One Two
Sie sind hier: Startseite Kirchliche Dokumente Online-Publikation: Die Kirchen und das Judentum I. Katholische Verlautbarungen Dokumente Petition an seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zur Wiederherstellung des Fests der Beschneidung des Herrn am 1. Januar, verbunden mit dem Fest der Namensgebung Jesu und jenem von Maria, der Mutter Gottes

Petition an seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zur Wiederherstellung des Fests der Beschneidung des Herrn am 1. Januar, verbunden mit dem Fest der Namensgebung Jesu und jenem von Maria, der Mutter Gottes

Internationale Theologengruppe am 19. Dezember 2009

 

Ein „Fest der Beschneidung des Herrn“ ist zuerst für den christlichen Orient belegt und gelangte von dort im 6. Jahrhundert nach Spanien und Gallien. Erst im 13./14. Jahrhundert wird es in Rom übernommen. Gemäß Lk 2,21 war der achte Tag nach der Geburt Jesu von Nazareth, im Kirchenjahr der 1. Januar, viele Jahrhunderte diesem Fest gewidmet. Im Kontext des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde – überraschenderweise – dieses Fest aus dem Festkalender der Kirche herausgenommen. So führt die nachkonziliare „Grundordnung des Kirchenjahrs“ vom 21. März 1969 zum 1. Januar das „Hochfest der Gottesmutter Maria“ auf und nicht mehr das Fest der Beschneidung des Herrn. Die Leseordnung des „Hochfestes der Gottesmutter Maria“ behält als Evangelium freilich Lk 2,16-21.

Eine Initiative unter Jesuiten führte dazu, dass sechs Theologen – vier Jesuiten: Jean-Pierre Sonnet SJ, Christian Rutishauser SJ, Norbert Lohfink SJ und Jean Radermakers SJ; ein Benediktiner: Georg Braulik OSB und ein Diözesanpriester: Gerhard Lohfink – eine Petition zum Anliegen der Wiederherstellung des Festes der Beschneidung des Herrn formulierten. Nach ihrer einvernehmlichen Redaktion vom 19. Dezember 2009 stellten die Theologen ihre Petition Papst Benedikt XVI. zu. Für sie ist die Beschneidung u. a. Ausdruck des Gehorsams Jesu gegenüber dem Gesetz und konkretestes Zeichen der Beziehung zwischen dem Alten und Neuen Bund. Es bildet den Kontext der Namensgebung Jesu. Und nach Überzeugung der Autoren wäre die Wiederherstellung des Festes eine Form kirchlicher Hochachtung der jüdischen Identität Jesu. Ihren Ausführungen haben die Theologen als Leitmotiv Lk 2,21 in Griechisch und deutscher Übersetzung vorangestellt.

 

Καὶ ὅτε ἐπλήσθησαν ἡμέραι ὀκτὼ τοῦ περιτεμεῖν αὐτὸν καὶ ἐκλήθη τὸ ὄνομα αὐτοῦ Ἰησοῦς, τὸ κληθὲν ὑπὸ τοῦ ἀγγέλου πρὸ τοῦ συλλημφθῆναι αὐτὸν ἐν τῇ κοιλίᾳ.

Acht Tage später, als der Augenblick der Beschneidung gekommen war, gab man dem Kind den Namen Jesus, wie es der Engel vor der Empfängnis verkündet hatte. (Luk 2,21)

1. Das erste Prinzip, das uns leitet, ist folgendes: Die Unterdrückung eines „Herrenfests“ steht gegen die Logik des Glaubens, der nach dem Ganzen des Mysteriums Christi fragt. So ist die Abfolge Weihnachten – Beschneidung – Darstellung des Herrn (Lk 2,1-39) konstitutiv für die Logik des Geheimnisses der Inkarnation, in der Erfüllung der Verheissungen, wie die Abfolge Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten (Lk und Apg) es ist für die Logik des Mysteriums der österlichen Erlösung.

