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Einfluss und Wirkung von Nostra Aetate in Europa

Prof. Dr. Hans Hermann Henrix


Das Zweite Vatikanische Konzil der katholischen Kirche war ein Geschehen auf Weltebene, das im damals gespaltenen Europa unterschiedlich verfolgt und aufgenommen wurde. Im westlichen Teil Europa war die Aufmerksamkeit auf das Konzil öffentlich; sie beschränkte sich nicht auf das christliche Milieu, sondern ging darüber hinaus. In der Öffentlichkeit des kommunistisch beherrschten Mittel- und Osteuropas hingegen fand das Zweite Vatikanische Konzil so gut wie nicht statt. Was vom Konzil im Allgemeinen galt, hatte seine Gültigkeit auch für die Erklärung des Konzils über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra Aetate vom 28. Oktober 1965. Nur allmählich und spürbar erst mit dem Beginn des Pontifikates von Johannes Paul II. im Jahr 1978 öffneten sich die mittel- und osteuropäischen Kirchen dem Impuls des Konzils.

Das 40-jährige Jubiläum von Nostra Aetate gibt für das christlich-jüdische Verhältnis in Europa eigenen Anlass zum Erinnern, Prüfen und Behalten. Der erste Teil des folgenenden Textes erinnert daran, dass die weltkirchliche und die europäische Ebene in der Rezeption des Konzils „zusammenspielen“. Der zweite Teil fragt, wie dieses Zusammenspiel im Prozess der Umkehr und Schuldwahrnehmung konkret aussehen kann. Der dritte Teil versucht ein Stenogramm des theologisch-philosophischen Dialogs in Europa. Ein vierter Teil vergegenwärtigt praktische Fragen und Herausforderungen des Ethischen für das christlich-jüdische Verhältnis in Europa.

 

1. Papst Johannes Paul II. als „Vorläufer“ der Rezeption von Nostra Aetate

Nostra Aetate hat einen so beim Konzilsende nicht erwartbaren innerkirchlichen Reformprozess und Dialog in der Kirche Europas angestoßen. Die allen Irritationen zum Trotz gemachten Fortschritte im katholisch-jüdischen Verhältnis erhielten Beharrlichkeit und Stoßkraft erst durch die Inspiration des Pontifikats von Johannes Paul II. Der Papst hat seine besondere Haltung zum Judentum und jüdischen Volk sehr bald zur Kenntnis gegeben; er drückte sie sowohl symbolisch als auch in Ansprachen und Texten aus.

Die jüdische Religion ist für die Kirche nicht etwas „Äußerliches“, sondern gehört in gewisser Weise zum Inneren der christlichen Religion. Die Juden sind „unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“. Unter anderem darin hat Papst Johannes Paul II. sich als „Vorläufer“ in der „Lehre des Respekts“ gegenüber dem jüdischen Volk und Judentum erwiesen und war ein Vorbild für die Kirche Europas.

 

2. Der kirchliche Prozess der Reinigung des Gedächtnisses in Europa, dem Kontinent der Schoa

Johannes Paul II. hat die europäische Öffentlichkeit besonders darauf aufmerksam gemacht, dass Europa der Kontinent der Schoa ist. Der Papst war von der Notwendigkeit einer „stärkeren Bewusstheit der Schuld“ durchdrungen und erinnerte an „Denk- und Handlungsweisen …, die geradezu Formen eines Gegenzeugnisses und Skandals darstellten“. Im Prozess der „Reinigung des Gedächtnisses“ sah er eine besondere Herausforderung für die Haltung der Kirche und Christenheit gegenüber dem jüdischen Volk und Judentum.

Die päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden hat am 16. März 1998 ihr Dokument „Wir erinnern. Eine Reflexion über die Schoa“ veröffentlicht. Mit diesem Dokument war eine wichtige Markierung gesetzt.  Es gab aber auch Anlass zur theologischen Kontroverse. So unterscheidet es in seinem theologischen Teil sehr deutlich zwischen „der christlichen Welt“ und „der Kirche als solcher“. Das Versagen geschah aber nicht nur bei einzelnen Söhnen und Töchtern der Kirche, sondern auch in der Kirche als ganzer, die eben dieses Zeugnis verdunkelt hat. Das Dokument trägt diesem Sachverhalt nur höchst gewunden Rechnung, wenn es sagt: „Am Ende dieses Jahrtausends möchte die katholische Kirche ihr tiefes Bedauern über das Versagen ihrer Söhne und Töchter aller Generationen zum Ausdruck bringen. Dies ist ein Akt der Umkehr und Reue (teschuwa), da wir als Glieder der Kirche sowohl an den Sünden als auch an den Verdiensten all ihrer Kinder teilhaben“.

