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Vortrag „Maximilian Kolbe – Märtyrer der Versöhnung“ beim 5. Europäischen Workshop zum Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz

Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz am 13. August 2014

 

Die Maximilian-Kolbe-Stiftung richtete vom 11. bis 16. August 2014 einen europäischen Workshop im Zentrum für Dialog und Gebet in Oswiecim/Auschwitz zum Thema „Die Vergangenheit von Auschwitz – belastet durch Gewalt“ aus. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick referierte als Mit-Vorsitzender der Stiftung und als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz über „Maximilian Kolbe – Märtyrer der Versöhnung“. In seinem Vortrag reflektierte er über das Leben und Zeugnis von Maximilian Kolbe, den er als Märtyrer der Nächstenliebe und Märtyrer der Versöhnung würdigte. Weiterhin sprach er  über die „Kultur des Verzeihens“. Eine solche Kultur des Verzeihens und der Versöhnung müsse in Europa und der Welt aufgebaut werden. „Maximilian Kolbe ist Märtyrer, Zeuge, Vorbild, Inspirator und Moderator von Versöhnung in gewaltbelasteter Gegenwart in Auschwitz gewesen und er ist es heute nach gewaltbelasteter Vergangenheit sowie für eine Kultur der Versöhnung.“

 

1. Hinführung

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „5. Europäischen Workshops zum Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit in Auschwitz“, der wie die vier vorherigen von der Maximilian-Kolbe-Stiftung veranstaltet wird! Ich habe an allen fünf Workshops teilgenommen und durfte schon öfter zu den TeilnehmerInnen sprechen. Den heutigen Vortrag über „Maximilian Kolbe - Märtyrer der Versöhnung“ halte ich besonders gern. Der heilige Maximilian Kolbe ist der Namensgeber und Patron der Stiftung, deren Stiftungsratsvorsitzender ich - zusammen mit Erzbischof Wiktor Skworc – seit 2007 sein darf. Er ist unserer Kirche insgesamt, besonders aber der polnischen und deutschen sowie unserer Stiftung sehr wichtig. Persönlich verehre ich Maximilian Kolbe sehr. Im Jahr 2011, siebzig Jahre nach seiner Ermordung hier in Auschwitz, habe ich mich in 12 Artikeln in der Zeitschrift „Sendbote des heiligen Antonius“ der Franziskanerkonventualen mit ihm beschäftigt und auch für ein Buch über ihn das Vorwort verfasst.

Für die Stiftung ist Maximilian Kolbe sehr wichtig. Die Präambel der Maximilian-Kolbe-Stiftung beginnt mit dem Satz: „Die Maximilian-Kolbe-Stiftung weiß sich dem heiligen Maximilian Kolbe, dem Märtyrer der Versöhnung, verpflichtet, der sein Leben stellvertretend für einen Mithäftling im Konzentrationslager Auschwitz hingegeben hat. Er hat damit ein Zeichen dafür gesetzt, dass Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben. Aus dieser Erinnerung schöpft die Maximilian-Kolbe-Stiftung Kraft für ihre Versöhnungsarbeit. Sie weiß sich den Opfern von Unrecht und Gewalt besonders verpflichtet.“ Die Maximilian-Kolbe- Stiftung will zur Versöhnung von Menschen und Völkern nach gewaltbelasteter Geschichte beitragen. Für dieses Ziel hat sie sich bewusst den hl. Maximilian Kolbe als Patron und Vorbild gewählt und nennt ihn „Märtyrer der Versöhnung“.

Sicher ist Maximilian Kolbe Namensgeber der Stiftung auch deshalb, weil die Maximilian-Kolbe-Stiftung die Versöhnungsarbeit, die das Maximilian-Kolbe-Werk zwischen Deutschen und Polen durch die Fürsorge für die ehemaligen KZ-Häftlinge geleistet hat und die in absehbarer Zeit abgeschlossen sein wird, fortsetzen soll. Dazu hat das Maximilian-Kolbe- Werk zusammen mit der polnischen und deutschen Bischofskonferenz die Maximilian-Kolbe- Stiftung gegründet. Aber Maximilian Kolbe ist auch unabhängig von der Verbindung mit dem Maximilian-Kolbe-Werk für die Maximilian-Kolbe-Stiftung, für ihren Auftrag und ihr Ziel, Versöhnung zu wirken und eine Kultur der Versöhnung auszubreiten, eminent wichtig.

