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Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum

Erklärung der deutschen Bischöfe vom 28. April 1980


I. Jesus Christus - unser Zugang zum Judentum
 

Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum. Er ist nach dem Zeugnis des Neuen Testaments als „Sohn Davids“ (Röm 1,3) und „Sohn Abrahams“ (Mt 1,1; vgl. auch Hebr 7,14) „seinem Fleisch nach“ aus dem Volk Israel hervorgegangen (Röm 9,5). „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). Seiner menschlichen Natur nach war Jesus von Nazaret ein Jude; er kam aus dem Judentum. Er steht seiner Herkunft nach in der Geschichte des Volkes Israel (vgl. den Stammbaum Jesu Mt 1,1-17 und Lk 3,23-3 8).

Heute entdecken auch jüdische Autoren das „Jude-Sein“ Jesu. Martin Buber sah in Jesus seinen „großen Bruder“;[1] Schalom Ben-Chorin bekennt: „Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder. Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich faßt, damit ich ihm nachfolge... Sein Glaube, sein bedingungsloser Glaube, das schlechthinnige Vertrauen auf Gott, den Vater, die Bereitschaft, sich ganz unter den Willen Gottes zu demütigen, das ist die Haltung, die uns in Jesus vorgelebt wird und die uns - Juden und Christen - verbinden kann“.[2]

 
 
II. Das geistliche Erbe Israels für die Kirche
 

Jesus Christus hat von seiner jüdischen Herkunft her ein reiches geistliches Erbe aus den religiösen Überlieferungen seines Volkes in die christliche Völkerwelt miteingebracht, so daß der Christ „mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist” [3] und dauernd auch aus diesem Erbe schöpft.

1. Als erstes ist auf die Heilige Schrift Israels, von den Christen „Altes Testament“ genannt, hinzuweisen. Wenn das Neue Testament von der „Schrift“ oder den „Schriften“ spricht oder Bezug nimmt auf das, was „geschrieben“ steht (vgl. z. B. Mt 4,6; Mk 1,2; Lk 24,44-46; Joh 19,36f.; 1 Kor 15,3f.; 2 Kor 4,13; Gal 3,10.13), bezieht sich das auf das Alte Testament. Das 11. Vatikanische Konzil lehrt: „Der liebende Gott, der um das Heil des ganzen Menschengeschlechtes besorgt war, bereitete es vor, indem er sich in einzigartiger Planung ein Volk erwählte, um ihm Verheißungen anzuvertrauen... Die Geschichte des Heiles liegt, von heiligen Verfassern vorausverkündet, berichtet und gedeutet, als wahres Wort Gottes vor in den Büchern des Alten Bundes.“[4] Das Alte Testament ist so für Juden und Christen gemeinsame Glaubensquelle, wenn für die Christen auch das „Neue Testament“ als besondere Glaubensquelle dazugekommen ist. Im Alten Testament spricht der Gott der Offenbarung, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der auch der Gott Jesu ist. Die vatikanischen „Richtlinien und Hinweise für die Konzilserklärung ‚Nostra Aetate‛ Art. 4“ vom 1. Dezember 1974 bemerken dazu: „Man soll bemüht sein, besser zu verstehen, was im Alten Testament von eigenem und bleibendem Wert ist . . ., da dies durch die spätere Interpretation im Licht des Neuen Testaments, die ihm seinen vollen Sinn gibt, nicht entwertet wird, so daß sich vielmehr eine wechselseitige Beleuchtung und Ausdeutung ergibt.“[5] „Man darf das Alte Testament und die sich darauf gründende jüdische Tradition nicht in einen solchen Gegensatz zum Neuen Testament stellen, daß sie nur eine Religion der Gerechtigkeit, der Furcht und der Gesetzlichkeit zu enthalten scheint, ohne den Anruf zur Liebe zu Gott und zum Nächsten (vgl. Dtn 6,5; Lev 19,18; Mt 22,34-40).”[6] Die Kirche hat mit Recht stets alle Versuche abgelehnt, die darauf hinausgingen, das Alte Testament aus ihrem Schriftenkanon zu entfernen und nur das Neue Testament gelten zu lassen.

2. Die Heilige Schrift Israels bezeugt vor allem den einen Gott: „Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig!“ (Dtn 6,4). Dieser Satz ist das „Urcredo“ der jüdischen Religion, das täglich beim Morgen- und Abendgebet in der Familie wie im synagogalen Gottesdienst rezitiert wird. Auf die Frage des Schriftgelehrten: „Welches Gebot ist das erste von allen?“ antwortet Jesus: „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr! Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft“ (Mk 12,29f.). Das Konzil lehrt: Gott „hat sich dem Volk, das er sich erworben hatte, durch Wort und Tat als einzigen, wahren und lebendigen Gott so geoffenbart, daß Israel Gottes Wege mit den Menschen an sich erfuhr, daß es sie durch Gottes Wort aus der Propheten Mund allmählich voller und klarer erkannte und sie unter den Völkern mehr und mehr sichtbar machte (vgl. Ps 21,28f.; 95,1-3; Jes 2,14; Jer 3,17)“.[7]

3. Dieser eine Gott ist auch der Schöpfer der ganzen Welt. In klassischer Prägnanz kommt das gleich im ersten Vers der Bibel zum Ausdruck: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ (Gen 1,1). Dieses Wort hält programmatisch fest, daß Schöpfer und Geschöpf nicht identisch, austauschbar und verwechselbar sind; es verhindert eine Vergötterung der Welt, obwohl Israel deren faszinierende Urordnung durchaus gesehen und sie in seinen Gebeten gepriesen hat. Dieses Wort bewahrt das Denken der Menschheit vor der gnostisch-neuplatonischen Interpretation der Welt, nach der die Welt eine Emanation („Ausfluß“) Gottes ist, und schützt vor jener Philosophie, nach der die Weltgeschichte die Selbstentfaltung Gottes (des „Weltgeistes“) ist. Durch Jesus und die Kirche ist die Schöpfungsbotschaft des Alten Testaments in die Völkerwelt gekommen. Sie hilft den Menschen, das richtige Verhältnis zur Welt zu gewinnen.

4. Von besonderer aktueller Bedeutung ist die Lehre der Schrift Israels, daß der Mensch „Abbild“ Gottes ist: „Dann sprach Gott: Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,26f.). „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“ (Weish 2,23). Die Lehre von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott impliziert die unantastbare Würde des Menschen und damit auch das, was man heute „die Menschenrechte“ nennt. Nach der Lehre des Judentums vermindert der Mörder die Gottebenbildlichkeit.[8] Man darf den Nächsten nicht verachten, weil er nach Gottes Bild geschaffen ist.[9] „Der Herr schuf mit eigenen Händen einen Menschen und machte ihn seinem eigenen Antlitz ähnlich ... Wer des Menschen Antlitz verachtet, verachtet das Antlitz des Herrn![10] Ganz aus diesen Überzeugungen des Judentums heraus hat der Jakobusbrief formuliert: „Mit ihr (der Zunge) preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes erschaffen sind“ (Jak 3,9).

5. Israel weiß sich in einen Bund mit seinem Gott hineingenommen. Dieser Bund ist Gnade und zugleich Verpflichtung. Die Bundesforderung zielt ab auf die ausschließliche Verehrung Jahwes durch Israel. Die „Bundesformel“ lautet: „Du wirst mein Volk sein, ich werde dein Gott sein.“ Die Propheten warnen ihr Volk vor Bundesbruch.