2. Das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Bund findet im Mysterium der Beschneidung – das heisst im Eintritt des Kindes Jesu in den von Gott „nie gekündigten Bund“ mit Abraham (Gen 17,9-14) – sein konkretestes Zeichen, in den Leib des Herrn eingeschrieben. Das Blut durch Jesus bei der Beschneidung für den Alten Bund vergossen, ist dasselbe, das er für den Neuen Bund in seiner österlichen Vollendung vergießen wird. Die Erinnerung an das Mysterium der Beschneidung des Herrn macht auf ein richtiges Verstehen des Plans Gottes aufmerksam. „Gott hat seinen Sohn gesandt, geboren von einer Frau, unterstellt dem Gesetz.“ (Gal 4,4): Die Beschneidung ist der erste Ausdruck des Gehorsams gegenüber dem Gesetz durch den, der es zur Erfüllung gebracht hat (Mt 5,17), gerade um den Einen wie den Andern lebend zu machen, den Beschnittenen und den Unbeschnittenen, den Juden und den Griechen, (Röm 3,30) durch den Geist der Erfüllung.[1]

3. Das „Mysterium“ der Beschneidung ist der Bezugsrahmen, und zwar der einzige, für ein anderes Mysterium, nämlich der Namensgebung Jesu. Liturgisch das Band der beiden Mysterien wiederherstellen, den „achten Tag“ (vgl. Lk 2,21), heisst der Frömmigkeit der Menschen gegenüber dem Namen Jesu die angemessenste Perspektive zu geben, und das heisst, die Spiritualität des Namens Jesu im Allgemeinen zu konsolidieren.

Der Name Jesu, mit seiner Person schon seit der Empfängnis verbunden (Mt 1,21; Lk 1,31), ist selbstverständlich jener des Neugeborenen von Bethlehem, doch er ist dem Neugeborenen erst am achten Tag gegeben und erst da, angesichts der Beschneidung, allen offenbart, d. h. beim Ritual, das die Familie und das Ereignis der Geburt in den Rahmen des Bundes mit Gott einschreibt. Die Mutter des Kindes, die die Offenbarung des Namens schon empfangen hatte (Mt 1,21; Lk 1,31), ist die erste, die sich dem Ritual öffnet: das Geheimnis des Kindes und seines Namens entspricht dem Gott des Bundes, dem „Gott, der erlöst“ (Yehošu‘a – Yešu‘a). Bei dieser Gabe des Namens hat Joseph seine väterliche Rolle umfassend wahrgenommen (vgl. Mt 1,25; Johannes Paul II., Redemptoris Custos, 11-12), indem er Jesus dadurch in die Generationen Davids eingeschrieben hat (vgl. Mt 1,16) und folglich in die Verheißung Gottes „für immer“ an das Haus Davids (2 Sam 7).

Diese Gabe des Namens im Rahmen des Bundes und der Verheissungen beleuchtet die Gabe eines jeden Namens anlässlich des Sakraments der Taufe: Die (Vor)Namen, dem Kind gegeben, reflektieren nicht die Wünsche der Eltern; diese (Vor)Namen schreiben – selbst mit ihrer Bedeutung – das Kind in die Treue des Gottes des Bundes ein.

4. Das Fest der Beschneidung ist die angemessenste, liturgische Bestätigung einer Dimension der Inkarnation, die die gegenwärtige Kultur (wie auch die theologische) zu ignorieren und zu verzerren tendiert: Die sexuelle Identität des Messias Gottes. Die Verwirrungen, die einigen in Bezug auf die Rolle der Unterschiedlichkeit der Geschlechter im Plan Gottes, der schafft und erlöst, unterlaufen, kommen aus tiefem Unwissen; die Wiedereinführung des Festes der Beschneidung könnte dazu beitragen, sie zu heilen.

5. Die Geschichte des Festes der Beschneidung ist bezeichnend für die „Entwicklung“ des liturgischen und theologischen Erinnerns in der Kirche, die zunehmend den Sinn für den Oktavtag von Weihnachten festgelegt hat.[2] Byzantinischen Ursprungs, hat sich das Fest im Westen in Mittelitalien ausgebreitet (Lektionar von Capua [546]), wie auch in Spanien und Gallien (Konzil von Tours [567]). In Rom war der Oktavtag von Weihnachten ursprünglich der göttlichen Mutterschaft Marias geweiht (Station in Santa Maria ad martyres, später verlegt nach Santa Maria in Trastevere); die Erinnerung an die Beschneidung wurde erst im 8. oder 9. Jh. mit dem Marienfest verbunden. Was das Fest der Namensgebung Jesu betrifft, eine Besonderheit des Franziskanerordens im 16. Jh., so wurde es von Papst Innozenz XIII. 1721 auf die Gesamtkirche ausgeweitet. Diese Entwicklung durch Verdichtung zeugt von einem Wachstum der liturgischen und theologischen Logik der Kirche, da sie das Mysterium Mariens an das Mysterium Christi bindet und das eine wie das andere an der Scharnierstelle der beiden Bünde platziert. Durch das Vereinigen von ursprünglich getrennten Festen, haben die Liturgie und die Theologie den eigentlich biblischen Geist bezeugt (vgl. die Punkte 1, 2 und 3 oben). Die Wiederherstellung des Fests der Beschneidung, vereint mit dem Fest Mariens, der Mutter Gottes, bedeutet die gewachsene Lex orandi zu respektieren, und das heisst die Lex credendi in wichtigen Punkten zu revitalisieren, dies im ganzen Volk Gottes.