Ich möchte Ihnen in diesem Vortrag heute die Bedeutung von Maximilian Kolbe für Versöhnungsarbeit und die Kultur der Versöhnung vermitteln. Deshalb habe ich als Titel meines Vortrags gewählt: „Maximilian Kolbe – Märtyrer der Versöhnung.“

Maximilian Kolbe wird „Märtyrer der Nächstenliebe“ und „Märtyrer der Versöhnung“ genannt. Dass er „Märtyrer der Nächstenliebe“ war, erweist seine Biografie unzweifelhaft. Für einen Mitgefangenen im Lager Ausschwitz, der wegen der Flucht eines Lagerinsassens mit weiteren neun anderen in den Hungerbunker sollte, bot sich Maximilian Kolbe spontan beim Appell auf dem Exerzierplatz als Ersatz an. Der Lagerkommandant Fritsch und die Wachhabenden waren von diesem Angebot so verwirrt, dass sie, entgegen der sonstigen Gepflogenheiten, dieser „Stellvertretung“ zustimmten. Maximilian Kolbe ging in den Hungerbunker, tröstete mit Gesprächen, Gebeten und Liedern die übrigen zum Hungertod Verurteilten und starb als letzter von den zehn durch eine Giftspritze am 14. August 1941. Der durch ihn gerettete Familienvater Franz Gajowniczek überlebte das KZ Auschwitz und hat auch noch an der Heiligsprechung von Maximilian Kolbe im Jahr 1982 in Rom teilgenommen. 1941 war Maximilian Kolbe ein „Märtyrer der Nächstenliebe“. Zu einem „Märtyrer der Versöhnung“ wurde er ernannt, und er erwies sich nach und nach als „Märtyrer der Versöhnung“. Der „Märtyrer der Nächstenliebe“, Maximilian Kolbe, wurde zum „Märtyrer der Versöhnung“.

Wie geschah das? Bereits 1963, während des Zweiten Vatikanischen Konzils, unterschrieben die polnischen und deutschen Bischöfe gemeinsam eine Petition an den damaligen Papst Paul VI. und erbaten die Seligsprechung Maximilian Kolbes. Schon diese gemeinsame Bitte war ein Akt der Versöhnung von Polen und Deutschen, die eine schreckliche gewaltbelastete Vergangenheit hinter sich hatten. Bevor es 1965, am Ende des Konzils, zum berühmten Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen kam, mit der berühmt gewordenen Formulierung: „Wir bitten um Vergebung und gewähren Vergebung“, war Maximilian Kolbe schon als Versöhner zwischen Deutschen und Polen tätig geworden.

In der Petition von 1963 wird Maximilian Kolbe als „Vorbild und Fürsprecher bei Gott für die Versöhnung“ bezeichnet. Wörtlich schreiben die polnischen und deutschen Konzilsteilnehmer an den Papst: „(Wir) erflehen seine baldige Seligsprechung und hoffen, dass durch sein Vorbild und seine Fürbitte der Gott des Friedens beiden Völkern die Gnade einer Versöhnung aus innerstem Herzen gewähre.“ Im Laufe der folgenden Jahrzehnte bis heute wird Maximilian Kolbe immer wieder Vorbild und Patron der Versöhnung genannt; er ist Versöhner durch seinen Stellvertretertod aus Nächstenliebe geworden. Auch Papst Paul VI. verglich Maximilian Kolbe bei der Seligsprechung 1971 mit Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz aus Liebe zu uns Menschen Versöhnung für alle Menschen erwirkt hat.

1980 baten wiederum die deutsche und die polnische Bischofskonferenz, Maximilian Kolbe als „Märtyrer des Glaubens und der Liebe“ heiligzusprechen. Und im Juni 1982 besuchten deutsche und polnische Bischöfe zusammen mit Papst Johannes Paul II. das Konzentrationslager Auschwitz. Dabei wandten sie sich erneut gemeinsam an den Papst mit der Bitte, Maximilian Kolbe als Märtyrer heiligzusprechen. Sie schrieben: „Wir wollen uns gemeinsam für die Erneuerung Europas im Geist Jesu Christi, des Gekreuzigten, einsetzen. Möge Europa mithelfen, die Botschaft der Liebe und Gerechtigkeit in der Welt zu verwirklichen.“ Das geschah alles in der Zeit des „Kalten Krieges“. Maximilian Kolbe wirkte - geistig und spirituell - als Versöhner zwischen Deutschland und Polen.