Die Schrift Israels erzählt auch von bereits vorausgehenden Bundesschlüssen, so mit Abraham (vgl. Gen 15), wobei Gott dem Abraham die eidliche Zusicherung zur Erfüllung der Landverheißung gibt; ferner mit Noach (vgl. Gen 9,9-17). Der Heilshorizont, in dem der Bundesschluß mit Noach sich bewegt, ist eindeutig ein universal-kosmischer; er bezieht sich auf die ganze „Erde“ (Gen 9,13), auf „alle lebenden Wesen“ (Gen 9,10.12.15.16), auf „alles Fleisch, das auf Erden ist“ (Gen 9,16f.) einschließlich der Tierwelt (Gen 9,10). Deshalb gilt: „Der Geschichte der Natur und der Geschichte der Menschheit liegt ein unbedingtes Ja Gottes zu seiner Schöpfung, ein Ja Gottes zu allem Leben zugrunde, das weder durch irgendwelche Katastrophen im Laufe der Geschichte noch ... durch Verfehlungen, Verderbnis, Empörung der Menschheit erschüttert werden kann. Die Zusage Gottes bleibt ehern fest, solange die Erde besteht“.[11] Gott wird die Welt retten, auch wenn die Erde erneut „entweiht ist durch ihre Bewohner, denn sie haben dieWeisungen übertreten, die Gesetze verletzt, den ewigen Bund gebrochen“ (Jes 24,5). Gott erfüllt, was im Noachbund verheißen ist, den er mit der ganzen Erde, mit allen Menschen geschlossen hat.

Der Garant für die endgültige Erfüllung der Bundespflichten ist der „Gottesknecht“, den Gott auserwählt, in Person „der Bund für mein Volk“ und zugleich „das Licht für die Völker“ zu sein (Jes 42,6). Nach christlicher Glaubensüberzeugung ist er in Jesus Christus erschienen, der sein am Kreuz vergossenes Blut ausdrücklich als „Bundesblut für viele“ (so Mk 14,24; Mt 26,28) bzw. den von ihm dargebotenen Kelch als „den neuen Bund in meinem Blut“ (so Lk 22,20; 1 Kor 11,25) bezeichnet hat. Jesus benutzt zur Deutung seines Todes Begriffe der jüdischen Überlieferung. Das Heil zeigt sich als Bund, durch den Gott in ein dauerndes Treueverhältnis zu Israel und zur ganzen Welt eingetreten ist. „Bund“ besagt, daß Gott seine Schöpfung nicht vergessen wird. Der Schöpfer ist auch der Erlöser (vgl. schon Jes 54,5).

6. Was dem frommen Juden bis heute besonders am Herzen liegt, ist ein Leben nach der „Weisung“ Gottes, hebräisch „tora“ genannt. Die „Weisung“ ordnet das Leben des Juden vor Gott im Alltag. Im Zentrum der „Weisung“ stehen der Dekalog, die Zehn Gebote. Auch Jesus bekannte sich eindeutig zum Dekalog (vgl. Mk 10,19 Parr. ). Die „Zehn Worte“, wie sie im Alten Testament genannt werden, markieren Normen für das Gewissen aller Menschen, nicht bloß der Juden. Sie wurden zum Inbegriff des sittlichen Bewußtseins der Menschheit. Durch sie ist das, was nach dem Apostel Paulus „von Natur aus“ „ins Herz (aller Menschen) geschrieben ist“ - „ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich“ - (Röm 2,14f.), in festen Sätzen formuliert worden, ohne deren Beobachtung es kein wahres Gemeinschaftsleben und auch keine wahre Beziehung zu Gott gibt. Die Erfahrung der Geschichte lehrt, daß ohne ein am Gottesgebot normiertes Gewissen „der Mensch dem Menschen zum Wolf“ wird. Der Raum für freiheits- und personfeindliche Despotie und Diktatur wird frei. Der Dekalog beschreibt die innere Ordnung des menschlichen Verhaltens; er ist daher für alle Zeiten unentbehrlich.

7. Aus der jüdischen Religion stammt auch die messianische Hoffnung. Ihre Ursprünge wurden schon früh mit der Davidsdynastie verbunden. Hinzuweisen ist vor allem auf 2 Sam 7,12-16: „Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen. Er wird für meinen Namen ein Haus bauen, und ich werde seinem Königsthron ewigen Bestand verleihen. Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein ... Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben; dein Thron soll auf ewig Bestand haben.“ Die Propheten Israels nahmen die messianische Hoff­nung immer wieder auf und bezeugten sie in unterschiedlicher Gestalt. Wenn wir fragen: Was brachte die messianische Botschaft an Impulsen in die Völkerwelt?, stellen sich drei Antworten ein:

  1. Die messianische Idee sprengt das zyklische Denken in der Menschheit auf; die Geschichte der Welt bewegt sich nicht im Kreis, ist nicht die ewige Wiederkehr des Gleichen; die messianische Verheißung läßt die Geschichte als zielgerichtet erkennen.
  2. Diese Bewegung der Geschichte auf ein gottgesetztes Ziel hin versteht sich als eine Bewegung aus dem Unheil in das Heil.
  3. Die Wende zum Heil wird durch einen endgültigen Heilbringer herbeigeführt, der „Messias“ genannt wird.

Durch Jesus von Nazaret, den die Kirche als den verheißenen Messias bekennt und verkündet, kam die messianische Hoffnung, wenn auch in veränderter Form, in das Denken und Hoffen der Völker. Mag zunächst auch der christliche Messianismus eine starke Verinnerlichung des Gottesverhältnisses mit sich gebracht haben, so kündigte doch Jesus selbst seine Wiederkunft am Ende der Zeiten als ein Ereignis an, das die ganze Welt angehen wird: „Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen“ (Mk 13,26). Besonders die Apokalypse versteht die Wiederkunft des Herrn als ein Weltereignis, bei dem der „Antichrist“ vom wiederkommenden Messias Jesus vernichtet und ein neuer Himmel und eine neue Erde heraufgeführt werden. Der Messianismus ist heute in der Welt wirkmächtiger denn je, wenn auch häufig in säkularisierter Gestalt. Die Welt will sich nicht mehr im Kreise drehen, sie schaut in die Zukunft und auf ein Ziel. Der messianische Glaube weist von sich aus auf Zukunft hin, da er einen kommenden Heilbringer für Israel und die Völker verkündet. Dabei verbindet sich die messianische Hoffnung mit der Sehnsucht nach einer gerechten Welt und nach einem umfassenden Frieden für die ganze Menschheit, welche die Propheten Israels für die Heilszukunft ansagen, wobei sie diese Ansage oft mit einer Kritik an den sozialen Mißständen ihrer Zeit verbinden. Das Neue Testament verfolgt diese Linie. Christus wird in ihm als jener verkündigt, der den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird (Apg 17,31) und der dazu kam, Frieden den Fernen und Frieden den Nahen, d. h. allen Menschen, zu verkünden (Eph 2,17). Die Kirche wartet mit Israel auf „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3,13). Jesus hat freilich auch vor falschen Messiassen gewarnt, die mit ihren Ideologien die Völker verführen (vgl. Mk 13,22 Parr.). Der Messianismus kann pervertiert werden. Das muß die Kirche wissen: „Ihr aber, seht euch vor! Ich habe euch alles vorausgesagt“ (Mk 13,23).

