One Two
Sie sind hier: Startseite Kirchliche Dokumente Online-Publikation: Die Kirchen und das Judentum I. Katholische Verlautbarungen Dokumente Predigt im Dankgottesdienst zum Ende des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. in der Kathedrale zu Sankt Hedwig, Berlin

Predigt im Dankgottesdienst zum Ende des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. in der Kathedrale zu Sankt Hedwig, Berlin

Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz am 28. Februar 2013

 

Wie die Weltkirche und die allgemeine internationale Öffentlichkeit wurde auch die deutsche Kirche durch die Erklärung von Papst Benedikt XVI. überrascht, zum 28. Februar 2013 auf das päpstliche Amt zu verzichten. An diesem Tag des Beginns der Vakanz auf dem päpstlichen Thron feierte die Deutsche Bischofskonferenz einen Gottesdienst, mit dem sie für das Benedikt-Pontifikat Dank sagen wollte. Erzbischof Robert Zollitsch hielt die Predigt. Ausgehend von den Lesungen von 1 Thess 2,2b-8 und Mt 20,20-28 charakterisierte er das Pontifikat Benedikts und meinte, Papst Benedikt habe der Kirche ein „geistliches Pontifikat“ geschenkt, das von theologischer Tiefe und intellektueller Weite gewesen sei. In seiner Würdigung des Pontifikats hob der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz eigens die Verbundenheit des Papstes mit dem Judentum hervor. Erzbischof Zollitsch hat die Spannungen, welche sich in den Jahren des Pontifikats von Benedikt XVI. im Verhältnis zum Judentum ergeben haben, nicht ausdrücklich erwähnt, sondern hob auf zwei große Gesten der päpstlichen Verbundenheit mit dem jüdischen Volk ab: den Besuch von Auschwitz 2005 und den Besuch in Israel 2009.

 