Zehn Jahre nach Nostra Aetate, am 22. November 1975, hatte die gemeinsame Synode der Bistümer folgendes Schuldbekenntnis formuliert: „Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in dieser Zeit des Nationalsozialismus, trotz beispielhaften Verhaltens einzelner Personen und Gruppen, aufs Ganze gesehen doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institution fixieren ließ und die zu den an Juden Judentum verübten Verbrechen geschwiegen hat. Viele sind dabei aus nackter Lebensangst schuldig geworden. Dass Christen sogar bei dieser Verfolgung mitgewirkt haben, bedrückt uns besonders schwer. Die praktische Redlichkeit unseres Erneuerungswillens hängt auch an dem Eingeständnis dieser Schuld und an der Bereitschaft, aus dieser Schuldgeschichte unseres Landes und unserer Kirche schmerzlich zu lernen… Wir sehen eine besondere Verpflichtung der deutschen Kirche innerhalb der Gesamtkirche gerade darin, auf ein neues Verhältnis der Christen zum jüdischen Volk und seiner Glaubensgeschichte hinzuwirken.“ Dieses Wort hat sich in die deutsche Kultur des Gedächtnisses der letzten Jahrzehnte nachhaltig eingeschrieben.

Nun stehen die deutschen Bischöfe mit ihrer Aussage nicht alleine da. Vielmehr gibt es eine Nähe zu mehreren Dokumenten europäischer Bischofskonferenzen, etwa Ungarns, Polens und der Niederlande. Die kräftigsten Aussagen enthält das Wort französischer Bischöfe unter dem Titel „‘Die Bischöfe Frankreichs und Judenstatut unter dem Regime von Vichy‘. Erklärung der Reue“ vom 30. September 1997 in Drancy.

 

3. Theologische Vertiefung in der europäischen Diskussion

a) Schuldwahrnehmung und Erneuerung der Theologie

Der Prozess von Schuldanerkenntnis und Umkehr in den Kirchen Europas ist ein wesentlicher Fortschritt im christlich-jüdischen Verhältnis. Er hat eine längere Inkubationszeit benötigt. Positives Ziel der theologischen Bemühungen ist es, dass alle Disziplinen der christlichen Theologie von der Dogmatik bis zur Ethik, von der Exegese bis zur Kirchengeschichte von einem Respekt gegenüber dem Judentum getragen sind. Die europäische Theologie ist eine Baustelle in diesem Sinn. Die Bemühungen der katholischen Kirche Europas haben auch auf die anderen Kirchen eingewirkt. Dadurch ist es zur indirekten Wirkungen von Nostra Aetate auf die Kirchen der Reformation gekommen. Die orthodoxen Kirchen Europas haben hingegen lange reserviert auf den jüdisch-christlichen Dialog reagiert; erst verzögert kam es hier zu Öffnungen.

Der thematische Bogen des wissenschaftlich verantworteten Dialogs im europäischen Kontext ist weit gespannt. Der Dialog ist dabei als Teil der europäischen Rezeption von Nostra Aetate nicht einfach auf Europa eng geführt. Er beteiligt jüdische und christliche Gelehrte aus den vereinigten Staaten ebenso wie aus Israel. Insofern greift der europäische Dialog immer über Europa hinaus. Europäische Dialoge von Niveau kommen nicht ohne israelische oder amerikanische Beteiligung aus. Und doch lassen sich gewisse Akzentuierungen etwa des philosophisch-theologischen Dialogs als europäische Akzente verstehen.

