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Vortrag „Was können Christen und Juden künftig von einander erwarten? Bilanz über die Entwicklung der christlich-jüdischen Beziehungen”

Ásztrik Várszégi, Erzabt von Pannonhalma/Ungarn am 28. März 2006 in Wien

 

Ungarn war in den 2000-er Jahren wegen antisemitischer Äußerungen in der Öffentlichkeit in eine allgemeine Kritik geraten. Von dieser Kritik waren teilweise auch die Kirchen Ungarns betroffen. Dabei hatte es eine ökumenische Erklärung der katholischen Bischöfe und des Ökumenischen Rats der Kirchen Ungarns zum 50. Jahrestag von Deportation und grausamer Tötung der Juden Ungarns im Advent 1994 gegeben, in der die Kirchen die Schoa „als eine zum Himmel schreiende Sünde und als eine Sünde, die unsere Geschichte und Gemeinschaften belastet und über unser Gedenken hinaus auf unsere Sühnepflicht drängt”, bezeichnet haben. Darüber hinaus baten sie „vor Gott... um Vergebung für ihre Nachlässigkeit und ihr Versäumnis angesichts dieser Katastrophe vor fünfzig Jahren” und wiesen jeden Antisemitismus zurück. Für diese Tradition steht als Mann der Kirche der Erzabt der ungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma, Ásztrik Várszégi. Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit Österreichs hatte Erzabt Ásztrik als Gastreferent zu seiner Generalversammlung am 28. März 2006 im Otto Mauer Zentrum Wien eingeladen, um aus seiner Sicht eine Bilanz zur Entwicklung der christlich-jüdischen Beziehungen vorzulegen.

 

„Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen, er hat uns einen starken Retter erweckt, im Hause seines Knechtes David” (Lk 1,68-69).

Mit Zacharias’ Worten habe ich zugejubelt und aufgerufen, als ich vor zwei Jahren auf dem heiligen Berg Sion einen jungen Mitbruder zum Priester weihen durfte. Das Heilige Land – zum ersten Mal durfte ich dort sein – hat mich richtig bezaubert und mitgerissen.

Ich habe sofort all das gespürt, was zwischen Juden und Christen als gemeinsames Erbe handgreiflich ist. In jenem Lande sind Vergangenheit und Gegenwart konkreter als anderswo in der Welt. Heiße Heilserwartung – egal welcher Art – und verbittertes Leiden gehen miteinander. In jenem Lande sind bei lebensbejahender Freude ehemalige und gegenwärtige Schmerzen und Leiden mächtig. Der trockene Boden und Felsen lechzen nicht nur nach Wasser, sondern auch nach Frieden. Aber trotz des Leidens und Unfriedens besucht uns auch heute Gott, der Allmächtige, besucht Er uns „durch seine barmherzige Liebe”.

 

Begegnungen

Diejenigen, die Ohren zum Hören, Augen zum Sehen und Herzen zur Liebe haben, müssen sich mit erneuerter Liebe an unsere jüdischen Geschwister wenden, so, wie es uns Papst Benedikt XVI. gezeigt hatte, als er Roms Oberrabiner am 16. Januar 2006 begrüßt hat:

„,Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden’ (Ex 15,2): so sang Mose mit den Kindern Israels, als der Herr sein Volk durch das Meer hindurch rettete. So sang auch Jesaja: ,Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Denn meine Stärke und mein Lied ist der Herr. Er ist für mich zum Retter geworden’ (12,2). Euer Besuch bereitet mir große Freude und er weckt in mir den Wunsch, mit euch dasselbe Danklied für die erfahrene Rettung erneut anzustimmen. Das Volk Israel wurde mehrmals aus den Händen seiner Feinde gerettet, und in den Jahrhunderten des Antisemitismus, in den dramatischen Augenblicken der Shoa hat die Hand des Allmächtigen es getragen und geführt. Immer hat die Auserwählung durch den Gott des Bundes es begleitet und ihm die Kraft verliehen, die Prüfungen zu überwinden. Von dieser liebenden göttlichen Zuwendung kann auch eure jüdische Gemeinde Zeugnis ablegen, die in der Stadt Rom seit über 2000 Jahren ansässig ist.

