erfahrung der Begegnung mit Christus und der Nachfolge Christi heraus gewann Johannes, den die Überlieferung mit dem „Jünger, den Jesus liebte“ (Joh 13,23; 20,2; 21,7.20), gleichsetzt, „eine innige Gewissheit: Jesus ist die fleischgewordene Weisheit Gottes, er ist sein ewiges Wort, das ein sterblicher Mensch geworden ist“.[13] Er, der „sah und glaubte“ (Joh 20,8), möge auch uns helfen, das Haupt an die Brust Jesu zu lehnen (vgl. Joh 13,25), aus dessen Seite Blut und Wasser geflossen sind (vgl. Joh 19,34), Symbole der Sakramente der Kirche. Dem Vorbild des Apostels Johannes und der anderen inspirierten Autoren folgend, wollen wir uns vom Heiligen Geist leiten lassen, um in der Lage zu sein, das Wort Gottes immer mehr zu lieben.

Die innere Einheit der Bibel

39. In der Schule der großen Überlieferung der Kirche lernen wir, im Übergang vom Buchstaben zum Geist auch die Einheit der ganzen Schrift zu erfassen, denn das Wort Gottes, das unser Leben hinterfragt und es ständig zur Umkehr aufruft, ist eines.[128] In diesem Zusammenhang werden wir sicher geleitet durch die Worte von Hugo von Sankt Viktor: „Die ganze göttliche Schrift bildet ein einziges Buch, und dieses einzige Buch ist Christus, spricht von Christus und findet in Christus seine Erfüllung“.[129] Gewiss, unter rein geschichtlichem oder literarischem Gesichtspunkt ist die Bibel nicht einfach nur ein Buch, sondern eine Sammlung literarischer Texte, deren Abfassung sich über mehr als ein Jahrtausend erstreckte und deren einzelne Bücher nicht leicht als Teile einer inneren Einheit erkennbar sind; es bestehen sogar sichtbare Spannungen zwischen ihnen. Das gilt bereits innerhalb der Bibel Israels, die wir Christen als das Alte Testament bezeichnen. Es gilt noch mehr, wenn wir als Christen das Neue Testament und seine Schriften gleichsam als hermeneutischen Schlüssel mit der Bibel Israels verknüpfen und sie so als Weg zu Christus auslegen. Im Neuen Testament wird der Ausdruck „die Schrift“ (vgl. Röm 4,3; 1Petr 2,6) normalerweise nicht verwendet, sondern vielmehr „die Schriften“ (vgl. Mt 21,43; Joh 5,39; Röm 1,2; 2Petr 3,16), die freilich zusammen dann doch als das eine Wort Gottes an uns angesehen werden.[130] Daraus wird deutlich, dass es die Person Christi ist, die allen „Schriften“ in dem Bezug auf das eine „Wort“ Einheit verleiht. So versteht man die Aussage in Nr. 12 der dogmatischen Konstitution Dei Verbum, die auf die innere Einheit der ganzen Bibel als entscheidendes Kriterium für eine korrekte Hermeneutik des Glaubens verweist.