8. Das fromme Judentum ist ein betendes und Gott preisendes Volk. Aus dem großen Gebetsschatz Israels hat die Kirche vor allem die Psalmen übernommen, die im Gottesdienst und im Stundengebet der Kirche eine große Rolle spielen. Auch das „Gebet des Herrn“, das Vaterunser, ist, so sehr es den Stempel des Geistes Jesu an sich trägt, besonders was die „Vater“-Anrede betrifft, aus den Gebetsanliegen des Judentums heraus geformt. Auch der fromme Jude ruft nach dem Kommen des Gottesreiches, wünscht die Heiligung des „Namens“ und bemüht sich um die Erfüllung des Willens Gottes; er betet um das tägliche Brot, die Vergebung der Sünden und die Bewahrung vor Anfechtungen. Die beiden großen Lobpreisgebete aus der Kindheitsgeschichte Jesu, die in der Liturgie Verwendung finden, das „Benediktus“ (Lk 1,68-79) und das „Magnifikat“ (Lk 1,46-55), sind ganz durchsetzt mit Worten und Sätzen aus dem Alten Testament.

9. Israels Grundhaltungen vor Gott, wie sie sich in Gottesfurcht, Gehorsam, Gotteserkenntnis, Umkehr, „Gedenken“, Liebe, Vertrauen, Heiligkeit, Lobpreis auf Gott und seine Heilstaten manifestieren,[12] sind auch Grundhaltungen der christlichen Gemeinde; sie sind keine „Entdeckungen“ der Kirche, sondern gehören zu der geistlichen Mitgift Israels an die Kirche, die sie in ihrer Mission wiederum in die Völkerwelt weitergibt, freilich in Christus neu und endgültig begründet.

10. Aus dem geistlichen Erbe Israels sind noch jene Ereignisse zu nennen, in denen das Heilshandeln Gottes am Menschen konkrete geschichtliche Tat und so erfahrbar wird. Insbesondere sei auf folgende verwiesen, die miteinander zusammenhängen: Exodus, Pascha (Pesach), Leiden, Gericht, Auferstehung. Der Exodus ist für Israel die entscheidende Befreiungstat Gottes, an die es sich nach dem Zeugnis seiner Schriften immer wieder erinnert.[13] „Exodus“ bedeutet die Befreiung aus dem „Sklavenhaus“ Ägypten. „Knechte waren wir dem Pharao in Ägypten gewesen, und herausgeführt hat uns von dort Er der ist, unser Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Hätte nicht der Heilige, gelobt sei Er, unsere Väter herausgeführt, dann wären wir und unsere Kinder und unsere Kindeskinder dem Pharao in Ägypten verknechtet geblieben“: So beginnt die Antwort der jüdischen Paschamahlgemeinschaft auf die Frage des jüngsten Teilnehmers: „Warum ist diese Nacht so ganz anders als die übrigen Nächte?”[14] Exodus bedeutet Wanderung durch die Wüste in intensivster Begegnung Israels mit seinem Gott und mit der Erfahrung seiner Hilfe. Exodus ist schließlich und endlich der Zug in die Freiheit, vorabgebildet im Einzug in das Land, das Gott Abraham und seinen Nachkommen verheißen hat. Der Exodus brachte Israel auch die Erfahrungen der Bitternisse des Lebens, die Erfahrung des (oft selbst verschuldeten) Leids und des Gerichts, und insofern die Erfahrung des Leidens verbunden mit der Erfahrung der Rettung durch Gott. Deshalb empfindet die jüdische Tradition den Exodus als Zeichen der Hoffnung auf die endgültige Rettung durch Gott in der Auferweckung der Toten am Ende der Tage.

In Jesu Wegzug aus seinem Heimatdorf Nazaret und aus seiner Verwandtschaft, in seinen mit Leiden verbundenen Wanderungen durch das Land Israel, in seinem Weg nach Golgota zum Kreuz, aber auch in seiner Auferweckung von den Toten und in seiner Verherrlichung spiegelt sich einzigartig die Exoduserfahrung seines Volkes.

„Im Gegensatz zu anderen Völkern erinnert sich das jüdische Volk nicht an die goldene Zeit der Macht, pocht nicht auf eine Abstammung von Göttern, sondern findet sich als das Sklavenvolk, das von Gott Rettung erfährt. Und es bringt die vergangene Zeit in die Gegenwart des Dankes und der Gabe.“[15] Die jüdische Religion ist eine „Gedächtnisreligion“; die Begriffe „gedenken“, „Gedächtnis“ spielen in der Heiligen Schrift Israels eine zentrale Rolle. Die jüdischen Feste sind Gedächtnisfeste: Israel gedenkt bei seinen Festen der Heilstaten Gottes an seinem Volk und vergegenwärtigt in seinen Festen diese Heilstaten für jede Generation. In keinem Fest wird das deutlicher als am Paschafest, das die Juden an die Nacht erinnert, in der sie befreit wurden, und das in ihnen zugleich die Hoffnung weckt auf die Nacht, in der sie endgültig befreit werden. In den jüdischen Festen herrscht so die Dreidimensionalität Heilsvergangenheit, Heilsgegenwart und Heilszukunft.

Ohne die Beachtung dieser Zusammenhänge versteht man auch die großen Feste des christlichen Kirchenjahres und speziell die Eucharistiefeier nicht. Auch in ihnen gehören Heilsvergangenheit, Heilsgegenwart und Heilszukunft wesenhaft zusammen; auch sie sind Gedächtnis seiner Wundertaten. Sie treten dabei nicht neben die Feste Israels, sie stehen in einem beziehungsreichen Zusammenhang mit ihnen.[16]

Auch wenn die Kirche überzeugt ist, daß mit der Auferweckung Jesu von den Toten „der kommende Äon“ - ein Ausdruck des frühen Judentums - schon mächtig in diese Zeit hereinragt, so gibt es doch eine bleibende gemeinsame Thematik der christlichen und der jüdischen Eschatologie, etwa im Hinblick auf die letzten Artikel des Credo. „Mit den Propheten und dem Apostel Paulus erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm Schulter an ‚Schulter dienen‛ (Zef 3,9).“[17] „Der Tag“ Gottes spielt sowohl in der Heiligen Schrift Israels als auch im Neuen Testament eine wichtige Rolle. Dieser „Tag“ umspannt nach den Propheten und nach dem Neuen Testament die ganze Welt; er richtet den Blick auf das „Ende“ schlechthin. Dieser „Tag“ ist kein berechenbarer Kalendertag; nur Gott kennt ihn und führt ihn herbei. Dieser „Tag“ dynamisiert die Geschichte und treibt sie auf ihr Ende hin. Aber dieser „Tag“ ist auch ein Tag des Übergangs in das endgültige Heil und darum ein Tag der Hoffnung für Israel und die Kirche.