Die katholische Kirche ist euch nahe, und sie ist euch freundschaftlich gesinnt. Ja, wir lieben euch und können wegen der Väter nicht umhin, euch zu lieben: Um ihretwillen seid ihr unsere sehr geliebten und bevorzugten Brüder (vgl. Röm 11,28b). Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind diese Hochachtung und dieses gegenseitige Vertrauen stets gewachsen. Es haben sich immer brüderlichere und herzlichere Kontakte entwickelt, die im Verlauf des Pontifikats meines verehrten Vorgängers, Johannes Paul II., noch intensiver geworden sind.

In Christus haben wir am Erbe, das die Väter euch hinterlassen haben, Anteil, um dem Allmächtigen „einmütig“ zu dienen (Zef 3,9), eingepfropft in den einen „heiligen Stamm“ (vgl. Jes 6,13; Röm 11,16) des Volkes Gottes. Das ruft uns Christen die Verantwortung ins Bewusstsein, mit euch für das Wohl aller Völker zusammenzuarbeiten, in Gerechtigkeit und Frieden, in Wahrheit und in Freiheit, in Heiligkeit und Liebe. Im Licht dieser gemeinsamen Sendung können wir nicht umhin, Hass und Unverständnis, Ungerechtigkeit und Gewalt, die immer noch die Gemüter der Männer und Frauen guten Willens mit Sorge erfüllen, entschlossen anzuklagen und zu bekämpfen. Wie sollten wir in diesem Zusammenhang nicht traurig und besorgt sein über die neuerlichen Bekundungen des Antisemitismus, die zuweilen zu verzeichnen sind?”[1]

In Ungarn – um Angst und alte Furcht aus den Herzen zu vertreiben – versuchten wir Benediktiner von Pannonhalma, unser Haus für unsere jüdische Geschwister zu öffnen. 1988 haben wir eine gemeinsame Konferenz mit Juden, Protestanten und Katholiken organisiert. Unser Thema war: Ungarische Reflexionen über die Schoa. Sie war in jeder Hinsicht ein erster und hochrangiger Versuch, über das schmerzliche Thema mit Offenheit, Liebe und zugleich kritisch und selbstkritisch in Ungarn zu sprechen. Ein Band, leider nur in ungarischen Sprache, enthielt die wichtigsten Vorträge (Magyar megfontolások a soáról, Budapest-Pannonhalma 1999). Führende ungarische Theologen, Historiker, Intellektuelle hielten die Vorträge. Wir durften unsere Konferenz nach zwei Jahren bei unseren jüdischen Freunden in Budapest fortsetzen, wo wir uns mit dem Thema Religionen und die Integration in Europa beschäftigten (A vallások és az európai integráció, Budapest 2000). Wir versuchten aufzuzeigen, womit die Religionen zur euoropäischen Integration beitragen können. Im Jahre 2002 haben wir die nächste Konferenz bei den Calvinisten in Debrecen, voriges Jahr bei den Lutheranern in Budapest gehalten. Bei diesen Gelegenheiten wollten wir „nova et vetera”, „altes und neues” hervorbringen, um den/ unseren Religionen, Kirchen, der ganzen Gesellschaft zu dienen. Wir haben inzwischen unter vielen mitmenschlichen Begegnungen die Freude aneinander entdeckt. Wir haben erfahren, dass wir spontan, menschlich, sogar brüderlich miteinander zusammensein, sprechen, plaudern können. Als die Theologen der jüdischen Glaubensgemeinschaft an unserem Morgengebet, den Laudes, teilgenommen haben, wussten sie plötzlich nicht, wo sie sich befanden, sie haben nur Psalmen und alttestamentliche Bibeltexte gesungen, gelesen und gehört. Man könnte noch viele solche kleinen Momente aufzählen, die jedoch sehr wichtig sind.

 

Das neue Verhältnis der katholischen Kirche zu den Religionen

Vor 41 Jahren, am 28. Oktober 1965, verabschiedete das Zweite Vatikanische Konzil in Rom die „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“. Sie wird oft nach den Anfangsworten „Nostra Aetate“ genannt. In dieser Erklärung äußert sich die katholische Kirche erstmals umfassender in ihrer Geschichte positiv zu den anderen Religionen und vor allem zum Judentum. Das Konzil weiß, dass diese Religionen sich den gleichen Fragen nach den „ungelösten Rätseln“ des Lebens wie die Kirche stellen: „Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“ (Kap. 1)

Das Konzil erkennt an, dass es in diesen Religionen Antworten gibt, die auch die katholische Kirche bejaht. Seitdem hat sich im Verhältnis der Kirche zu den Religionen viel verändert. Sowohl in Äußerungen des Lehramtes wie in Aktivitäten der Gemeinden wurden positive Akzente gesetzt. Es zeigt sich, dass die Kirche und die Religionen voneinander lernen können.