Die Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament

40. Unter dem Gesichtspunkt der Einheit der Schriften in Christus müssen sich sowohl die Theologen als auch die Seelsorger der Beziehungen zwischen dem Alten und dem Neuen Testament bewusst sein. Vor allem ist eindeutig, dass das Neue Testament selbst das Alte Testament als Wort Gottes anerkennt und somit die Autorität der Heiligen Schriften des jüdischen Volkes aufgreift.[131] Es erkennt sie implizit an, indem es dieselbe Ausdrucksweise verwendet und oft auf Stellen aus diesen Schriften anspielt. Es erkennt sie explizit an, indem es viele Stellen zitiert und zur Argumentation heranzieht. Die auf den Texten des Alten Testaments gründende Argumentation stellt so im Neuen Testament einen entscheidenden Wert dar, der jenen einfacher menschlicher Beweisführungen übersteigt. Im vierten Evangelium sagt Jesus in diesem Zusammenhang, dass „die Schrift nicht aufgehoben werden kann“ (Joh 10,35), und der hl. Paulus präzisiert im besonderen, dass die Offenbarung des Alten Testaments für uns Christen auch weiterhin gilt (vgl. Röm 15,4; 1Kor 10,11).[132] Außerdem bekräftigen wir, „dass Jesus von Nazaret ein Jude war und das Heilige Land das Mutterland der Kirche ist“;[133] die Wurzel des Christentums liegt im Alten Testament, und das Christentum nährt sich stets aus dieser Wurzel. Daher hat die gesunde christliche Lehre stets jede Form des Markionismus abgelehnt, der immer wiederkehrt und auf verschiedene Weise dazu neigt, das Alte und das Neue Testament einander entgegenzusetzen.[134]
Außerdem sagt das Neue Testament selbst, dass es mit dem Alten übereinstimmt, und verkündet, dass im Geheimnis des Lebens, des Todes und der Auferstehung Christi die Heiligen Schriften des jüdischen Volkes ihre vollkommene Erfüllung gefunden haben. Es muss jedoch angemerkt werden, dass der Begriff der Erfüllung der Schriften komplex ist, da er eine dreifache Dimension beinhaltet: den grundlegenden Aspekt der Kontinuität mit der Offenbarung des Alten Testaments, einen Aspekt des Bruches sowie einen Aspekt der Erfüllung und Überwindung. Das Geheimnis Christi steht in einer Kontinuität der Absicht zum Opferkult des Alten Testaments; es hat sich jedoch auf eine ganz andere Weise verwirklicht, die vielen Verheißungen der Propheten entspricht, und hat so eine nie dagewesene Vollkommenheit erlangt. Das Alte Testament ist nämlich voller Spannungen zwischen seinen institutionellen und seinen prophetischen Gesichtspunkten. Das Ostergeheimnis Christi, hingegen, stimmt – wenn auch in unvorhersehbarer Weise – mit den Prophezeiungen und dem vorausweisenden Aspekt der Schriften vollkommen überein; dennoch weist es deutliche Gesichtspunkte einer Diskontinuität zu den Institutionen des Alten Testaments auf.
41. Diese Überlegungen zeigen die unersetzliche Bedeutung des Alten Testaments für die Christen auf, heben aber zugleich die Originalität der christologischen Auslegung hervor. Schon zur Zeit der Apostel und dann in der lebendigen Überlieferung wurde die Einheit des göttlichen Plans in den beiden Testamenten von der Kirche durch die Typologie verdeutlicht, die nicht willkürlicher Art ist, sondern den vom heiligen Text berichteten Ereignissen innewohnt und daher die ganze Schrift betrifft. Die Typologie „findet in den Werken Gottes im Alten Bund ‚Vorformen’ [Typologien] dessen, was Gott dann in der Fülle der Zeit in der Person seines menschgewordenen Wortes vollbracht hat“.[135] Die Christen lesen also das Alte Testament im Licht des gestorbenen und auferstandenen Christus. Wenn die typologische Auslegung den unerschöpflichen Sinngehalt des Alten Testamentes in Bezug auf das Neue Testament offenbart, darf sie jedoch nicht dazu verleiten zu vergessen, dass auch das Alte Testament selbst seinen Offenbarungswert behält, den unser Herr selber bekräftigt hat (vgl. Mk 12,29-31). Daher „will das Neue Testament auch im Licht des Alten Testamentes gelesen sein. Die christliche Urkatechese hat beständig auf dieses zurückgegriffen [vgl. 1Kor 5,6-8; 10,1-11.]“.[136] Aus diesem Grund haben die Synodenväter gesagt, dass „das jüdische Bibelverständnis den Christen beim Verständnis und Studium der Schriften helfen kann“.[137]
„Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, und das Alte ist im Neuen offenbar“[138] – so die scharfsinnige und weise Äußerung des hl. Augustinus zu diesem Thema. Es ist also wichtig, sowohl in der Seelsorge als auch im akademischen Bereich die enge Beziehung zwischen den beiden Testamenten deutlich hervorzuheben und mit dem hl. Gregor dem Großen daran zu erinnern, dass „das Neue Testament die Verheißungen des Alten Testaments sichtbar gemacht hat; was dieses in verborgener Weise ankündigt, verkündet jenes offen als gegenwärtig. So ist das Alte Testament Vorausschau des Neuen Testaments; und das Neue Testament ist der beste Kommentar zum Alten Testament“.[139]

