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Vorwort zur zweiten Auflage der Erklärung „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“

Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken am 4. Mai 2009

 

Die Erklärung des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim ZdK „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“ vom 9. März 2009 hatte ein kontroverses Echo ausgelöst und bischöflichen Widerspruch erfahren. Besonders die Kritik von Bischof Gerhard Ludwig Müller (Regensburg), Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz, war ausführlich und weitreichend, ohne jedoch das Interesse an der Gesprächskreis-Erklärung zu mindern. So bot die notwendig gewordene zweite Auflage die Gelegenheit, in einem eigenen Vorwort auf die geäußerte Kritik einzugehen und einige Klarstellungen zu versuchen.

 

Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat mit seiner Erklärung vom 9. März 2009 „Nein zur Judenmission – Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen“ große Resonanz gefunden und eine kontroverse öffentliche Diskussion ausgelöst. Darin zeigt sich die Brisanz des Problems, das auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil immer noch die Beziehungen zwischen der Kirche und den Juden belastet. Das Nein zur Judenmission gilt Juden als Testfall für die Glaubwürdigkeit kirchlicher Umkehr von den traditionellen Wegen der Judenfeindschaft, während manche namhafte katholische Kritiker darin die unzulässige Abkehr von einer verbindlichen kirchlichen Lehre sehen. Diese Einwände berühren jedoch nicht die Fragestellung und Argumentation der Erklärung. Deshalb sieht sich der Gesprächskreis veranlasst, einige Klarstellungen vorzunehmen.

Unsere Erklärung erhebt nicht den Anspruch, ein umfassender theologischer Traktat oder ein amtliches Dokument der Kirche zu sein oder im Namen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu sprechen. Sie ist das Ergebnis eines jahrelangen Dialogprozesses zwischen Katholiken und Juden, in dem auf beiden Seiten die Treue zur eigenen Tradition nie in Frage stand. Diese Erklärung gilt so viel wie ihre Argumente.