Dies ist besonders aktuell im Blick auf den Islam (vgl. Kap. 3). Er hat in den letzten Jahrzehnten weltweit und in unseren Länder (allmählich auch bei uns in Budapest) an Bedeutung gewonnen. In unseren Tagen läuft er Gefahr, auf Terrorismus und Fundamentalismus festgelegt zu werden. Demgegenüber sieht das Konzil im Islam eine Religion, in der die Menschen zu dem einen Gott beten und wichtige religiöse Pflichten erfüllen. Auf diese Weise können in der Beurteilung des Islam und der Muslime gefährliche Einseitigkeiten vermieden werden.

 

Die besondere Beziehung der Kirche zu den Juden

Am ausführlichsten äußert sich das Konzil zu den Juden (vgl. Kap. 4), und das nicht ohne Grund. Es macht deutlich, dass das Verhältnis der Kirche zu den Juden anders ist als zu anderen Weltreligionen. (vgl. Kap. 2). Denn die Kirche hat ihre Wurzeln im Judentum und ist mit dem Judentum bleibend innerlich verbunden wie mit keiner anderen Religion. 
„Nostra Aetate“ stellte fest, dass die Kirche – sobald sie über sich nachdenkt – auf ihr untrennbares Band zum Judentum stößt. Damit war ein Weg beschritten, auf dem die Kirche in den vergangenen 41 Jahren entschieden weiterging.

In der Praxis wurde bewusst, wie groß die Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden waren, wie gering dagegen die Kenntnis ihrer Tradition und die Zahl direkter Begegnungen. Zahlreiche Initiativen suchten hier erfolgreich nach Abhilfe. In der christlichen Theologie entdeckte man, wie viele der althergebrachten Begriffe und Argumente ausdrücklich oder implizit Judenfeindschaft nahe legen konnten oder den Vorwand dafür abgegeben haben. Die Suche nach einem Christusbekenntnis, das nach Möglichkeit von solchen Vorstellungen frei ist, hält an. Sie ist getragen von einer Grundeinsicht des Paulus, auf die auch „Nostra Aetate“ zurückgreift: Wenn Christen die Treue Gottes zu seinem auserwählten Volk bestreiten, zerstören sie die Grundlage ihres eigenen Glaubens, der auf die Treue des Vaters Jesu Christi, des Gottes Israels baut (vgl. Röm 11 in Zusammenhang mit „Nostra Aetate“, 4).

In Ungarn wollen wir, obwohl verzögert, auf den vom Konzil beschrittenen Weg gehen. Etwa vor drei Jahren haben vor Ostern vor voller Öffentlichkeit im Fernsehen der altehrwürdige Oberrabiner Dr. Josef Schweitzer und unser junger Kardinal Dr. Peter Erdő in zwei Lesearten – jüdisch und christlich – je einen hervorragenden Vortrag über Ostern gehalten. In unserem ökumenischen Fernsehen PAX kommt es oft vor, dass beim runden Tisch über verschiedene wichtige Themen wie Leben, Gott, Glaube, Ehe, Kinder, bzw. Erziehung, Solidarität von Mitgliedern der verschiedenen Religionen, vor allem von Juden und Christen (aller Konfessionen), diskutiert wird.

 

Das Engagement der Päpste

Schon Papst Johannes XXIII. hatte für die Erneuerung des Verhältnisses der Kirche zum Judentum den Anstoß gegeben. Für Johannes Paul II. wurde sie zu einer zentralen Aufgabe seines Pontifikats. Zu seiner Israel-Sicht gehören Aussagen wie: Der Bund Gottes mit Israel ist nie gekündigt worden. Das jüdische Volk ist Erbe jener Erwählung, der Gott treu ist. Die Tatsache, dass Jesus Jude war und sein Milieu die jüdische Welt, ist nicht ein einfacher kultureller Zufall. Wer diese Bindung lösen und durch eine andere religiöse Tradition ersetzen wollte, würde die Identität der Person Jesu Christi zerstören. Die jüdische Religion ist für die Kirche nicht etwas Äußerliches, sondern gehört in gewisser Weise zum Inneren der christlichen Religion. Der Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und die Menschheit.[2]

Von besonderer Wirkung in der Weltöffentlichkeit waren die großen Gesten und Akte, in denen Papst Johannes Paul II. seine theologische Vision zum Ausdruck brachte: sein historischer Besuch der römischen Synagoge vom 13. April 1986 oder der Abschluss des Grundlagenvertrags zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel vom 30. Dezember 1993 oder als Höhepunkt des Großen Jahrs 2000 die Reise vom 21. bis 26. März 2000 nach Israel mit dem Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem und der Westmauer in Jerusalem, wo er mit der Hinterlegung einer Vergebungsbitte seine Wertschätzung des Judentums und seine Anteilnahme am jüdischen Leiden bekräftigte.