Die „dunklen“ Stellen der Bibel

42. Im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament hat sich die Synode auch mit dem Thema der Bibelstellen auseinandergesetzt, die aufgrund der darin gelegentlich enthaltenen Gewalt und Unsittlichkeit dunkel und schwierig erscheinen. Diesbezüglich muss man sich vor Augen führen, dass die biblische Offenbarung tief in der Geschichte verwurzelt ist. Der Plan Gottes wird darin allmählich offenbar und wird erst langsam etappenweise umgesetzt, trotz des Widerstands der Menschen. Gott erwählt ein Volk und erzieht es mit Geduld. Die Offenbarung passt sich dem kulturellen und sittlichen Niveau weit zurückliegender Zeiten an und berichtet daher von Tatsachen und Bräuchen wie zum Beispiel Betrugsmanövern, Gewalttaten, Völkermord, ohne deren Unsittlichkeit ausdrücklich anzuprangern. Das lässt sich aus dem historischen Umfeld heraus erklären, kann jedoch den modernen Leser überraschen, vor allem dann, wenn man die vielen »dunklen« Seiten menschlichen Verhaltens vergisst, die es in allen Jahrhunderten immer gegeben hat, auch in unseren Tagen. Im Alten Testament erheben die Propheten kraftvoll ihre Stimme gegen jede Art von kollektiver oder individueller Ungerechtigkeit und Gewalt. Dadurch erzieht Gott sein Volk in Vorbereitung auf das Evangelium. Es wäre daher falsch, jene Abschnitte der Schrift, die uns problematisch erscheinen, nicht zu berücksichtigen. Vielmehr muss man sich bewusst sein, dass die Auslegung dieser Stellen den Erwerb entsprechender Fachkenntnisse voraussetzt, mittels einer Ausbildung, die die Texte in ihrem literarischen und geschichtlichen Zusammenhang und in christlicher Perspektive liest, deren endgültiger hermeneutischer Schlüssel „das Evangelium und das neue Gebot Jesu Christi ist, das im Ostergeheimnis Erfüllung gefunden hat“.[140] Ich fordere daher die Theologen und die Seelsorger auf, allen Gläubigen zu helfen, auch an diese Stellen heranzugehen, und zwar durch eine Lesart, die ihre Bedeutung im Licht des Geheimnisses Christi offenbar werden lässt.

Christen und Juden im Hinblick auf die Heiligen Schriften
43. In Anbetracht der engen Beziehungen, die das Neue an das Alte Testament binden, ergibt es sich von selbst, jetzt die Aufmerksamkeit der besonderen Verbindung zwischen Christen und Juden zuzuwenden, die sich daraus ableitet und die niemals vergessen werden darf. Papst Johannes Paul II. hat zu den Juden gesagt: Ihr seid „unsere ‚bevorzugten Brüder’ im Glauben Abrahams, unseres Patriarchen“.[141] Natürlich bedeuten diese Worte keine Absage an den Bruch, von dem das Neue Testament in Bezug auf die Institutionen des Alten Testaments spricht, und erst recht nicht an die Erfüllung der Schriften im Geheimnis Jesu Christi, der als Messias und Sohn Gottes erkannt wird. Dieser tiefe und radikale Unterschied beinhaltet jedoch keineswegs eine gegenseitige Feindschaft. Das Beispiel des hl. Paulus (vgl. Röm 9-11) zeigt im Gegenteil, dass „eine Haltung des Respekts, der Hochschätzung und der Liebe gegenüber dem jüdischen Volk … die einzige wirklich christliche Haltung in einer heilsgeschichtlichen Situation [ist], die in geheimnisvoller Weise Teil des ganz positiven Heilsplans Gottes ist“.[142] Paulus sagt nämlich über die Juden: „Von ihrer Erwählung her gesehen sind sie von Gott geliebt, und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,28-29).
Außerdem gebraucht der hl. Paulus das schöne Bild vom Ölbaum, um die ganz engen Beziehungen zwischen Christen und Juden zu beschreiben: Die Kirche der Völker ist wie ein wilder Oliventrieb, der in den edlen Olivenbaum des Bundesvolkes eingepfropft wurde (vgl. Röm 11,17-24). Wir nähren uns also aus denselben spirituellen Wurzeln. Wir begegnen einander als Brüder – Brüder, die in gewissen Augenblicken ihrer Geschichte ein gespanntes Verhältnis zueinander hatten, sich aber jetzt fest entschlossen darum bemühen, Brücken beständiger Freundschaft zu bauen.[143] Papst Johannes Paul II. sagte außerdem: „Wir haben viel gemeinsam, und wir können zusammen so viel für Frieden, für Gerechtigkeit und für eine menschlichere und brüderlichere Welt tun“.[144]
Ich möchte noch einmal bekräftigen, wie wertvoll für die Kirche der Dialog mit den Juden ist. Dort, wo die Möglichkeit besteht, sollten auch öffentliche Gelegenheiten zur Begegnung und Diskussion geschaffen werden, die das gegenseitige Kennenlernen, die Wertschätzung füreinander und die Zusammenarbeit fördern, auch beim Studium der Heiligen Schrift.