Er ist tatsächlich Versöhner vieler Menschen geworden. Maximilian Kolbe hatte nicht nur die Bischöfe 1963, 1971, 1980 und 1982 zu den gemeinsamen Petitionen und Aktionen zusammengebracht. Viele Menschen in Polen und in Deutschland, in der Ukraine, ja in der ganzen Welt, haben sich bei ihren Versöhnungsbemühungen nach der schrecklichen Nazizeit und der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges auf ihn bezogen. Seinem Beispiel folgend, haben sie Versöhnungsbemühungen initiiert. Er war für sie Vorbild und Inspirator. Das zeigen nicht zuletzt das Maximilian-Kolb-Werk und die Maximilian-Kolbe-Stiftung. Das machen auch die Partnerschaften zwischen deutschen und polnischen Gemeinden sowie die Initiativen des Ordens der Franziskanerkonventualen und anderer franziskanischer Ordensgemeinschaften deutlich. Auch die von Maximilian Kolbe gegründete „Militia Immaculatae“ und viele weitere spirituelle Gruppierungen wirken an der Versöhnung Europas weltweit in vielen Bereichen mit. Maximilian Kolbe ist zum „Märtyrer der Versöhnung“ geworden durch seinen heroischen Akt der Nächstenliebe. Auch heute noch kann und ist Maximilian Kolbe Inspirator und Patron für Versöhnung zwischen Nationen und Religionen durch seinen Stellvertretertod hier in Ausschwitz für einen Mitgefangenen.

 

2. Selig- und Heiligsprechung Maximilian Kolbes

Die Kirche kennt zwei Etappen, um jemand zum Vorbild und Patron für die Christen und die Menschen zu erheben: Erst den Selig- und dann den Heiligsprechungsprozess. Die höchste Stufe ist die Anerkennung als Märtyrer in der Heiligsprechung durch den Papst.

Es war gar nicht so leicht, dass Maximilian Kolbe als Vorbild für die Christen und alle Menschen, also als Heiliger und Märtyrer, von der Kirche anerkannt wurde. Erst nach einem langen Prozess, der bereits 1947 begonnen worden war, wurde er von Papst Paul VI. 1971 zunächst als „Bekenner“ selig gesprochen, obwohl - wie gesagt - die deutschen und die polnischen Bischöfe sich bereits 1963 gemeinsam für die Seligsprechung Maximilian Kolbes eingesetzt und ihn zu einer nachahmenswerten christlichen Persönlichkeit für die Versöhnung der Menschheit, besonders in Europa und ganz besonders zwischen Polen und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, erklärt hatten. Warum? Nie hatte jemand daran gezweifelt, dass Maximilian Kolbe ein heroisches Leben der Heiligkeit, d. h. ein Leben der Übereinstimmung mit Werten und Normen des Evangeliums und dem Leben Jesu Christi, geführt hatte. Nie hatte jemand gezweifelt, dass seine Apostolatsinitiativen, besonders im Medienbereich in Japan und in Niepokalanow in Polen, durch Presse und Rundfunk, der Ausbreitung der Frohen Botschaft und der Kirche gedient hatten. Nie hatte jemand daran gezweifelt, dass seine „Militia Immaculatae“ ein Werk des Heiligen Geistes und der Evangelisierung war. Nie hatte jemand gezweifelt, dass sein Angebot, für den Mitgefangenen in den Hungerbunker zu gehen, ein heroischer Akt der Nächstenliebe war und er im Hungerbunker Zeugnis für den christlichen Glauben, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben abgelegt hatte.

Mit der Seligsprechung 1971 als „Bekenner des Glaubens und christlichen Lebens“ war die erste Hürde für seine Anerkennung als Vorbild und Fürsprecher für die Menschen genommen und zugleich die Frage des Martyriums umgangen worden. Der Tod im Hungerbunker, beziehungsweise der Grund und Anlass dafür, machte aber große Schwierigkeiten, um Maximilian Kolbe als Märtyrer anzuerkennen.

Zum Märtyrer konnte nur erklärt werden, wer „in odium fidei - im Hass gegen den Glauben“ gefoltert und getötet worden war. Das war bei Maximilian Kolbe in Ausschwitz im Hungerbunker aber nicht der Fall. Er hatte sich selbst angeboten, im Hungerbunker zu sterben. Nach allen Berichten gab es auch keine Hass- oder Hetzaussprüche gegen den Glauben, die Religion oder das Priestertum seitens des Lagerkommandanten und seiner Untergebenen, als sich Maximilian Kolbe anbot, statt des Mitgefangenen in den Hungerbunker zu gehen. Diese Einwände wurden deshalb im Prozess der Heiligsprechung durch den „Advocatus diaboli“, den Vertreter des Teufels, der Institution in jedem Selig- und Heiligsprechungsprozessen, der immer die Argumente vorbringen muss, die gegen die Selig- oder Heiligsprechung stehen, angeführt.

