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Statement zum Abschluss der Pilgerreise des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz ins Heilige Land vom 26. Februar bis 4. Februar 2007

Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz am 4. März 2007

 

Die erstmalige Reise des Ständigen Rats der Deutschen Bischofskonferenz, d.h. der 27 Ortsbischöfe der katholischen Kirche in Deutschland, ins Heilige Land vom 27. Februar bis 5. März 2007 hatte die Intention einer Pilgerreise. Sie sollte auch die Beziehungen zu den Christen im Land pflegen und festigen und zugleich im Eingedenksein der deutschen Geschichte die Verbundenheit mit Israel und seinen Menschen zum Ausdruck bringen sowie für palästinensische Belange und Anliegen sensibilisieren. Die Reise geriet in die Kritik, als einige Bischöfe ihre Empfindungen angesichts des Walls in Israel äußerten und die Situation im palästinensischen Ramallah mit dem Warschauer Ghetto verglichen und von einer ghettoartigen Situation mit beinahe rassistischen Zügen sprachen. Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zog zum Abschluss der Reise ein Fazit, bei dem er die gemachten Erfahrungen vergegenwärtigte und den Besuch in der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte sowie die Begegnungen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Israels und dem aschkenasischen Oberrabbiner in Israel hervorhob.

 

Wenn wir heute Nachmittag zurück nach Deutschland fliegen, liegen ereignisreiche und intensive Tage im Heiligen Land hinter uns. Viele Eindrücke werden sich erst mit etwas Abstand richtig setzen und verarbeitet werden. So möchte ich heute nur ein erstes Resümee ziehen.

Es war das erste Mal, dass der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz, also die Ortsbischöfe der 27 deutschen Diözesen, eine Pilgerreise ins Heilige Land unternommen hat. Es war überhaupt die erste Zusammenkunft des Ständigen Rates im Ausland, sieht man von einem Treffen in Rom einmal ab. Und ich glaube auch für meine Mitbrüder sagen zu dürfen: Wir haben dieses Experiment nicht bereut. Im Gegenteil, wir sind froh, dass wir uns auf diesen Weg gemacht haben. Es ist auch für die deutschen Bischöfe wichtig, ihre Verantwortungsgemeinschaft lebendig zu erfahren und zu erneuern. Das gibt neuen Schwung und neue Kraft im Alltag unseres Wirkens.

Ins Heilige Land sind wir in erster Linie als Pilger gekommen. Wir wollten zu den Quellen des biblischen und zumal des christlichen Glaubens gehen. Es ist für uns Bischöfe bereichernd, nicht nur als Einzelne, sondern auch gemeinsam unseren Glauben und unsere Aufgabe von den tiefsten Gründen her zu erneuern. An bedeutenden christlichen Wallfahrtsstätten haben wir die heilige Messe und das Stundengebet der Kirche gefeiert: in der Brotvermehrungskirche und der Primatskapelle in Tabgha, in Nazareth vor der Verkündigungsgrotte, in der Grabeskirche in Jerusalem, in der Katharinenkirche bei der Geburtsgrotte in Bethlehem und heute hier mit den deutschen Benediktinern in der Dormitio-Basilika auf dem Zionsberg in Jerusalem. So kamen wir nicht nur mit den Heiligen Stätten, den geschichtlichen Zeugnissen des Christentums, in Berührung, sondern haben die heilbringende Gegenwart Gottes auch in unserer Zeit erfahren.

Besonders herausstellen möchte ich, dass wir gleich zu Beginn unserer Reise in Tabgha an der Grundsteinsegnung für einen Neubau des Benediktiner-Klosters teilnehmen durften. Es freut uns, dass die benediktinische Gemeinschaft immer wieder Novizen aufnehmen kann.