 
 
III. Die Grundaussagen der Schrift und der Kirche über das Verhältnis von Kirche und Judentum

1. Das Zeugnis des Neuen Testamentes

a) Das Neue Testament macht wichtige Aussagen über das jüdische Volk. Die Urmissionare selbst stammten großenteils aus dem jüdischen Volk; Jesu Leben und Sterben hat sich im Land Israel vollzogen; Jesus weiß sich „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Mt 15,24). Das Evangelium und damit das Christusheil wird „zuerst“ den Juden verkündet (vgl. Mk 7,27; Apg 2,39; 3,26; 10,42; 13,46; Röm 1,16; 2,10). Die Frage nach dem Heil der Juden hat die Urkirche stark beschäftigt, besonders den Juden und ehemaligen Pharisäer Paulus.

b) Es kann freilich nicht geleugnet werden, daß sich im Neuen Testament über das Judentum z. Z. Jesu und der Urkirche auch kritische Aussagen finden. Jesus selbst sagt: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen“ (Mt 23,37f. ). Jesus nennt die Pharisäer „blinde Blindenführer“ (Mt 15,14), deren Sünde „bleibt“ (vgl. Joh 9,41). „Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt“ (Joh 8,44). Jesus konstatiert also schuldhaftes Verhalten. Paulus stellt fest, daß „nicht alle, die aus Israel stammen“, wirklich auch „Israel“ sind (Röm 9,6); die Juden haben zwar „Eifer für Gott; aber es ist ein Eifer ohne Erkenntnis“ (Röm 10,2). Der Apostel fragt vorwurfsvoll: „Hat denn Israel. . . die Botschaft nicht verstanden?“ (Röm 10,19); er redet von einem „Versagen“, einer „Verstockung“ (Röm 11,8), einem „Zurückbleiben“ Israels (Röm 11,11f.) und von seiner „Verwerfung“ durch Gott (Röm 11,15); die Juden seien „vom Evangelium her gesehen . . . Feinde“ (Röm 11,28). Sie „haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie mißfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll“ (1 Thess 2,15f.). Paulus kommt auch auf die Verfolgungen zu sprechen, denen er durch jüdische Volksgenossen ausgesetzt war (vgl. 2 Kor 11,24.26). Die Apostel­geschichte redet ebenfalls von den großen Schwierigkeiten, die Juden den christlichen Missionaren bereitet haben (vgl. Apg 13,15; 14,5.19; 17,5-8; 18, 12; 23,12).

Das sind Fakten, die ein ungünstiges Licht auf Juden werfen können. Dabei ist jedoch zu beachten, daß es sich um Tatbestände aus vergangenen Zeiten handelt, die kein Pauschalurteil über das Judentum zulassen, und daß diese negativen Aussagen über die Juden nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern im Zusammenhang mit den vielen positiven Aussagen des Neuen Testaments gesehen werden müssen.

c) Zunächst sei hier an das Zeugnis des Johannesevangeliums erinnert: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22). Der Heilbringer Jesus Christus ist aus dem Judentum hervorgegangen.

Besonders im Römerbrief des Apostels Paulus finden sich wichtige positive Aussagen über die Juden: „Was ist nun der Vorzug der Juden, der Nutzen der Beschneidung? Er ist groß in jeder Hinsicht. Vor allem: Ihnen sind die Worte Gottes anvertraut“ (Röm 3,1f.). Damit sind die heiligen Schriften Israels gemeint, die die Christen „Altes Testament“ nennen. Desweiteren heißt es: „Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus“ (Röm 9,4f.). Man nennt die hier vom Apostel aufgezählten Vorzüge Israels auch seine Privilegien“, die ihm Gott selbst gewährt hat. Gott nimmt sie den Juden nicht weg; „sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich”.[18]

In Röm 11,1f. schreibt der Apostel: „Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs!... Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat.“ Er fügt hinzu: „Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs!“ (Röm 11,11). Der Apostel spricht von der „Wurzel“, die die Kirche trägt (Röm 11,18). Das bezieht sich auf das ganze Volk Israel, nicht nur auf seine „Väter“ (die Patriarchen). Es ist ja nicht bloß von der „Wurzel“ allein die Rede, sondern auch vom „edlen Ölbaum“ und seinen „Zweigen“ (vgl. Röm 1 1,16-21).[19] Daß der Apostel dabei die „Wurzel“ so stark heraushebt - viermal ist in Röm 11,16-18 von ihr die Rede -, hat seinen Grund darin, daß es die Wurzel ist, aus der dem Baum die Säfte zufließen und so ihm seine „Fettigkeit“, d. h. seine Fruchtbarkeit verleiht. Die (Heiden-)Kirche ist in den edlen Ölbaum von Gott eingepfropft worden und wurde so durch die Gnade Gottes „Mitteilhaberin an der Wurzel“ und an der Fettigkeit des Ölbaums. Wenn die Juden sich auch großenteils am „Stein des Anstoßes“, Jesus Christus, stießen (vgl. Röm 9,32) und dem Evangelium gegenüber „verstockt“ blieben (Röm 11, 7.25), so sind die Juden nach der prophetischen Ansage des Apostels doch deswegen nicht für immer vom Heil ausgeschlossen: „denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen. Wenn du (der Heidenchrist) aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie (die Juden) als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden“ (Röm 11,23f.). Im Anschluß daran spricht Paulus von einem „Geheimnis“, das sich auf das Endheil Israels bezieht und das der Apostel bekannt gibt: „Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Heiden in voller Zahl das Heil erlangt haben; dann wird ganz Israel gerettet werden, wie es in der Schrift heißt: Der ‚Retter wird aus Zion kommen, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen‛“ (Röm 11,25f.).

Paulus sieht die „Verstockung“ und „Feindschaft“ Israels dem Evangelium gegenüber in einem einzigartigen, dialektischen Verhältnis zur Rettung der Heiden: „Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihr Versagen das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber schon durch ihr Versagen die Welt und durch ihr Zurückbleiben die Heiden reich werden, um wieviel mehr (wird das geschehen durch) ihre Vollendung“ (Röm 11,11f.). Denn wenn schon ihre Verwerfung für die Welt Versöhnung gebracht hat, dann wird ihre Annahme nichts anderes sein als Leben aus dem Tod“ (Röm 11,15). Gott stellt die Juden einstweilen zurück zugunsten der Heiden, bis er sich am Ende aller erbarmt (vgl. Röm 11,32). Nur von daher ist die Aussage des Völkerapostels zu verstehen, daß die Juden im Hinblick auf das Evangelium dessen Feinde geworden seien „und das um euretwillen“ (Röm 11,28), d. h. wegen des Heils der Heiden. Von einer Schuldaufrechnung mit Strafsanktionen ist im Römerbrief nicht die Rede. Wir Christen müssen die prophetische Aussage des Apostels Paulus über das Endheil der Juden ernst nehmen, wenn wir auch den Weg, auf dem Gott „ganz Israel“ retten will, nicht näher kennen. Die Juden bleiben die „Geliebten“ Gottes „um der Väter willen“ (Röm 11,28).