Papst Johannes Paul II. wollte aber Maximilian Kolbe unbedingt als Märtyrer heilig sprechen, der der ganzen Menschheit ein Märtyrer/Zeuge des Glaubens, der Liebe und der Versöhnung sein sollte. Er wollte in der zweiten Stufe nach der Seligsprechung im Heiligsprechungsverfahren einen Titelwechsel vornehmen. Warum? Johannes Paul hatte ein waches und scharfes Gespür für Symbole und deren Wirkung. Er wusste auch um die Wahrheit des Dictums „nomen est omen“. Name ist Hinweis und hat Wirkung. „Märtyrer“ bedeutet, Zeuge und Ansporn für die Menschen. Deshalb wollte Johannes Paul II. Maximilian Kolbe als Märtyrer heilig sprechen. Gegen dieses Ansinnen wurden aus der Heiligsprechungskongregation und sogar von den zuständigen Kardinälen immer wieder Einwände vorgebracht. Letztlich blieb dem Papst nichts anderes übrig, als die Regeln für die Heiligsprechung zu ändern. Georg Weigel hat in seiner Biographie „Zeuge der Hoffnung. Johannes Paul II. Eine Biographie“ (München, Wien, Zürich 2002, Seiten 465-468) eingehend beschrieben, warum und wie sich Johannes Paul II. für die Heiligsprechung Maximilian Kolbes als Märtyrer eingesetzt hat. Der Papst setzte sich selbstverständlich durch und sprach am 10. Oktober 1982 Maximilian Kolbe heilig.

 

3. „Märtyrer der Nächstenliebe“ und „Märtyrer der Versöhnung“

Schlussfolgerungen aus dem Leben und dem Selig- und Heiligsprechungsprozess von Maximilian Kolbe für die Versöhnungsarbeit und den Aufbau einer Kultur der Versöhnung.

1. Maximilien Kolbe ist zum „Märtyrer der Versöhnung“ geworden, weil er „Märtyrer der Nächstenliebe“ war! Er hat nicht sein Leben verloren „in odium fidei“, sondern er hat es „in favorem hominis – zugunsten des Menschen“ und damit „in favorem humanitatis – zugunsten der Humanität“ freiwillig hingegeben. Zur Humanität der Menschen und der Gesellschaft gehört die Versöhnung, bzw. die Versöhntheit. Sie setzt ein ständiges Bemühen der Menschen voraus und ist ein nie abgeschlossener Prozess. Versöhnung und Versöhntheit sind ohne echte Menschenliebe nicht möglich. Maximilian Kolbe hatte sie und lebte sie auch im Lager von Auschwitz bis zum Tod.

2. Für Versöhnung und die Kultur der Versöhnung ist eine universale Menschenliebe erforderlich, eine Menschenliebe ohne Nationalismus und Rassismus. Sie muss auf der Gleichheit aller Menschen in Bezug auf ihre Rechte und ihre Würde aufbauen. Die Lebenshingabe Maximilian Kolbes für einen unbekannten Fremden, Maximilian Kolbe kannte Franz Gajowniczek nicht, bezeugt diese Universalität. Auch bereits sein Wirken in Japan, Europa etc. zeugt von dieser Universalität der Menschenliebe. Für Versöhnung und Kultur der Versöhntheit bedarf es einer globalen weltweiten Gesinnung, die alle Menschen einschließt. Maximilian Kolbe hatte sie und lehrt sie uns.

3. Wir brauchen für Versöhnung eine Liebe, die menschliche Möglichkeiten übersteigt. Von Theodor W. Adorno stammt der berühmte Satz in seinem Buch „Minima moralia“, der sprichwörtlich geworden ist: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Dieser Satz ist richtig, und trotzdem darf er keine grundsätzliche Geltung haben, er muss vielmehr überwunden werden. Im normalen Leben und in der Geschichte wird er immer wieder verifiziert. Wenn die Umstände, die Gegebenheiten und die Mitmenschen, das heißt, das ganze Leben ‚falsch‘ ist, z. B. kriegerisch, ausbeuterisch, gewalttätig, dann ist es schwierig oder sogar unmöglich, ein ‚richtiges‘ Leben zu führen, das heißt, ein Leben ohne Gewalt, in Frieden, in Güte, in Solidarität und für das Gemeinwohl.