  • Unsere Erklärung ist ohne den Kontext früherer Stellungnahmen nicht angemessen zu verstehen und zu beurteilen. Sowohl die Erklärung „Juden und Christen in Deutschland“ (2005), auf die im Text verwiesen wird (S. 5), als auch die Erklärung „Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs“ (1979) sind zu Rate zu ziehen. Die von Kritikern vermissten Aussagen zur universalen Heilsbedeutung Jesu Christi und zu einem Dialog, der die Pflicht zum Zeugnis des eigenen Glaubens notwendig einschließt, sind dort ausführlicher behandelt als in der jüngsten Erklärung, wo sie immerhin kurz erwähnt werden. Hierzu stehen die katholischen Mitglieder des Gesprächskreises nach wie vor.
  • Wir dürfen nicht davon absehen, welche Katastrophe die Judenmission in der Geschichte war. Sie hat Jahrhunderte lang unzähligen Juden Angst und Schrecken eingejagt, ihre religiöse Würde verletzt und sie das Leben gekostet. Dadurch hat auch das Ansehen der Kirche Schaden erlitten. Wenn Juden heute angesichts der zahlenmäßigen Asymmetrie zwischen Judentum und Christenheit in der Judenmission, selbst wenn sie gewaltfrei ist, eine erneute Bedrohung ihrer religiösen Existenz nach Auschwitz sehen, muss dies von Christen zur Kenntnis genommen und theologisch bedacht werden.
  • Wir halten die grundsätzliche Entscheidung der katholischen Kirche nach dem Konzil gegen eine organisierte Judenmission für richtig. Damit ist für Kardinal Walter Kasper das Problem der Judenmission „faktisch, aber noch nicht theologisch geklärt“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.3.08). Es ist zu fragen, wie die Kirche einen solchen Verzicht theologisch rechtfertigen kann, den ihr manche Kritiker sogar als Verrat an der Tradition vorwerfen. Zur Lösung dieser offenen Frage hat der Gesprächskreis eine Stellungnahme erarbeitet und das Ergebnis zur Diskussion gestellt.
  • Unsere These lautet: Auch ohne den Glauben an Jesus als den Christus und ohne Taufe sind die Juden als das Volk Gottes auf dem Weg des Heils. Gott wird sie auf ihrem Weg zum Ziel führen. Darin liegt für uns kein Widerspruch zum Bekenntnis der Kirche, dass Jesus Christus der Erlöser aller Menschen ist: „Der im Neuen Testament bezeugte Bund … deutet den Tod Jesu als gottgewirktes Geschehen der universalen Sündenvergebung“ (S. 15).
  • Das ausschlaggebende Argument für unsere These ist der „niemals aufgekündigte Alte Bund“ (Johannes Paul II.). Andernfalls stünde auch für die Kirche die Treue Gottes in Frage. Dass alle Menschen, wenn sie ihrem Gewissen folgen, auch ohne Glauben an Christus zum Heil gelangen, besagt nur, dass so viele Wege zu Gott führen, wie es Menschen gibt. Diese Auskunft überspringt jedoch die theologische Frage, was der von Gott mit seinem Volk Israel geschlossene ewige Bund für dessen Weg zum Heil bedeutet.
  • Unsere Erklärung stützt sich nicht nur auf die Argumentation des Paulus vor allem im Römerbrief (9-11), sondern hat auch die Stellen im Neuen Testament gegengelesen, die in der Tradition zur Begründung der Judenmission in Anspruch genommen werden. Sie kommt zusammen mit namhaften Exegeten zu dem Ergebnis, dass sich nirgends der Auftrag an die „Heidenchristen“ finden lässt, den Juden Jesus als ihren Messias zu verkündigen. Immer sind es im Neuen Testament Juden, die bei Juden für die Anerkennung und den Glauben an den Messias Jesus eintreten.
  • „Was uns trennt, ist die Geschichte“, so lautet die aus langjähriger Dialogerfahrung gewonnene Überzeugung des Mitbegründers des Gesprächskreises, Prof. Ernst-Ludwig Ehrlich (gestorben 2007). Geschichtsvergessen kann man nicht ans Neue Testament anknüpfen. Die Paulus und die ersten Christen beflügelnde Hoffnung auf die eine Kirche „aus Juden und Heiden“ wäre heute für die Kirche eine Utopie und für die Juden ein Alptraum, weil es das Ende ihrer religiösen und kulturellen Identität bedeutete.
  • Zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk geht es um die Begegnung „auf der Ebene ihrer je eigenen religiösen Identität“, sagte Johannes Paul II. am 12.3.1979. Und Kardinal Lehmann fügte hinzu: „Einzelne Konversionen, die auf Grund einer sehr persönlichen Entscheidung erfolgen, sind darum nicht ausgeschlossen.“ Ob man die von Gott gestiftete Verbundenheit von Israel und Kirche in die Metapher von zwei Heilswegen zum selben Ziel oder in die Metapher von einem Miteinander („Schulter an Schulter“, Zefanja 3,9) auf demselben Weg kleidet oder wie die Erklärung von der einen Bundesgeschichte mit vielen Bundesschlüssen spricht – auf diesen theologischen Streit hat sich der Gesprächskreis nicht eingelassen. Er beschränkt sich vielmehr auf die Feststellung: „Israel und Kirche sind gemeinsam und auf je spezifische Weise Werkzeuge Gottes für das Kommen seiner universalen Königsherrschaft“ (S. 15f). Gemeinsamkeit und Differenz sind ebenso betont wie Israels und der Kirche universale Sendung, „Licht der Völker – lumen gentium“ (Jes 49,6; Mt 5,14) zu sein. Wir sind allerdings mit Paulus auch davon überzeugt, dass dieser Heilsplan Gottes ein „Mysterium“ ist, das sich Juden und Christen erst an ihrem gemeinsamen Ziel erschließt (Röm 11, 33-36).
  • Wenngleich der Gesprächskreis entschieden gegen die Judenmission Stellung nimmt, so ist er aber zugleich davon überzeugt, dass Juden und Christen gegenseitig Zeugnis von ihrem Glauben geben und in einen Dialog über ihren Glauben treten sollen. Wie bereichernd dieses Zeugnis und dieser Dialog sind, haben wir in unserer fast vier Jahrzehnte währenden Arbeit erfahren.

Bonn, den 4. Mai 2009


Für den Gesprächskreis „Juden und Christen“

Prof. Dr. Hanspeter Heinz

 

Quelle: http://www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen/detail/Nein-zur-Judenmission-Ja-zum-Dialog-zwischen-Juden-und-Christen-181y/.

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