In der Apostelgeschichte findet sich die prophetische Aussage von der endzeitlichen „Wiederherstellung“ Israels. So fragen die Apostel den Auferstandenen: „Stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ Jesus weist in seiner Antwort diese Frage der Apostel nicht als eine in sich verkehrte Frage zurück, er verweist nur darauf, daß für diese „Wiederherstellung“ des Reiches für Israel der Vater allein die Fristen und Zeiten in seiner Macht festgesetzt hat. Die Apostel selbst dagegen sollen als die Zeugen Jesu das Evangelium „bis an die Grenzen der Erde“ verkünden (Apg 1,6-8). Eine Wiederherstellung des verheißenen Reiches, wie sie schon die Propheten des Alten Bundes angekündigt haben, wird also kommen, auch wenn wir deren Art und Weise nicht näher kennen. Nach Apg 3,19-2 1 sollen sich die Juden zu Jesus bekehren, „damit eure Sünden getilgt werden und der Herr Zeiten des Aufatmens kommen läßt und Jesus sendet als den für euch bestimmten Messias. Ihn muß freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, die Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten verkündet hat“. Nach diesem Text ist der wiederkommende Christus auch für Israel („für euch“ = die Juden) zu seinem „Aufatmen“ bestimmt. Auch die Juden werden dann zusammen mit allen Erlösten „aufatmen“ können und von ihren Leiden und Sünden befreit werden. Diese positiven Aussagen des Neuen Testaments über die Juden und ihr Heil müssen von der christlichen Verkündigung und Theologie viel stärker, als es früher geschehen ist, bedacht werden, besonders nachdem sich das II. Vatikanische Konzil dieser Aufgabe ausdrücklich angenommen hat.

 

2. Aussagen der katholischen Kirche

a) Das II. Vatikanische Konzil hat in seiner Erklärung „Nostra Aetate“ Grundlegendes über das Verhältnis der Kirche zum Judentum gesagt: „Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist.

So anerkennt die Kirche Christi, daß nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Mose und den Propheten finden. Sie bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, daß Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat. 

Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, daß ‚ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und daß aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria. Auch hält sie sich gegenwärtig, daß aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben.

Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt.

Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich. Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ‚Schulter an Schulter dienen (Zef 3,9).

Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.

Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.

Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.”[20]

b)  Am 1. Dezember 1974 wurden die römischen „Richtlinien und Hinweise für die Konzilserklärung ,Nostra Aetate Art. 4“ verabschiedet. Sie bezeichnen die Konzilserklärung als „einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Beziehungen zwischen Juden und den Katholiken“.[21] Es wird von der „Kluft“ gesprochen, die zwischen Juden und Christen „immer tiefer und breiter geworden“ ist, „bis hin zum völligen Verkennen des anderen auf beiden Seiten“[22] Es wird gesagt, „daß die geistlichen Bande und die historischen Beziehungen, die die Kirche mit dem Judentum verknüpfen, jede Form des Antisemitismus und der Diskriminierung als dem Geist des Christentums wider­streitend verurteilen“; ferner wird auf die „Verpflichtung zu einem besseren gegenseitigen Verstehen und einer neuen gegenseitigen Hochschätzung“ hingewiesen.[23] Aus dem Monolog, den Juden und Christen für sich allein über den anderen führten, soll ein „Dialog“ werden, der vom „Respekt gegenüber der Eigenart des anderen“ getragen ist und jede „Aggression“ meidet.[24] „Eine Öffnung und Weitung des Geistes, eine Haltung des Mißtrauens gegenüber den eigenen Vorurteilen, Takt und Behutsamkeit sind dabei unentbehrlich, wenn man seinen Partner nicht, und sei es auch ungewollt, verletzen will.”[25] Es wird dann auf die Liturgie hingewiesen mit ihren gemeinsamen Elementen, auf den bleibenden Wert des Alten Testaments und seine „gerechte Auslegung“ in der christlichen Theologie.[26] Das durch das Konzil eingeleitete Umdenken muß sich in Lehre und Erziehung auswirken.[27] Der Gott Israels und der Christen ist „derselbe Gott“. „Die Geschichte des Judentums geht nicht mit der Zerstörung Jerusalems zu Ende. Und in ihrem weiteren Verlauf hat sich eine religiöse Tradition entwickelt, deren Ausgestaltung jedenfalls reich an religiösen Werten ist, wenn sie auch, wie wir glauben, nach Christus eine zutiefst verschiedene Bedeutung hat.”[28]

c) Papst Paul VI. hat am 22. Oktober 1974 eine „Kommission für die religiösen Beziehungen zu dem Judentum“ errichtet, die mit dem Sekretariat für die Einheit der Christen verbunden ist und zu deren Mitgliedern auch Juden gehören.

Papst Johannes Paul II. erinnerte in seiner Ansprache an die Repräsentanten jüdischer Organisationen am 12. März 1979 an die Aussage in Nostra Aetate, Nr. 4, daß das Konzil „bei seiner Besinnung auf das Geheimnis der Kirche des Bundes gedenkt, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamm Abrahams geistlich verbunden ist“, er unterstrich die Richtlinien vom 1. Dezember 1974 und forderte die Kirche zum „brüderlichen Dialog“ und zur „fruchtbaren Zusammenarbeit“ und zur „Überwindung von jeder Art von Vorurteil und Diskriminierung“ des jüdischen Volkes auf.[29]

Bei seinem Besuch in Auschwitz während seiner Polenreise bemerkte der Heilige Vater: „Ich verweile am Ende gemeinsam mit euch, liebe Teilnehmer dieser Begegnung, vor der Tafel mit der hebräischen Inschrift. Sie weckt das Andenken an das Volk, dessen Söhne und Töchter zur totalen Ausrottung bestimmt waren. Dieses Volk führt seinen Ursprung auf Abraham zurück, derder ‚Vater unseres Glaubens‛ ist (vgl. Röm 4,12), wie Paulus von Tarsus sich ausdrückte. Gerade dieses Volk, das von Gott das Gebot empfing: Du sollst nicht töten!, hat an sich selbst in besonderem Ausmaß erfahren müssen, was töten bedeutet. An diesem Gedenkstein darf niemand gleichgültig vorübergehen.”[30]

d) Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland hat sich in ihrem Beschluß über „Unsere Hoffnung“ (IV, 2) nachdrücklich „für ein neues Verhältnis zur Glaubensgeschichte des jüdischen Volkes“ ausgesprochen. Wichtige Impulse vermittelt die Erklärung der französischen bischöflichen Kommission für die Beziehung zum Judentum vom 16. April 1973.[31] Hilfreich ist auch das Arbeitspapier des Gesprächskreises „Juden und Christen“ des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken: „Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs“ vom 8. Mai 1979.

 

3. Aussagen anderer Kirchen

Dankbar sei auf die Verlautbarungen hingewiesen, die evangelischerseits zum Thema Kirche und Judentum herausgebracht wurden: „Volk, Land und Staat. Eine Handreichung für eine theologische Besinnung der Niederländischen Reformierten Kirche;“[32] „Christen und Juden. Studie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ (Gütersloh 1975), mit dem dazugehörigen Arbeitsbuch „Christen und Juden. Zur Studie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland?“[33]

„Überlegungen zum Problem Kirche/Israel.“ Hrsg. vom Vorstand des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes vom Mai 1977.[34] „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“, Handreichung für die Mitglieder der Landessynode, der Kreissynoden und der Presbyterien in der Evangelischen Kirche im Rheinland.[35]

So sind Christen dabei, sich in intensiver Weise wieder stärker als früher auf ihre „Wurzel“, den „Stamm Abrahams“ zu besinnen. Sie gewinnen ein neues Verhältnis zu ihrem älteren Bruder, dem jüdischen Volk, sicher zurn Segen für beide. An die Stelle der Verachtung und Geringschätzung des andern werden Respekt voreinander und Liebe zueinander treten. Für „Antisemitismus“ darf kein Platz mehr bleiben.

