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Wort beim Besuch an der Gedenkstätte der Ardeatinischen Höhlen

Benedikt XVI. am 10. November 2011

 

Im Süden Roms befinden sich zwei miteinander verbundene Höhleneingänge an der Via Ardeatina. An dieser Stelle wurden am 24. März 1944 auf Befehl deutscher Wehrmachtsoffiziere 335 italienische Zivilisten erschossen. Unter ihnen waren 75 jüdische Geiseln. Das Massaker sollte den Tod von Angehörigen des Polizeiregiments „Bozen“ vergelten, die bei einem Bombenanschlag am Vortag getötet worden waren. Die Ardeatinischen Höhlen gelten in Italien bis heute als Inbegriff deutscher Kriegsgrausamkeit. Papst Benedikt XVI. besuchte – u.a. in Begleitung des römischen Oberrabbiners Riccardo Di Segni – die Gedenkstätte kurz nach dem 67. Jahrestag des Massakers, legte Blumen nieder und sprach sichtlich bewegt ein Gebet des Gedenkens.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Sehr gern habe ich die Einladung der „Nationalen Vereinigung der italienischen Familien der für die Freiheit des Vaterlandes gefallenen Märtyrer“ angenommen, als Pilger zu dieser Gedenkstätte zu kommen, die allen Italienern und vor allem der Bevölkerung von Rom besonders am Herzen liegt. Ich grüße den Kardinalvikar, den Oberrabbiner, den Präsidenten der Vereinigung, den Generalkommissar, den Leiter des Mausoleums und besonders die Familienangehörigen der Opfer sowie alle Anwesenden. „Ich glaube an Gott und an Italien / ich glaube an die Auferstehung / der Märtyrer und der Helden / ich glaube an die Wiedergeburt / des Vaterlandes und an die / Freiheit des Volkes.“ Diese Worte wurden in die Wand einer der Folterzellen in der Via Tasso hier in Rom während der nationalsozialistischen Besetzung eingeritzt.

Sie sind das Vermächtnis einer unbekannten Person, die in jener Zelle gefangen gehalten worden war, und beweisen, dass der Geist des Menschen auch unter den härtesten Bedingungen immer frei bleibt. „Ich glaube an Gott und an Italien“: dieser Satz hat mich auch deshalb beeindruckt, weil in diesem Jahr der 150. Jahrestag der Einheit Italiens begangen wird, vor allem aber, da er den Vorrang des Glaubens bekräftigt, aus dem das Vertrauen und die Hoffnung für Italien und seine Zukunft zu schöpfen ist. Was hier am 24. März 1944 geschehen ist, stellt eine äußerst schwere Beleidigung Gottes dar, da es sich um die vorsätzliche Gewalt des Menschen gegen den Menschen handelt. Es handelt sich um die verabscheuungswürdigste Folge des Krieges, eines jeden Krieges, wohingegen Gott Leben, Friede und Gemeinschaft ist. Wie meine Vorgänger bin ich hierhergekommen, um zu beten und das Gedächtnis wach zu halten. Ich bin gekommen, um die göttliche Barmherzigkeit anzurufen, die allein die Leere, die von den Menschen aufgerissenen Abgründe erfüllen kann, wenn

sie – getrieben von blinder Gewalt – ihre Würde als Kinder Gottes und Geschwister untereinander verleugnen. Als Bischof von Rom, der vom Blut der Märtyrer für das Evangelium der Liebe geweihten Stadt, komme auch ich, um diese Brüder zu ehren, die unweit der antiken Katakomben getötet wurden.

„Ich glaube an Gott und an Italien.“ In diesem Vermächtnis, das an einem Ort der Gewalt und des Todes eingeritzt wurde, tritt das Band zwischen dem Glauben und der Liebe zum Vaterland in seiner ganzen Reinheit zutage, ohne jegliche Rhetorik. Der Schreiber dieser Worte tat dies allein aufgrund seiner innersten Überzeugung, als äußerstes Zeugnis für die geglaubte Wahrheit, die den menschlichen Geist auch in der äußersten Erniedrigung veredelt. Jeder Mensch ist aufgerufen, auf diese Weise seine Würde zu verwirklichen: im Zeugnis für jene Wahrheit, die er durch sein Gewissen anerkennt.

Ein weiteres Zeugnis hat mich beeindruckt, und dieses wurde hier in den „Fosse Ardeatine“ aufgefunden. Ein Blatt Papier, auf das einer der Gefallenen geschrieben hatte: „Gott, mein großer Vater, wir bitten dich, dass du die Juden vor den barbarischen Verfolgungen schützen mögest. 1 Pater noster, 10 Ave Maria, 1 Gloria Patri.“ In jenem so tragischen, so unmenschlichen Augenblick war da im Herzen dieser Person die höchste Anrufung: „Gott, mein großer Vater.“ Der Vater aller! Wie auf den Lippen des am Kreuz sterbenden Jesus: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ In jenem Namen, „Vater“, liegt der sichere Grund zur Hoffnung; die Möglichkeit einer besseren Zukunft, die frei von Hass und Rache ist, eine Zukunft der Freiheit und der Brüderlichkeit, für Rom, für Italien, für Europa, für die Welt. Ja, wo auch immer sich der Mensch befinden mag, ganz gleich auf welchem Kontinent, welchem Volk auch immer er angehören mag, er ist stets Kind jenes Vaters im Himmel, Bruder aller im Menschsein. Doch dieses Kind- und Brudersein ist nicht selbstverständlich. Das zeigen leider auch die „Fosse Ardeatine“. Man muss es wollen, man muss Ja zum Guten und Nein zum Bösen sagen. Man muss an den Gott der Liebe und des Lebens glauben und jedes andere falsche Gottesbild ablehnen, das seinen heiligen Namen und folglich den nach seinem Bild geschaffenen Menschen verrät.

Deshalb besteht an diesem Ort, dieser schmerzvollen Gedenkstätte des schrecklichsten Übels, die wahrste Antwort darin, sich wie Geschwister bei der Hand zu nehmen und zu sagen: Vater unser, wir glauben an dich, und mit der Kraft deiner Liebe wollen wir gemeinsam in Frieden gehen, in Rom, in Italien, in Europa, auf der ganzen Welt. Amen.

 

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2011/march/documents/hf_ben- xvi_spe_20110327_fosse-ardeatine_ge.html.

 

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