 

b) Die Gottesfrage als Thema des europäischen Dialogs

Wo sich der europäische Dialog im jüdisch-christlichen Kontext der Gottesfrage zuwendet, wird recht bald deutlich, dass im Zentrum des Dissenses nicht die Messiasfrage steht und auch nicht in der jüdischerseits manchmal modalistisch verstandenen Trinitätslehre. Natürlich besteht bei beiden Themen eine unüberbrückbare christlich-jüdische Trennung und Differenz. Der grundlegende Dissens jedoch ist um das christliche Thema der Menschwerdung, der Inkarnation des Wortes Gottes in Jesus Christus zentriert. Ein christliches Interesse am theologischen Dialog im engeren Sinn hat oft genug die Zurückweisung dieses Gesprächsschwerpunkts in Teilen der jüdischen Orthodoxie erfahren. Andere jüdische Stimmen haben den Freimut zum theologischen Dialog. Und so gibt es nun auch über den europäischen Kontext hinaus jüdische Stimmen, die zum Austausch über die Nähe und Differenz in der Gottesrede bis hin zum Thema der Inkarnation und im Verständnis theologischer Grundkonzepte wie Offenbarung, Versöhnung und Erlösung bereit sind.

 

c) Praktische Fragen und Herausforderungen des Ethischen im europäischen Kontext

Jüdische Männer und Frauen, die in Europa den jüdisch-christlichen Dialog führen, stellen mit großer Beharrlichkeit Fragen nach einer kirchlichen Katechese und Unterweisung ohne Judenfeindschaft und fragen nach Zeichen und Erweisen der Distanznahme zu geschichtlicher Schuld. Die realen Verhältnisse sind ihnen Testfall für die zahlreichen kirchlichen Verlautbarungen im Sinne eines neuen Denkens über das Judentum und jüdische Volk. Allerdings ist die Begegnung zwischen kirchlichen und jüdischen Gemeinden in Europa eher die Ausnahme. Die Tatsache, dass jüdische Einrichtungen und Synagogen gegen terroristische Anschläge gesichert werden müssen, erschwert ihre Öffnung für die Begegnung mit christlichen Gemeinden.

Die Bekämpfung von Antisemitismus darf nicht Sache der jüdischen Minderheit sein, sondern muss Anliegen der nichtjüdischen Mehrheit in Europa werden.

Judentum und Christentum gemeinsam ist die Überzeugung, dass sie in einer Verantwortung für die Welt stehen. Der Dialog über diese Fragen ist jedoch in Europa noch nicht energisch genug aufgenommen. Bei den besonderen Sachverwaltern des Ethischen in Europa herrscht auf jüdischer wie auf christlicher Seite im Allgemeinen eine Introvertiertheit. Die Fragen um die Begründungen des Ethischen, um die ökologische Verantwortung, die Fragen von Beginn und Ende des menschlichen Lebens werden im europäischen jüdisch-christlichen Dialog zu wenig erörtert. Dabei ist Juden und Christen der unbedingte Schutz des menschlichen Lebens bis zum Tod ein unaufgebbares gemeinsames Anliegen.

Wiederum einig sind sich Juden wie Christen darin, dass sich aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen eine Würde des Menschen ergibt, die nicht angetastet werden darf.

 

4. Schluss

Vierzig Jahre hat die Konzilserklärung Nostra Aetate eine komplexe und intensive Rezeption erfahren. Das Konzil wollte mit seiner Erklärung dem Frieden zwischen den Religionen und der Einheit der Menschheit dienen. Derjenige, der etwa im Verhältnis der Kirche und Christenheit zum Judentum und jüdischen Volk ein Verhältnis eigener Qualität sieht, verkennt nicht: Auf die Tagesordnung christlicher Theologie und Bemühung in Europa gehört auch z.B. eine Theologie des Islams und Mohammeds oder eine theologische Reflexion zur buddhistischen Welt- und Erleuchtungserfahrung oder ein intensiveres Verstehen des Reichtums der Mythen, Askese und Meditationen in den hinduistischen Religionen. Möglicherweise ist der christlich-jüdische Dialog nicht nur grundlegender Testfall für die kirchliche Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen religiösen Traditionen, sondern auch Zuarbeit zu den anderen interreligiösen Begegnungen. Es käme den Menschen, Völkern und Religionsgemeinschaften zugute – auch und gerade in Europa.

 

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