6. Eine solche Wiederherstellung hätte auch eine ökumenische Auswirkung, da die Kirchen des Orients das Fest der Beschneidung des Herrn acht Tage nach seiner Geburt bewahrt haben (am 14. Januar nach dem orthodoxen Kalender). Zudem gilt es darauf hinzuweisen, dass im Westen auch der Ambrosianische Ritus das Fest der Beschneidung immer noch feiert („Ottava del Natale nella Circoncisione del Signore“).

7. Die Wiederherstellung des Fests der Beschneidung des Herrn wäre auch seitens der „älteren Brüder”, welches die Glieder des jüdischen Volkes sind, einsichtig. Diese Wiederherstellung würde aufgenommen als eine erneuerte Form der Hochachtung der jüdischen Identität Jesu. „Jesus war Jude und ist es stets geblieben.“ (Hinweis der Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum, „Für eine korrekte Darstellung der Juden und des Judentums in der Predigt und der Katechese der katholischen Kirche“ [1985] III,1) Dies gilt nicht nur in Bezug auf seine Geburt, sondern auch in Bezug auf seinen Eintritt durch die Beschneidung in den Bund, den Gott mit seinen Vätern Abraham, Jakob und Isaak geschlossen hat.

8. Der erste Januar ist sicherlich schon ein reicher und dichter liturgischer Tag. Trotzdem, wie oben dargelegt (Punkt 5), stehen das marianische und das christologische Fest nicht in Konkurrenz. Das Fest der Beschneidung verleiht der Mutterschaft Mariens, Mutter von Immanuel und „Tochter Zion“ (für diesen letzten Titel siehe: LG 55), seine angemessenere christologische Perspektive, dies an der Scharnierstelle der beiden Testamente. Im Mitleiden der Mutter angesichts des Blutes, das ihr Sohn vergossen hat,[3] bildet die antizipierende Typologie für Maria am Fuss des Kreuzes. Dasselbe gilt für den „Weltfriedenstag“: Jesus Christus ist der „Fürst des Friedens“, weswegen er vom Tag seiner Beschneidung an bis zum Tag seines Todes die Logik des vergossenen Blutes entwaffnet hat, indem er sein eigenes Blut vergoss zur Versöhnung der Menschen.

Pastoral gesehen ist es immer möglich, die Harmonien des ersten Januars in den folgenden Tagen zu entfalten, doch es wäre eine Verarmung des Mysteriums, sie in aufeinander folgende Feste aufzuteilen, da sie doch in der Heiligkeit eines einzigen Tages zur Fülle gebracht sind, im Oktavtag.

 

Quelle: Régis Burnet/Didier Luciani (Hg.), La circoncision. Parcours biblique, Brüssel 2013, 10-13 – Übersetzung: Christian Rutishauser.

 

[1] Die Symbolik der Beschneidung ist so stark, dass sie Paulus erlaubt, die Taufe als „Beschneidung, die man nicht mit Händen vornimmt“ (Kol 2,11) zu bezeichnen.

[2] Siehe F. Cabrol, Artikel Circoncision (fête de la), in : Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie, Bd. 3, Paris 1914, 1717-1728; A.G. Mortimort, L’Église en Prière. Introduction à la liturgie, Bd. 4 : La liturgie et le temps, Paris, 98 und 149.

[3] Siehe Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, „Mysterien des Lebens Christi“, „Die Beschneidung“: „Sie geben das Kind seiner Mutter zurück, welche Mitleid mit dem Blute hatte, das aus ihrem Sohn hervorging“ (Nr. 266).

Artikelaktionen