Papst Benedikt XVI. hat zu Beginn seines Pontifikats und insbesondere bei seinem Besuch der jüdischen Gemeinde und Synagoge Köln vom 19. August 2005 versichert, den Weg zur Verbesserung der Beziehungen und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk weiterzuführen.

 

Ferne Vergangenheit – und nahe Vergangenheit: Juden und Christen – getrennt und gemeinsam

Die Kirche hat auch über ihre lange vertretene Überzeugung selbstkritisch nachgedacht. Juden müssten, um das Heil erlangen zu können, getauft werden, war die traditionelle Lehre. Es wurde zunehmend bewusst, dass Mission als Ruf zur Umkehr vom Götzendienst zum lebendigen und wahren Gott (1 Thess 1,9) nicht auf Juden angewandt werden kann. Hierin gründet das Faktum, dass es heute keine „judenmissionarischen“ Aktivitäten der katholischen Kirche mehr gibt. Zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk geht es um die Begegnung „auf der Ebene ihrer je eigenen religiösen Identität“ (Papst Johannes Paul II., 12. März 1979). Einzelne Konversionen, die auf Grund einer sehr persönlichen Entscheidung erfolgen, sind deswegen nicht ausgeschlossen.

In einem auf sozialistische Art säkularisierten Land, wie es auch Ungarn ist, ist es interresant, wie Juden und Christen ihre Wurzel suchen. Man kann Juden helfen, zu sich, zu ihrer Wurzel hinfinden zu können. Ein Besuch einer jüdischen Gemeinde ist nicht bloß ein Höflichkeitsakt, sondern man kann und muss mit dem eigenem Glauben an dem Glauben der Anderen arbeiten, sie stärken. Es ist ein persönlicher Weg, der viel Umsicht und Feingefühl, Empathie braucht.

Auf 15 Jahre im christlich-jüdischen Dialog zurückblickend, kann ich mit ruhiger Seele ehrlich sagen, dass wir dies meistens von Ihnen, von Österreichern gelernt haben, wofür ich mich auch von hier aus bedanke. Die Katholische Aktion Österreich, Ernst Waldstein, Eva und Josef Petrik, Georg Kopetzky, Hubert Lehner und noch viele andere, aber auch – damit ich nicht nur Laien, sondern auch die Mitglieder der Hierarchie erwähne - von Euren Bischöfen: von Kardinal König und jetzt von Kardinal Schönborn, Maximilian Aichern, Johannes Weber, Helmut Krätzl, Egon Kapellari und dem guten Florian Kuntner, den ich hochgeschätzt habe. Danke, liebe Österreicher! Danke für Ihr Besipiel!

 

Gemeinsame Lesearten der gemeinsamen Bibel

Aus dem vertieften Verständnis von „Nostra Aetate“ ergab sich auch eine neue Lesart der beiden Teile der christlichen Bibel, wie sie insbesondere das Dokument „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel“ der Päpstlichen Bibelkommission aus dem Jahr 2001 herausstellt (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 152). Lange Zeit galt die negative oder kritische Zeichnung von Juden in neutestamentlichen Schriften als eine Legitimation für ein verzerrtes Bild vom Judentum, das sich in der Geschichte des Christentums unheilvoll ausgewirkt hat. Sie wurde einer differenzierten Betrachtung unterzogen und in den historischen Entstehungskontext eingeordnet. Von besonderer Bedeutung für die religiöse Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum ist es, wenn im gleichen Dokument der zweifache Ausgang des Alten Testaments herausgestellt wird, also die je eigenständige, aber in unterschiedliche Lebenszusammenhänge eingebundene und von daher je für sich berechtigte Lesart alttestamentlicher Traditionen in Judentum und Christentum: „Christen können und müssen zugeben, dass die jüdische Lesung der Bibel eine mögliche Leseweise darstellt, die sich organisch aus der jüdischen heiligen Schrift der Zeit des zweiten Tempels ergibt, in Analogie zur christlichen Leseweise, die sich parallel dazu entwickelte. Jede dieser beiden Leseweisen bleibt der jeweiligen Glaubenssicht treu, deren Frucht und Ausdruck sie ist. So ist die eine nicht auf die andere rückführbar.“[3]