Ebenso wichtig wie der Besuch heiliger Stätten waren für uns die Begegnungen und das Gespräch mit den Christen vor Ort und der Besuch ihrer sozialen Einrichtungen und Schulen. Wir haben unserer Verbundenheit mit den Christen hier im Heiligen Land Ausdruck gegeben, die nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Oft leben sie unter schwierigen Bedingungen. Besonders in Zeiten gewalttätiger Konflikte erfahren Minderheiten besonders stark ihre gesellschaftliche Randlage. In Israel sind sie als Christen und Araber in einer doppelten Minderheitenposition. In den palästinensischen Gebieten sind sie durch einen wachsenden Islamismus herausgefordert. Nach wie vor bedrückend ist die hohe Zahl derer, die das Land verlassen.

In Galiläa, Bethlehem, Nazareth, Ramallah und Jerusalem sind wir Christen und christlichen Gemeinden begegnet, die uns an ihren Alltagserfahrungen haben teilhaben lassen. Unsere bischöflichen Mitbrüder, Erzbischof Elias Chacour (griech.-kath.), Bischof Paul Sayah (maronitisch), Bischof Giacinto Marcuzzo, Erzbischof Antonio Franco (Apostolischer Nuntius in Israel und Zypern und Apostolischer Delegat in Jerusalem und Palästina), der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, aber auch viele Priester und Ordensleute haben uns anschaulich von der Situation der Christen berichtet.

Wir haben erfahren können, dass es im Heiligen Land eine sehr vitale katholische Kirche gibt, die sich nicht nur durch ihr gottesdienstliches Leben, sondern auch durch ihre soziale Arbeit auszeichnet. In der Schule der Salvatorianerinnen in Nazareth, in der Schmidt-Schule in Ost-Jerusalem und in der Katholischen Bethlehem-Universität konnten wir erleben, wie Christen und Muslime gemeinsam lernen. Ein Beispiel für das soziale Engagement der Kirche ist das Babyhospital der Caritas in Bethlehem, wo unter schwierigen Bedingungen versucht wird, palästinensischen Familien und ihren Kindern wirkungsvolle medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Es ist insgesamt beachtlich, in welchem Maß die Kirche im Heiligen Land durch Schulen und soziale Einrichtungen aller Art einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leistet.

In diesem Zusammenhang sind die rechtliche Stellung der Kirche und die Besteuerung kirchlicher Organisationen und kirchlichen Besitzes von hohem Belang. Dies haben wir auch im Gespräch mit Shimon Peres, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten des Staates Israel, deutlich herausgestellt. Es ist erfreulich, dass Peres unserer Delegation zugesichert hat, sich persönlich dafür einzusetzen, dass die Verhandlungen zwischen Israel und dem Vatikan zügig abgeschlossen werden.

Wir werden weiterhin das in unserer Macht Stehende tun, um unsere Solidarität mit der christlichen Minderheit vor Ort zum Ausdruck zu bringen. Wir wollen mit dazu beizutragen, dass die Christen hier eine Zukunft haben. Das Heilige Land darf kein Freilicht-Museum des Christentums werden. Der freie Zugang zu den Heiligen Stätten muss für die Angehörigen aller Religionen gewährleistet sein. Wir ermutigen ausdrücklich alle Gläubigen, ins Heilige Land zu pilgern.

Eine der wichtigsten Stationen unserer Reise war der Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Für uns alle war dies ein bewegender und auch erschütternder Moment. Wir haben an diesem Ort unterstrichen, dass es für alle Deutschen – letztlich auch für die ganze Menschheit – unerlässlich bleibt, sich dem Völkermord an den Juden auch in Gegenwart und Zukunft zu stellen. Dies habe ich auch in meiner Eintragung in das Gedenkbuch zum Ausdruck bringen wollen: „Niemand kann frei sein, der frei sein will vom Gedenken an die Shoa.“

Vor diesem Hintergrund bin ich besonders dankbar für den herzlichen Willkommengruß des aschkenasischen Oberrabbiners von Israel, Yona Metzger, der am Mittwoch eine Delegation mit dem Vorsitzenden unserer Unterkommission für die Beziehungen zum Judentum in Jerusalem empfangen hat. Dies zeigt, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten neue Kapitel des christlich-jüdischen Dialogs haben aufschlagen können.