Der Wert des interreligiösen Dialogs
117. Als wesentlichen Teil der Verkündigung des Wortes erkennt die Kirche die Begegnung, den Dialog und die Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens, besonders mit denen, die den verschiedenen religiösen Traditionen der Menschheit angehören, wobei sie Formen von Synkretismus und Relativismus vermeidet und den Linien folgt, die die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra aetate aufgezeigt hat und die vom nachfolgenden Lehramt der Päpste entfaltet wurden.[376] Der für unsere Zeit charakteristische rasch fortschreitende Prozess der Globalisierung versetzt uns in die Lage, in engerem Kontakt mit Menschen anderer Kulturen und Religionen zu leben. Das ist eine von der Vorsehung geschenkte Gelegenheit, um zu zeigen, dass der wahre religiöse Sinn unter den Menschen Beziehungen universaler Brüderlichkeit fördern kann. Es ist ein wichtiges Anliegen, dass die Religionen in unseren oft säkularisierten Gesellschaften eine Mentalität fördern können, die in Gott, dem Allmächtigen, die Grundlage alles Guten, den unerschöpflichen Quell des sittlichen Lebens und die Stütze eines tiefen Empfindens der universalen Brüderlichkeit sieht.
In der jüdisch-christlichen Überlieferung zum Beispiel findet sich die eindrucksvolle Bezeugung der Liebe Gottes zu allen Völkern, die er bereits im Bund mit Noach, in einer einzigen großen Umarmung vereint, symbolisiert durch den „Bogen in den Wolken“ (vgl. Gen 9,13.14.16), und die er den Worten der Propheten gemäß in einer einzigen weltweiten Familie sammeln will (vgl. Jes 2,2ff; 42,6; 66,18-21; Jer 4,2; Ps 47). Zeugnisse der engen Verbindung zwischen der Gottesbeziehung und der Ethik der Liebe zu jedem Menschen sind in der Tat in vielen großen religiösen Traditionen zu verzeichnen.

 

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/apost_exhortations/documents/hf_ben-xvi_exh_20100930_verbum-domini_ge.html.


[1] Vgl. Propositio, 1.

[2] Vgl. XII. Ordentliche  Generalversammlung der Bischofssynode, Instrumentum laboris, 27.

[3] Vgl.  Leo XIII., Enzyklika Providentissimus Deus (18. November 1893): ASS 26 (1893-94), 269-292; Benedikt XV., Enzyklika Spiritus Paraclitus (15. September 1920): AAS 12 (1920), 385-422; Pius XII., Enzyklika Divino afflante Spiritu (30. September 1943): AAS 35 (1943), 297-325.

[4] Propositio 2.

[5] Ebd.

[6] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm.  Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 2.

[7] Ebd., 4.