 
 
IV. Glaubensunterschiede 

Im Dialog zwischen Juden und Christen müssen die Glaubensunterschiede, als das Unterscheidende und gegebenenfalls Trennende, offen genannt werden; nur dann erfolgt der Dialog in Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Folgendes ist dabei besonders ins Auge zu fassen:

1. Zunächst sei hier die christliche Überzeugung genannt, daß mit Jesus von Nazaret die Zeit schon erfüllt und das Reich Gottes unmittelbar nahegekommen ist (vgl. Mk 1,15). Jesus ist für die Christen der verheißene Messias, mit ihm bricht die letzte Zeit der Geschichte schon an, das Reich Gottes ragt in „diesen Äon“ herein, die Wunder Jesu sind „vorausweisende Zeichen“ für die kommende Erfüllung, die Kräfte der Heilszukunft Gottes sind bereits wirksam, besonders in den Sakramenten der Kirche, die Endentscheidungen fallen schon. Christus ist unser Friede, unsere Versöhnung und unser Leben. Freilich weiß auch der Christ, daß durch Jesus von Nazaret noch nicht alle Verheißungen der altbundlichen Propheten erfüllt worden sind: Die umfassende Gerechtigkeit ist in der Welt noch keineswegs hergestellt, der völkerumspannende Friede steht noch aus, der Tod übt seine vernichtende Herrschaft noch aus. Der Christ muß Verständnis haben, wenn Juden gerade auf diesen noch ausstehenden „Verheißungsüberschuß“ hinweisen und wegen dieses noch Ausstehenden in Jesus von Nazaret nicht den Verheißenen zu sehen vermögen.

2. Der tiefste Glaubensunterschied tritt angesichts des stärksten Bindegliedes zwischen Christen und Juden zutage. Der christliche Glaube an Jesus Christus, dem gemäß der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus nicht nur als der verheißene Messias, sondern darüber hinaus als der wesensgleiche Sohn Gottes bejaht und verkündigt wird, erscheint vielen Juden als etwas radikal Unjüdisches; sie empfinden ihn als etwas dem strengen Monotheismus, wie er besonders im „Sch’ma Israel“ für den frommen Juden täglich zur Sprache kommt, absolut Widersprechendes, wenn nicht gar als Blasphemie. Dafür muß der Christ Verständnis haben, auch wenn er selbst in der Lehre von der Gottessohnwürde Jesu keinen Widerspruch zum Monotheismus sieht. Für ihn bedeutet das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott eine Steigerung der Einheit Gottes, ein Geheimnis, an das er glaubt und vor dem er anbetend in die Knie sinkt.

3. Jesus hat das Gesetz nicht „aufgelöst“, sondern „erfüllt“ (vgl. Mt 5,17), er hat aber z. T. heftige Kritik an der konkreten Praxis des gesetzlichen Lebens seines Volkes geübt. Er hat das Doppelgebot der Liebe in den Vordergrund gerückt (vgl. Mk 12,30f. Parr.) und die vielen Gebote und Verbote der Tora und der sogenannten „Väterüberlieferung“, womit die pharisäisch-rabbinische Ausle­gung gemeint ist (von den Juden „Halacha“ genannt), auf das Liebesgebot konzentriert. Im Blick aufdas Kreuz und die Auferstehung Jesu war der Apostel Paulus mit der Urkirche überzeugt, daß der Weg des Menschen zum Heil jetzt ausschließlich über den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus führt und nicht mehr über die „Werke des Gesetzes“ (Röm 2,15; 3,20; Gal 2,16; 3,2.5.10). Der Christ ist nach der Lehre des Apostels und auch des Apostelkonzils (Apg 15,1-35) nicht mehr wie der Jude zu einem Leben nach den Weisungen der Tora verpflichtet, was freilich nicht heißt, daß der Christ ein „gesetzloses“ Leben führen dürfte. Er ist um so mehr an „das Gesetz Christi“ (Gal 6,2) gebunden, das im Liebesgebot kulminiert, in dem das Gesetz seine „Erfüllung“ findet (vgl. Gal 5,14; Röm 13,8-10).

Über diese Glaubensunterschiede muß im christlich-jüdischen Gespräch offen geredet werden.

 
 
V. Umdenken gegenüber dem Judentum
 

Allzu oft ist in der Kirche, besonders in Predigt und Katechese, in falscher und entstellender Weise über das Judentum gesprochen worden. Falsche Einstellungen waren die Folge. Wo immer Fehlurteile und Fehlhaltungen vorliegen, sind unverzüglich Umdenken und Umkehr geboten: Dabei ist folgendes besonders zu beachten:

1. Der Ausdruck „die Juden“, der häufig im Johannesevangelium erscheint, verleitete nicht selten zum theologischen Antijudaismus, insofern er in unkritischer Weise auf das ganze jüdische Volk der Zeit Jesu bezogen wurde, während in Wirklichkeit mit dem Ausdruck „die Juden“ in der Regel die Gegner Jesu aus der führenden Schicht des zeitgenössischen Judentums, besonders die Hohenpriester, gemeint sind.[36] Zudem ist folgendes zu bedenken: Der Evangelist reflektiert am Ende des 1. Jahrhunderts die Vorgänge, die sich mit Jesus und seiner Kreuzigung ereignet haben. Er stellt das Ganze in einen kosmisch-universellen Horizont. Dabei werden „die Juden“, soweit ein negativer Akzent auf dem Begriff liegt, zu Repräsentanten des gottfeindlichen „Kosmos“. Der Evangelist meint damit jene „Welt“, die von Gott und Christus nichts wissen will. So sieht das Johannesevangelium den Prozeß gegen Jesus als einen „Weltprozeß“, nämlich der Weltfinsternis gegen das göttliche Licht überhaupt. Dies hat mit „Antijudaismus“ nichts zu tun.

2. Ähnliches gilt für den oft in den Evangelien erscheinenden Ausdruck „die Pharisäer“. Eine Untersuchung der Aussagen über die Pharisäer in den Evangelien und über die in ihnen verarbeiteten Traditionsschichten läßt eindeutig erkennen, daß die Pharisäer zunehmend als die speziellen Gegner Jesu herausgestellt wurden, und zwar im Zusammenhang des zum Teil harten und schwierigen Ablösungsprozesses, der nach Ostern die Kirche und Israel voneinander trennte. Die Pharisäer waren zur Zeit Jesu und auch später eine straff organisierte und einflußreiche Gruppe im damaligen Judentum, mit der Jesus vor allem wegen der Gesetzesauslegung in Konflikt geraten war. Sie waren Männer, denen es mit großem Ernst um die Sache Gottes ging. Es gehört zu den Aufgaben der heutigen Exegese, Katechese und Homiletik, über die Pharisäer in gerechter Weise zu sprechen.