Natürlich war es auch ein wichtiges Ziel unserer Reise, uns über die politische Situation im Heiligen Land zu informieren. Was die israelische Seite betrifft, dienten dazu Gespräche mit dem stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Shimon Peres und dem ehemaligen israelischen Botschafter in Deutschland Avi Primor. Daneben gab es eine Begegnung mit dem palästinensischen Präsidenten, Mahmud Abbas, und leitenden Mitarbeitern der Autonomiebehörde. In all diesen Gesprächen ist deutlich geworden, wie verfahren sich die politische Situation im Augenblick darstellt und wie wenig Hoffnung auf eine tragfähige Lösung auf beiden Seiten besteht. Die Israelis betonen beständig ihr Interesse an Sicherheit, die durch Terroristen nachhaltig bedroht wird. Die Palästinenser wiederum sehen den alleinigen Grund des Konfliktes in der Besetzung palästinensischer Gebiete durch Israel. Das ohnehin geringe Vertrauen zwischen beiden Konfliktparteien scheint – so haben wir bei vielen Begegnungen erfahren – immer noch weiter abzunehmen. Der Vertrauensverlust wird von Vielen als geradezu irreparabel gesehen. Das ist eine gefährliche Sackgasse. Dies hat uns gerade in den letzten Tagen trotz einiger Lichtblicke, vor allem in der Begegnung mit jungen Menschen, bedrückt.

Unter den Palästinensern hat sich darüber hinaus der Eindruck verdichtet, dass mit dem Ausbau der Siedlungen, dem Bau von Sicherheitszäunen und Mauern, der Schaffung getrennter Straßennetze und dem System der Check-Points zunehmend Tatsachen geschaffen werden, die auf eine Verfestigung des Status Quo hinauslaufen. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass all diese Maßnahmen zusammengenommen zwar einen aktuellen Gewinn an Sicherheit für die Israelis bedeuten, dem Frieden auf lange Sicht aber nicht dienen können.

Als Bischöfe können wir keine politischen Vermittler sein und keine politischen Auswege aus der Misere vorzeichnen. Wohl aber können und müssen wir immer wieder auf das Leiden der Menschen aufmerksam machen. Wir wissen um die Angst der Israelis, die von Terrorismus bedroht sind und deren staatliches Existenzrecht von manchen immer noch in Frage gestellt wird. Bei unseren Besuchen in der Westbank haben wir aber auch die erschreckende, geradezu katastrophale Situation kennen gelernt, der die Palästinenser ausgesetzt sind: eine Arbeitslosigkeit von bis zu 60%, drastische Behinderungen der Bewegungsfreiheit, die manche Familien auf Dauer voneinander trennen, eine Praxis an den Kontrollpunkten, die viele Palästinenser als demütigend empfinden – all dies lässt viele in Hoffnungslosigkeit versinken und befördert auch eine politische und religiöse Radikalisierung. Besonders schlimm haben wir die Lage in Bethlehem erlebt, wo sich die Menschen angesichts des Verlaufs der Sicherheitsanlagen geradezu als eingeschlossen empfinden.

Immerhin verbinden viele, auch in den Kirchen, eine gewisse Hoffnung mit den wieder aufgenommenen Bemühungen des Nahost-Quartetts und mit der deutschen Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union. Angesichts der Realitäten wird man in seinen Erwartungen aber bescheiden bleiben müssen. Dies gilt auch für alles, was die Kirche vor Ort und weltweit unternehmen kann, um zur Lösung des Konflikts beizutragen. Dennoch gehört es zur Grundstruktur unseres Glaubens, Hoffnung gegen alle Hoffnung zu bewahren. Anlass dafür bietet ganz sicher auch das mutige Zeugnis der Kirchen im Heiligen Land, nicht zuletzt der Orden, die wichtige Beiträge für eine Aussöhnung leisten.

Ein besonderer Dank für mannigfaltige Hilfe gilt an dieser Stelle dem Deutschen Botschafter in Israel, Dr. Harald Kindermann, und dem Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ramallah, Jörg Ranau. Auch der Deutsche Verein vom Heiligen Lande hat Vieles zum Gelingen unserer Pilgerreise beigetragen.

 

Quelle: http://www.dbk.de/aktuell/meldungen/01301/index.htm

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