Seit einigen Monaten haben die ungarische Jesuitenpatres in Budapest mit einer neuen Initiative angefangen: Sie kommen monatlich zusammen, rufen Juden, Protestanten und Katholiken zusammen, um gemeinsam die Bibel bzw. die Psalmen zu lesen und zum Beten.

Bei der Daniel-Gruppe gibt es seit Jahren schon ähnliche Iniative zum gemeinsamen Gebet. (http://www.danielcsoport.hu)

 

Was können Juden und Christen in einer säkularisierten Welt gemeinsam anbieten?

Wenn heute das christliche Bewusstsein von der Angewiesenheit der Kirche auf das jüdische Volk und von ihrer Verantwortung für eine Welt, in der Jüdinnen und Juden ohne Angst leben können, weit verbreitet ist, darf dies wesentlich auf den Anstoß des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückgeführt werden.

In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Anstrengungen der Kirche, d.h. unsere Anstrengungen in dieser Richtung nicht nachlassen dürfen. Noch immer und wieder verstärkt gibt es auch in den Ländern Europas antijüdische Ideologien, Propaganda und Ausschreitungen. Die deutsche Bischofskonferenz weiß sich mit der ganzen Kirche einig, wenn sie dazu aufruft, solchen Tendenzen entgegenzuwirken. Sie handeln und sprechen beispielhaft für uns!

Wichtig werden auch gemeinsame Anstrengungen auf sozialem, ethischem und politischem Feld sein, zum Beispiel Bewahrung der Schöpfung, Friedenssicherung, Armutsbekämpfung, Eintreten für die Menschenrechte, Klärung bioethischer Fragen und die Kritik an der zunehmenden Ökonomisierung unseres Lebens. Die gemeinsamen religiösen Wurzeln legen hier auch ein gemeinsames Engagement nahe. Theologisch wird noch tiefer zu ergründen sein, welche Bedeutung die beiden verschiedenen Traditionen füreinander haben. Von der Wahrheit des einen Gottes Zeugnis zu geben, ist die gegenwärtig wohl wichtigste Aufgabe von Christen und Juden.

„Gemeinsam können wir daran arbeiten, die Fackel des Dekalogs und der Hoffnung an die jungen Generationen weiterzugeben“, sagte neulich der Heilige Vater. In seiner Ansprache vor dem Oberrabbiner der Stadt Rom, Dr. Riccardo Di Segni, und Vertretern der jüdischen Gemeinde rief Benedikt XVI. die schrecklichen Ereignisse in Erinnerung, die das jüdische Volk in der Vergangenheit erleben musste. Aber selbst in „den Jahrhunderten des Antisemitismus, in den dramatischen Augenblicken der Schoa“, habe Gott dieses Volk geschützt und geführt. „Immer hat die Auserwählung durch den Gott des Bundes es begleitet und ihm die Kraft verliehen, die Prüfungen zu überwinden.“[4]

Im Namen der Weltkirche bekräftigte der Bischof von Rom seine eindeutige Absage an den Antisemitismus und jede Form von Hass, Unverständnis, Ungerechtigkeit und Gewalt und rief angesichts der großen gegenwärtigen Nöte und Herausforderungen dazu auf, „unsere Hände und Herzen in konkreten Initiativen der Solidarität zu vereinen“. Viele Nöte und Herausforderungen weltweit drängen uns, unsere Hände und Herzen in konkreten Initiativen der Solidarität, der „tzedek“ (Gerechtigkeit) und der „tzedekah“ (Nächstenliebe) zu vereinen.

Wir können zusammenarbeiten, um die Fackel der zehn Gebote und der Hoffnung an die jungen Generationen weiterzugeben.

Diese Worte ermutigen uns alle.