3. Der fromme Jude hat Freude an der Tora. Er feiert am Ende des Laubhüttenfestes ein eigenes Fest „Freude an der Tora“. „Nach deinen Vorschriften zu leben, freut mich mehr als großer Besitz“ (Ps 119,14). „Ich habe meine Freude an deinen Gesetzen, dein Wort will ich nicht vergessen“ (Ps 119,16). „Deine Vorschriften machen mich froh; sie sind meine Berater“ (Ps 119,24). „Wie ist mir dein Gesetz so lieb, den ganzen Tag sinn ich ihm nach“ (Ps 119,97). Der Jude empfindet die Tora als Gnade, nicht als Last.[37] Er versteht das Leben nach den Weisungen der Tora nicht als „Verdienstesammeln“ oder als zum Ruhm vor Gott führende „Leistung“, wie viele Christen meinen. Das für den Juden bis heute gültige Verständnis des Lebens nach der Tora muß von drei Grundelementen her verstanden werden, die das jüdische Gesetzesver­ständnis bestimmen: Vertrauen, Verwirklichung in Werken, Heiligung des Alltags.[38] Der fromme Jude kann sich den Glauben an den einen Gott nicht ohne die gehorsame Verwirklichung der Weisungen Gottes nach der Tora vorstellen. Das Leben gemäß der Tora heiligt den Alltag; denn dies ist der eigentliche Sinn der Weisungen der Tora im jüdischen Verständnis: Wer sich täglich und in allem dem Joch des Gesetzes unterwirft, entprofaniert dadurch den Alltag und heiligt das ganze Leben in allen seinen Bezügen und Äußerungen. Der Jude Ernst Simon hat den Sachverhalt so formuliert: „Das jüdische Gesetz formt einen Lebensweg partieller Askese. Kein Gebiet des Daseins, kein Stück Welt ist ausgeschlossen, keines unumschränkt freigegeben.“[39] Der bedeutende Lehrer des Frühjudentums, Rabban Jochanan ben Zakkai (1. Jh. n. Chr.), hat gesagt: „Wenn du die Tora in reichem Maße gehalten hast, so tue dir nichts darauf zugute; denn dazu bist du geschaffen.“[40] Dies muß der Christ sehen, wenn er das Leben des frommen Juden richtig beurteilen will.

4. Die Juden dürfen nicht als das Volk der „Gottesmörder“ bezeichnet werden. Das Konzil lehrt: „Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Jesu gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.“[41]

Wir sollten, statt anderen die Schuld am Kreuzestod Jesu aufzurechnen, an unsere eigenen Sünden denken, durch die wir alle am Kreuz Jesu mitschuldig geworden sind. Schuldig am Kreuz Jesu, so lehrt der Catechismus Romanus, sind nicht einzelne, sondern alle Menschen: „Dieses Verbrechen muß bei uns schwerer erachtet werden als bei den Juden, weil diese, wie der Apostel (Paulus) bezeugt, den ‚Herrn der Herrlichkeit nie gekreuzigt hätten, wenn sie (die Weisheit Gottes) erkannt hätten‘ (1 Kor 2,8); wir aber legen das Bekenntnis ab, daß wir ihn kennen, und indem wir ihn durch die Tat verleugnen, legen wir gleichsam gewaltsam Hand an ihn. “[42]

Gerade der gewaltsame Tod Jesu am Kreuz ist zu etwas geworden, was die Beziehung zwischen Kirche und Judentum außerordentlich belastet hat. Diese „Last der Geschichte“ durch gerechte Rede über das Judentum aufzuarbeiten, gehört zu den Aufgaben gründlicher historischer Forschung durch die christliche Theologie und des jüdisch-christlichen Dialogs, zu dem uns die Kirche auffordert.[43]

Wenn auch die Kirche sich schon im 1. Jahrhundert nach Christus von Israel getrennt hat, so bleibt doch die Heilsbedeutung Israels und die Heilszusage Gottes an Israel bestehen. Es ist uns verwehrt, in diesem Zusammenhangzeitliche Angaben zu machen, weil das Heil Israels ebenso wie das Heil der Vollzahl der Heiden im Geheimnis Gottes verborgen bleibt (Röm 11,25f.).

5. An die Stelle des unter Christen noch immer mehr oder weniger weiterlebenden „Antisemitismus“ muß der von gegenseitiger Liebe und Verstehen getragene Dialog treten. Die „geistlichen Bande und die historischen Beziehungen, die die Kirche mit dem Judentum verknüpfen, verurteilen jede Form des Antisemitismus und der Diskriminierung als dem Geist des Christentums widersprechend“.[44] Der Antisemitismus richtet sich nicht nur gegen die Botschaft Jesu Christi, sondern letztlich gegen ihn selbst.

Auch wenn betont werden muß, daß Auschwitz ein Produkt des dezidierten Abfalls vom jüdischen wie vom christlichen Glauben war, so müssen die schrecklichen Ereignisse, die mit Auschwitz und den anderen Konzentrationslagern verbunden sind, uns Christen aufschrecken und zum Umdenken und zur Umkehr bewegen.

6. Immer wieder müssen wir der Aufforderung der Karfreitagsliturgie Folge leisten: „Lasset uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluß sie führen will.“ Zur Liebespflicht der Christen gegenüber den Juden gehören auch das immerwährende Gebet für die Millionen im Laufe der Geschichte ermordeten Juden und die ständige Bitte an Gott um Vergebung des vielfachen Versagens und der zahlreichen Versäumnisse, deren sich Christen in ihrem Verhalten den Juden gegenüber schuldig gemacht haben.

7. In Deutschland haben wir besonderen Anlaß, Gott und unsere jüdischen Brüder um Verzeihung zu bitten. Auch wenn wir uns dankbar daran erinnern, daß viele Christen sich teils unter großen Opfern für die Juden eingesetzt haben, dürfen und wollen wir weder vergessen noch verdrängen, was gerade in unserem Volk Juden angetan wurde. Wir rufen ins Gedächtnis, was die Fuldaer Bischofskonferenz 1945 bei ihrer ersten Zusammenkunft nach dem Krieg erklärt hat: „Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung den Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden. Schwere Verantwortung trifft jene, die auf Grund ihrer Stellung wissen konnten, was bei uns vorging, die durch ihren Einfluß solche Verbrechen hätten hindern können, und es nicht getan haben, ja diese Verbrechen ermöglicht und sich dadurch mit den Verbrechern solidarisch erklärt haben.[45]

Erneut bekennen wir: „Mitten unter uns sind unzählige Menschen gemordet worden, weil sie dem Volk angehörten, aus dem der Messias dem Fleisch nach stammt.“ Wir bitten den Herrn: „Führe alle zur Einsicht und Umkehr, die auch unter uns mitschuldig geworden sind durch Tun, Unterlassen und Schweigen. Führe sie zur Einsicht und Umkehr, damit sie sühnen, was immer sie gefehlt. Vergib um deines Sohnes willen in deinem grenzenlosen Erbarmen die unermeßliche Schuld, die menschliche Sühne nicht tilgen kann.“[46]

 
 
VI. Gemeinsame Aufgaben
 

1. Dem frommen Juden geht es um die Verwirklichung der Weisungen Gottes, wie sie in der Tora festgelegt sind, im Alltag. Es geht ihm um das „Tun“. Auch in der Predigt Jesu spielt das Wort „tun“ ein zentrale Rolle, wie die Evangelien zeigen. Die Weisungen der Tora und die Weisungen Jesu betreffen den Willen Gottes. Der Psalmist betet: „Deinen Willen zu tun, mein Gott, ist mir Freude“ (Ps 40,9); Jesus lehrt: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7,21). Von sich selbst bekennt er: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat und sein Werk zu Ende zu führen“ (Joh 4,34). Verwirklichung des Willens Gottes in der Welt sollte darum die gemeinsame Maxime von Juden und Christen sein.