Wenn aber grundsätzlich und immer gilt, „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, kommen die Menschen und Gesellschaften nie aus der Gewaltspirale heraus. Es muss richtiges Leben auch im falschen geben, andernfalls ist Versöhnung nach oder in gewaltbelasteter Vergangenheit bzw. Gegenwart nicht möglich. Das lässt sich auch hier in Ausschwitz zeigen und wird von Maximilian Kolbe exemplarisch bestätigt. In der furchtbaren Situation des KZ, in der jeder gegen jeden aufgehetzt wurde, wo bewusst Misstrauen, Hass, Diskriminierung und Gewalt, Isolation und Egoismus von den Lagerverantwortlichen unter den Gefangenen geschürt wurden, um keine Solidarisierungen aufkommen zu lassen, gab es einen, der diese Spirale durchbrach. Maximilian Kolbe war nicht der einzige, aber er zeigt, dass es möglich ist: Es gibt das richtige Leben im falschen. Und noch mehr: Er zeigt, dass das nur möglich war, weil in ihm und anderen mehr vorhanden war als nur das Menschliche, die menschliche Nächstenliebe. Etwas Übernatürliches, Göttliches, gab es in ihm und ihnen, die das richtige Leben im falschen möglich machte.

Der französische Philosoph Jacques Derrida hat bestätigt, dass es für Versöhnung mehr geben muss als nur das Menschliche. Es müssen Kräfte vorhanden sein, die die menschlichen und humanen übersteigen. Wörtlich sagt Derrida, der sich als Agnostiker bekennt, in einem Interview zum Milleniumsjahr 2000: „Es muss die Kultur des Verzeihens geben, und diese Kultur des Verzeihens muss auch das Verzeihen des Unmöglichen einschließen, dessen, was eigentlich unmöglich ist, zu verzeihen.“ Er hat dabei die Nazitäter des Holocaust vor Augen. Er sagt: „Ihnen zu verzeihen, ist eigentlich unmöglich. Es ist unverzeihbar, was sie getan haben.“ Dann fügt er hinzu: „Einzig Unverzeihbares kann ermessen helfen, was Verzeihung bedeutet. Vergeben kündigt Unmögliches an. Absolution von Schuld gibt es nur im Absoluten“. Er schließt dann seine Gedanken damit ab, dass er sagt: „Wenn die Kultur diese (Un)möglichkeit unausdenklicher Huld nicht mehr ins Auge fasst, bleibt sie, (das heißt letztlich wir alle), in ihren Untaten auf immer verfangen.“

Maximilian Kolbe hat aus der „Möglichkeit unausdenklicher Huld“, die ihm sein Glaube an den unfassbaren liebenden Gott gab oder aus übermenschlicher bzw. göttlicher Liebe sein Leben hingegeben; deshalb ist er zum „Märtyrer der Versöhnung“ geworden. Die Welt braucht Versöhnung und die Kultur der Versöhnung, nur so kann sie Solidarität, Nächstenliebe, Humanität und Gemeinsinn aufbauen. Maximilian Kolbe zeigt, welche Voraussetzungen Versöhnung hat und wie Versöhnung und Kultur der Versöhnung gewirkt werden können.

 

4. Schluss

Maximilian Kolbe ist für uns in der Maximilian-Kolbe-Stiftung wichtig und wegweisend. Wir wollen Versöhnung nach gewaltbelasteter Geschichte erreichen und wir wissen, dass wir dafür Menschenliebe und universalen Gemeinschaftssinn brauchen. Aber das reicht nicht. Wir benötigen religiöse, transzendente, über das Menschliche hinausgehende Kräfte. Weil Menschen und Nationen immer wieder schuldig aneinander werden, europäisch und international, muss eine Kultur der Versöhnung aufgebaut werden. Maximilian Kolbe ist Märtyrer, Zeuge, Vorbild, Inspirator und Moderator von Versöhnung in gewaltbelasteter Gegenwart in Auschwitz gewesen und er ist es heute nach gewaltbelasteter Vergangenheit sowie für eine Kultur der Versöhnung. Er ist Wegbegleiter für eine humane, von Versöhnung und Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität gekennzeichneten Welt. Maximilian Kolbe war, ist und soll bleiben: „Märtyrer der Versöhnung“.

 

Quelle: Pressemitteilung 14.08.2014 – 133:

http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2014/2014-133a-Vortrag-EB-Schick.pdf.

 

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