 

Zur Rettung der Welt

Bischofskonferenzen, Bischöfe und Synoden haben zentrale Aspekte der Konzilserklärung aufgegriffen und weitere Akzente hinzugefügt. So hat die deutsche Bischofskonferenz eine grundlegende „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zum Judentum“ am 28. April 1980 veröffentlicht. Besonders in ihren Stellungnahmen zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 und der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 hat sie der schweren Last der Geschichte ihres Landes und der Kirche gedacht. Der Rückblick auf die damaligen Geschehnisse und das Verhalten der Christen und Kirche erinnerte die Bischöfe daran, „dass die Kirche, die wir als heilig bekennen und als Geheimnis verehren, auch eine sündige und der Umkehr bedürftige Kirche ist“.[5] Damit betrifft das Versagen und die Schuld der damaligen Zeit die Kirche als Institution und ist nicht nur das oft betonte und beklagte Versagen einzelner Christen.

Auf jüdischer Seite hat der Versuch der Kirche, ihr Verhältnis zur jüdischen Tradition neu zu bestimmen, verständliche Skepsis, aber auch kritische Zustimmung gefunden. Von besonderer Bedeutung bleibt die anerkennende Stellungnahme vor allem von jüdischen Gelehrten aus den USA und Kanada zu diesem Wandel der Kirche. Sie wurde unter dem Titel „Dabru emet“ („Redet Wahrheit“) im Jahr 2000 veröffentlicht. Die Erklärung enthält wichtige Thesen, in denen die Verfasser ihre Sicht von den Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die es zwischen Juden und Christen gibt, formulieren.[6] Diesen Schritt müssen wir auch in Ungarn setzen.

Juden und Christen brauchen es, ihr Erbe wiederholt und wiederholt und immer tiefer im Glauben durchzudenken. Sie sollen danach handeln, wenn sie getrennt oder gemeinsam den Menschen, den Mitmenschen dienen wollen, was unserer Sendung und Berufung in der Welt entspricht. Gott hat – laut der Bibel – die Welt und den Menschen geschaffen. Gott hat Menschen geschaffen, keine Juden, keine Ungarn, nicht einmal Österreicher usw. Also den Menschen, der ihm ähnlich ist, der seine Gesichtszüge trägt. Das ist unsere Menschenwürde. Wir sollen am anderen Menschen Gottes Ebenbildlichkeit ehren, sogar lieben. Wir sollten gemeinsam Gottes Barmherzigkeit vor einander und vor der Welt aufzeigen.

Die Welt, die allmählich unmenschlich, unbarmherzig wird, braucht von den Gläubigen, was „heilig und was persönlich” (Simone Weil) ist. Gott liebt uns Menschen persönlich, und ER ist heilig. Dies müssen wir voreinander, dann vor den anderen Mitmenschen aufzeigen können. Daher brauchen wir Versöhnung und ein gemeinsames Auftreten in der Welt. Wenn dies nicht so geschieht, sind unsere menschliche Mühe, unsere Anstengung umsonst.

„Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden“ (Ex 15,2). So sang Moses mit den Kindern Israels, als der Herr sein Volk errettete, indem er es durch das Meer hindurch ziehen ließ. Auf die gleiche Art sang auch Jesaja: „Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Denn meine Stärke und mein Lied ist der Herr. Er ist für mich zum Retter geworden“ (12,2).

Wir müssen – jeder auf seine Art – den Retter der Welt aufzeigen.

 

Quelle: Ásztrik Várszégi, Was können Christen und Juden künftig von einander erwarten? Bilanz über die Entwicklung der christlich-jüdischen Beziehungen, in: Dialog – Du Siach 65 (November 2006) 33-41 – leicht bearbeitet.

 

[2] Vgl. Hans Hermann Henrix, Judentum und Christentum – Gemeinschaft wider Willen, Kevelaer 2005, 104.

[3] Vgl. Dokument K.I.-24. Mai 2001.

[4] Vgl. Dokument K.I. – 16. Januar 2006.

[5] Berliner Bischofskonferenz, Deutsche Bischofskonferenz, Österreichische Bischofskonferenz, „Die Last der Geschichte annehmen“. Wort der Bischöfe zum Verhältnis von Christen und Juden aus Anlass des 50. Jahrestages der Novemberpogrome 1938 vom 20. Oktober 1988, in: Hans Hermann Henrix/Wolfgang Kraus (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Band II: Dokumente von 1986 – 2000, Paderborn/Gütersloh 2001, 355-365, 359.

[6] Nationalprojekt jüdischer Gelehrter, „Dabru Emet“. Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum vom 11. September 2000, in: Hans Hermann Henrix/Wolfgang Kraus (Hg.), a.a.O., 974-976.

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