Liebe Mitbrüder im Geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!
1. Vor fast siebzehn Monaten auf den Tag genau, Ende September 2011, besuchte Papst Benedikt XVI. unser Land. In seiner ersten Ansprache bei der Willkommenszeremonie im Schloss Bellevue hob er hervor, worum es ihm bei seiner Reise entscheidend ging. „Ich bin nicht hierhergekommen“, so sagte er wörtlich, „um bestimmte politische oder wirtschaftliche Ziele zu verfolgen, sondern um den Menschen zu begegnen und mit ihnen über Gott zu sprechen.“ Darin, liebe Schwestern, liebe Brüder, können wir geradezu einen Schlüssel finden, wie Papst Benedikt XVI. sein Wirken auf dem Stuhl Petri insgesamt verstanden und in den zurückliegenden acht Jahren ausgeübt hat: Ob in seinen Predigten, Ansprachen oder Katechesen, ob in seinen Enzykliken oder Jesusbüchern, ob in Rom auf dem Petersplatz oder bei seinen Reisen auf die unterschiedlichen Kontinente, stets ging es ihm zuallererst darum, den Menschen das „Evangelium Gottes freimütig und furchtlos zu verkünden“. (1 Thess 2,2b)
2. Dabei stellte er sein Amt und seine Person hinter die Botschaft des Evangeliums zurück. Was wir eben in der Lesung aus dem Brief an die Thessalonicher hörten, durften wir auch in der Begegnung mit dem Heiligen Vater immer wieder erleben. Er hat „keine Ehre bei den Menschen gesucht“. Vielmehr war er bestrebt, allen Menschen nah zu sein, uns nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben zu lassen, sondern auch an seinem eigenen Leben. In dieser inneren Haltung und mit beeindruckendem Gottvertrauen folgte er dem Ruf des Auferstandenen, als „demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Woran dabei Maß zu nehmen ist, führt uns Jesus selbst im Gespräch mit den Söhnen des Zebedäus vor Augen, wenn er sagt: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ Dieses Wort Jesu dürfen wir auch im Blick auf das Papstamt hören, wie es unser Heiliger Vater verstanden und gelebt hat. Es lenkt unseren Blick auf die Dimension des Dienens. Das Papstamt war niemals ein Karriereziel von Joseph Ratzinger. Vielmehr hat er in der Wahl der Kardinäle den Ratschluss Gottes erkannt und sich von Anfang an als Diener der Kirche verstanden; ein Dienstamt, das ihm übertragen ist. Er ließ sich in den Dienst eines anderen nehmen, um eines höheren Gutes wegen. Nicht Machtkalkül ist entscheidend, sondern die Frage: Was dient der Wahrheit? Was dient dazu, dass die Kirche nah bei den Menschen und bei Christus ist? Papst Benedikt XVI. hat uns immer wieder vorgelebt: Nicht Machtausübung im Sinne des Herrschens über andere ist das Kennzeichen des Petrusdienstes, sondern sich mit „Haut und Haaren“ für Jesus Christus, für die Sache Jesu Christi um der Menschen willen einzusetzen.
3. Was diese Perspektive für einen jeden Christen bedeutet, hat Papst Benedikt XVI. in seinen beiden ersten Enzykliken „Deus Caritas Est“ und „Spe Salvi“ theologisch entfaltet, spirituell gedeutet und für die Pastoral erläutert. Wahrhaft Dienen kann nur der, der aus der Kraft der Liebe und der Hoffnung lebt. Beide haben ihren Ursprung in Gott. Sie sind der Maßstab für unser Leben und Zusammenleben. Wo Gott, wo die Liebe und Hoffnung nicht mehr vorkommen, wo sie vergessen und verdrängt werden, breitet sich der Frost des Egoismus aus, da verhüllt der Nebel der Depression den Blick in die Zukunft und man schafft sich seine eigenen Götter wie die Israeliten einst das goldene Kalb (Ex 31,18 – 33,6).
Was dies für unsere Zeit an Gefahren bedeutet, machte Papst Benedikt XVI. unermüdlich deutlich, wenn er von der Diktatur des Relativismus sprach. Durch seine wertvolle Gabe, mit großer Klarheit und scharfem analytischen Verstand die Zeichen der Zeit zu erkennen, hat er uns aus dem Glauben heraus die Entwicklungen gedeutet und mit der Botschaft des Evangeliums verbunden. Mit einem feinen, sicheren Gespür wies er gerade auch auf die modernen Gefährdungen des menschlichen Lebens hin, die sich hinter Tatsachen wie etwa der Globalisierung und Fortschrittsgläubigkeit verbergen. Dazu gehört die Gefahr eines ungezügelten Kapitalismus ebenso wie die vielfachen Bedrohungen durch einen scheinbar grenzenlosen Machbarkeitswahn auf dem Gebiet der Bio-Technologien.
4. Es beeindruckt, liebe Schwestern, liebe Brüder, mit welcher Entschiedenheit Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ auch die Globalisierung und die damit verbundenen Herausforderungen mit den „Augen der Liebe“ sieht und beurteilt. So setzte Papst Benedikt XVI. in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag zur Überraschung Vieler bei der ökologischen Bewegung an. Von ihr aus spannte er den Bogen weiter, um auf den Menschen zu sprechen zu kommen. Es brauche nicht nur den Schutz der Natur und die Bewahrung der Schöpfung, sondern auch die Achtung der Natur des Menschen, ja wir brauchen eine „Ökologie des Menschen“. So sagte er: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. […] Der Mensch machte sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“