2. Was beim Studium der Propheten Israels auffällt, ist der Protest, den diese gegen bestehendes Unrecht im wirtschaftlichen und sozialen Bereich und gegen alle ideologische Unterdrückung erhoben haben. Solcher Protest ist eine bleibende Aufgabe für beide, Kirche und Judentum. Es ist ein Protest gegen die vielfältige Bedrohung der Freiheit, ein Protest zugunsten der wahren Menschlichkeit und der Menschenrechte, der Liebe und der Gemeinschaft; ein Protest gegen die sich immer mehr ausbreitenden Welt und Geschichtslügen; ein Protest gegen Faschismus, Rassismus, Kommunismus und Kapitalismus. Die jüdisch-christliche Religion ist darum das Anti-„Opium“ für das Volk.

3. Christen und Juden sollen und können gemeinsam eintreten für das, was in der hebräischen Sprache „schalom“ heißt. Dies ist ein umfassender Begriff, der Frieden, Freude, Freiheit, Versöhnung, Gemeinschaft, Harmonie, Gerechtigkeit, Wahrheit, Kommunikation, Menschlichkeit bedeutet. „Schalom“ ist dann in der Welt Wirklichkeit, wenn alle Beziehungen untereinander endlich in Ordnung sind, die Beziehungen zwischen Gott und Mensch und von Mensch zu Mensch. Es darf kein völkisch beschränktes Friedensideal mehr geben. Gott will keine „eisernen Vorhänge“! Was in der Heiligen Schrift Israels in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen angelegt ist, will durch das Evangelium Wirklichkeit in der ganzen Welt werden: daß alle Menschen sich als Brüder erkennen. Deshalb können sich Religionen nicht mehr mit bestimmten politischen Systemen identifizieren. Judentum und Christentum sollen gemeinsam und unentwegt am uneingeschränkten Frieden in aller Welt intensiv mitarbeiten.

4. Der Mensch ist von sich aus nicht in der Lage, die Welt ins endgültige Heil zu führen. Das vermag Gott allein; so ist es die Überzeugung der gläubigen Juden und Christen. Die Erfahrung der Geschichte steht ihnen dabei zur Seite. Die Welt kommt weder durch Evolution noch durch Revolution ins endgültige Heil. Die Evolution schafft „Natur“, aber nicht „Heil“. Nur Gott führt die Welt ins endgültige Heil. Er schafft und schenkt den „neuen Himmel und die neue Erde“, auf die Juden und Christen gemeinsam warten (Jes 65,17; 66,22; Offb 21,1).

5. Der Apostel Paulus hat das letzte Ziel aller Geschichte und Heilsgeschichte in 1 Kor 15,28 in klassischer Kürze auf die Formel gebracht: „Gott alles in allem“. Dieser Formel können Juden und Christen zustimmen. „Gott alles in allem“: Das besagt: Am Ende kommen Gott und das Gott-Sein Gottes und die Universalität des Heils allenthalben voll zur Geltung. „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod“ (1 Kor 15,26). Darin wird sich jener Gott offenbaren, den Israel, Jesus und die Kirche verkünden: Er wird die Toten erwecken und so seine unüberwindliche Macht zeigen. „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“ Das in der Öffentlichkeit aller Welt zu bezeugen, ist gemeinsame Aufgabe von Christen und Juden.

 

[Literatur zum Thema "Kirchliche Dokumente"]


[1] M. Buber, Werke I, München/Heidelberg 1962, 657.

[2] Sch. Ben-Chorin, Bruder Jesus, der Nazarener injüdischer Sicht, München 1967, 12.

[3] Vat. II., Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen

„Nostra aetate“ (zit. NA) n. 4.

[4] Vat. II., Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ (zit. DV) n. 14.

[5] Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zu dem Judentum, Richtlinien und Hinweise für die Konzilserklärung „Nostra Aetate“, Art. 4 (zit. Richtlinien), Nachkonziliare Dokumentation Bd. 49, Trier 1976, 35.

[6] A.a.0. 37.

[7] Vat.II.,DVn. 14.

[8] Mekilta Bachodesch 8,72f.

[9] A.a.O. 20,26.

[10] Slav. Hen. 44,1.

[11] C. Westermann, Genesis I, Neukirchen 1974, 633f.

[12] Näheres dazu bei F. Mußner, Traktat über die Juden, München 1979,103120.

[13] Vgl. dazu A. H. Friedlander, Die Exodus-Tradition. Geschichte und Heilsgeschichte aus jüdischer Sicht, in: H. H. Henrix/M. Stöhr (Hrsg.), Exodus und Kreuz im ökumenischen Dialog zwischen Juden und Christen, Aachen 1978, 30-44.

[14] A. H. Friedlander, a.a.0. 35.

[15] A.a.O. 40.

[16] Der Alttestamentler N. Füglister hat dies exemplarisch am Osterfest gezeigt; vgl. sein Buch: Die Heilsbedeutung des Pascha, München 1963.

[17] Richtlinien 38 unter Bezug auf NA n. 4.

[18] Vat. II., NA n. 4 unter Berufung aufRöm 11,28f.; vgl. auch die Kirchenkonstitution Lumen gentium (zit. LG) n. 16.

[19] Vgl. dazu Mußner, a.a.0. 68-70.

[20] Vat. II“ NA n. 4.

[21] Richtlinien 32.

[22] A.a.O. 32.

[23] A.a.O. 33.

[24] A.a.O. 33f.

[25] A.a.O. 34.

[26] A.a.O. 35f.

[27] A.a.O. 36-3 8.

[28] A.a.O. 38.

[29] L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Schrift, 30.0.1979, S. 4.

[30] Sekretariat der DBK (Hrsg.), Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II bei seiner Pilgerfahrt durch Polen, 2. Bis 10.6.1979, Bonn 1979, 82.

[31] In deutscher Übersetzung : Freiburger Rundbrief 25 (1973) 15-18.

[32] In deutscher Übersetzung in: Freiburger Rundbrief 23 (1971) 19-27.

[33] Hrsg. V. R. Rendtorff, Gütersloh 1979.

[34] In: FreiburgerRundbrief29 (1977) 108-111.

[35] Düsseldorf 1980.

[36] Vgl. dazu Mußner, a.a.O. 281-291.

[37] Vgl. H. Groß, Tora und Gnade im Alten Testament, in: Kairos, NF 14 (1972) 220-23 1; R.J.Z. Werblowsky, Tora als Gnade: ebd. 15 (1973) 156-163; E.L. Ehrlich, Tora im Judentum, in: Evang. Theol. 37 (1977) 536-549.

[38] Vgl. dazu N. Oswald, Grundgedanken zu einer pharisäisch-rabbinischen Theologie, in: Kairos (1963) 40-58.

[39] E. Simon, Brücken, Gesammelte Aufsätze, Heidelberg 1965, 468.

[40] Abot II. 8 b.

[41] Vat. II, NAn. 4.

[42] Catechismus Romanus ex Decreto Concilii Tridentini I, cap. V, qu. 11.

[43] Vat. II, NA n. 4.

[44] Richtlinien 33.

[45] Hirtenwort der Deutschen Bischöfe vom 23. August 1945.

[46] Aus dem Gebet für die ermordeten Juden und ihre Verfolger, das nach Weisung der Deutschen Bischofskonferenz am 11. Juni 1961 in allen katholischen Kirchen Deutschlands gebetet werden sollte; in: Freiburger Rundbrief 13 (1960/61) 3.

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