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Eine einzelne Biografie als Spiegel einer Epoche: Das Beispiel der Geschichte des Juden Paul Niedermann aus Karlsruhe

Gleichzeitig ein Beispiel für die Arbeit an Biografien in der religiösen Bildung

Prof. Dr. Reinhold Boschki


Die Erinnerung eines „ganz normalen“ jüdischen Jungen aus Karlsruhe spiegelt eine ganze Epoche. Sie mit einer Lerngruppe (in Schule oder Gemeinde) zu erarbeiten, bietet Lernchancen weit über das übliche Faktenlernen hinaus. Die Geschichte enthüllt Mechanismen, die auch heute noch wirksam sind: Ausgrenzung, Abgrenzung, Herabsetzung von Menschen anderer Herkunft, Religion oder Kultur. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist nicht nur ein Thema von damals, sondern auch der Gesellschaft von heute (siehe unten).

Dann der Rausschmiss aus der staatlichen Schule: „Niedermann aufstehen, Du bist Jude, du kannst nicht mit dem nationalsozialistischen Gruß grüßen. Nimm deine Sachen zusammen und verschwinde nach Hause und komm nicht wieder.“ (S. 31) Seine Freunde und sein Lebenskontext waren entzwei geschnitten. Die getrennten Schulen führten zur totalen sozialen Trennung. Wenige Tage nach dem 11. Geburtstag brannten die Synagogen, auch in Karlsruhe. Sein Vater wurde nach Dachau deportiert, kam geschlagen und geschunden einige Monate später zurück. In der Nacht des 22. Oktobers 1940 realisierte der Gauleiter Badens Robert Wagner seinen Traum: Dem Führer in Berlin Baden als ersten judenfreien Gau zu melden. 6504 badische Juden aus mehr als 150 Städten und Gemeinden wurden deportiert – und zwar nicht nach Osten, sondern nach Westen, über den Rhein durch das inzwischen von Deutschland besetzte Elsass und Nordfrankreich, über die Grenze hinweg ins sog. „freie“ Frankreich unter der Vichy-Regierung, die mit den Nazis kollaborierten, was sie in Bezug auf die Deportation der Juden aus Deutschland auch akribisch taten. Die Deportierten kamen in das Lager Gurs am Rande der Pyrenäen, einem früheren Auffanglager für Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs. Die hygienischen Verhältnisse, die Bedingungen unmenschlichen, Hunger und Krankheit allgegenwärtig. 1200 Menschen starben innerhalb kürzester Zeit an Krankheit und Schwäche, so auch sein Großvater. Paul war gerade 13 Jahre, er hatte früher nie Leichen gesehen, jetzt wurden die Toten jeden Morgen auf Wagen abtransportiert. Im März 1941 wurden die Familien in ein anderes Lager, Rivesaltes, bei Perpignan deportiert, wo die Haftbedingungen etwas besser waren. Doch auch dort herrschten Ungeziefer, Krankheiten und Hunger, schließlich wurden Männer und Frauen getrennt, die Familien auseinandergerissen

Im Jahr 1943 gelang es der jüdischen Untergrundorganisation OSE, Oevre de Secours aux Enfants („Kinderhilfswerk“), Kinder aus dem Lager herauszukaufen bzw. zu schmuggeln. Es kam der Abschied von den Eltern, der ein endgültiger sein sollte. In mehreren Untergrundlagern der OSE verbrachten sie einige Monate bis einige der Kinder unter 12 Jahren die Chancen bekamen, in die USA auszuwandern, darunter Arnold Niedermann, der Bruder von Paul. Paul selbst war 14 und hatte keine Chance mitzukommen. Als die Kinderheime gefährlich wurden, weil sie von den Nazis mithilfe der französischen Polizei aufgelöst und die Kinder deportiert wurden, begann eine Odyssee Pauls durch Frankreich. Eines Tages erfuhr er von einem Mitglied der ehemaligen polnischen Armee, dass er keine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seinen Eltern setzen sollte. Alle Deportierten der französischen Lager wurden in Züge verladen und über Dranci bei Paris direkt nach Auschwitz verbracht, um dort ermordet zu werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war Paul ein religiöser Jude, der täglich seine Gebete verrichtete, den Sabbat und die Gebote hielt. Über den Tag der Schreckensbotschaft schreibt er:

„Ich war damals 15 Jahre alt und konnte nicht verstehen, dass es irgendwo eine göttliche Gerechtigkeit geben solle, die es zugelassen hatte, dass man meine Eltern, die die besten Menschen waren, die ich kannte, die nie jemandem etwas zuleide getan hatten, dass man diese Menschen ermordet hatte – aus dem einfachen Grund, weil sie Juden waren.“ (S. 97)

Paul erschien nicht mehr bei den gemeinsamen Gebeten, überwarf sich mit seinen religiösen Betreuern: „Ich habe damals alles Religiöse einfach abgelegt, bewusst abgelegt, habe aber nie behauptet, dass ich recht habe und habe nie probiert, mit gläubigen Menschen darüber zu diskutieren.“ (S. 98)

Schließlich kam Paul nach Izieu, dem traurig berühmten Kinderheim in der Nähe von Lyon. Traurig deshalb, weil auch Izieu gestürmt, aufgelöst und alle Kinder und ihre Betreuer nach Auschwitz deportiert wurden – von dem berüchtigten Nazischergen Klaus Barbie, Chef der Gestapo in Lyon. An diesem Tag war Paul Niedermann nicht im Haus, er überlebte. Es gelang die Flucht in die Schweiz, nach dem Krieg ließ er sich in Paris nieder, wo er bis heute lebt. Überlebt haben aus seiner engeren Familie nur sein Bruder Arnold und seine Großmutter.

Mehr als 20 Jahre konnte er nicht über seine Erfahrungen sprechen. Er heiratete, war Fotograf und Journalist. 1987 wurde er als Zeuge zum Barbie-Prozess nach Lyon eingeladen, wo sich der 1983 in Südamerika verhaftete Klaus Barbie als Massenmörder verantworten musste. Auf Druck des Staatsanwalts erzählte Paul Niedermann erstmals seine ganze Geschichte, von der Kindheit in Karlsruhe bis zur Flucht in die Schweiz. Von da an begann er eine immer breiter angelegtere Erinnerungsarbeit als Zeitzeugen an deutschen Schulen, insbesondere in seiner früheren Heimat in Baden.

Der Stammbaum zeigt die jüdischen Schicksale der Familien Niedermann (väterlicherseits) und Heimberger / Straus (mütterlicherseits). Zu den Todesorten seiner Eltern und deren zahlreichen Geschwistern heißt es dort (S. 152f):

Auschwitz … Majdanek … unbekannt … Chelmno … Gurs … USA … Baltimore … Auschwitz … unbekannt … unbekannt … unbekannt …

Der „mikrologische Blick“ auf eine Einzelbiografie entspricht, wie der jüdische Philosoph Walter Benjamin schreibt, dessen Flucht vor den Nazis ganz in der Nähe der Lager Gurs und Rivesaltes in den Pyrenäen tragisch endete – einen Monat vor der Deportation der badischen Juden dorthin –, dieser Blick entspricht einer „messianischen Stillstellung des Geschehens“, um ein bestimmtes Lebenswerk aus dem Geschichtsverlauf „herauszusprengen“, hervorzuheben (Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte [1940], in: Gesammelte Schriften, Bd. I,2, Frankfurt 1991, 693-704, hier: These 17, 703). In einem solchen Lebenswerk, einer solchen Biografie, so schreibt er weiter, spiegelt sich eine ganze Epoche.

Solche Spiegelbilder historischer Epochen in Biografien konkreter Menschen und Familien in Erscheinung zu bringen, auch und gerade der religiösen Biografien und deren unabgegoltenen Fragen nach Gott, nach dem Sinn, nach göttlicher Gerechtigkeit angesichts von Leid und Tod, ist eine spezifische Aufgabe religiöser Bildung. Es gilt, die Biografien der Vergangenheit zu entreißen und sie zu vergegenwärtigen, d.h. in die Gegenwart zu setzen.

Dagegen bildet die „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ heutzutage ein Syndrom, das aus verschiedenen miteinander zusammenhängenden Elementen besteht wie: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Isalmfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung von Behinderten, Obdachlosen, Sinti und Roma, Asylbewerbern, Langzeitarbeitslosen sowie Formen des Sexismus. Diese Elemente sind nach wie vor beobachtbare Realität in unserem Land. Sie kann wiederum an Einzelbiografien von konkreten Menschen aus unserer Gesellschaft mit den Lernenden erarbeitet werden. Sensibilisierung für geschichtliche Ereignisse bewirkt eine Sensibilisierung für die Gegenwart.

 

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