Der Mensch ist von Gott geschaffen, ausgestattet mit vielen Gaben und Fähigkeiten. Darin zeigt sich, wie Gott den Menschen gedacht und mit welcher Perspektive er ihn beschenkt und mit welcher Verantwortung er ihn ausgestattet hat. In der Natur des Menschen zeigt sich Gottes Wille und Auftrag. Wenn der Mensch entsprechend der von Gott gegebenen Natur lebt, dann wird sein Leben gelingen. So gab uns der Heilige Vater aus dem Geist des Evangeliums bleibende Anregungen zu einer lebenswerten Gesellschaft und menschenfreundlichen Zukunft.
5. Liebe Schwestern, liebe Brüder, damit wird einmal mehr deutlich: Papst Benedikt XVI. schenkte uns ein geistliches Pontifikat – geprägt von theologischer Tiefe und intellektueller Weite. Wir schauen heute dankbar auf ihn, der ein großer Theologe unserer Zeit ist und der eine profunde Kenntnis der Kirchenväter in die Reflexion heutiger Fragen einbrachte. In Papst Benedikt XVI. begegnen uns ein gelehrter Zeuge und ein überzeugender Gelehrter des Evangeliums; ein begnadeter Prediger; ein unermüdlicher Brückenbauer zwischen Wissenschaft und gelebtem Glauben. In ihm verbinden sich fides et ratio, Glauben und Wissen, Intellekt und Herzenswärme. Er überredet nicht, er überzeugt.
6. Unvergessen ist seine Rede vor den Vereinten Nationen, in der er die Religionsfreiheit als grundlegendes Menschenrecht einforderte, das nur im lebendigen Dialog realisiert werden könne: „Der Dialog sollte als das Mittel erkannt werden, durch das die verschiedenen Teile der Gesellschaft ihre Sichtweise artikulieren können und durch das sie einen Konsens um die die einzelnen Werte und Ziele betreffende Wahrheiten herum aufbauen können.“ Sein Zeugnis war eindeutig, auch wenn er damit in einer oft nur vordergründig aufgeklärten und vermeintlich liberalen Gesellschaft auf Unverständnis stieß und manchmal durchaus heftigen Widerspruch hervorrief. Er war der Fels in der Brandung einer sich rasant verändernden Welt.
Dabei suchte Papst Benedikt XVI. ganz bewusst den Dialog zu den anderen Religionen. Religion darf niemals Anlass zu Hass und Gewalt sein und nicht zu politischen Zielen missbraucht werden, hieß seine eindringliche Botschaft beim Besuch in der großen Moschee von Amman. Und nicht zuletzt mit dem Judentum wusste sich unser Heiliger Vater tief verbunden. Gerade wir Deutschen sind dem Papst zutiefst dankbar für seine klaren Worte anlässlich des Besuchs im Vernichtungslager Auschwitz, die Benedikt XVI. in großer Demut zeigten: „An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich.“ So auch später bei seinem Besuch in Israel, wo er in Tel Aviv und Yad Vashem der sechs Millionen Opfer des Holocaust gedachte und jede Form des Antisemitismus als inakzeptabel verurteilte.
7. Liebe Schwestern, liebe Brüder, der Blick auf das Wirken und die Auswirkungen der nahezu acht Jahre des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. zeigt eindrucksvoll und nachdrücklich, dass die Frage nach dem Religiösen in der Welt keineswegs im Schwinden begriffen ist. Vielmehr wird – wenn auch in durchaus unterschiedlicher Weise – die Suche unzähliger Menschen deutlich nach dem Sinn des Lebens in einer Welt, die zwar immer mehr „Lebens-Möglichkeiten“ eröffnet, aber aus sich heraus die existenziellen Fragen nach dem „Woher, Warum und Wohin“ nicht beantworten kann. Wir Menschen sehnen uns nach Antworten, die über das Vordergründige, über das rein wissenschaftlich-rational Erklärbare hinausweisen. Und wir suchen Personen, die dafür mit ihrer Existenz glaubwürdig und überzeugend stehen.
8. Auf beides – die Sehnsucht nach der Wahrheit und die Suche nach Vorbildern – gab Papst Benedikt XVI. die Antwort, die dem Glauben an Jesus Christus entspringt. Seine erste und wichtigste Aufgabe sah er deshalb immer in der freimütigen und furchtlosen Verkündigung des Evangeliums, der Botschaft von Gott, der in seinem Sohn Jesus Christus Mensch und damit einer von uns geworden ist. Die Frage nach Gott in unserer Welt wachzuhalten und sie glaubwürdig zu beantworten, dafür steht Papst Benedikt XVI. – weit über die Jahre seines Pontifikats hinaus. Unermüdlich hat er sich und seine Gaben in das Amt des Petrus eingebracht. Die Spuren der Anstrengung und des Alters haben ihn mittlerweile gezeichnet. Aber nie gewinnt man den Eindruck, einen Menschen vor sich zu haben, der ohne Hoffnung ist. Im vergangenen Jahr anlässlich seines 85. Geburtstags hat unser Heiliger Vater davon ein wunderbares Zeugnis abgelegt, als er sagte: „Ich stehe vor der letzten Wegstrecke meines Lebens und weiß nicht, was mir verhängt sein wird. Aber ich weiß, dass das Licht Gottes da ist, dass er auferstanden ist, dass sein Licht stärker ist als alles Dunkel; dass Gottes Güte stärker ist als alles Böse dieser Welt. Und das lässt mich in Gewissheit weitergehen. Das lässt uns alle weitergehen.“
Danken wir Gott, dem Herrn, für Papst Benedikt XVI., der unermüdlich durch seinen Petrusdienst das Licht Christi aufstrahlen ließ. Beten wir für ihn, der uns auch künftig im Gebet verbunden bleibt, dass ein jeder Christ für die Welt immer mehr das wird, was Benedikts Name bedeutet: ein Gesegneter und ein Segen. Amen.

 

Quelle: http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2012/2013-042b-Dankgottesdienst-Berlin_Predigt-EB-Zollitsch.pdf.

 

[Artikel als PDF-Version]

Artikelaktionen