[8] Unter den Beiträgen verschiedener Art  seien erwähnt: Paul VI., Apostolisches Schreiben Summi Dei Verbum (4. November 1963): AAS 55 (1963), 979-995; ders., Motu Proprio Sedula cura (27. Juni 1971): AAS 63 (1971), 665-669; Johannes Paul II., Generalaudienz (1. Mai 1985): L’Osservatore Romano (dt.), 10. Mai 1985, S. 2; ders., Ansprache über die Interpretation der Bibel in der Kirche (23. April 1993): AAS 86 (1994), 232-243; Benedikt XVI., Ansprache an den Internationalen Kongreß zum 40. Jahrestag der Dogmatischen Konstitution »Dei Verbum« (16. September 2005): AAS 97 (2005), 957; ders., Angelus (6. November 2005): L’Osservatore Romano (dt.), 11. November 2005, S. 1. Erinnert werden soll auch an die Beiträge der Päpstlichen Bibelkommission, Bibel und Christologie (1984): Ench. Vat. 9, Nrn. 1208-1339; Einheit und Vielfalt in der Kirche (11. April 1988): Ench. Vat. 11, Nrn. 544-643;Die Interpretation der Bibel in der Kirche (15. April 1993): Ench. Vat. 13, Nrn. 2846-3150; Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001): Ench. Vat. 20, Nrn. 733-1150; Bibel und Moral. Biblische Wurzeln des christlichen Handelns (11. Mai 2008), Vatikanstadt 2008.

[9] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Römische Kurie (22. Dezember 2008): AAS 101
(2009), 49.

[10] Vgl.  Propositio 37.

[11] Vgl. Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001), Ench. Vat. 20, Nrn. 733-1150.

[12] Benedikt XVI., Ansprache an die Römische Kurie (22. Dezember 2008): AAS 101 (2009), 50.

[13] Vgl. Benedikt XVI., Angelus (4. Januar 2009): L’Osservatore Romano (dt.), 9. Januar 2009, S. 2.

[128] Vgl. Propositio 29.

[129] De arca Noe, 2,8: PL 176, 642C-D.

[131] Vgl.  Propositio 10; Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001), 3-5: Ench. Vat. 20, Nrn. 748-755.

[133] Propositio 52.

[134] Vgl Päpstliche Bibelkommission,  Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001), 19: Ench. Vat. 20, Nrn. 799-801; Origenes, Homiliae in Numeros 9,4: SC 415,238-242.

[136] Ebd., 129.

[137] Propositio 52.

[138] Quaestiones in Heptateuchum, 2,73: PL 34, 623.

[139] Homiliae in Ezechielem, I,VI,15: PL 76, 836.

[140] Propositio 29.

[141] Johannes Paul II.,  Botschaft an den Oberrabbiner von Rom (22. Mai 2004): L’Osservatore Romano (dt.), 4. Juni 2004, S. 7.

[142] Päpstliche Bibelkommission,  Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001), 87: Ench. Vat. 20, Nr. 1150.

[143] Vgl. Benedikt XVI.,  Ansprache bei der Abschiedszeremonie auf dem Internationalen Flughafen »Ben Gurion« in Tel Aviv (15. Mai 2009): L’Osservatore Romano (dt.), 22. Mai 2009, S. 15.

[144] Johannes Paul II.,  Ansprache im Oberrabinat »Hechal Shlomo« (23. März 2000): L’Osservatore Romano (dt.), 7. April 2000, S. 9.

[376] Unter den zahlreichen Beiträgen verschiedener Art seien  besonders erwähnt: Johannes Paul II., Enzyklika Dominum et vivificantem (18. Mai 1986): AAS 78 (1986), 809-900; ders., Enzyklika Redemptoris missio (7. Dezember 1990): AAS 83 (1991), 249-340; ders., Ansprachen und Homilien in Assisi anläßlich des Weltgebetstreffens für den Frieden (27. Oktober 1986): L’Osservatore Romano (dt.), 7. November 1986, S. 9-11; Gebetstreffen für den Frieden in der Welt (24. Januar 2002): L’Osservatore Romano (dt.), 1. Februar 2002, S. 7-8; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche Dominus Iesus (6. August 2000): AAS 92 (2000), 742-765.

 

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